Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 22 (16.2.1938)
- Date
- 1938-02-16
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV. Nr. 22 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16. 2. 38 Anreger, der die Grenzen zwischen jüdischem Volksbewußtsein und weltlichem Nationalismus abgesteckt hat. So wie Buber seinen Anteil für Erez Israel Kegeben hat, so müssen wir auch unseren Anteil für Palästina geben. Wir wollen, so betonte der Redner, uns ein neues Land, eine neue Heimat erringen. Gott hat das Land schon unseren Vätern gegeben — und darum ist menschliche Pflichterfüllung an Palästina auch religiöse Pflichterfüllung. Palästina aufbauen will heißen: fromm sein! Im Namen der Zionistischen Vereinigung Stuttgart sprach Dr. Paul Tänzer. Cr führte aus, daß der Keren Hajessod die Juden zu mitverantwortlichen Trägern des Palästina-Aufbaues machen wolle, daß Erez Israel Land und Aufgabe aller Juden in der Welt sei. Deshalb hätten auch Oberrat und Gemeinde zu dieser Kundgebung miteingeladen, .ieder Förderer des Grundfonds müsse sich nach der Größe der Aufgabe richten, Zuwendungen an den Keren Hajessod seien Verpflichtungen, weil jeder einzelne für das Werk verantwortlich ist. Der Präsident des „Verbandes bayrischer Israel. Gemeinden" und Vorsitzender der Israel. Gemeinde München. Oberstlandesgerichtsrat i. R. Dr. A 1 f r. N e u m e y e r (München), erinnerte in seiner Ansprache an die Worte eines seiner Freunde, der schon vor einem Jahrzehnt ihm sagte: „Der jüdische Staat ist eine Aufgabe, die uns die Geschichte heute stellt". Und ich bin zu der Auffassung gelangt, so führte Dr. Neumeyer aus, daß Palästina unsere Aufgabe ist, unbeschadet der uns aufgetragenen ewigen sittlichen Bestimmungen. Bei einem solchen Werk von solchem historischen Ausmaß spielen Schwankungen keine Rolle. „Im Grunde kämpfen wir", so zitierte der Redner aus der Zuschrift eines palästinensischen Freunddes", für die Juden draußen. Darum schmerzt es uns, daß viele Juden in Deutschland Palästina innerlich aufgegeben haben". Wir müssen deshalb, so schloß Dr. Neumeyer, im Bewußtsein der geschichtlichen Stunde diesen Kleinmut bekämpfen und den Keren Hajessod unterstützen. Wir müssen der göttlichen Fügung mit Zuversicht vertrauen — dann werden wir treu sein uns selbst und dem Lande der Väter. Nun sprach Dr. Michael Traub (Berlin), Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees und geschäftsführender Vizepräsident des Keren Hajessod in Deutschland. Nachdem Dr. Traub erst im Leitartikel der letzten Nummer des „Gemeindeblatts" die Bedeutung des Grundfonds für unsere Gemeinschaft aufgezeigt hat, dürfen wir uns auf die Wiedergabe der Leitgedanken seines Referates beschränken. An eindrucksvollen historischen Vergleichen bewies er, wie nur durch den eisernen Glauben des jüdischen Volkes das Gesicht Palästinas geändert werden konnte. Als man im Jahre 1920 den Keren Hajessod gründete, da wollte man in den folgenden fünf Jahren 25 Millionen Pfund sammeln; aber man erreichte trotz aller Anstrengungen bis heute nur 6 Millionen. Zwischenzeitlich verlangsamte sich das Tempo der Kolonisierung, die Araber schlössen sich organisatorisch zusammen und die Chance der Balfour-Deklaration konnte nicht in ihrer Gänze genutzt werden. Jetzt liegen zwei besonders schwere Jahre hinter uns. Der Peel-Bericht zerspaltete die jüdische Welt im Hinblick auf den Gerhard Kander der sechzehnjährige Meistergeiger Zur 4. Veranstaltung der Stuttgarter Jüd. Kunstgemeinschaft. Am 31. Januar stellte sich der jugendliche Geiger Gerhard K a n d e r (Karlsruhe) im Rahmen der 4. Abonnementsveranstaltung der Kunstgemeinschaft unserer Gemeinde vor. Sein Auftreten gestaltete sich zu einem ganz außerordentlichen Erfolg. Und wenn wir auch aus vielen Kritiken wußten, daß Gerhard Kander heute sclion ein Künstler von Rang ist, so waren wir, das gestehen wir offen, doch überrascht, in ihm einen Geiger kennen zu lernen, der bei seinen sechzehn Jahren eine solche Reife der musikalischen Auffassung mit einer s o virtuosen Technik verbindet. Ueber den Werdegang Kanders können wir folgendes mitteilen: Er ist am 27. August 1921 in Mannheim geboren. Schon in frühester Jugend zeigte sich seine seltene musikalische Veranlagung, offenbar ein Erbstück beider Eltern; sein Onkel väterlicherseits ist ein berühmter Klaviervirtuose, seine Mutter ist Geigerin. Bei ihr erhielt er vom 5. Lebensjahre ab den ersten Violinunterricht. Bald hatte sich sein außergewöhnliches Talent derart ausgeprägt, daß musikalische Autoritäten darüber einig waren, Gerhard Kander müsse systematisch auf die Künstlerlaufbahn vorbereitet werden. Er verließ die Schule und erhielt jetzt einen umfassenden musikalischen Unterricht. Vom 9. Jahre ab wurde er im Violinspiel bei Prof. Peischer unterrichtet, wo er so große Fortschritte machte, daß ihn der derzeit bedeutendste Pädagoge in diesem Spezialfach, Prof. Karl Flesch, als Meisterscliüler von seinem 12. Lebensjahre an übernahm. Nach verschiedenen Hauskonzerten trat Kander im November 1935 im Jüd. Kulturbund Karlsruhe erstmals vor eine größere Oeffentlichkeit. Sein Erfolg war sensationell und hatte Engagements an die großen Kulturbundzentralen, in erster Linie auch nach Berlin, zur Folge. Zwischenzeitlich studierte er bei Prof. Adolf Busch weiter. Selten wurde ein Gast in der Kunstgemeinschaft so gefeiert wie Gerhard Kander. Da ließ ja auch schon der erste Bogenstrich aufhorchen, wie überhaupt, ganz abgesehen von der glänzenden manuellen Fertigkeit, die mit allen Schwierigkeiten spielend fertig wird, es das edle tragende Pathos des Geigentons ist, das bei Kander immer wieder in Erstaunen setzt. Dies alles paart der Künstler mit einer durchgeistigten, sachlich-ernsten und doch s o großzügig-sicheren Einheitlichkeit des Teilungsplan in Ja- und Neinsager, und das englische Weißbuch stellt jetzt das jüdische Volk auf eine schwere Warteprobe. Der Redner setzte sich dann im einzelnen mit der Politik der Mandatarmacht auseinander und forderte als Zielsetzung des jüdischen Volkes einen Judenstaat in Grenzen, die seinen Lefensforderungen Rechnung tragen, oder loyale Durchführung des Mandats. Wenn wir auch die schließliche Form unseres Staats nicht kennen, eines wissen wir: Seine Forme] muß ausgefüllt werden durch nationale Ener- 201 Fot Archiv Vortrags, das man geruhig sagen kann: hier spielt kein „Wunderknabe", deren man ja viele kannte, sondern ein begnadeter junger Mensch aus dem Bereich einer großartigen ursprünglichen Begabung. Wir erinnern nur ah das Violinkonzert in d-moll von Wieniawski, dieses schwierige, außerordentliche Anforderungen stellende Werk. Wie Kander diese, energiegeladene, in der lyrischen und dramatischen Eingebung gleich zwingende Komposition aus einem schöpferischen Guß gestaltete — das war ein Erlebnis! Ließ schon das Larghetto der den Abend einleitenden Händel-Sonate den aus eigenem gestaltenden, ganz den tragenden Gedanken des Werks hingegebenen Interpreten erkennen, so bewies doch die Wiedergabe der Wieniawski'schen Sonate überzeugend, wer Gerhard Kander ist und was er kann. Dieser Eindruck wurde durch kleine erlesene Stücke von Gluck, Mozart. Dvorak and Hubay (zum Teil bearbeitet von Fritz Kreislcr) nur verstärkt, Werke, von denen sich auch nur wieder sagen läßt, daß sie Kander meisterhaft zu Gehör brachte. In Suse Loeb (Pforzheim), in unserer Gemeinde schon bestens bekannt, hatte der Geiger eine mitgestaltende, vorbildlich sichere Begleiterin, die sich auch in zwei Stücken von Chopin (Polonaise in cis-moll und Scherzo in h-moll) als eine hervorragende Vertreterin der . Tastenkunst erwies. Immer wieder mußte sich Kander mit seiner Partnerin dem Publikum zeigen, und den Dank seiner begeisterten Hörer quittierte er bereitwillig mit einigen Zugaben. ■ ■ Wir alle gingen wahrhaft bereichert und beglückt aus diesem Abend. Bereichert um Stunden reinsten musikalischen Genusses, beglückt durch die Gewißheit, das Gerhard Kander für die Lebenskräfte unseres Volkes zeugt. Und zu dieser Tatsache beglückwünschen wir den jungen Meistergeiger und unsere Gemeinschaft. Hans Sternheim. sie und konstruktive Hilfe. Der Grundfond -nuß alle Funktionen eines Staates erfüllen, und wir suchen auf Grund unserer Ausweglosigkeit, unseres historischen Anrechtes und unserer Leistung in Palästina einen konstruktiven Ausweg. Wir müssen uns die Zukunft erarbeiten. Mit diesem Referat fand die Kundgebung, in deren Verlauf Dr. Gumbel noch über die Rexinger Gruppenauswanderung sprach und das diesbezügliche Wirken Dr. Manfred Scheuers unterstrich, ihr Ende.