Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-10-16 · 14 (16.10.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
14 (16.10.1937)
Date
1937-10-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492308-5442833-5443469--116-4908417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERQ 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAOSANSTALT Fem.pr. 33828 STUTTOART-N Kaaeruen.tr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzüglich Poet- und Zustellgebühr Postscheckkonto Stattgart 30358 $1 Erscheint monatlich zweimal, am 1. and 16. Bei Nichterscheinen Inf. höherer Oewalt besteht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blatte* oder Rückgabe des Bezugsgeldei Angemeldet beim Sonderbeauftragten dea Reichsministers Iflr Volkaaufkllrung and Propaganda betr. Ueberwachung der geistig and kulturell tätigen Jaden Im deutschen Reichsgebiet XIV. Jahrgang Stuttgart, den 16. Oktober 1937 Nr. 14 Jüdische Pioniere in argentinischen Kolonien Aus einem Monatsbericht der Kolonisten von Avlgdor. Die Jewish Colonizitlon Association (JCA) hat in der argentinischen Kolonie Avlgdor eine Anzahl von Familien ans Deutschland angesiedelt, die seit einiger Zelt Monatsberichte unter dem Titel .Der Pionier von Avlgdor' ausgeben. In einem dieser Hefte wird der Werdegang der Kolonie bis in unsere Zelt dargelegt. Wir veröffentlichen aus diesem Aufsatz einige Abschnitte. Die Besiedlung der Kolonie Avigdor begann am 12. Januar 1936 mit dem Eintreffen der ersten Siedlerfamilien. Diese waren wirklich Pioniere, die in der ersten Zeit viel Schweres durchgemacht haben, aber dafür hatten sie den Aufbau der Kolonie von der tiefsten Primitivität aus miterlebt und den Nachfolgenden den Weg erleichtert. Das Geschick schien ihnen von Anbeginn widrig zu sein. Schwere Stürme auf der Ueberfahrt, der Anblick von Heuschrecken unterwegs, die die Saaten vernichteten und den Zug am Weiterfahren verhinderten, große Regengüsse, die die Wege unpassierbar machten und die Siedler zwei Tage in Bovr i 1, der Aussteigestation, festhielten, die glühende Sonne und die aufgeweichten Wege auf der Wagenfahrt von Bovril in die Kolonie, daß man statt drei Stunden, acht Stunden brauchte, waren keine gute Vorbedeutung für die Siedler. Ein Lichtblick auf dieser sonst so trostlosen Reise war der äußerst herzliche Empfang seitens der jüdischen Bewohner von Crespo. Am späten Nachmittag kamen die Siedler auf ihrem Land an. Die Stimmung der Kolonisten hatte den Tiefpunkt erreicht. Dazu trug noch bei: Der anhaltende Regen, der bald darauf einsetzte, die Schwierigkeit in der Heranschaffung von Lebensmitteln, die wilde Umgebung, das dauernde Anschwellen der Bäche, das die Gruppen der Siedler trennte. Was hat dem Siedler damals über seine Lage hinweggeholfen? Daß man durch die Arbeit vollkommen abgelenkt wurde, und daß die Jewish Colonization Association durch ihre Beamten immer wieder helfend einsprang, wo Schwierigkeiten auftauchten. Diese beiden Faktoren, die erfahrene Leitung der JCA. und die Arbeit der Kolonisten bildeten den Grundstock der weiteren Entwicklung der Kolonie. Alles war hier so anders, als man es gewöhnt war, und sogar der erfahrenste Landwirt mußte sich hier vollkommen umstellen. Ein richtiges Pionierleben begann. Jeder Kolonist fand ein Haus im Rohbau vor, Bettstellen, Stühle, Tisch, einen Schrank und einen Miniaturofen. Lebensmittel für einige Tage lagen auf dem Tisch. Ein jeder fand sich gut und schlecht zurecht. Man half sich gegenseitig mit Geschirr und Töpfen aus, bis das große Gepäck ankam. Man zimmerte aus den Kisten die fehlenden Einrichtungsgegenstände. Instruktoren standen von Anfang an den Siedlern zur Seite. Sie halfen Gärten anlegen, Zäune ziehen, den Hühnerstall aufbauen, Kühe melken, Pferde einspannen und ackern. Das Roden und Aufbauen des Hühnerstalles kostete manche Schwielen. Das ungewohnte Klima rief bei fast jedem Siedler Klimakrankheiten hervor. (Ausschläge, Magenverstimmungen.) Wieviele ungeahnte Schwierigkeiten mußten noch überwunden werden. Wieviele Tränen flössen bei den Frauen, als die ersten Brote in den Backöfen nicht gerieten, oder wenn man bei Regenwetter kein Feuer bekam, denn die kleinen Oefen genügten nicht für die große Familie, und man mußte im Freien auf Ziegelsteinen mit Holz kochen. Wie oft traten die Männer vom Pfluge, wenn der Pflug eine verborgene Baumwurzel anfuhr. Die Verzweiflung war unbeschreiblich, wenn früh weder Pferde noch Kühe auf der Weide zu finden waren. Vom Pferde fallen gehörte zur Tagesordnung. Noch war es nicht möglich, Einkäufe zu besorgen, denn die Genossenschaft wurde erst später gegründet. Und wie hat sich dieses Bild schon in zwei Monaten geändert. Eine Genossenschaft wurde gegründet und gab schon die Möglichkeiten, Einkäufe zu besorgen; der Krankendienst stand zur ständigen Verfügung der Kolonisten, die Post wurde regelmäßig zugestellt, dadurch daß die Jugend abwechselnd in streng geregeltem Turnus bei jedem Wetter die zwanzig Kilometer zur Station ritt. Primitive Brücken waren gebaut, Zufahrtswege zu den Häusern waren angelegt worden, die Gärten gaben schon Ertrag, der angebaute Hafer war angegangen. Die von der JCA. übergebenen Hühner legten schon Eier, die Kühe gaben mehr Milch, es konnte damit schon ein Teil des Haushaltes gedeckt werden. Das selbstgebackene, wohlgelungene Brot mundete den Männern jetzt vorzüglich. Dazu die selbstgemachte Butter und die ersten geernteten Radieschen gaben dem sonst sehr einseitigen Essen mehr Abwechslung. Die kleinen Kinder ritten schon mit den eingeborenen Creollos um die Wette, und die Hoffnung war in die Herzen der Kolonisten eingezogen. Das Werk des Barons Hirsch, in so vortrefflicher Weise interpretiert und durchgeführt durch die gegenwärtige Leitung der JCA., hatte in dieser, seiner jüngsten Kolonie, Wurzel gefaßt. Um diese Zeit fiel das Purimfest. Koloni-, stentöchter und -Söhne hatten ein Fest organisiert, zu dem von weit und breit Gäste kamen, und bis tief in die Nacht hinein wurde mit Darbietungen aller Art, mit Gesang und Tanz mitten im Wald und unter freiem Himmel dieses erste Fest der Kolonie gefeiert. Der schwierige Anfang war überwunden. Auch innerlich wußten sich die neuen Siedler auszugleichen, und alle Konflikte, die nach der körperlichen Umstellung auf psychischem Gebiete zum Ausdruck kamen, zu beseitigen. Die Entwicklung der Kolonie ging nun in fast ununterbrochener, aufsteigender Linie fort. Programmäßig wurden alle landwirtschaftlichen Arbeiten erfüllt. Der Anbau von Weizen, Lein, Hafer, Rizinus und Maisr die Anpflanzung von Obst- und Schattenbäumen und die Ernte der Feldfrüchte. Freudige und traurige Ereignisse wechselten miteinander ab. Zwei treue Gefährten der Arbeit wurden schon im ersten Jahre durch den Tod entrissen. Mit großer Freude wurden die Geburten zweier kleiner Weltbürgerinnen von allen Siedlern begrüßt, und die ganze Kolonie freut sich zusammen mit den Eltern an ihrem guten Gedeihen. Das Simchas-Thora-Fest vereinigte die ganze Kolonie zu einem frohen Tag. ~ Auch die Jugend hatte sich zu Sportsektionen vereinigt, betrieb Gymnastik, Fußball und Gesang. Ein Markstein in der Entwicklung der Kolonie war die Eröffnung der Rahmfabrik, denn nun wurde der Viehbestand auf 20 Kühe erhöht, der Milchertrag deckte schon fast vollständig den Barbedarf der Kolonie. Inzwischen waren auch neue Gebäude entstanden: Schulgebäude, Polizeistation, die Administration und das Krankenhaus sind fast fertiggestellt. Die Genossenschaft hatte die unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten überwunden. Auch die Heuschrecken, die am Anfange so gefürchtet worden waren, hatten der Kolonie nur geringen Schaden zufügen können. Zur rechten Zeit waren die Bleche zur Verteidigung da, jeder Kolonist arbeitete aufopfernd an der Zerstörung der jungen Brut, die im eigenen Feld aus dort abgelegten Eiern der Heuschrecken ausgekrochen war, und als der große Ansturm von außerhalb kam, da wurde dieser durch lange Linien von Fangblechen, durch Flammenwerfer und durch das Einsetzen der Schüler der landwirtschaftlichen Schule, die die ICA. inzwischen gegründet hatte, an den Grenzen der Kolonie vernichtet. Und wie steht die Kolonie heute da? Die Zahl der 19 ersten Familien (110 Seelen) ist auf 26 Familien gestiegen (136 See-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.