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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1938-03-16 · 24 (16.3.1938) · p. Seite 223

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
24 (16.3.1938)
Date
1938-03-16
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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XIV. Nr. 24_Jfldisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16. 3. 38 Darlehensabteilung des L. J. W., als Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, als Kassier und Ausschußmitglied des Jüdischen Schwesternheimes, sowie in unzähligen Fällen als persönlicher Berater leistet, das sichert ihm den Dank weitester Kreise. Wir bringen ihm daher unsere aufrichtigen Glückwünsche zum Ausdruck. Möge der Judenheit in Württemberg die bewährte Kraft des Direktor Gumbel noch recht lange erhalten bleiben! Stuttgart Eine sehr interessante Verananstaltung findet am 23. Marz statt, zu der Reichsvertretung, Oberrat und Isr. Vorsteheramt einladen: Es wird — erstmals in unserer Gemeinde — der große Filmbericht aus der Arbeit der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland" gezeigt, der den Titel trägt „Schaffender Wille — Juden werden Bauern und Handwerker". An diesem Abend werden der stellvertr. Präsident des Oberrats, Leopold Levi, und Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch von der Reichsvertretung sprechen. Die Kunstgemeinschaft wird die Veranstaltung unter der Leitung von Direktor Karl Adler musikalisch umrahmen. Der Film „Schaffender Wille" ist ein eindrucksvolles Dokument jüdischer Berufsumschichtung, der überzeugende Beweis für die umfassende Arbeit der Reichsvertretung auf allen Gebieten. Alle Gemeindemitglieder in Stadt und Land sind zu diesem Abend eingeladen. Stuttgart. Auf die kommenden Veranstaltungen des „Jüd. Lehrhauses" sei hiermit besonders hingewiesen: In der 2. Märzhälfte findet, gemeinsam mit der „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" an vier Abenden eine „Einführung in das Ver- 223 ständnis der modernen Wirtschaft" statt Dieser Kurs wird von Prof. Dr. Ernst Kantorowicz (Frankfurt a. M.) geleitet. Damit gibt das Lehrhaus Gelegenheit, ein bedeutsames Wissensgebiet, dargestellt durch einen hervorragenden Fachmann, kennenzulernen. Am 3J. März spricht Rabbiner Dr. Neuwirth (Stuttgart) über das Thema „Religion und Moral". Schließlich weisen wir noch auf den „Photokurs" hin, den das Lehrhaus jetzt einrichten will. Unsere Leser, die pbotographieren, wissen, wie sehr der Satz „Wer Photographien ha» mehr vom Leben" berechtigt ist. Wer nun das Lichtbildwesen von der Aufnahme bis zur Vergrößerung erlernen will — für Auswanderer z. B. ist dies besonders wichtig — der hat nun beste und billigste Gelegenheit dazu. Erlebnis mit allzu eifrigen Barbieren Von Ignaz Kaufmann, Stuttgart. Kunstmaler Jgiuz Kaufmann, unseren Lesern bestens beksnnt. übermittelt uns die folgende launige Skisie, die, wenn sie auch keinen Jüdischen Stoff bebandelt, In unserem Blatt Aufnahme linden aoll. — Wir wünschen Im übrigen an.Jfillch des Purlmfestes unserer Lesergemeinde den gleichen Optimismus, mit dem der Künstler auf seinem neuesten, heivorragend gemalten Selbstbildnis In die Walt schaut .... Dia Redaktion Ich zog der Sonne nach, dem Süden zu bis ans Tyrrhennisch© Meer. Die ganze Küste entlang ragen die alten Sarazenentürme über den Buchten. In Amalfi, im Golf von Neapel bin ich hängen geblieben. Auf der Piazza in Amalfi steht, weithin berühmt, die gotische Kathedrale. Achtundsechzig steinerne Stufen führen die Gläubigen hinan an das Tor aus byzanthinischem Erz. Habt Ihr schon beachtet, wie schnell ddrt unten im heißen Süden, im salzigen Meereswind die Haare wachsen? Im Handumdrehen sind sie in den Halm geschossen. Die Locken hingen mir schon tief über die Augen, als ich in Amalfi einbog. Simson mag so ausgesehen haben, damals im Zenith seines Lebens, als er der Dalila in die Hände fiel. Aber — wo Haare wachsen, da wachsen auch Barbiere. Wer in Amalfi einen Barbier sucht, wird nicht lange fragen brauchen. Sie sitzen dort dicht nebeneinander, wie Datteln in der Schachtel. Ihre Läden reihen sich um den Fuß der Kathedrale und die ganze Hauptstraße entlang, Tür an Tür. In den Adern dieser Barbiere rollt das wilde Seeräuberblut sarazenischer Ahnen. Im italienischen Süden lehnen die Barbiere vor ihren Ladentüren und grüßen die vorüberwandelnden Männer und Knaben, um sie als Kunden zu werben. Ich aber, mit meinen langen Haaren, konnte nicht weit kommen und bin gleich dem ersten Barbier unter der Schere geblieben. Ziemlich lange wollte ich in Amalfi bleiben, den ganzen Sommer lang. Daraus Ist nichts neworden! Jeden Morgen führte mich mein Spaziergang an meinem Barbier vorbei, und von Tag zu Tag wurde sein Gruß freundlicher. Freilich, er ist doch nicht blind, er sieht ja, wie meine geschnittenen Haare nachwachflm 17. März Ist Pur Im! Gedenket der Armen! sen. Im gleichen Rhythmus wie meine Haare wuchsen Länge und Freundlichkeit seines Grußes. So freut sich der Schnitter des reifenden Kornes. Ich muß sagen, mir, dem einsamen Fremdling, wärmte sein Gruß das Herz. Fot. Archiv In meinem „Albergo" erschien jeden Morgen ein junger Barbier; er stutzte dem Padrone die kohlrabenschwarzen Haare und schabte ihm den Bart Das geschah in der Morgensonne, direkt vor meiner Türe. Vergesset nicht, jung war dieser Barbier, pinienschlank und emsig wie eine Imme. Schere und Messer aus blinkendem Damaszenerstahl glitzerten wie Geschmeide. Ich sah es ganz genau, daß auch er meinen wachsenden Haaren nachstellte, weil er mir gar so fröhlich zulächelte und neckisch mit der Schere klapperte, während ich den Kaffee trank. Was ich kommen sah, geschah. Ich bin schwach geworden wie Simson und ließ mich von ihm scheren. Und siehe, die Philister kamen über mich. Daraus erwuchs die Reue, die bittere Reue. Wie sollte ich jetzt, geschorenen Hauptes, meinem ersten Barbier unter die Augen treten? Beim Morgenspaziergang mußte ich an ihm vorbei, es gab keinen anderen Weg in die Zitronenhaine. Wie sinnlos, daß ich mir eine Mütze auf den geschorenen Schädel stülpte. Die Mütze zog ich so fest über die Ohren, daß mir schwarz vor den Augen wurde. So ging, ich den schweren Gang. Der Barbier erblickte mich schon von weitem. Wie das Mutterauge die leiseste Veränderung an dem geliebten Kind entdeckt, so sah sein scharfer Sarazenenblick, daß ihm der Hagel die reifende Ernte vernichtet hatte.- Demütig grüßte ich ihn dieses Mal zuerst und wollte mit gequältem Lächeln dünn an ihm vorbeiziehen. Wie schnitt mir's ins Herze, als er sein verstörtes Gesicht wegwandte, ohne meinen Gruß zu erwidern. Kummervoll schleppte ich mich durch die Zitronenhaine und versteckte mich tagsüber in einer feuchten Tropfsteingrotte. Nachdem die Sonne untergegangen, schlich. ich heim. Ich ließ das Essen stehen und goß den Wein ins Meer. Schlaflos lag ich im Bett. Die Wellen schlugen unter meinem Fenster im monotonen Rhythmus gegen die Felsen, und ich marterte mich mit Vorwürfen. Tausend Moskitos fielen über mich her und tranken mein Bli t, denn ich war zu schwach, das Moskitonetz zuzuziehen. Düstere Tage kamen. Wir sahen scheu aneinander vorbei. Aber die Zeit heilte seine und meine Wunden. Sonne und Meereswind ließen meine Haare schnell wieder nachwachsen und ganz leise fing der betrogene -Barbier an, zu grüßen. Inzwischen hatte aber auch der junge Barbier meine wachsenden Haare mit seinem Morgengruß beehrt: Alle beide wollten die Ernte in ihre Scheune bringen. Mein Gott, welchem sollte ich das Herz brechen? Dieses Mal, nein, ich konnte zu keiner Entscheidung kommen, und meine Haare wuchsen in der warmen Salzluft wie feuchter Schilf. Ich hatte gar keine Möglichkeit, ihr Wachstum zurückzuhalten. Da trat etwas Unerwartetes ein: Sämtliche Barbiere von Amalfi fingen an. meine unaufhaltsam wachsenden Haare zu grüßen. Ratlos und in Angst griff ich nach der Flasche voll rotem Capri-Wein. Mit zitternden Händen, von der untergehenden. Sonne beleuchtet, raufte ich mein immer länger und länger werdendes Haar. Umsonst! Aus allen Läden grüßten die sarazenischen Barbiere. Ich sah keinen Ausweg. In einer windstillen, sternenfunkelnden Sommernacht packte ich meinen Rucksack. Und auf einer gemieteten Fischerbarke, mit ungeschnittenen Haaren, schaukelte ich über die blauen Wogen sanft nach Sizilien hinüber . . .

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