Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 16 (16.11.1937)
- Date
- 1937-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERQ 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGS AN ST ALT Fernspr. 23328 STUTTOART-N Kasernenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuiflglich 1 o»l- und Zustellgebühr PostschecKkonto Stuttgart 36258 * Erscheint monjtllch zweimal, im 1. und 18. Bei Nichterscheinen int. höherer Oewalt besteht kein Atuprneb a. Nachlieferung d. BUttet oder Rückgabe des Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsmlniaters tür Volksaufkllrung nnd Propaganda betr. Ueberwachung der geistig nnd kulturell Hilgen Jaden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang Stuttgart, den 16. November 1937 Nr. 16 Notwendigkeit und Bedeutung der Kunst , In Vertretung des erkrankten Vorsitzenden der Kultur, abteilang, Dr. Emil Sander, übergab bei der Vorstehen am t ssitzu ng vom 8. November Leopold Marz das Moses- Bild des Kunstmalers Hermann Fechenbach der Israel. Gemeinde Stuttgart Er verlas dabei die nachfolgende von Dr. Emil Sander verfaßte Ansprache. Wir berichten Uber die Uebergabe des Bildea an anderer Stelle dieser Nummer nnd wünschen nach unsererseits Dr. Emil Sander eine baldige Genesung. Die Redaktion. Als im Frühjahr dieses Jahres die von der Kunstgemeinschaft veranstaltete Kunstausstellung eröffnet wurde, fand Karl Adler treffliche Worte über die Notwendigkeit und Bedeutung einer solchen Ausstellung in unserer heutigen Lage. Es war eine natürliche : Portsetzung einer solchen Anschauung, daß den Worten Taten folgten, und es gelang mit Hilfe eines stets bereiten Spenders, einige Werke aus dem Schaffen der jüdischen Künstler zu erwerben, die durch ihren malerischen Wert, durch die Lebendigkeit ihrer Farben und Formen, durch den ansprechenden Vorwurf und Inhalt geeignet waren, den Wänden unserer Schule die gewünschte Belebung, den Blicken der Schüler anregende Freude zu schenken. Es waren Werke, die in ausgezeichneter Weise den Zweck künstlerischer Arbeit erfüllen, durch Farben und Formen die Augen auf sich zu ziehen, den Geist des Beschauers ins Höhere und Weitere zu tragen und so die durch den Pinsel des Malers auf die Leinwand gebannten Vorstellungen fortwirken zu lassen, nicht allein als ein Schmuck der Wände, sondern als geistig-sinnliche Kraft. So bedeutungsvoll und wichtig diese Leistung der Kunstwerke ist, so bleibt doch eine solche Wirkung am Einzelnen verhaftet und auf diesen beschränkt, solange nämlich der Inhalt des Kunstwerkes sich nicht an die Allgemeinheit wendet, solange nicht Gemein Schaftserlebnisse in künstlerischer Form dar geboten werden. Es ist aber von der größten Bedeutung, daß sich beides zusammen vorfindet, um höchste Wirkungen durch die Kunst zu erreichen. Denn weder der reinkünstlerische Hochstand eines Werkes kann bei wenig bedeutendem Inhalt die höchste Wirkung der Kunst auf die Dauer erreichen; noch weniger freilich ist dies möglich, wenn die künstlerische Fähigkeit mangelt, die in den Tiefen der Menschenseele ruhenden Gewalten mit Kunstmitteln zu verlebendigen. Für dieses Versagen eines höchsten Wollens bei ungenügendem Können sind die Beispiele verunglückter Versuche auf allen Gebieten der künstlerischen Betätigung nur allzu reichlich zu finden. In unserem jüdischen Kreise, wo der Boden einer auf eigenen Gemeinschaftserlebnissen ruhenden Kunst schwankend und umstritten ist, muß es als ein besonderer Glücksfall Gemilde von Hermann Fechenbach Moses Fot. Margarete Fechenbach betrachtet werden, wenn Kunstwerke geschaffen werden, die diese beiden Forderungen, der Form und des Inhalts, zu erfüllen scheinen. Wir erinnern uns der tiefgehenden Freude, die im vergangenen Jahre die Aufführung von „Balak und Bilam" hervorbrachte. Das Gefühl eines aus Eigenem gewachsenen, nach eigenen Gesetzen gestalteten und geformten Kunstwerkes übertönte noch den berechtigten Stolz darüber, daß mit eigenen Kräften den Ansprüchen der Verwirklichung genügt werden konnte. Und ein gleiches Gefühl ergriff uns, als in der Ausstellung ein Werk besonderer Art zu uns sprach, das durch das Bedeutende seines Vorwurfes ebenso wie durch die Kraft seiner Darstellung Anspruch machte, nicht nur Schmuck eines Raumes zu sein, sondern Ausdruck eines uns allen innewohnenden gemeinsamen Gefühles. Daß dieses Werk, das hier bei Stuttgart in der Stille eines ländlichen Lebens geschaffen wurde, uns erhalten bleiben, und daß es als repräsentatives Werk seiner Art nicht in den Besitz eines Einzelnen übergehen sollte, sondern in den der Allgemeinheit, d. h. der Gemeinde, stellte sich als Wunsch und Hoffnung sofort beim Schauen des Bildes bei manchem ein, und es gelang, mit Hilfe einiger Stifter diesen Wunsch zu verwirklichen. Wenn die Bibel mit urtümlichen Worten den dramatischen Vorgang berichtet, wie Moscheh, mit erhobenen Händen, gestützt auf Aron und Hur, dem Heere die Kraft verleiht, die es braucht, um in dem einen ganzen Tag währenden Kampfe zu siegen, so hat der Maler durch die Art seiner Darstellung jenem einmaligen geschichtlichen Vorgange das Gleichnishafte zu erhalten gewußt. _Den~ Auftrag, den Moscheh von Gott empfangen hatte, das Volk in das ihm gelobte Land zu führen, konnte auch der gottberufene Führer nur vollbringen, wenn ihm die Kraft der Jugend und das Vertrauen des Alters stützend zur Seite standen. Mit geschlossenen Augen, mit im Brausen des Windes und der göttlichen Umflammung fliegenden Haaren hält Moscheh seine Hände hoch. Er fühlt die Verbindung mit den Männern seines Volkes, die ihn stark macht und ihm die Ausdauer verleiht, die zur Erfüllung seines Auftrages nötig ist. So stellt sich dieses Bild unseren1 Augen dar, eindringlich, mahnend, Vertrauen fordernd und spendend, zur Zusammenarbeit aufrufend. Möge das Bild, das ich hiemit im Auftrag der Spender dem Vorsitzenden der