Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 9 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492308-5442837-5443507--321-4908604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XV. Nr. 9 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1. 8. 38 79 f^UICCCIlA nTCkl „ Relse:e:m^'un,i . Stuttgart, MarienstraBe 2,1. >^nlrr>lvMKlEN durch Berthold Gottlieb Äe^SSS . tonischen, der britischen und der französischen Regierung, den Herren Myron T a y - 1 o r, Lord W i n t e r t o n und Senator B e r e n g e r, sowie mit den Regierungsvertretern südamerikanischer Staaten. Dabei wurde die — inzwischen mit dem Sitz in London erfolgte — Gründung eines ständigen Aus Schusses mit einem eigenen Büro in Aussicht gestellt, dessen Leiter mit den Regierungen der Ein- und Auswanderungsländer in Verbindung zu treten haben würde, um die praktische Arbeit, die auf der Konferenz selbst nicht zu leisten war, zu sichern. Von Nord amerika wurde die Gewährleistung der voll ständigen Ausnützung der Einwanderungs quote von über 27 000 Menschen im Jahr in Aussicht gestellt. Weitere konkrete Einwanderungs-Möglichkeiten wurden mit den Regierungsvertretern von England, Frankreich und verschiedenen südamerikanischen Staa ten erörtert Von fast allen Seiten wurde dar auf hingewiesen, wie wertvoll für Einwanderung /und Einordnung I and wi r tschaftiche Berufstätigkeit sei, wobei das englische Kabinettsmitglied, Lord Winterton, die Leistungen der jüdischen Landwirte in Palästina warm anerkannte. Die gegenwärtigen Einschränkungen der Einwanderung nach Palästina seien auf die politische Lage zurückzuführen. Im Herbst, nach Vorliegen des Berichts der Ter lungskommission, werde man sich über die Aufhebung dieser Einschränkungen schlüssig machen können. Jedenfalls halte England an der Balfour-Deklaration fest. Zur Erörterung von Massensiedlungsprojekten kam es nicht Die Schwierigkeiten, die allgemein in der starken Arbeitslosigkeit in aller Welt und in dem Problem des Verhältnisses zwischen der Eingeborenen-Bevölkerung und der weißen Ein Wanderung in den Kolonien liegen, wurden nicht verhehlt. Es war aber nicht zu verkennen, daß die Aussichten, bald zu praktischen Ergebnissen zu kommen, im Laufe der Konferenz immer günstiger beurteilt wurden. Die Reichsvertretung und die Wanderungsorganisationen gewannen den Eindruck, daß sie mit dem bisherigen System der Förderung der Auswanderung und Auswanderungsvorbereitung auf dem richtigen Wege sind. Sie dürfen hoffen, daß die Tätigkeit des aus der Konferenz von Evian hervorgegangenen Ausschusses eine Intensivierung dieser Arbeit ermöglichen und zur Verstärkung und Beschleunigung des Auswanderungs-Prozesses führen wird. Lieber die Bedeutung jüd. Archivgutes Von Dr. Jacob Jacobson Leiter des Gesamtarchivs der Juden in Deutschland Neigung und Notwendigkeit haben gerade in den letzten Jahren unendlich viele veranlaßt den Ursprung ihrer Familien nachzuforschen und Verwandtschaftsverhältnisse urkundlich nachzuweisen, und täglich wächst der Kreis derer, die sich Papiere über ihre Abstammung beschaffen müssen Gebet in sorgenvollen Stunden Ans dem von J. Kauffmann-Verlag, Frankluit a. M. neu heraufgegebenen Oebet- und Erbauungibuch von Fanny Neu da .Stunden der Andacht-, daa Martha Wertheimer sprachlich aberarbeitet hat. 0, Allerbarmer, sieh auf mich, wie es mich beugt, wie geängstigt ich bin! Umsonst suche ich dagegen anzukämpfen; was ich in der einen Stunde mit Zusammenraffung alles mei nes Mutes bezwungen, faßt in der andern mich wieder pelnvoll an. Die Sorge hält mir vor, bald flüsternd, bald laut mahnend, was' Ich zu fürchten, wofür ich zu bangen habe. Vergib mir, mein Gott, wenn ich entmutigt, verwirrt, der Verzagtheit verfalle! Schwach bin ich: Ich kann nicht wie Vater Jakob, der Gotteskämpfer, den nächtlichen Geist der Prüfung, wo er sich mir entgegenstellt, besiegen! Nur wenn ich zu dir aufblicke, Vater, kommt Moh'nung in meine bekümmerte Seele O, ewige Güte, verlasse mich nicht! Mache zunichte, was ich fürchte! Halte ab, was mich bedroht! Lafi' meine Angst lasse mein Zittern sich in Freude verwandeln! Was mich chreckt sei wie der Frühlingsschnee, den die Morgensonne zum Schmelzen bringt. Mein Gott mein Hort, auf deine Hilfe will ich hoffen. O, sende sie mir! Erhalte mir meine Lebensschätze; schirme mir das Teuere, für das ich iürchte, bebe, bange! Was vermöchtest du nicht! Was wäre dir zu schwer, zu groß, zu weit! Die von Sturm und Wetter Umtosten stützt und stählt dein mächtiger Arm, die von Grabesnacht Bedrohten nimmst du auf zu Licht und Leben. Und wenn einer stürzt und sinkt und sich für verloren hält — du hörst den Notschrei, du siehst den Jammer, und dein Erbarmen eilt herbei und rettet und »trägt ihn wie auf Adlersfittichen ans sichere Land". So will ich es halten, himmlischer Vater! das gelobe ich dir und mir selber in diesem meinem heißen Wünschen, Sehnen und Flehen. Wenn ich erst befreit sein werde, wenn das Hell an meine Tür klopft dann soll es nicht nur für mich allein kommen — auch der Arme, Hannvolle neben mir soll sein Teil an meiner Freude und Erlösung haben! Amen. oder mit Hilfe solcher Papiere jahrzehntelang abgerissene Familienbeziehungen wieder anknüpfen wollen. Sie alle wissen heute, was es zu bedeuten hat, daß in jahrzehntelanger Sammelarbeit das Schriftgut so mancher alten jüdischen Gemeinde geborgen wurde, deren Existenz in unseren Tagen abgeschlossen ist oder früher schon abgeschlossen war. Sie können aber auch ermessen, wie durch die Vernachlässigung des Archivschutzes nie wieder gutzumachender Schaden angerichtet wurde, und werden deshalb begreifen, daß gerade jetzt Unterstützung des Archivschutzes die Pflicht der Stunde ist Daß die jüdischen Archive dieser Pflicht zu genügen suchen, ist selbstverständlich. Man braucht kaum besonders hervorzuheben, daß sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um rechtzeitig die Akten und Register aufzufangen, die heute in jüdischen Gemeinden Deutschlands frei werden. Antrieb für diese Bemühungen ist für das jüdische Archiv natürlich auch der Wunsch, in verstärktem Maße den Anforderungen genügen zu können, die von der täglichen Praxis gestellt werden. Jeder Archivbestand und jeder Archivzugang wird mit danach bewertet, was er an Personen- und—iamiliengcschichtlich bedeutsiirncrjf/und auswertbarem Material enthält. UntKwie vielseitig ist das Material, das in stigem Falle aus dem Archivgut jüdischer emeinden für familiengeschichtliche Naebweisungen zur Verfügung gestellt werden kann! In erster Linie sind da die sog. Personenstandsregister, jene Register, in denen die Geburten, Trauungen und Sterbefälle eingetragen sind. Dazu kommen Personenstandsaufnahmen über den genauen, mit Geburtsdaten versehenen Bestand einer Gemeinde in einem bestimmten Augenblick ihrer Entwicklung, und auf der anderen Seite Gräber Verzeichnisse,. Steuer- und Wählerlisten Schüler- und Gewerbeverzeichnisse. Musterungsrollen und Register über den Erwerb der. Synagogenplätze. Zugangs¬ und Abwanderungslisten. Akten mit Personalnotizen — sie alle werden dem willkommen sein, der den Spuren seiner Vorfahren nachgeht und Nachweisungen über Leben und Stellung seiner Eltern beizubringen hat. Dankbar wird er es begrüßen, wenn er für seine Forschungen einen festen Rückhalt dadurch gewinnt, daß er den Namen der Ahnen in Listen wiederfindet, die aus der Zeit stammen, als die Juden feste Familiennamen annahmen. Führt die Ahnenreihe aber, wie so häufig, nach der Provinz Posen, so treten an die Stelle der Namenslisten jene Akten und Listen über Naturalisation und Duldung, die im Zuge der Sondergesetzgebung für die Provinz Posen (1833 bis 1848) entstanden. Je mehr Akten und Register dieser Art an einer Stelle vereinigt sind, desto leichter wird es sein, einem großen Kreis von Menschen mit Auskunftserteilungen, Urkundenausstellungen und Urkundenbeschaffungen behilflich zu sein. Wenn also das Gesamtarchiv der Juden in Deutschland drei Jahrzehnte hindurch Akten, Familienregister und Namenslisten gesammelt hat, so sieht es heute seine Sammelarbeit dadurch belohnt, daß esWege weisen und helfen kann. Diese Sammelarbeit des Gesamtarchivs aber läßt sich nur dann erfolgreich weiter durchführen, wenn alle sie fördern, die es können und die es müßten. Man möchte kaum annehmen, daß heute noch auf Böden, in Speichern, in Truhen, in Schränken alter Gemeindestuben wichtige Gemeindeakten und Personenstandregister aus älterer Zeit urö beachtet lagern und verkommen. Es dürfte trotzdem nicht zuviel verlangt sein, wenn man anregt, daß überall, nicht nur in den kleinen Gemeinden, noch einmal alle Stellen durchstöbert würden, an denen man mög-/ licherweise altes Archivgut finden könnte, früher ist man da nicht immer mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen und hat es