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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-11-01 · 15 (1.11.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
15 (1.11.1937)
Date
1937-11-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VER LAOSANSTALT Fe rn.pr. 23328 STUTTOART-N Kasernenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljahrlich. inniglich Pottand Zustellgebühr PottMbeckkonte Stuttgart 362S8 *> Erachelnt monatlich iwelmal, am 1. und 18. Bei Nlchtenchelnen Int. höherer Oewalt beiteht kein Ansprach a. Nachlieferung d. Blattet oder Rückgabe des Beiugegeldea Angemeldet beim Sonderbeauftragten dea Relchjmlniatera für Volktanlkllrang and Propaganda betr. Ueberwachnng der geistig und kulturell Utlgen Jaden Im deutschen Reichsgebiet XIV. Jahrgang Stuttgart, den 1. November 1937 Nr. 15 Typische Fehler unserer Auswanderer Aus dem neuesten Korrespondenzblatt des „Hilfsvereins der Juden In Deutschland". 1. Eine der verhängnisvollsten Schwächen unserer Auswanderer ist ihre Abneigung, sich von den größten Städten loszumachen und in die kleineren Städte oder gar aufs Land zu gehen. Gewiß handelt es sich hier um eine Einstellung, die aus der soziologischen Struktur und bisherigen Lebensweise der Juden in Deutschland leicht verständlich wird — um so notwendiger aber ist die bewußte willensmäßige Korrektur dieser natürlichen Neigung. Gerade weil die Berufsumschichtung für viele Tausende unserer Auswanderer aus Gründen des Alters, der körperlichen Eignung usw. nicht mehr in Frage kommt, ist eine bessere räumliche Verteilung der Einwanderer bei dem Ueberwiegen kaufmännischer und intellektueller Berufe doppelt notwendig. Trotzdem ist es eine in fast sämtlichen Einwanderungsländern immer wieder beobachtete Erscheinung, daß die Mehrzahl der aus Deutschland eingewanderten Juden sich in den größten Städten zusammenballt — in Johannesburg und Kapstadt, in Buenos Aires, in Rio de Janeiro und Sao Paulo und vor allem natürlich in New York — und schwer zu bewegen ist, auch nur in andere Großstädte, geschweige denn in kleine Städte oder Dörfer abzuwandern, selbst wenn dort die Erwerbsmöglichkeiten wesentlich besser sind. Die Folgen dieses Verhaltens für die jüdische Gesamtheit sind ernst. Denn durch das Zusammenströmen vieler Hunderte oder Tausende unserer Menschen an einem Ort ergibt sich meist die Unmöglichkeit, sie mit Hilfe der dort bestehenden jüdischen Gemeinden und Komitees alle unterzubringen — selbst wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes bzw. der Hauptstadt noch so gut sind. Hierdurch werden die meist ohnehin allzu knappen Mittel der Komitees bis zum Aeußersten angespannt, während gleichzeitig auch die seelische Hilfsbereitschaft der einheimischen Juden durch das ihnen unverständliche Verhalten der Eingewanderten ungünstig beeinflußt wird. Vor allem aber drückt die verschärfte Konkurrrenz der Eingewanderten untereinander die Löhne in den Berufen, denen sie meist angehören, wesentlich herab, und alle diese Verhältnisse tragen zusammen dazu bei, daß sich auch die Stimmung der einheimischen Bevölkerung und der Regierung gegen die jüdische Einwanderung verschlechtert. Aus diesen Gründen muß von unseren Auswanderern nachdrücklich gefordert werden, daß sie sich innerlich bereit machen, auch in mittleren oder kleineren Ortschaften zu leben und. statt die größten Gemeinden womöglich noch mehr zu überlaufen, neue Gemeinden gründen oder kleineren durch ihre Tatkraft einen neuen Auf schwung zu geben. Unsere Menschen müssen sich vor Augen halten, daß auch viele der heute blühendsten jüdischen Gemeinden in Uebersee von einigen wenigen Pioniernaturen gegründet worden sind, die vor Jahrzehnten, und oft unter sehr viel schwierigeren Verhältnissen als den heutigen, den Mut hatten, sich von der großen Masse loszureißen, voranzugehen und anderen neue Wege zu bahnen. 2. Mit, der geschilderten Neigung unserer Auswanderer, dorthin zu gehen, wo schon möglichst viele Juden aus Deutschland leben, und sich in ihrem Kreis aufzuhalten, steht ein anderer Kardinalfehler unserer Menschen im Zusammenhang: ihre mangelnde Energie bei der Erlernung der Landessprache. Freilich zeigt sich dieser Fehler auch schon in hohem Maße bei der Vorbereitung der Auswandc rung in Deutschland selbst Viele Tausende unserer Menschen, denen innerlich längst klar ist, daß sie über kurz oder lang auswandern müssen, ja die oft auch schon alle notwendigen wirtschaftlichen Vorbereitungen getroffen haben, halten die Erlernung der künftigen Landessprache für eine „spätere Sorge' Viele verlassen sich darauf, daß man Sprachen ja eigentlich doch erst im Lande selbst richtig lerne, und fangen deshalb in Deutschland erst gar nicht damit an — ein verhängnisvoller Irrtum, da es jeden Einwanderer wohl ausnahmslos schwere wirtschaftliche Opfer kostet, wenn er ohne Kenntnis der Umgangssprache im neuen Lande ankommt. Daß insbesondere bei kaufmännischen und intellektuellen Berufen die Beherrschung der Sprache die grundlegende Vorbedingung für fast jede Art von Erwerbstätigkeit bildet, liegt auf der Hand. Aber selbst bei bäuerlichen oder handwerklichen Berufen bedeutet die Unkenntnis der Landessprache ein schweres Hemmnis, eine sichere Beeinträchtigung der Verdienstmöglichkeiten. Und vom rein Wirtschaftlichen abgesehen, ist die Vertrautheit mit der Landessprache die Voraussetzung für jeden näheren gesellschaftlichen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Wer die Sprache des Landes nicht lernt, verurteilt sich selbst dazu, mit seinen Schicksalsgenossen in einem Ghetto zu leben — abgeschlossen von dem pulsierenden Leben um ihn. Auch in der Sprachenfrage deckt sich das wohlverstandene Interesse des Einzelnen mit dem der jüdischen Gesamtheit und dem des Einwanderungslandes. Die Anwesenheit von Tausenden von Fremden, die sich der Landessprache gar nicht oder nur dürftig bedienen können, schafft überall Animosität gegen diese — eine Stimmung, die sich in dem Maße verschärft, in dem sich die Einwande- Das neue Heft des Hillsvereins über jüdische Huswanderung Das vor kurzem erschienene neue Korrespondenzblatt des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland" über Auswanderungs- und Siedlungswesen behandelt die Länder Australien, Neuseeland, Mexiko, Kenya und Süd- Rhodesien. Der allgemeine Teil des beinahe 100 Seiten starken Heftes beschäftigt sich mit den typischen Fehlern unserer Auswanderer und gibt wertvolle Hinweise bezüglich des Klimafrage, der Haushaltführung sowie der häuslichen Hygiene in den Tropen. Wie schon im vorangegangenen Südamerika-Heft werden die oben angeführten Länder mit außerordentlicher Sachkenntnis und Gewissenhaftigkeit behandelt. In systematischer Gliederung werden jeweils die Einwanderungsbedingungen, Land und Leute, die Wirtschaft, die Fragen der Lebenshaltung, Gesellschaft. Kultur, jüdisches Leben usw. aufgezeigt und durch viele aufschlußreiche Briefe von Einwanderern ergänzt. Das Heft enthält weiter die Einwanderungsbestimmungen der Vereinigten Staaten von Amerika, das Südafrikanische Einwanderungsgesetz von 1937 sowie einen wichtigen Südamerikanachtrag mit den Veränderungen in den Einwanderungsvorschriften seit Erscheinen des-schon erwähnten Südamerikaheftes. In einem Anhang findet der Leser eine umfangreiche Liste von Büchern zum Sprachstudium sowie Literaturangaben über die Lebensführung in den Tropen. Schon diese kurze Inhaltsangabe zeugt für die außerordentliche Fülle des vom Hilfsverein behandelten Stoffes. Das neue Korrespondenzblatt ist wieder ein Beweis für die Sorgfalt, mit der die zentrale Auswanderer-Beratungsstelle der Juden in Deutschland ihre verantwortungsvollen Funktionen erfüllt. Alle gemachten Angaben sind aus weitgespannter Praxis gewonnen und können nicht eindringlich genug der Beachtung empfohlen werden. Das Heft ist bei der Zweigstelle Stuttgart des Hilfsvereins, Gartenstraße 15 I., zum Preis von RM 1.50 erhältlich. rer an bestimmten Orten und in bestimmten Berufen konzentrieren. Daß die einheimischen Juden — die in fast allen Ländern den Ankömmlingen aus Deutschland unter großen eigenen Opfern helfen — eine derartige Entwicklung oft mit größter Sorge betrachten, ist ohne weiteres verständlich. Aus alledem ergibt sich für den Auswanderer die Notwendigkeit, rechtzeitig, d. h. möglichst lange vor der tatsächlichen Uebersiedlung, mit der Erlernung der. künftigen Landessprache Ernst zu machen. Niemand soll sich einbilden, er sei besonders begabt und brauche nicht tüchtig zu arbeiten. Wer

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