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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1938-05-02 · 3 (2.5.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
15 (1938)
Issue
3 (2.5.1938)
Date
1938-05-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt . für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: Bezugspreis Erscheint Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reich s- OSTERBERQ A STERNHEIM RM. 1.13 vterteljlhrllch, xuxugllch \j monitlich zweimal, im 1. nnd 16. minister» für Volkualkllrung und Propaganda ISRAELITISCHE VERLAOSANSTALT Pos«- nnd Zustellgebühr /LA Kt^iin Lmiill "ll^rillTf Ueb«rw«enuo8 **}?"' nod Fernspr. 23328 STUTTOART-N Kiserneastr. 13 PosUcbecXkonto Stnttgsrt 38258 V Buttes oder Rückgabe des Beiugsgeldes Utlgen Jaden im deutschen Reichsgebiet, XV. Jahrgang Hebräisch oder Englisch? Eine Betrachtung des Lehrplans der jüdischen Schulen in Württemberg. Wir veröffentlichen nachstehend eine Zuschritt aus der Iaraelltiacbra Oemeinde Odpplngen zur Frage des fremdsprachlichen Unterrichts In unseren jüdischen Schulen. Der SchulausachuS des lsrsei. Oberrat», den wir um eine Erwiderung ersucht haben, nimmt anschließend iu den von Rechtsanwalt Dr. Steiner (Odpplngen) gegebenen Anregungen Stellung. Die Redaktion. Die Zahl der jüdischen Schulen in Württemberg war bis zum Jahre 1933 ständig zurückgegangen. Man hatte geglaubt, auf sie verzichten zu können — ob zu Recht oder zu Unrecht, soll nicht weiter erörtert werden. Um so stärker zeigte sich seit 1933 das Bedürfnis, allerortens jüdische Schulen zu schaffen, und mit ihrer Errichtung in einer Reihe von Gemeinden ist gute und wertvolle Arbeit geleistet worden. Zu einem der wichtigsten Fächer in dem Lehrplan dieser jüdischen Schulen erhob man den Unterricht im Hebräisqhen. Bei einem sehr großen Teil der Erziehungsberechtigten erweckte dies von allem Anfang an sehr erheblichen Widerspruch. Diese Opposition ist in der Zwischenzeit noch viel stärker geworden, und sie ist berechtigt genug, um ernstlich beachtet zu werden. — Die Persönlichkeiten, welche sich so sehr für das Hebräische einsetzen, unterstreichen gewiß nicht ganz zu Unrecht, daß die eigene Sprache ein wesentlicher Träger des ganzen Judeseins sei. Aus diesem Grunde bedürfe sie der allerstärksten Verankerung. Allerdings sind sich die Vertreter dieser Auffassung selbst nicht darüber einig, ob für die der Erlernung der Sprache dem Althebräischen oder dem Neuhebräischen der Vorzug gegeben werden soll. Einstweilen sind die Anhänger des Neuhebräischen in der Minderzahl, und so werden die Kinder im Althebräischen unterrichtet. Den Interessen des Judentums als einer R e I i g i o n s gemeinschaft wird damit durchaus Rechnung getragen. Das ist aber auch alles, denn mit Althebräisch läßt sich in Erez Israel noch nicht einmal eine Briefmarke kanfen! Aber auch hiervon soll nicht weiter die Rede sein. Vielmehr ist die Frage zu prüfen, ob die Uebersteigerung des hebräischen Unterrichts überhaupt den ihr zuerkannten Wert haben kann. Hierbei muß in erster Linie darauf abgestellt werden, daß einer ein sehr guter Jude sein kann, auch wenn seine hebräischen Kenntnisse nicht tadellos sind. Wer Rabbiner, Vorbeter oder Lehrer werden will, hat durchaus Gelegenheit, sein Wissen im Hebräischen zu vervollkommnen und auszubauen. Auch alle übrigen, die hierfür Begabung und Lust haben, mögen dies tun. Für die große Mehrzahl liegt hierin aber eine Belastung, welche nicht nur unnötig ist, sondern darüber hinaus die größten Nachteile zur Folge hat-. _ Stuttgart, den 2. Mai 1938 Durch die Vielzahl der hebräischen Unterrichtsstunden kommen zwangsläufig viele andere, bedeutend wichtigere Fächer, nur in sehr beschränktem Umfange zum Zuge. Dies gilt vor allem für das Englische, jene Sprache, welche in der ganzen Welt die Hauptrolle spielt und — was immerhin der Erwähnung bedarf — auch in Palästina eine der drei Landessprachen ist. Gerade im Hinblick darauf, daß unsere Jugend auf ihre Auswanderung vorbereitet werden muß, sollte das Englische viel intensiver betrieben werden und nicht nur, wie dies bisher leider der Fall ist, als Nebenfach auf den sehr dürftigen Flatz eines Stiefkindes verwiesen sein. Abwegig wäre nun freilich die Schlußfolgerung: gegen einen Ausbau des englischen Unterrichts ist nichts einzuwenden, aber Religion und Hebräisch dürfen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Nur auf Kosten des Hebräischen läßt sich das Englische fördern; die anderen.Fächer des Lehrdlans vertragen samt und sonders keine Abstriche; in ihnen ist die Stundenzahl — im Gegensatz zum Hebräischen — bereits auf ein Mindestmaß beschränkt, und eine Erhöhung der Gesamtstnndenzahl kann auch nicht in Frage kommen. Es wäre das Verfehlteste, wenn die Rücksichtnahme auf das Englische etwa den sehr wertvollen Handfertigkeitsunterricht oder das Turnen treffen würde, während das Hebräische als unantastbar betrachtet würde. Man wende auch nicht ein, daß den Kindern die gleichzeitige Bewältigung von drei Sprachen nebeneinander (Deutsch, Englisch und Hebräisch) nicht zumutbar sei. Unsere moderne Pädagogik ist fortgeschritten genug, um die hierdurch bedingten Schwierigkeiten zu überwinden, wenn der dazu erforderliche gute Wille mitgebracht wird. Bei aller Würdigung der ideellen Werte, welche das Hebräische umschließt, haben wir heute mehr denn je Realpolitik zu treiben. Der tatsächlichen Lage sind die Interessen anzupassen, welche die gedeihliche Zukunft des Nachwuchses erheischt. Wenn man aber rein sachlich diese Betrachtungsweise zugrunde legt, so muß das Hebräische unter allen Umständen schlecht abschneiden. Lediglich in Palästina kann die Jugend damit praktisch etwas anfangen, und auch dort nur mit Neuhebräisch. Unbestreitbar ist auch, daß nur die allerwenigsten in Palästina ihre neue Heimat finden werden; das Ziel der meisten jüdischen Auswanderer aus Württemberg sind heute die Vereinigten Staaten von Nordamerika geworden, in denen bekanntlich Englisch die Landessprache ist. Eine Verwertung des Hebräischen ist ausgeschlossen; so wird es nur zu einem überflüssigen Ballast, den man so rasch wie möglich über Bord wirft mit dem Bedauern, daß die darauf verwendete Zeit nicht nutzbringender angelegt wer- Nr. 3 den konnte. Deshalb ist es auch eine Illusion, wenn man glaubt, die jüdische „Renaissance" unserer Tage bedinge diese Massierung des Hebräischen; auch diese Erneuerungsbewegung ist an die Grenzen des Zweckmäßigen und Vernünftigen gebunden. Ein neues Schuljahr nimmt jetzt seinen Anfang. Darum ist nun der Zeitpunkt gegeben, gründlich Wandel zu schaffen. Unser aller Ziel ist es, der jüdischen Gemeinschaft zu dienen, und dabei ist es die vornehmste Pflicht, für Besucht den Jugendgottesdienst.! Ein Mahnwort an die Eltern Wißt ihr nicht alle — ihr lieben Eltern — daß wir jeden Sabbath, Nachmittag um 3 Uhr in Stuttgart Jugendgottesdienst haben? Einen Gottesdienst, der für die J u - g e n d eingerichtet, welche die ganze Woche durch die Schule in Anspruch genommen ist! Bei dem sogar Jungens das Vorlesen aus der Thora vornehmen und jede Woche ein anderer Lehrer eine Ansprache hält! Ich weiß, es ist der einzige freie Nachmittag für eure Kinder rsofern er nicht auch noch durch den Bund belegt ist — und ihr wollt "sie wenigstens diese wenigen Stunden für euch haben und euch ihnen ganz besonders widmen. Aber liebe Eltern, ihr könnt — nein ihr solltet — mitkommen; das gäbe dem Gottesdienst eine besondere Weihe und eure Kinder würden die Notwendigkeit eines solchen Gottesdienstes erkennen und schätzen lernen. Wißt ihr nicht mehr — liebe Eltern — daß eure Vorfahren nach dem Ausspruch des Simon des Gerechten handelten: „Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Thora, dem Gottesdienst und der Wohltätigkeit!" Ueberau, wo eine Gemeinde sich auftat, sorgte man in erster Linie für Einrichtung und Erhaltung eines Gottesdienstes. Diese Juden scheuten weder Mühe, noch Zeit, noch Geld. Sie kannten den Wert des Betens in Gemeinschaft. Sie hatten aber auch das innere religiöse Erfülltsein, mit dem der Beter bereits ins Gotteshaus kommt, mit dem er hintritt zum Gebet. Sollen eure Kinder die innere Ruhe, die das Gebet spendet entbehren? Genügen euch die Vorwürfe eurer Kinder: warum habt ihr uns nicht Hebräisch lernen lassen; warum habt ihr uns nichts vom Judentum gesagt, gezeigt und vorgelebt, noch nicht? „Beten ist Gemeinsamkeit!" Wollt ihr eure Kinder nicht gewöhnen an die segensreiche Wirkung des in Andacht verrichteten Gebets in der Gemeinschaft? Warum fehlen dann so oft eure Kinder beim Gottesdienst und ganz besonders beim Jugendgottesdienst? Leo Adler.

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