Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 3 (2.5.1938)
- Date
- 1938-05-02
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 2. 5. 38 23 XV. Nr. 3 hören in de r Sprache, in der es einst gesprochen und gehört worden ist. Bialik nennt das Studium und die Kenntnis der Bibel den geistigen Maßstab des Juden. Dann verlangt Dr. Steiner die Kürzung des hebräischen Unterrichts zu Gunsten des Englischen. Es handelt sich dabei um die große Frage: sollen wir uns für eine bodenständige, solide Bildung in der jüdischen Schule entscheiden oder für eine bloß geistige Ausrüstung unserer Jugend für den unmittelbar bevorstehenden Daseinskampf. Die Entscheidung ist ja in unserer Lage nicht so ganz einfach. Sollte sich da unsere Schule nicht wirklich auf die rein praktische Arbeit, auf die Notwendigkeit unseres Daseinskampfes umstellen? Das Englische .dürfte dabei nicht allein gefordert werden, das lernen unsere Kinder erfahrungsgemäß sehr rasch im fremden Lande — es müßte die Ausbildung in Handfertigkeit ebenfalls' einen ganz breiten Raum in unserer Schule einnehmen. Aber wir wollen und können auf die Bildung, die ihren Eigenwert hat und die zur Persönlichkeitsbildung führt, nicht verzichten. Denn nicht das Mehr oder Weniger im Englischen ist entscheidend für den Daseinskampf unserer Jugend, sondern gerade die echte, wirkliche Geistes- und Herzensbildung ist das beste Rüstzeug im Lebenskampf und zugleich auch die Quelle höchsten Lebensglücks. Aber diese Bildung wächst nicht im leeren Raum. Sie wächst nur aus der Berührung mit dem Leben, in der Begegnung mit den geistigen Gütern, die unserer Jugend wesensgemäß sind. Das sind heute in der Hauptsache die jüdischen ßildungselemente. Unsere Kinder sind Juden, in ihnen ist etwas Urgegebenes, ein Stück jüdischer Seele, die Geschichte ist nicht spurlos an uns vorübergegangen. Wir können ihr nicht entgehen: .So muS* Da sein, Dir kinn«t Du nicht entfliehen, •o ugten schon SrvUen und Propheten. Und keine Macht und keine Zelt lerslflckeli Oeprlgte Form, die lebend sich entwickelt " Goethe. Die Harmonie zwischen Bildung und Leben darf nicht gestört sein; darum brauchen wir für unsere Kinder weitgehendst jüdische Bildungsgüter. In der Beschäftigung mit ihnen ist jüdische Lebenshaltung möglich. Die hebräische Sprache ist ein solches Bildungsgut, denn sie führt uns tief in jüdisches Denken und jüdisches Empfinden hinein; sie ist Erzeugnis und Ausdrucksform jüdischen Geistes. Man kann die Denkinhalte und Bewußtseinsinhalte einer Gemeinschaft nur richtig verstehen, wenn man sie in ihrer ursprünglichen Denkform aufnimmt. Die hebräische Sprache belebt die jüdischen Inhalte. Sie ist die richtige Atmosphäre, in der das Wachstum der jüdischen Seele möglich ist. Wo der junge Jude.einmal leben wird, ob in Palästina, in USA, oder sonstwo, immer muß er eine jüdische Persönlichkeit sein, die aus der Verankerung mit der jüdischen Vergangenheit und aus dem Zusammenhang mit der jüdischen Schicksalsgemeinschaft unserer Tage die Kraft gewinnt, alle Opfer auf sich zu nehmen, die sein J u d e s e i n von ihm verlangt. Es ist die Verantwortung vor der Geschichte, die uns zwingt, die hebräische Sprache in unserer Schule intensiv zu betreiben. Das Englische Ist notwendig für unsere Jugend, w i r wissen es auch; aber weit wichtiger für unsere Jugend ist es, den Lebensgrund zu besitzen, auf dem ihr Dasein beruht. Wir wollen nicht, daß unsere Jugend einst erröten muß, wenn das Schicksal sie in Situationen hineinstellt, in die uns geschichtliche Zusammenhänge brachten. Wir müssen den jungen Juden zu einer Willenslage verhelfen, die es ihnen ermöglicht, immer und überall ihr Schicksal als Juden zu meistern. Die richtige Realpolitik liegt nicht in der Richtung von Herrn Dr. Steiner, sie liegt in unserem Lehrplan; denn nicht d e r ist Realpolitiker, der nur die nächsten Zwecke sieht, sondern derjenige, der die Zukunft und das Ganze im Von jüdischem Kunstschaffen in Württemberg Zur 4. Kunstausstellung der Stuttgarter Jüd. Kunstgemeinschaft Die 4. Kunstausstellung von Werken jüdischer bildender Künstler in Württemberg machte mit einer Reihe von Werken bekannt, die für einen gediegenen Stand des Kunstschaffens in unserer engeren Gemeinschaft zeugen. Betrachtet man die Ausstellung als Ganzes, so fällt allerdings auf, daß außer Hermann Fechenbachs Bildern keine Arbeiten vertreten sind, die als Ausdruck einer spezifisch jüdischen Erlebniswelt anzusprechen sind. Diese Tatsache muß als Mangel empfunden werden, wobei wir durchaus dafür Verständnis haben, daß der Künstler nun einmal aus den Bezirken gestaltet in die er geistig und seelisch hineingeboren ist. Von hier zum „Getriebensein", zur Auseinandersetzung mit jüdischem Schicksal und jüdischer Lebensform überhaupt führt ein weiter, beschwerlicher Weg, der oft nach langer Zeit erst seinen künstlerischen Niederschlag findet Aber wir glauben, daß gerade der jüdische Künstler dieser Zeit eine wegweisende Aufgabe zu erfüllen hat, daß gerade e r besondere Möglichkeiten besitzt um Menschen, die sein volktiches Schicksal teilen, auf den Sinn dieser Wende hinzuweisen. Auge hat. Wenn er das Hebräische als überflüssigen Ballast bezeichnet, so verkennt er eben die wahren Grundlagen unseres Seins. Fr kapituliert vor den Interessen des Augenblicks und verleugnet die Ewigkeitswerte. Wohl muß die Schule mit wachen Sinnen der Zeit aufgetan sein, aber sie darf das Wesentliche, das Bleibende, die seelenbildenden Kräfte unserer Gemeinschaft nicht unbeachtet liegen lassen. Man gewinnt aus den Aeußerungen von Herrn Dr. Steiner die Ueberzeugung, daß er nicht für das Englische kämpft, denn dies ist in der Schule, welche die Kinder nur fünf Tage in der Woche festhält, gar kein Problem. Hiebei sei bemerkt, daß in unsren Schulen dem Englischen wie in den staatlichen Höheren Schulen bis zu fünf Stunden wöchentlich eingeräumt ist. Nein, sein Kampf geht gegen das Hebräische. Dieser Kampf gehört der Vergangenheit an. Er war dortmals unklug, heute ist er ein Verkennen der geschichtlichen Aufgabe unserer Zeit. Diese Aufgabe ist, den Weg zu unserem Eigenen zu suchen, damit in der stürmischen Flut der Geschichte, die über uns dahinbraust, aus unserer Eigenart neues jüdisches Leben entsteht. Und deshalb dürfen auch von unseren Kunstschaffenden aller Richtungen Bekenntnis und Aufruf gefordert werden, nachdem alle Teile unseres Volkes ihren wesensgemäßen Beitrag zur materiellen und kulturellen Entwicklung jüdischen Lebens in der Welt zu geben haben. Von diesem Beitrag kann auch der jüdische Künstler nicht entbunden werden. — * Zur Ausstellung selbst: Ignaz Kaufmann ist, das stellt man immer wieder fest, ein Maler von Rang, ein Künstler voll Geist und Gefühl. Sein „Selbstbildnis" lebt — meisterhaft sind hier die Lichter gesetzt. Auch seine Landschaftsbilder, „Vorort" z. B., machen den schwingenden Rhythmus der Atmosphäre spürbar und fordern in ihrer farbigen Geschlossenheit Bewunderung. Selbst in seiner „Italienischen Straße" ist die zwischen weißen Mauern brütende Stille noch überzeugendes mo-» torisches Element. — Meta Freu zeigt in Oel- und Wasserfarben ausschließlich italienische Landschaftsmotive. Sehr interessant ihr „Fischerdorf* mit der zarten Spiegelung der Häuser in der Bucht. Von den Aquarellen gefiel uns besonders das klare „Castello von Lerici", wo mit geschickten Aussparungen sehr starke Flächenwirkungen erzielt werden. Meta Freus Farben sind immer stark und überzeugend. — Von DinaCy mb a 1 i s t (Eßlingen), fallen die Bildnisse „Di- Well in ausivanilcrn? HiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiHiiiiiim Großkundgebung des Hilfsvereins der Juden In Deutschiend e.V. . unter dem Protektorat von Max M. Warburg, am 25. Mai 1938, abends 8.15 Uhr, in Stuttgart, Gustav Siegle*Haus. / / Einzelheiten in der nächsten Nummer des Gemeindeblattes.