Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 12 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492308-5442833-5443465--096-4908399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO & STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAOSANSTALT Fernipr. 23328 STUTTOART-N Kaserne nstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzüglich Tost- und Zustellgebahl Postscheckkonto Stuttgart 3625» $ Erscheint monitlich zweimal, am 1. und 16. Bei Nichterscheinen toi. höherer Oewalt besteht kein Ansprach a. Nachlieferung d. Blattes oder Rückgabe des Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers lür Volksautkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet XIV. Jahrgang Stuttgart, den 14. September 1937 Nr» 12 Das geschlossene Tor Ein Vorspruch zum Versöhnungstag Wenn am Tag der Versöhnung die Sonne sich dem Untergehen zuneigt, wenn in unseren Bethäusern die Lichter, die im Tageslicht matt und glanzlos waren, in der einsinkenden Dämmerung wieder den feierlichen Schein gewinnen, mit dem sie uns zum Kol Nidre empfingen — wenn die Inbrunst der Gebete im Neila l'Jaum Kippur noch einmal mit einer letzten, höchsten Steigerung sich zusammenschließen will — dann steigt aus den Beterreihen der gewaltige, hoffende und verzagte Anruf auf: „Oeffne uns das Tor, zur Zeit, da das Tor geschlossen wird — denn der Tag hat sich gewandt — der Tag wendet sich, die Sonne geht unter, wir möchten in Deine Tore kommen —". Wenn der Versöhnungstag in die Dämmerung hineinsinkt, geht unser Gebet, auf za genden Füßen, immer noch auf dem Wege der Umkehr und Rückkehr, diesen langen Weg der Gewißheit und des angstvollen Zweifels: Gewißheit, die in jedem Kiddusch bekennt, daß wir den Ruf zur Heiligung, zu den Pflichten des Herausgehobenseins aus der Weise der Völker hören, Zweifel und Angst, ob wir mit diesem Hören auch die Forde rung des Tuns erfüllt haben. Je tiefer der Tag sinkt, um so ohnmächtiger scheint uns der Sturm unserer Gebete gegenüber den Bergen von Versagen und Verschulden, von Feigheit und Ausweichen, von Entfremdung und Abfall. Wir spüren, wie das hohe, weite Tor der Berufung langsam die Flügel einander nähert, wir sehen die Heiligkeit dazwischen langsam schmäler und schmäler werden. Wenn die Flügel dieses Tores sich schließen --! Und unser Schrei stürzt zu ihm hin und will sie halten — stammelt dieses kindliche Nein und Nicht — „Oeffne uns das Tor — zur Zeit, da es geschlossen wird!" Wir wissen alle, welche Mächte in uns selbst das offene Tor der Berufung Israels vor uns ins Schloß zurückfallen lassen könnten. — Wir haben in diesen letzten Jahren oft genug in Menschengesichter gesehen, die vor dem geschlossenen Tore blicklos wider unüberwindliche Weglosigkeit gestarrt hatten. Wir wissen, warum wir in dem „Wir haben gesündigt —" „w i r" und immer wieder „w i r" sagen. Geschlossene Tore — wie die Gesichter der Heimkehrenden unter den Unseren, die ratlos und fremd vor uns standen und lautlos das Wort aus der Dämmerung der Neilastunde wiederholten: „Oeffne uns das Tor — Bild Gottes, Mensch, Bruder, Kind des Bundes -• öffne dii für mich das Tor, das sich schließen will!" Geschlossene Tore: Neigung der Unsern zum Fremden und Abfall zu fremden Göttern — das ist keine Schuld Israels von gestern oder von einem Jahrhundert, das ist so alt wie das Volk mit dem harten Nacken und sein Weg in die Wüste, um dort — nicht an den Fleischtöpfen Aegyptens! — die Gottnähe und den Ruf zu den neuen Pflichten einer neuen Menschlichkeit zu erfahren. Vor diesen Pflichten und dieser Menschlichkeit liefen sie immer wieder davon, immer wieder gingen sie den leichteren, bequemen, weltgewohnten Weg der Ichsucht, des persönlichen Vorteils, des Schweigens und Beiseitestehens, immer wieder fanden sie den feigen Ausweg in die Frage: „Bin ich der Hüter meines Bruders?" Weil das so ist, weil sie selbst das Tor der Berufung am liebsten zugeschlagen hätten und gewesen wären wie alle anderen, darum wiederholen wir vom Rosch Haschana-Aufruf her die Weisung, daß „Umkehr, Gebet und Mildherzigkeit das Verhängnis abwenden" können, weil sie uns die Wege zum Tor der Berufung weisen. Niemand als wir selbst kann diesen Weg finden, niemand als wir allein das Tor der Berufung offen halten, wenn es geschlossen werden soll. Gerade das ist uns neu bewußt geworden — wir waren in Gefahr, daß das Tor sich schließen sollte, es waren genug unter uns, die froh darum gewesen wären, nichts mehr von Israel und seinem harten Weg zu wissen. Die Aufgabe, die uns in dieser Generation zufiel, ist wahrhaft wieder unsere Aufgabe: wir haben — wie einst in der Richterzeit — den Weg zurückzugehen — wir alle, auch wenn wir glauben, daß wir nie von ihm gewichen wären. Wo wäre der Selbstgerecht der in der Stunde des Neilagebets sich ans der Gemeinschaft des Bundes herausziehen könnte und nicht mit uns stürmen und flehen wollte: „Oeffne uns das Tor!" Wenn mit der sinkenden Dämmerung die Beter in ganz Israel noch ein letztes Mal an diesem Tag hinauflangen möchten — über Welten, Räume, Zeiten hin, dann decken die Flügel der Dunkelheit vielleicht unsere Augen — aber nicht das Tor, aus dem uns mit der immer erneuten Berufung, der Auslese durch Schmerz, Leid, Schande und Absonderung, die immer erneute Verpflichtung zuwächst, um die Welt Gottes zu dienen, dem Sinn entgegen, in dem Sie geschaffen wurde. „Wir wollen in Deine Tore kommen —". M. W. Glückwunsch der Reichs Vertretung für 5698 Die Reichsvertretung der Jaden in Deutschland sendet allen ihren Gemeinden, allen, die in ihnen leben, den Alten und Jungen, den Männern und den Frauen, am Beginne des neuen Jahres herzlichste Wünsche. Wir sind in eine Zeit hineingestellt, die voll ist von geschichtlicher Bedeutung und Kraft. Von uns ist gefordert (und alles kommt hierauf an), daß~wir diese Bedeiftung begreifen, daß wir diese Kraft in uns aufnehmen. Es ist in unserem jüdischen Leben eine Notwendigkeit, daß wir den großen Zug, die weite Linie erlangen. Kleinheit und Kleinlichkeit wäre unsere eigentliche Gefahr. Nur von der Höhe unserer Selbstgewißhcit, nur von diesem Aufstieg zu unserem Eigenen und Besonderen geht der Weg zu unserer Zukunft. Für jeden von uns hat sich die Welt gedehnt, Nähe ist zur Ferne geworden. Zur Entfernung, zur Entfremdung würde sie nur dort, wo Juden ihr Judentum einbüßten, wo sie sich selber und damit einander verlören. Wenn jeder um seine Seele weiß, dann werden sie alle um einander wissen, sie alle zusammenstehen und zusammenhalten. Wenn wir unser Judentum besitzen, dann ist alles Scheidende, auch das des Raumes, überwunden; das Ganze umfängt alles Einzelne. Wir leben in eilenden und sich wandelnden Tagen, wie ein Abschnitt der Geschichte ist jedes einzelne Jahr. Was kommen mag, das steht in des Ewigen Hand. Aber wie wir sein sollen in allem, was werden wird, darin liegt unsere Aufgabe. Von uns wird das Unsere erwartet. Geschehnis und Mensch begegnen einander, damit das Gebot Gottes zur Wirklichkeit werde. Unser Wunsch für alle, für die Gesamtheit und jeden in ihr ist darum ausgesprochen in dem Psalmwort, das Jahr um Jahr den Juden zu seinem Neujahrsfest hinführen will: „Hoffe zu dem Ewigen. Sei stark, und fest sei dein Herz, und hoffe zu dem Ewigen!" Nächster Erscheinungstag : Freitap 1. Oktober Redaktionsschluß: Donnerstag. 23. Sept., trUiV Schluß der Inseraten - Annahme: Son ntag, 26. September 7