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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1938-08-01 · 9 (1.8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
15 (1938)
Issue
9 (1.8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt _^ für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg VerlagTTfrl»-*«daktion: OSTERBERG & STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT Pernspr. 23828 STUTTQART-N Kasernenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzüglich Postand Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 38258 & Erscheint I Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Relchsmonatllch zweimal, am 1. und 16. I mlnlatera für Volktaufkllrung and Propaganda Bei Nichterscheinen Inf. höherer Oewilt I. , ■— - ■ ■ - - B„_,. w..t*««n beateht kein Anspruch. Nachlieferung d. "«<'• UeberwaehangdeTgtl.il« und kulturell Blatte* oder Rückgabe des Bezugsgeldes I Hilgen Juden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 1. August 1938 Nr. 9 Abschied und Heimkehr Aus einer Predigt von Rabbiner Dr. Hennann Sänger, Berlin. Vor einiger Zeit begab sich Rabbiner Dr, Hermann Sänger (Berlin) auf eine zweijährige Reise nach Australien. Er verabschiedete sich von seiner Gemeinde mit einer Predigt, die es in ihrer schlichten Warmherzig keit verdient, einem größeren jüdischen Publikum zugänglich gemacht zu werden. Dr. Sänger hat zu seiner Gemeinde Worte ge sprachen, in denen sich aufs erhebendste die Verbundenheit des geistlichen Führers mit den von ihm betreuten Menschen dokumentiert. Diese Zeit hat uns daran gewöhnt, Abschied zu nehmen. Wir nehmen fast jeden Tag Abschied von Menschen, die uns durch lange Zeit hindurch verbunden waren. Wir nehmen Abschied von einem Stil des Lebens, von den vielen kleinen Dingen, die das Dasein ausschmücken und verschönern. So vieles davon ist uns früher unentbehrlich gewesen. Der schwerste Abschied aber ist das Aufgeben von Anschauungen; auf denen ein ganzes, scheinbar unerschütterliches Weltbild ruhte Es sind heute viele unter uns, die in dieser Welt ihrer Ideale nur noch nackte Altäre besitzen. Weil die Götter der Jugend herunter gestürzt sind. Abschiednehmen kann das Herz verändern. Das weiche, glühende und hungernde Herz kann hart und kalt werden, wenn nach vielem Verzichten schließlich die mutlose Resignation kommt Wenn die Stimme der Sehn sucht in der Seele stumm wird. Uns aber ist in dieser Zeit, die eine einzige große Erprobung ist, dies Eine aufgegeben: Unsere Abschiede müssen die Herzen weiter, größer und stärker machen, damit auf ihnen die große Brücke sich aufbauen kann, die die Menschen verbindet über Erdteile und Weltmeere hinweg. Immer wieder Aufbruch und Abschied. Von jenem Abraham an, der Heimat und Vaterhaus verließ. Er wurde der Urvater eines ganzen Volkes, das die Heimat verlor und seither suchend irrt durch die Welt Dann kam das Mittelalter, jene dunkle Zeit mit den vielen drängenden, brennenden Stunden des Abschieds. Und als schließlich der Abschied nicht mehr gefordert wurde in einer Welt die die Augen des ewigen Bruders sah auch im fremden Gesicht lernten die Juden einen anderen Abschied kennen: sie wurden vertrieben aus der letzten, ewigen Heimat. Der Abschied vom Judentum fing an. Erst heute haben wir wieder gelernt, daß dieser Abschied nicht möglich ist wenn der Jude sich nicht selbst aufgeben und vernichten will. Dies ständig wechselnde Geschick konnte nur ertragen werden, weil es die große Para^ doxie jüdischen Lebens gibt, diese Wider spruchsfülle unseres Daseins. Zwar sind wir die Wandernden geworden auf der Heerstraße der Geschichte. Wir dürfen nie ruhen Wir gehen einen ewigen Weg, auf dem die Abschiede nur Stationen sind. Aber der end Dem Andenken von Theodor Herzl Ob der Staub von uns geschieden, Schwebt doch über uns sein Geist, Der aus deinem Grabesfrieden Noch die Kahn-der Pflicht uns weist. Ewig in des Volks Gedächtnis Lebt dein Werk und lebt dein Bild. Sieh, wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidschild. In der Zlonsfahne Falten Wird dereinst dein Sarg gehüllt. Was du schworst wir werden's halten, Und dein Sehnen wird erfüllt... Max Nordau lose Weg kann nur ertragen werden, wie es seit je unser Glaube war, wenn über ihm die bleibende Hoffnung endlicher Heimkehr steht. Dreifach ist die Heimkehr, die wir Juden erhoffen. Es ist die Heimkehr des Juden zu sich selbst, in das Land der Verheißung und zu seinem Gott Auch über dem Abschied, von dem ich in dieser Stunde sprechen muß, steht der Gedanke der Heimkehr. Es wäre sonst kein j ü d i s c h e r Abschied. Es sei erlaubt das Wort der Schrift zu sagen: Hinneni holech leami (Siehe, ich gehe zu meinem Volke). Ich gehe für zwei Jahre zu den Juden des fernen Weltteils, um bei ihnen das liberale Judentum zu vertreten und aufzubauen. Judentum, erlebt und geformt in einer neuen Welt und in gewandelter Zeit, ist hier in diesem Land entstanden. Hier in Berlin wurde es zuerst gepredigt von der Kanzel dieser wundervollen Synagoge, von der ich die stolze Freude und hohe Ehre halte, so oft zu den Juden Berlins zu sprechen. Ich nehme eine heilige Erbschaft mit und das schafft eine starke Verbundenheit, die auch nicht zerbrochen werden kann, wenn die Entfernung sich zwischen die Herzen legt So bleibe ich verbunden mit allen, die hier sind. Ich bleibe verbunden mit den Alten. Ich habe als Junger Mensch versucht gerade sie zu verstehen, über die die Zeit ihre Stürme gehen läßt Jetzt danke ich ihnen, daß sie zu fühlen verstanden, wie sehr ihre Nöte. Sorge und Gedanken stets in meinem Herzen lebendig waren. beste Verbundenheit bleibt auch zwischen mir und der jugend, die heute so in den Vordergrund gerückt und zugleich so besonders betroffen ist. Sie sind dadurch vielleicht die echtesten Juden. Erwählte und Enterbte zugleich. Ihnen bleibe ich nah, weil ich mit ihnen jung gewesen bin, mit ihnen im gleichen Rhythmus des Fuhlens und Erlebens stand, ich danke euch, ihr Jungen, daß ihr in mir nicht nur der. Achtung und Abstand verlangenden Lehrer /esehen habt. Ich danke euch dafür, daß ich euer Kamerad und Freund sein durfte, daß ich in manchen bedrückenden Stunden, die wir Juden durchlebten, mit euch arbeiten und reden konnte, und daß ihr mir immer dies beglückende Wissen gabt: Es sind Kämpfer da. Sie werden ihren Kampf aufnehmen und bestehen. Sie haben ihre Träume noch nicht als Narrheiten begraben. Ich habe hier lernen dürfen in der Arbeit für Juden und gemeinsam mit ihnen. Solche Zeit des Lernens hat im Judentum immer echteste Gemeinschaft begründet: die heilige Chewra der Chawerim, der Lernenden. Diese Gemeinschaft nehme ich mit mir in die Ferne, durch sie bleibe ich auch für die Zeit meiner Abwesenheit verbunden mit den , Juden in Deutschland. Fs gibt einen Abschied des Alters. Er macht überlegen, aber auch einsam. Aber es gibt auch den Abschied dessen, der die Heimkehr vor sich sieht. Sein Pulsschlag geht schneller. Aus seinen Augen leuchtet die Ungeduld, das verheißene Ziel zu erreichen. Wir Juden sind alt, abschiedsgewohnt. Aber unser Herz bleibt jung, weil es auf Heimkehr hofft. Und wenn ich jetzt nach alter Sitte die Tefillat hadderech spreche, das Gebet, das ein Jude sagt vor Antritt eines langen Weges: Jehi rozaun adaunoj elauhenu welauhej awaussenu schetaulichenu lescholaum . . . wessischlach berochoh bechol maasseh jedenu (Es möge Dein Wille sein. Ewiger unser Gott und Gott unserer Väter, daß Du uns geleitest zum Frieden . . ., und daß Du Segen sendest allem Werk unserer Hände) — so spreche Ich es nicht für mich allein. Wir alle gehen den Weg in eine dunkle Zukunft und'suchen das Glück. Wir alle beten darum, daß über den kommenden Tagen der Segen Gottes sei. Die Reichsvertretung in Evian Ein Communique über die Tätigkeit der zur Konferenz entsandten Abordnung Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Wie bereits bekanntgegeben worden ist, waren Während der Auswanderungs-Konfe-

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