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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-10-01 · 13 (1.10.1937) · p. Seite 109

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
13 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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XIV. Nr. 13 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1. 10. 37 109 nannte es Benjamin, Glückskind. Wenn Rachels klagendes Weh das letzte Wort der Mutterschaft wäre, müßten wir jeder Schmerzenskind heißen! Doch die Mütterlichkeit geht übers Grab hinaus, und die Stamm-Mütter Sara, Rebekka, Rachel und Lea sind unsere Fürbitterinnen. Wie der Zug nach Aegypten in Knechtschaft und Elend, so erscheint manchmal das ganze Leben unseres Volkes in das bange, nahe, atembeklemmende Urbild der Muttertind-Kindschaft eingefangen, an dessen Anfängen die lachende Sara, die sorgende und vor Liebe listige Rebekka, die sterbend klagende Rachel und die demütig stumme Lea wachen. i Leo Hirsch. Krankenbesuche Zu den heiligsten Verpflichtungen, weiche die Thora uns auferlegt, zählen: Krankenpflege und Toten-Ehrung. Aller Orten, wo jüdische Gemeinschaft herrscht, haben sich Vereine zur Erfüllung dieser Aufgabe gebildet; allen voran ist es die Chcwra Kadischa, der heilige Verein, dessen Mitglieder sich zu diesen Liebesdiensten zur Verfügung stellen. Ein gewichtiger Teil der zur Krankenbetreuung gehörenden Aufgaben sind Krankenbesuche. Darzulegen, was die Thora, was unsere Weisen und Gelehrten zu dem Thema Krankenbesuch sagen, überlassen wir berufeneren Persönlichkeiten. Ueber die Einstellung der Seelsorge am Krankenbett mögen unsere Rabbiner sich äußern, wir wollen nur einige aus Erfahrung und Beobachtung sich ergebende Bemerkungen uns gestatten. Kranke zu besuchen erscheint an und für sich als eine so einfache Sache und bietet doch, wenn man es genau betrachtet, für viele Menschen ungeahnte Schwierigkeiten. Die luden Württembergs im Weltkrieg Wir veröffentlichen nachfolgend den Schluß dm ia letzter Nummer begonnenen Artikel« über den Anteil der wftrttembergiechen Jaden am Weltkrieg, entnommen dem letzten Werk von Bezirkerabbiner Dr. T laxer (Göppingen) sei. Ang. i „Die Geschichte der Jaden ia Württemberg*'. Die Gesamtzahl der jüdischen Kriegsteilnehmer aus Württemberg gibt Segall mit 2132 an, was bei den damaligen 12 053 jüdischen Einwohnern einem Prozentsatz von 17,69 entspricht. Eine mit höchster Sorgfalt veranstaltete, mit Angaben von Namen, Wohnort, Truppenteil usw. ausgestattete Zählung („J fidische Frontsoldaten aus Württemberg und Hohenzollern", 1926 herausgegeben vom württembergischen Landesverband des Centraivereins) gibt authentischen Aufschluß über die Zahl usw. der jüdischen Frontsoldaten aus Württemberg. Nach dieser befanden sich unter den 10413 jüdischen Reichsdeutschen in Württemberg 1610 Frontsoldaten 15,4%. Von diesen waren gefallen..... 263 16,33% der Frontsoldaten verwundet . . . . 509 31,61% der Frontsoldaten befördert .... 568 35,27% der Frontsoldaten einmal ausgezeichnet . 467 29% der Frontsoldaten mehrmals ausgez. 573 35,59% der Frontsoldaten Keine unüberwindlichen, aber sie können nur behoben werden, wenn der Besucher guten Willens ist, und nicht gedankenlos glaubt, seine Verpflichtung damit erfüllt zu haben, daß er den Kranken besucht hat. Nicht auf den Besuch an und für sich kommt es an, sondern ob er seinen Zweck erfüllt hat. Zweck des Besuches aber ist, den Kranken zu erfreuen, ihn seine Schmerzen vergessen zu machen, ihm Trost und Aufrichtung Ins Krankenzimmer zu bringen. Von dem vielen, was sich hierzu sagen ließe, wollen wir nur einiges wenige herausgreifen. Wie oft kann man Ohrenzeuge folgenden Gesprächs sein: „Haben Sie schon gehört, Herr X ist erkrankt?" „Ja, ich habe mir vorgenommen, ihn "zu besuchen." „Das muß ich wahrhaftig auch, wann Rehen Sie zu ihm? Vielleicht können wir zusammen gehen13" „Ich bin gerne bereit.Wann paßt es Ihnen, vielleicht morgen um 11 Uhr?" „Recht, ich hole Sie ab." Nein, mein Herr, möchte ich mich da einmischen, Sie holen Herrn X nicht ab, er geht allein, und Sie gehen allein. Warum wollen Sie denn den Kranken besuchen? Um ihm die Zeit zu vertreiben, oder um sich selbst zu unterhalten? Denn das ist das,traurige Ergebnis solcher gemeinsamen Krankenbesuche, daß die Besucher meist ein sie interessierendes, dem Kranken ganz gleichgültiges Gespräch führen, sich also selbst gut unterhalten, während der Kranke seine Schmerzen unterdrückt, sich vielleicht, um seinen Besuch in der Unterhaltung nicht zu stören, stillschweigend Entbehrungen auferlegt, und nur den einen Wunsch hat. baldige Entfernung des Besuches. Wäre jedoch jeder der Herren für sich allein gekommen, wie hätte sich der Kranke zweimal gefreut, anstatt sich einmal opfern zu müssen. Der gleichen Ouelle sind noch folgende statistische Ergebnisse zu entnehmen: Unter den 1610 jüdischen r>t»ontsoldaten aus Württemberg waren: zu Offizieren befördert worden 105 6,52% u. z. zu Leutnants 98, von denen 24 gefallen sind, zu Oberleutnants 7, von denen 1 gefallen ist. Ferner waren Kriegsfreiwillige 206 12,97 Prozent, Flieger 17, von denen 4 fielen, Aerzte 44 und Zahnärzte 6. Auch an den schweren materiellen Opfern, welche die Kriegszeit der Heimat auferlegte, nahmen die württembergischen Juden vollen Anteil. Jeder Aufforderung zur Abgabe von Gold und Metallen aller Art wurde in möglichster Weise entsprochen; einzelne Gemeinden, z. B. Crailsheim, gaben ihren Synagogenleuchter her. Auf Auffordern der Oberkirchenbehörde und nach dem Beispiel der Centralkirchenkasse legten die Gemeinden ihre Kapitalien in Kriegsanleihe an. Das 25jährige Regierungsjubiläum des aufrichtig verehrten Königs Wilhelm II. wurde am 8. Oktober 1916 in allen Synagogen des Landes gefeiert. Eine Sammlung zu einer Jubiläumsgabe an den König im Jahr 1918 zu seinem 70. Geburtstag ergab Mk. 16 465,15, worüber sich nach einem Erlaß der Oberkirchenbehörde vom 16. Mai 1918 der König sehr gefreut habe und seinen Dank aussprechen Heß. Die Verwendung des gesammelten Betrages hatte der König für Zwecke der israelitischen Jugendfürsorge bestimmt. Es erhielten Mk. Solche Krankenbesuche gehören zu jenen Wohltaten, von denen der Dichter sagt: Wohltat kann zur Plage werden. Zu Krankenbesuchen gehört ungeheuer viel Takt. Jeder Kra,nke muß individuell behandelt werden. Jeder Kranke ist auch, das muß bedacht werden, mehr oder weniger Egoist. Er spricht dann gern von sich selbst, erzählt immer wieder seine Leidensgeschichte, will bemitleidet, oder je nach dem auch bewundert werden, daß er soviel standhaft ertragen hat. Da darf der Besucher nie ungeduldig werden, er muß auf die (iedankengänge des Kranken eingehen, soll ihn nicht durch Widersprüche reizen. Wenn der Besucher sich dann entfernt, wird der Kranke das Empfinden haben, das war eine angenehme halbe Stunde, und seine Bitte, kommen Sie doch bald wieder, wird von Herzen kommen. Das ist auch für den Besucher der schönste Dank für das gebrachte Zeitopfer. Dem Wunsche des Kranken, bald wieder zu kommen, sollte dann aber auch nach Möglichkeit Rechnung getragen werden. „Gewiß gerne*', denkt mancher,...aber woher die Zeit nehmen.-'" Wir schneiden damit ein trauriges Kapitel an. Nicht aus Gleichgültigkeit, aus Mangel an Zeit, _unterbleil>en manche Krankenbesuche. Gewiß, die Zeitumstände bringen es mit sich, daß jeder mit seiner Zeit geizen muß. Männer und Frauen sind mit Arbeit überlastet, sorgenvolle Gedanken bedrücken fast jed.n. es ist ein ständiges Hasten und Jagen, WO soll man da die Z'.it zum Besuche mache;; hernehmen? Ich habe viel an Sie gedacht, ich hätte Sie gerne besucht, aber es ging mit dem besten Willen nicht, ich hatte keine Zeit. Ist es wirklich wahr, du hattest keine Zeit? Ueberblicke einmal dein Tageswerk im Laufe einer Woche. Hast du nicht an dem einen oder dem anderen Tag ein halbes Stündchen 6000.— die israelitische Waisenanstalt „Wilhelmspflege" in Eßlingen, Mk. 1000.— der „Verein für die Förderung des Handwerks und Gartenbaus unter den Israeliten in Württemberg" und Mk. 9 465.15 die „Zentrale für israelitische Wohlfahrtspflege in Stuttgart." Der Zusammenbruch im Oktober 1918 gab der Oberkirchenbehörde am 22. Oktober Veranlassung zu einem Erlaß, in welchem sie zu Gott vertrauen. Einigkeit und Opferwilligkeit aufforderte. Nach dem Waffenstillstand erließ sie eine beim Gottesdienst zu verlesende „Ansprache an alle israelitischen Gemeindegenossen in Württemberg", in welcher sie die heimgekehrten Krieger begrüßte und zur Unterstützung der Kranken, Verstümmelten und Hinterbliebenen aufforderte. Sie schloß mit den Worten: „Wir müssen mithelfen, das ganze deutsche Vaterland in sittlicher Würdigkeit und wirtschaftlicher Kraft aufzubauen. Festhalten an unserer gemeinschaftlichen Aufgabe, den Frieden auf Erden zu hüten, soll unsere Losung sein." Dem Andenken der Nichtheimgekehrten und für das Vaterland Gefallenen wurden in fast allen Gemeinden des Landes Gedenktafeln teils in den Synagogen und teils auf den Friedhöfen errichtet, das Verlesen ihrer Namen bei der Seelenfeier am Versöhnungstag eingeführt und die Einrichtung eines alljährlichen besonderen Trauergottesdienstes im Anschluß an den Landestrauertag getroffen. Die israelitische Gemeinde in Stuttgart errichtete einen besonderen^ architektonisch hervorragenden Ehrenfriedhof für ihre 98 Gefallenen."

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