Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 9 (1.8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV. Nr. 9 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1.8.37 71 Die Arbeit lastet auf der Frau, "typisch für diese -Art von Herrenkultur ist das Bild des Fellachen, der auf seinem Esel zur Stadt reitet, mit schaukelnden Beinen ihn zur Schnelligkeit antreibt, während die Frau — die Körbe mit üemüsc oder Milch auf dem Kopfe balancierend und vielleicht noch den Säugling im Tragtuch auf dem Rücken — sich bemüht, mit ihm Schritt zu halten. Es ist für ihn so selbstverständlich, daß er unbelastet reitet und sie mit der Last geht, daß er es noch nicht einmal für nötig hält zurückzublicken, um zu sehen, ob sie auch nachfolgt. Der Mann ist der Herr. Die Frau beugt sich, wenn sie ihn begrüßt, und küßt ihm, der hochaufgerichtet da steht, die Hand. Grundlage der Ernährung ist das Brot. Die Frau muß das üetreide selbst auf der Handmühle mah len. Es ist dasselbe uralte, primitive üerät aus zwei übereinanderliegenden runden Steinen, von denen der obere gedreht wird, das schon in biblischer Zeit gebraucht wurde: „Man soll nicht die Handmühle oder auch bloß den oberen Mühlstein als Pfand nehmen, denn das hieße, das Leben selbst als Pfand nehmen" (5. Mos. 24 6) Das Brot wird im Hause gebacken, entweder auf einem gewölbten runden Eisenblech „sadsch" oder im „tabun", einer Kugelschale aus Ton, die von außen erhitzt und in die dann der Teig gelegt wird. Der Fellache ist aus Zwang Vegetarier. Seine primitive Wirtschaft erlaubt ihm nur bei Festen den Fleischgenuß. Von seiner zweifellos zwangsläufigen Genügsamkeit kann sich ein Europäer kaum einen Begriff machen. Brot mit etwas vege tabiler Zukost morgens und mittags, und nur am Abend dazu noch eine warme Speise, Grütze oder Gemüse bilden seine Nahrung. Die Vege tabilien schafft die Frau — auf dieser primitiv sten Wirtschaftsstufe — als Sammlerin oder Gärt nerin herbei. Die großen Möglichkeiten, die das Land für den Gartenbau mit oe Wässerung bietet, hat sich der Fellache in keiner Weise nutzbar zu machen verstanden. Der Gartenbau mit Bewässerung, der in Südarabien eine so hohe Stufe er reicht hat, wird in Palästina hauptsächlich von der Frau auf den Trümmern alter blühender Kulturen, das heißt unter Benutzung alter Terrassen- und Bewässerungsanlagen, in primitiver Form fortgeführt. Was der Fellache an Fetten braucht, liefert ihm der Oelbaum mit seinen Oliven und seinem Oel. Alle Arbeiten, die Haus und Hof erfordern, lasten auf der Frau. Sie muß die Kinder aufziehen, die sehr verwöhnt sind und an die Brust gelegt werden, so oft sie schreien, sie muß Wasser von der Quelle im Krug bringen, den sie majestätisch auf dem Kopfe trägt, Hol/ und Mist für die Mistfladen, die man als Feuerungsmittel benötigt, sammeln. Sie ist eine geplagte Kreatur vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Eine solche primitive Wirtschaftsform kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn der Mensch wirklich vollkommen mit der Natur verbunden ist, das Land und seine Bedingungen ganz in sich aufgenommen und sich innen angepaßt hat. Der Fellache muß dabei konservativ sein, weil er seine Wirtschaft nur erhalten kann, wenn er die Summe der Erfahrungen seiner Vorfahren nutzt. Eine solche Verbundenheit mit dem Boden macht auf uns Juden einen starken Eindruck. Wir erstreben die natürliche Verbundenheit mit dem Lande; die unsre ist noch ganz literarisch, sie beruht auf der Bibel, und wieviele gibt es, die von sich sagen können, daß sie bei ihnen religiös sei? Aber gerade dadurch werden * wir zu einem gewissen Romantizismus verführt, der uns den Fellachen mit den Augen Rousseaus sehen läßt. Diese Geschlossenheit der Wirtschaft, diese Genügsamkeit mutet wie ein paradiesisches Leben an. Es ergeht uns wie Cook, der, als er 1770 die recht primitiven Australier der Ostküste sah (und ihre Primitivität war immerhin eine natürliche!), in sein Tagebuch schrieb: „Sie haben keinerlei Kenntnis von den notwendigsten Bequemlichkeiten, nach denen man in Europa so starkes Verlangen trägt. Sie sind glücklich, da sie nichts von ihrem Gebrauch wissen." Die Primitivität der Fellachcnwirtschaft ist kei neswegs natürlich, sondern die Folge ihrer ver hängnisvollen Verelendung. Sie hat eine Entwick lung genommen, die zu allem andern als zu einem paradiesischen Zustande führte. In einem subtropischen Gebiet mit so großen Schwankungen im Regenfall muß die einseitige Pflugkultur ohne Bewässerung zum Niedergang führen. Auf ein gutes Jahr können drei Trockenjahre folgen, und der Fellache hat nicht die Fähigkeit oder die Möglichkeit, die „Planwirtschaft" Josefs zu betreiben. Seine Genügsamkeit kommt nicht aus dem Wunsche, friedlich unter seinem Feigenbaume zu sitzen. Sie ist erzwungen. Manche Dör fer waren so verelendet, daß die Fellachen nicht einmal einen Dreschschlitten besaßen, sondern die primitivste aller Dreschmethoden anwenden mußten, indem sie ihre Esel über das Getreide trieben. Die Ursachen der Verelendung sind verschiede ner Art. Eine der wesentlichsten beruht in der Gefahr, die dem Fellachen immer wieder von dem Beduinen drohte. Diese begann sich beson ders mit dem Einbruch des Islam auszuwirken, der die alte staatliche Organisation zerstörte, «eiche den Nomaden in seinen Grenzen gehalten und dem Sassen Sicherheit verschafft hatte. In Zeiten der Not drangen die beweglichen Beduinen mit ihren Herden immer wieder gegen das Anbauland vor. Der Kampf zwischen Beduinen und Fellachen führte zur Entvölkerung weiter Gebiete, zur Ver flichtung der Bewässerungsanlagen, zum Vordringen der Wüste gegen das Kulturland. Die älteren Reisenden, wie J. L. Burckhardt, bringen Schilderungen solcher Beduineneinbrüche wie Naturgewalten, jedes Hindernis überrennend, stürmten die ausgedörrten Beduinen mit ihren halbverhungerten Herden gegen das Kulturland an und ließen das Vieh dem Fellachen die Ernte abfressen. Diese Unsicherheit war der Grund, daß der Fei lache, besonders in den Randgebieten, eigentlich nie ein echter Sasse wurde. Er wollte nicht säen, was andere ernten. Deshalb legte er nur so wenig Kapital und Arbeit in seine Wirtschaft, als mög lieh war. Alle unbeweglichen Anlagen, wie bewässerung und Baumpflanzungen, wurden für ihn sinnlos. Am sichersten war der Fellache der Gebirgsgegenden, für den auch die primitiven Geräte in dem schwierigen und steinigen Gelände die geeignetsten waren. > Als die ständig von den Beduinen drohende Gefahr eingedämmt war, hatte die Verelendung bereits einen solchen Grad erreicht, daß der Fellache sich nicht mehr aus eigener Kraft emporarbeiten konnte. Die Verwaltung in türkischer Zeit tat nichts zur Hebung seiner Lage, saugte ihn vielmehr noch durch Steuern aus, die sie in willkürlicher Art und mit Härte, teilweise durch Steuerpächtcr, einziehen ließ. Nur zähe Tradition, feste religiös-soziale Bindungen, aufs äußerste herabgesetzte Bedürfnisse haben dem Fellachen die Kraft gegeben, die primitive Wirtschaftsform auch noch unter dem Ansturm der modernen Landwirtschaft mit ihren maschinellen und chemischen Hilfskräften aufrechtzuerhalten. Unter englischer Verwaltung und ganz besonders durch die jüdische Einwanderung, die ungeahnte Absatzmöglichkeiten für die Produkte des Garten- und Hackbaus brachte, hat die Fellachenwirtschaft schon bedeutende Fortschritte gemacht. Der Fellache mußte kulturfeindlich sein, weil seine gewohnte Wirtschaftsform nur in der Isolierung lebens- und entwicklungsfähig war. Er muß zu der Erkenntnis gebracht werden, welche Gefahren für ihn heute die Autarkie und seine einseitige Wirtschaft bergen. Auf der Grundlage der großen Verbundenheit mit dem Lande muß und wird er es lernen, seine Wirtschaft allmählich aus ihrer Primitivität zu lösen. (Aus dem Almanach des Schocken- Verlag auf das Jahr 5697). Die Kriegsopfer-Betreuung. Adolf Erririch, der Vorsitzende der Ortsgruppe Stuttgart, und stellvertr. Vor.-L/ende des „Landesverbands Wüittemberg-Hohenzollern des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten e. V." hielt in der Landesvorstand- Sitzung am 7. Juli nachstehenden Vortrag, der es verdient, weitesten Kreisen unserer Gemeinde übermittelt zu werden. — Nach einem Gedenken an die im Weltkrieg gefallenen Kameraden und dem Ausdruck - der Dankbarkeit an die tausende jüdischen Kriegsbeschädigten, führte Adolf Emrich etwa folgendes aus: Die Beratung und Unterstützung in der Versorgung und Fürsorge für die verwundeten und erkrankten jüdischen Frontsoldaten und der Hinterbliebenen der Gefallenen, d. h. der Witwen, Waisen und Eltern im Verkehr mit den Reichsbehörden gehört zu den Aufgaben der Kriegsopfer-Versorgung, die damit keineswegs erschöpft sind. Bei der materiellen Versorgung ist grundsätzlich festzustellen, daß der jüdische Frontsoldat, gleichviel ob er dazu verpflichtet war oder als Kriegsfreiwilliger ins Feld zog, es nicht nur als seine selbstverständliche Pflicht erachtete seine Heimat zu verteidigen, sondern auch seinem Judentum Ehre zu machen und auch diesem gegenüber seine Pflicht zu erfüllen. Es ist deshalb Ehrenpflicht der gesamten jüdischen Gemeinschaft sich weitgehendst mit der Kriegsopfer- Fürsorge zu befassen und ihren Dank durch materielle Unterstützung zu bezeugen. Eine Schicksalsgemeinschaft wie die jüdische hat ganz besonderen Grund, hier ihre Dankbarkeit zu beweisen. Die Betreuung der Kriegsopfer muß auf eine breite Basis gestellt werden. Die Wahrung der Belange unseres Bundes, die im Wort Kameradschaft ihren Ausdruck findet, fordert Disziplin, Gemeinschaftssinn, Einsatzwille und Hilfsbereitschaft gegenüber allen Kameraden und den Hinterbliebenen unserer Kameraden. — Es ist Pflicht aller Kameraden, mitzuarbeiten an dem großen Werk des Aufbaus, an der Vervollständigung der Versorgung und der Fürsorge der beschädigten Kameraden und der Hinterbliebenen unserer Toten. Darüber hinaus müssen Mittel beschafft werden, um auch bedürftige Kameraden unterstützen zu können. Ich kann es mir nicht denken, daß auch nur ein Glaubensgenosse, wenn ihm die Notwendigkeit der Kriegsopfer- Betreuung vor Augen geführt wird, uns seine Unterstützung versagt. Es muß sofort eine großzügige Sammeltätigkeit entfaltet werden, da die Not in Kameraden-Kreisen eine sehr große ist. Sämtliche Ortsgruppen müssen sofort einen Kriegsopfer-Fonds anlegen und hieraus die in ihrem Bezirk wohnenden Kriegsopfer und bedürftigen Kameraden unterstützen. Keine Gemeinschaft ist so gefühlsarm, daß sie nicht dankbar sein kann und keiner, an den wir herantreten, ist so arm, daß er nicht noch Aermeren helfen kann. Der Landesverband-Kriegsopfer-Fonds wurde am 5. Juli 1937 gegründet. Die Verwaltung desselben liegt in den Händen des Kameraden M o r i z L i n d a u e r. Ich richte nochmals den dringenden Appell an alle Kameraden, daß sie mit allen Kräften für das Werk der Betreuung der Kriegsopfer eintreten mögen! Die nüchste Nummer erscheint am Dienstag, 17. Aug. 1937. Letzter Annahmetag tOr Anzeigen : Donnerttag, 12. August, 10 Uhr vormittags. Letzter Annahmetag für kurze redaktionelle Berichte: Montag, 9. August, 6.00 Uhr abends. Sommer-Schluß-Verkauf ß|as vom 26. Juli bis 7. August 1937