Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 10 (16.8.1937)
- Date
- 1937-08-16
- Page
- Seite 82 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16. 8. 37 XIV. Nr. 10 sich nicht reimt, täglich so und so oft um den Wiederaufbau Zions zu beten, ohne die großen Vorarbeiten der zionistischen Organisationen unterstützen zu wollen. Die messianische Hoffnung in Olren, aber sie entbindet uns von moralischer und materieller Vorbereitung nicht. Kein Geringerer als Moses hat das aus allerheiligstem Munde erfahren, als er im kritischesten Augenblick des Auszuges aus Aegypten in Gebet sich hüllte und Gott ihm zurief: nia tizak elai. daber el bnej Israel w.iissüii =swarum flehest du zu mir? sage den Kindern Israel, dati sie aufbrechen. Ke. Aus den Gemeinden Württembergs Stuttgart. Der Landesausschufl der jüdischen lugend\erbände für W ürttemberg und Hohenzollern schreibt uns: Der „Landesaus- SChuß der jüdischen Jugendverbände für Württemberg und Hohenzollern" veranstaltete gemeinsam mit der ..Mittelstelle für Erwachsenenbildung",! Frankfurt, vom 23. Juli bis 25. Juli in Stuttgart ein Wochenendsein i na r. \ or ca. oO Teilnehmern der Bünde und Organisationen sprach Prof. Kantorowizc über das Thema: „G r u n dfragen der Gesellschaftslehre". Der Redner behandelte das Thema so, daß alle Teilnehmer aktiv mitarbeiten konnten, und sich eine Reihe von Schlüssen erarbeiteten. — Unter der Leitung von Karl Adler wurden sodann neue und alte Lieder gesungen, wobei es den Teilnehmern immer wieder zum Bewußtsein kam, daß man nicht nur singt um zu singen, sondern, daß jedes Lied eine Seele hat, die erkannt werden will, und nach der man sich richten muß. — Sowohl die Auswärtigen als auch die Stuttgarter gingen mit dem Gefühl nach Hause, etwas gelernt zu haben, was der enge Kreis der Bundesgeinünschaft nicht bieten kann, was aber doch durchaus notwendig ist. Wir sind mit dem Ergebnis vollauf zufrieden. E. Stuttgart. Das „Jüdische Schwesternheim Stuttgart"' ladet seine Mitglieder zu der am L September stattfindenden Außerordentlichen Mitgliederversammlung ein. In Anbetracht der Bedeutung der Versammlung bittet der Vorstand um zahl-1 reiches Erscheinen. Stuttgart Die Mitgliederversammlung des „Israelitischen Landes-Asyl- und Unterstützungsvereins für Württemberg e. V." findet nunmehr am 19. September 1937 im Altersheim „Wilhelmsruhe" in Sontheim a. N. statt. Die Teilnehmer an derselben werden Gelegenheit haben, den fertiggestellten und seiner Bestimmung übergebenen Neubau zu besichtigen. Der Ausschuß hofft schon aus diesen Grund auf eine zahlreiche Beteiligung. Göppingen. Am Sonntag, den 25. Juli hatte unsere Gemeinde ihr Kinder- und Sportfest. Wie in den früheren Jahren hatten die „Merkuria" und der „Schild" sich zur Durchführung dieser Veranstaltung zusammengefunden, und der gründlichen, liebevollen Vorarbeit entsprach der gute Verlauf des schönen Nachmittags. Nach den sportlichen Wettkämpfen, die ungefähr anderthalb Stunden dauerten und teilweise ganz ausgezeichnete Leistungen aufwiesen, gab es für die Kinder ein gutes Vesper, und alsdann wurden noch allerlei Spiele gemacht, nicht zu vergessen einen humoristischen Boxkampf und ein fi- |deles Radrennen! Ein besonderes Vergnügen Der Peelbericht — Unsere Äntwort Vortrag von Dr. Georg Josephsthal, Berlin ..Der Bericht der Königlichen Kommission — Unsere A n t w o r t" war das Thema einer am 28. Juli Von der Zionistischen Ortsgruppe einberufenen Veranstaltung, für die Dr. Georg Josephsthal, Berlin, als Referent gewonnen war. Nach einleitenden Bemerkungen des Ortsgruppen'Vorsitzenden Dr. Tänzer, in denen dieser kurz die Vorgeschichte des Peel-Berichtes skizzierte und seine Bedeutung sowie die Tatsache hervorhob, daß ein Wille zur Objektivität in ihm klar erkennbar sei. ergriff Dr. Josephsthal das Wort. In großen Zügen gab er den Inhalt des Berichtes, den er im wesentlichen als bekannt voraussetzte. Die von den Juden vorgebrachten Beschwerden sind genau geprüft und fast durchweg als berechtigt anerkannt worden. Der Bericht enthält eine Reihe von Vorschlägen zur Behebung der gerügten Mißstände; eine Realisierung dieser Vorschläge würde, obwohl sie immer noch ungenügend sind, auch bei Beibehaltung des Mandats eine gewisse Besserung der Verhältnisse herbeiführen. Die Frage ist nun, ob diese Vorschläge einen zweiten Plan neben dem Teilungsplan darstellen, oder ob ausschließlich der Teilungsplan als Endlösung ins Auge gefaßt wird. Was spricht nun für. was gegen den Teilungsplan? Zu Gunsten des Planes sind folgende drei Erwägungen in Betracht zu ziehen: 1. Die Souveränität des projektierten Judenstaates ist ein nicht zu unterschätzendes Aktivum. Die damit verbundene freie Gesetzgebung und vor allem die freie Regelung der Einwanderung bieten für die nächste Zu kunft Möglichkeiten, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. 2. Die legitime Finanzgewalt dieses Staates ermöglicht die Fortführung der kolonisatori sehen Arbeit nach eigenem Ermessen und in iroßzügiger Verwendung der zur Verfügung behenden Mittel. 3. Der Staat besitzt eigene Wehrhoheit und ist in der Lage, sich selbst zu schützen, wobei Wert auf die Feststellung gelegt wird, daß das Land in den vorgesehenen Grenzen auch tatsächlich geschützt werden kann. Gegen den Plan sprechen folgende vier Punkte: 1. Die Annahme des Planes würde für uns einen endgültigen Verlust jeder Chance bedeuten, das Land weiter zu kolonisieren. Die vorgeschlagenen Grenzen umschließen fast genau die Gebiete, die von uns bis jetzt erschlossen worden sind. Das Negef z. B., in dem bis jetzt von uns Kolonisationsarbeit kaum geleistet worden ist. wurde aus dem Judenstaat herausgenommen als Reservoir für die aus diesem Staate herausgehenden Araber. Das Negef ist W üste, seine Brunnen sind salzhaltig; es wird bestimmt nicht von den Arabern kolonisiert werden, sondern nur von Juden, die die Verzweiflung dazu treibt, selbst aus dieser Einöde noch eine Heimstätte zu machen. In diesem Belang ist der Plan innerlich unsinnig. 2. Die Ausschließung Jerusalems aus dem Staat ist nicht annehmbar. Daß zwei Drittel der Bevölkerung Jerusalems aus Juden bestehen, ist wichtig genug; wichtiger ist die Tatsache, daß seit zweitausend Jahren die Juden kein reales Ziel gehabt haben, als Jerusalem. Eine — mindestens teilweise — Anglitderung Jerusalems an den Judenstaat ist unbedingt zu fordern. Minder bedeutungsvoll sind die beiden letzten Punkte, nämlich .5. das Schicksal der Siedlungen im Emek Hajarden. die zu dem arabischen Teil ge schlagen werden sollen, und das Schicksal 4. der industriellen Unternehmungen, des Ruthenberg-Werkes und der Kaliwerke, die ebenfalls außerhalb des Staates liegen wür den. lieber diese Punkte sind Verhandlungen möglich, die eine annehmbare Lösung nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen. Die Entscheidung, zu der man beim Abwägen des Für und Wider gelangt, ist Sache des Temperaments. Dr. Josephsthal kommt zu folgendem Ergebnis, wobei er betonty daß dies seine Privatansicht und keine offizielle Stellungnahme der zionistischen Organisation sei: Falls der Bericht zwei Möglichkeiten offen läßt, den Teilungsplan und den Eventualvorschlag, sollte der Teilungsplan abgelehnt und der Eventualvorschlag angenommen werden. Auch dieser Vorschlag ist schlecht, insbesondere wird er für die nächste Zukunft das Einwanderungsproblem gegenüber dem Teilungsplan in ganz ungenügender Weise lösen, aber er schafft keine Rechtsgrundlage, kein verfassungsmäßiges Definitivum, sondern wendet sich an die Verwaltungspraxis, über die man im Laufe der Zeit immer noch reden kann. Und Zeitgewinn ist in diesem Falle Kolonisationsgewinn. Sieht der Bericht nur den Teilungsplan vor, sollte man ihn nicht annehmen. Wird er uns dann aufgezwungen, wozu durchaus die Möglichkeit besteht, dann haben wir nicht unterschrieben und uns nicht verfassungsmäßig festgelegt, sondern können gegen ihn für eine gerechtere Lösung kämpfen. Klar müssen wir uns darüber sein, daß wir in einer Schicksalsstunde der Judenheit stehen. Dr. Tänzer dankte dem Redner im Namen des beifallsfreudigen Publikums und stellte fest, daß er nicht in allen Punkten mit dem Referenten übereinstimme. Nach einigen orientierenden Bemerkungen beschloß der Gesang der Hatikwa den eindrucksvollen Abend. , S. M.