Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 9 (1.8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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74 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1.8.37 XIV. Nr. 9 Dag Rottweiler Spendenbuch. Von Ernst Rothschild. Rottweil. Diese überaus ansprechenden Ausführungen dürften nicht nur das besondere Interesse unserer Leser finden, sondern bilden darüber hinaus ein aufschlußreiches Dokument der Kottweiler Gemeinde. Die Schriftlettung. Als ich die Spenden zu Schernaus in das Spendenbuch eintrug, kam mir in den Sinn, ob wohl die Imi leeren Seiten des Buches, die unser langjähriger Wirbeter. Oberlehrer Stra 15 burger. iif>\orsorglicher Weise im Voraus bis /um Ende vorluücrt und beschriftet hat, noch bis /um letzten Watt beschneben werden, nachdem jetzt so grobe Lücken in den Bestand der hiesigen Gemeinde einreißen. Und unv illkürlich kam ich dabei ins Blättern. Wie viel erzählt doch so ein unscheinbares Buch vom Kommen und Gehen, vom Sem und Vergehen. Wie weist es auf die Verschiedenheit der Mci'scheuschicksale hm. zeigt uns die Menschen, die eine Wegstrecke des Lebens mit uns gegangen sind, deren Weg dann aber von dem unseren abgebogen ist oder durch ein jähes Ende abgebrochen wurde. Wie scharf zeichnet sich in ihm das Leben unserer judischen (.lemcmdc und all ihrer Mitglieder ab. ..Mit Gott" schrieb Oberlehrer Straßburger^ auf die erste Seite des Spendenbuchcs. „Mit Gott! tl»J3" w lederholte Raphael R o e d e r bei seinen ersten Eintragungen nach alter Väter Sitte den Wegspruch des Buches. Raphael Roeder! Wir sehen ihn vor uns, den stets liebenswürdigen, groH/ugigen Menschen, wie er mit Wurde zur I hora schreitet. >ie mit scharfem kuck aufnimmt entfaltet, sie der ganzen Gemeinde zeigend zum Lehu-Stuhl geht, um sie wieder einwickeln tu lassen. Wir sehen ihn \or uns. wie er an den letzten Feiertagen vor seinem Tode in sei ner gewohnten Galanterie den Damen des Chores Blumensträuße des Dankes ubergibt und so den Dank der ganzen Gemeinde zum Ausdruck bringt. Er'war derjenige, der die ersten Ein (Tagungen machte zusammen mit Heinrich Geismar. f Man hatte es dem stets ruhigen und bescheidenen Heinrich Geismar nicht angesehen, welcher Schwung in seiner Handschrift liegt. Er war da mals Rechner der Gemeinde, in der Zeit des Jahres 1923 sicher keine leichte Aufgabe. Denn die Stenden, die im April mit 100 Mark beginnen wuchsen bald zu 1<kh> Mark für jede Chewra, im August waren es dann 10000 und 20001 für jede Chewra, im September 200000 und Ende September waren schon 7 Nullen hinter der ersten .Zahl, sodaß die Zahlen in 2 Zeilen geschrieben werden mußten, weil die Kolonnen /u klein waren. Am 20. Oktober steht dann die erste Mil liarde, von Arthur Augsburger gespendet, im Buch, der bald die Millionen und Milliarden serienweise folgen. Entsprechend - der Entwertung wurde das Spendengeld damals auch fast alle 6 Tage eingesammelt, es wirdwohl trotzdem schon bis dahin meist entwertet gewesen Sein. Ditse Kiesenziftern gingen weiter bis, wieder von Arthur Augsburger gespendet, am 10. November 1923 die ersten 25 Goldpfennige eingetragen sind. Es folgt am 24. November Raphael Roeder mit I Goldmark; welch erhebendes Gefühl war es doch, nach dem Milliardenwust wieder eine Goldmark zu haben. Sie wurde aber auch gewertet, denn 10 und 20 Pfennige betrugen damals manche zögernden Festmarkspeiideu. Erst anfangs 1924 werden dann die 50 Pfennig und 1 Mark die üblichen Spendenbeträge. Am H. Oktober 1 «J 25 ist zum letzten Mal die schwungvolle Handschrift in dem Spendenbuch zu finden, damals, als Herr Geismar sich selbst mit einer Spende von 5 Mark eintrug zum .Abschied von Rottweil, damals, als er sein Haus an die Postverwaltung verkauft hatte und zu seinen Söhnen nach Stuttgart zog. Dann scheint das Buch zur Eintragung von Hand zu Hand gewandert zu sein. Häufig findet mau neben den gleichlinigen Schriftzügen von Raphael Roeder die markante Schreibweise von Arthur Augsburger, einige Wochen hat Oberlehrer Straßburger am Sonntag nach dem Gottesdienst die Spenden eingetragen, dazwischen findet man die Handschrift von Nathan Fröhlich und Louis Brandenburger; von April 192« an habe dann ich die Eintragungen, übernommen und mit meinem Bruder Wilhelm zusammen bis Ende 1933 fast Warnungen des Hilfsvereins der Juden in Deutschland. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland gibt folgendes bekannt: Es liegt Veranlassung vor, erneut darauf hinzuweisen, daß die Hilfskomitees in den europäischen Ländern nicht in der Lage sind, Einwanderern, die auf eigene Faust ohne genaue Erkundigungen der Hilfs- und Autbaumöglichkeiten und ohne Beratung durch den Hilfsverein sich dorthin begeben, irgendwelche Hüte zuzusichern. Es ist unerläßlich, daß alle Auswanderer zuvor bei den Beratung s s t e I l,c n des HilfsvereLns vorsprechen und sich über die Eiuw andcrungsmöglichkeiteu genau unterrichten. Diese stehen In allen größeren Städten jederzeit zur Beratung und Hille bei Auswanderung zur Verfügung. Der Hilfs verein der Juden in Deutschland gibt ferner bekannt: Seit einiger Zeit macht sich in der Oeffentlichke't, besonders auch in verhältnismäßig begüterten Kreisen, ein gesteigertes Interesse für die Auswanderung nach Australien geltend^ Zweifellos sind auch in Australien gewisse ' Möglichkeiten für Personen mit einigem Kapital vorhanden, zumal wenn sie ausreichende Kenntnisse der englischen Sprache und bestimmte Branchekeiintnisse besitzen. Es muß aber auf das Dringendste davor gewarnt werden, ohne vorherige Erlangung einer endgültigen E i ii w a n d e r u n g s e r I a u b n i s als Tourist nach Australien zu reisen und von dort aus die Erlangung der dauernden Aufenthaltserlaubnis zu betreiben. Dieser Weg wird selten zum Ziele führen, in der Mehrzahl der Fälle aber dein Betreffenden nur erhebliche Verluste an Zeit und Geld verursachen. Wer nach Australien auswandern will, wende sich zunächst an die zuständige Organisation, d. h. den Hilfsverein, der in der Lage ist, eingehende ,Informationell zu erteilen und gegebenenfalls die Einwanderungsgesuche unter Mithilfe ausländischer jüdischer Organisationen an die australische Regierung gelangen zu lassen. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland gibt weiter bekannt: Im Laufe des letzten Jahres hat sich bei den jüdischen Auswanderern aus Dcutscllland ein verstärktes Interesse für Columbien gezeigt, und tatsächlich sind die Nachrichten aus diesem Laude verhältnismäßig günstig; die meisten Einwanderer haben schnell Arbeit gefunden. Doch besteht dringender Anlaß, darauf hin. zuweisen, daß Kaufleute, insbesondere solche ohne wirklich gründliche Branchekcnntiiissc und ohne Beherrschung des Spanischen, in Columbien kaum irgendwelche Aussichten haben und sowohl \om Standpunkt der Columbianischen Wirtschaft wie von dem der jüdischen Gcsamtcinwandcruug als unerwünscht gelten müssen. Schon jetzl hat der allzu zahlreiche Zuzug von Kauf- Icutcn in Columbien zu gewissen Mißständen und Gegenströmungen geführt, die leicht zu einer Gefahr für die jüdische Einwanderung im ganzen u erden können. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland sieht sich schließlich veranlaßt, das Publikum darauf hinzuweisen, daß immer wieder versucht wird, Unter unberechtigter Berufung auf den Hilfsverein von Privatleuten Geldbetrage zu erlangen, die angeblich zur Lrinöglichung der Auswanderung notwendig sind. Insbesondere ist diese Praxis in letzter Zeit von einigen jungen Leuten angewandt worden, die angeblich zusammen nach Brasi I i e u gehen w ollen und behaupten, vom Hillsver ein nicht genügend unterstützt zu werden. Häutig stehen die Personen, die in dieser Weise Beträge zu erlangen suchen, überhaupt nicht vor der Auswanderung. Jedenfalls muß davor gewarnt werden, solchen Personen irgend liuc Unterstützung zu geben, ohne sich vorher beim Hilfsverein von der Richtigkeit ihrer Angaben überzeugt zu haben. n lückenlos durchgeführt. Erst von da ab hat es mit meinem Synagogenbesuch aus bekannten Gründe ziemlich gehapert und Hilfeleistung war recht oft nötig, die teils von Julius Steinharter, teil von Arthur Augsburger geleistet wurde. Wenn ich nochmals auf die Höhe der cingetra genen Spenden zurückkomme, dann deshalb, um zu /eigen, wie sich auch hierin die wirtschaftlichen Verhältnisse der G m e i n d e m i t g 1 i e d e r w iderspit geln. Schon im im April 1921 findet man Einzelspenden von 1$ und 15 Mark, an den Feiertagen die Üblichen Spenden von 4 und 5 Mark, an den Herbstfeier tagen stiegen sie dann auf 10 und 15 Mark resp 2 oder 3 Mark für jede der 5 Chewras. Im April 1925 hat dann die Gemeinde die neue Mauer um den Friedhof gebaut und damit beginnen die ausschließlichen Spenden zu diesem Zweck. Bis Oktober 1925 waren schon 120 Mar gespendet, dann wurdet: auch wieder Spenden für die andern 5 Chewras zugelassen. Sehr häuft folgen nun I und 2 Mark für jede (.hewra. Man könnte noch weitergehen und bei den verschiedenen Spenden von höheren Beträgen die freudigen und manchmal traurigen Anlasse des reli giösen Gedenkens der einzelnen (lemeindeinitglie der feststellen, wenn ganze Familien hintcreüiander zur Thora aufgerufen wurden und mit ihren Spenden Gott den Dank für seine Güte oder ihre Ergebung in seinen Willen bezeugen wollten. Dann langsam vom Jahr 1930 an werden die großen Zahlen Seltener und mit dem sich teigernden Existenzkampf schwindet auch die Möglichkeit, großzügig Anderen helfen zu können. Jedoch muß gesagt werden, daß die freiwillige Bereitschaft der hiesigen Gcmcindcinitglieder zu ihren wöchentlichen Tlmraspenden umoniehr anzuerkennen ist, als sich der Kreis, der an dem Gottesdienst teilnimmt und zur I hora aufgerufen wird, immer mehr verkleinert hat und verkleinert. Was nun die Verteilung der Spenden auf die verschiedenen Chewras betrifft, so sind diese in der Hauptsache dem Gedenken der Toten und der Beihilfe zur Erziehung unsere! elternlosen Jugend gewidmet. Tover tov und Waisenhaus ind die beiden Einrichtungen, denen die meisten Spenden zugedacht werden, dann folgen das Landesasyl und die Gemünd cl.esed. Der Lehrerverein kommt meist nur dann dran, wenn für alle Chewras gemeinsam geschnodert wird, und daß der Synagogenbaufond in jetziger Zeit kaum mehr bedacht wird, ist begreiflich. Was das Buch vom Synagogen bes ucIi selbst erzählt: Man kann sagen, daß doch in der überwiegenden Mehrzahl der Gottesdienste Minjan gemacht werden konnte. Schwierig war es meist in den Sommermonaten, die nötige Anzahl Männer zusammenzubekommen, was mit den Urlauben und Badereisen begründet werden muß. Im Jahre 1927 fehlen die Einträge vom 7. Juni bis /um 27. August und Raphael Roeder war sieh dieser langen Pause bewußt, denn er überschreibt seinen ersten Eintrag dann wieder mit dem Leitwort „Mit Gott 1927". Der Grund der Pause lag damals in der Erneuerung der Synagoge und der Anbringung der Gefallenen- und Kriegergedenktafcl. \\ ie erinnern wir uns da der festlich geschmückten Synagoge, Bezirksrabbincr Dr.' Schweizer hielt die Eüiweihungsausprache. Auch im Jahre I9J2 war eine Pause vom 23. Juli bis 3. September, wahrscheinlich hat Oberlehrer Straßburger damals seine Kur in Bad Orb durcligeführt, ohne daß die Gemeinde einen Stellvertreter anforderte. Wenn ich nun zu den Namen komme, die in dem Buche von den Menschen berichten, die in Rottweil in den letzten 14 Jahren gelebt oder besuchsweise an unserm Gottesdienst teilgenommen haben, so möchte ich zuerst unsern allverehrten Oberlehrer Straßbur g,e r nennen, der 37 ' Jahre lang Leid und Freud mit unseren üemeindemitgliedern geteilt hat. Er steht außer an den Tagen, an denen er Jahrzeit hatte, hauptsächlich an den letzten Feiertagen im Spendenbuch verzeichnet, wo ihm die Gemeindevorsteher stets die , Gelegenheit gaben, Gott durch seine Spende dafür j zu danken, daß er ihm die Kraft gab, seine ani strengende Tätigkeit als Vorbeter an den Feier- I tagen durchzuführen. Vom April 1933 an ist er j dann fast jeden Samstag mit einer Spende ver- I zeichnet, als er krankheitshalber seinen Lehrer- I und Vorbeterdienst jüngeren Kräften überlassen mußte. Am (i. Oktober 1931 steht sein Name zum letzten Mal im Buch, dann zog er zu seinen indem nach Berlin, kommt Unwillkürlich kommt uns, wenn wir an das Vorbeten an den Feiertagen denken, die ehrwürdige Gestalt unseres lieben Emanuel Rosenstiel vor die Augen, seine roten Backen, seine stets freundliche Miene, seine Zufriedenheit und seine Fröhlichkeit. Mit welcher Hingabe und welchem Eifer trug er an Rosch hasenono und Jörn kipur seine schönen Melodien vor, und wenn nd I nn I