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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1938-06-16 · 6 (16.6.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
15 (1938)
Issue
6 (16.6.1938)
Date
1938-06-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag and Redaktion: OSTERBERO 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGS ANSTALT Femspr. 23*88 STUTTOART-N Kasernenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuiügllch Pott- und ZuitellgebOhr Posteebeckkonto Stuttgart 36258 $ Eracheint monatlich nrelmal, am 1. und 16. Bei Nichterscheinen Inf. höherer Oewalt besteht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blattei oder Rückgabe des Bczugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten dea Reichsministen für Volksaufkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der geistig und kulturell tätigen Juden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 16. Juni 1938 Nr. 6 Wohin auswandern? Eine Großkundgebung des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland" Am 25. Mai veranstaltete der Hilfsverein im Großen Saal des Gustav-Siegle-Hauses unter dem Leitwort „Wohin auswandern?" eine Großkundgebung, zu der auch der Oberrat und das Israel. Gemeindevorsteheramt Groß-Stuttgart eingeladen hatten. Der Abend wurde durch das vom Orchester der Kunstgemeinschaft unter der Stabführung von Karl Adler klangvoll zum Vortrag gebrachte „Concerto grosso" von Dall'Abaco eingeleitet. Hierauf ergriff der Vorsitzende des Hilfsvereins-Ortsausschusses, Stadtrabbiner i. R. Dr. R i e g e r, das Wort Er ent» bot dem Ehrengast des Abends, Max M W a r b u r g, besonderen Dank und Gruß und hieß auch die anderen Redner, Dr. Max Hermann Maier (Frankfurt a. M.) und Frl. Thekla Kauffmann — beide Leiter der örtlichen Beratungsstellen des Hilfsvereins — herzlich willkommen. Max M.W a r b u r g eröffnete sein Referat mit der Feststellung, daß gerade in Stuttgart auf dem Gebiete der Auswanderung vorbildlich gearbeitet wird. Er stellte dann u. a. fest, daß von den 500000 Glaubensjuden, die Anfang 1933 in Deutschland lebten, heute be- _ reits 150 000 ausgewandert sind. Eine Um- ( Schichtung, so sagte er, hat nur dann Sinn, wenn eine wirklich gründliche Ausbildung vermittelt wird. Ist dies, wie z. B. bei Kaufleuten, schwer möglich, so ist eine wirklich gute Sprachkenntnis und eine wirkliche Erweiterung der kaufmännischen Fähigkeiten durch Vertiefung der technischen Branchekenntnisse einer Umschichtung vorzuziehen. Lim wenigstens die Ziffer der Auswanderer des letzten Jahres — ungefähr 23 000 — aufrechtzuerhalten, muß deajbjiilfsverein mit besonderer Wirkungskraft tätig sein. Durch stetige Analyse der Auswanderungsländer nimmt der Hilfsverein mittels eines weltumspannenden Korrespondentennetzes jede nur sich bietende Chance wahr. Er arbeitet mit den selbständigen ausländischen Hilfskomitees aufs engste zusammen und erfährt so die Möglichkeiten der Auswanderer in den betreffenden Ländern. Die schwere Erziehungsarbeit erfolgt durch die Reichsvertretung, mit der der Hilfsverein in Wanderungsfragen unter klarer Scheidung der Arbeitsgebiete zusammenarbeitet. Der Redner beschäftigte/ sich dann mit dem sehr schwierigen Problem der Gruppensiedlung und betonte die Verantwortung, die In jedem solchen Vorhaben liegt Der Hilfsverein betrieb vorerst nur die Einzelwanderung; er nimmt aber das größte Interesse an allen sorgfältig vorbereiteten Siedlungsplänen. Jede Einwanderung, so sagte Max M. Warburg, muß organisch erfolgen, d. h. es muß herausgefunden werden, welche Art Einwanderer ein Land braucht, und darnach müssen Ausbildung und Umschichtung erfolgen. Neuerdings sind Länder wie die Philippinen, Britisch-Guyana und vielleicht auch Kenya etwas zukunftsreicher. Die Verhältnisse verlangen gebieterisch eine immer bessere Konstruktion des Hilfsvereins, damit er seinen Aufgaben gerecht werden kann. Jeder, so schloß Max M. Warburg, kann die Bestrebungen des Hilfsvereins nicht nur durch seinen Beitritt sondern auch dadurch fördern, daß er ihm von seinen im Ausland gemachten Erfahrungen, von Auswandererbriefen usw. Kenntnis gibt Dr. Max Hermann Maier behandelte im einzelnen die gegenwärtige Auswanderungssituation. Während die europäischen Länder für eine Auswanderung nicht in Frage kommen, stehen Nordamerika, Südamerika, Australien und immer noch Südafrika im Mittelpunkt unseres Interesses. Wer nach den Vereinigten Staaten kommen kann, der soll diese Gelegenheit unbedingt nützen. Aber er soll sich nicht auf New York konzentrieren. Wenn auch anderswo der Anfang schwerer ist. so ist anderswo doch, wenn die ersten Schwierigkeiten überwunden sind, alles krisenfester. Dr. Maier erwähnte, daß Prof. Bondy vom Auswanderungslehrgut Groß- Breesen in Virginia (Nordamerika) ein Lehrgut sichern konnte, in das jetzt 35 junge Leute von Groß-Breesen übersiedeln. Bei der Darstellung der südamerikanischen Einwanderungsländer gab er von einem zusammen mit der Reichsvertretung bearbeiteten Projekt Kenntnis, im Staate Parana (Brasilien) eine jüdische Siedlung für etwa 35 Familien zu errichten. Der Redner ging später auf die Einwanderungsverhältnisse in Argentinien, Columbien, Paraquay, Südafrika, englische Kolonien usw. näher ein und stellte dann die ebenso umfassende wie schwierige Tätigkeit des Auswandererberaters im einzelnen dar. Frl. Thekla Kauffmann sprach abschließend über die Aufgaben , und Möglichkeiten der jüdischen Frau im Rahmen der Auswanderung. Sie entwarf ein packendes Bild unserer jüdischen Frauengeneratiön, von deren Begabung und hausfraulichen Tugenden im weitesten Maße der Erfolg einer Auswanderung abhängt. Die im Haushalt und pfegerisch geschulte Frau findet im Ausland vierfach leichter Arbeit als der Mann. Diese Tatsache ist am auffallendsten in Nordamerika, das besondere Möglichkeiten für Hausangestellte, Säuglings- und Krankenpflegerinnen usw. bietet. Eine Einreise in dieses Land ist auch auf Grund eines notariellen Arbeitsvertrags ^bei gleichzeitiger Vermögenserklärung des Arbeitgebers für weibliche Personen möglich. So ergibt sich überhaupt die lebenswichtige Bedeutung der Ausbildung von Mädchen im Haushalt, wie auch die Schneiderin , Modistin, Friseuse usw. immer Arbeit finden können. Die höchsten Anforderungen werden an die jüdische Mutter gestellt. Ihr Optimismus, ihre Ruhe werden zur Kraftquelle für Mann und Familie. Die uralten Werte unserer Religion In den nächsten Tagen wird der Postbote bei allen unseren Lesern in Stadt und Land vorsprechen, um die Abonnementgebühr des „Jüd. Gemeindeblatts" für das 3. Quartal 1938 (Juli, Augus^Sentember) in Höhe von RM 1.25 zu kassieren. Wik bitten hiermit dringend, den kleinen Betrag bereitzuhalten und bei Abwesenheit eine geeignete Person mit der Zahlung desselben an den Postboten zu betrauen. Wenn Sie auch in Zukunft unser Blatt regelmäßig erhalten wollen, dann müssen Sie dafür Sorge tragen, daß die obige Quartalsgebühr prompt bezahlt wird. — Wir bitten alle unsere Leser, dem „Gemeindeblatt" die Treue zu bewahren. Daß wir auf jeden Abonnenten angewiesen sind, braucht nicht besonders betont zu werden. Der Verlag. behalten durch die Jahrtausende ihre Geltung, und mit ihren Richtlinien wird die jüdische Mutter auch im neuen Land ihre Kinder erziehen und zu guten Bürgern heranbilden. Das Schlußwort des Abends sprach Max M. W a r b u r g. Der Hilfsverein, so führte er aus, muß in Ansehung der in den nächsten drei Jahren erfolgenden Hauptauswanderung seine Organisation immer mehr vergrößern und an deren Wirkungskraft arbeiten; dies insbesondere auch im Hinblick auf die Hilfsorganisationen des Auslands, die helfen, wenn auch die Juden in Deutschland ihre Pflicht tuen. Der Hilfsverein arbeitet aufs engste mit der Reichsvertretung zusammen, und deshalb sind beide Organisationen zu unterstützen. Ebensowenig dürfen die Beiträge für den Palästinaaufbau und die kulturellen Belange vermindert werden. Wenn der Hilfsverein nun große Mittel verlangt, so können es deshalb nur zusätzliche Mittel sein. Stadtrabbiner i. R. Dr. Rieger schloß die Kundgebung, die auf die Anwesenden — der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt — einen außerordentlichen Eindruck machte. Dieser Abend gab durch seine hervorragenden, mit großem vBeifall aufgenommenen Referate einen umfassenden Ueberblick über das Gebiet der. jüdischen Auswanderung und die großen Aufgaben, die der

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