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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-07-01 · 7 (1.7.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
7 (1.7.1937)
Date
1937-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg ■lag und Schrlftleitung: OSTERBERG « STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT r. 23328 STUTTGART-N Ka.ernen.tr 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljahrlich, zuzflglleh Po«t- und Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 362SS £ Erscheint monatlich zweimal, am 1. und 16. Bai Nichterscheinan Inf. höherer Gewalt besteht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blatte» oder Rückgabe des Bezugageldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten das Ralchaministera fOr Volksaufkllning und Propaganda betr. Ueberwachung dar geistig und kulturall tätigen Juden Im deutschen Reichsgebiet. Ve XIV. Jahrgang Die Geschichte der Juden in Ulm während des Mittelalters. Ein bedeutsamer Beitrag zur Frühgeschichte der Judengemende in Ulm. Wie wir unlängst mitgeteilt haben, promovierte Hermann Dicker (Stuttgart) an der Universität Zürich mit der Dissertation „Die Geschichte der Juden in Ulm während des Mittelalters". Mit dieser Arbeit wurde neben den politischrechtlichen Verhältnissen der Ulmer Juden im Mittelalter insbesondere auch das innere Leben der Gemeinde zum erstenmal nach den Quellen dargelegt. Dickers Dissertation hat ihre besondere Note dadurch, daß die rabbinischen Autoritäten, die im 15. Jahrhundert in Ulm und mit Ulm sich zu beschäftigen hatten, durch ihre Werke zu Wort kommen. — Die Dissertation ist auch in Buchform (126 Seiten) im Verlag der Buchdruckerei M. Rothschild in Rottweil zum Preise von RM. 3.— erschienen und wird unseren Lesern wärmstens empfohlen. Wir veröffentlichen aus dem Buche nachstehend das 7. Kapitel, in dem u. a. die Gemeindeeinrichtungen der mittelalterischen Kehilloh dargestellt werden. e Die Juden wohnten in Ulm in einem besonderen Viertel, in dem die Bezeichnungen „Judengasse", „Judenhof' vorkommen. Man unterscheidet zwei Judengassen, die alte und die neue, die sich beide östlich vom Münster befinden. Der Name Judengasse kommt erstmalig 1331 vor und kann hier wohl mit der Bezeichnung „alte Judengasse" gleichgesetzt werden. Die Bezeichnung „alte Judengasse" erscheint zweimal; im Steuerbuch von 1427 und in einer Urkunde vom tahre 1430. Die in den Urkunden erwähnte Verindung des Hauses und der Gasse mit dem „Peter Krafft gaßlin" wird durch die Karte bestätigt, auf der das GäBchen die Fortsetzung der Judengasse nach Osten darstellt. Der älteste Stadtplan entspricht infolge seiner späteren Entstehungszeit nicht ganz den wirklichen Zuständen im 15. Jahrhundert. Die Puppelingasse mündet auf der Karte in das Peter-Krafrt-Gäßchen, während noch 1420 das Eckhaus vor dem Puppelerin-Haus sich in jüdischem Besitz befand und somit die Judengasse sich noch weiter östlich erstreckte. Schon die Bezeichnung „alte" Judengasse setzt das Vorhandensein einer neuen voraus. Diese wird 1401 erwähnt. Warum ist sie entstanden und wo liegt sie? Für ihre Entstehung kommen zwei Gründe in Frage, entweder Vermehrung der jüdischen Bevölkerung oder Verdrängung aus der alten Judengasse durch die Christen. Für den zweiten Grund spricht, daß in dem Steuerbuch von 1427, das nach Straßen eingeteilt ist, in der alten Judengasse eine Reihe von christlichen Bürgern genannt werden. Ihre Lage läßt sich mit einiger Sicherheit vermuten. Zweifellos befand sie sich in der Nähe der Synagoge. Am 22. Februar 1469 werden in einer Spitalurkunde Zinsen aus der Judengasse erwähnt, „das man nennt das Sießloch". Das Sießloch ist die nördliche Parallelgasse zur arten Judengasse. Es folgt daher, da die alte Judengasse mit dem Sießloch identisch ist, daß Sießloch und neue Judengasse ein und dieselbe Gasse sind. Wie bereits festgestellt, finden sich eine Reihe von Ulmer Bürgern, die in der Judengasse begütert sind. In der Periode von 1350—1360 ist es vornehmlich die Familie der Krafft, später die Metzgerfamilie Rot, die hier ihren Besitz haben. Dieser Umstand, daß die besten Patrizierfamilien dort begütert waren, beweist, daß die Gegend, in Stuttgart, 1. Juli 1937 der die Juden wohnten, keine minderwertige war und den Juden gegenüber keine Herabsetzung bedeutete. Die wichtigste Stätte in der Judengasse war die Synagoge oder, wie sie in den Urkunden genannt wird, die Judenschule. Es gab natürlich eine Abteilung für Männer und für Frauen. Die Synagoge stand in dem sogenannten Judenschulhof. Die Einfriedung wird auch durch die Bezeichnungen „Judenturm", der am 30. Mai 1390 erwähnt wird, und „Judentor" bestätigt. Die Synagoge war Eigentum der ganzen Gemeinde. Wie von .anderen Häusern, mußte man von ihr eine bestimmte Steuer entrichten. Zur Verwaltung der Synagoge, und damit zur Verwaltung der Gemeinde, bestand in Ulm die Institution der „Pfleger". Da Grundbesitz für Juden sehr schwer zu erwerben war, so gehörte es mit zu ihren Aufgaben, den schon in jüdischen Händen befindlichen Grundbesitz zu erhalten und den ihnen im Umkreis der Synagoge angebotenen käuflich zu erwerben. Gewöhnlich übten dieses Amt zwei Juden aus, die aus den Vornehmsten der Gemeinde gewählt wurden. Am 2. Januar 1402 kauften die Pfleger Seligman und Lemlin ein Haus von Anna, der Ehefrau des Berchtold Ulmer, das an der Synagoge lag, um 46 Gulden. Der nächstbekannte Pfleger ist Mosse von Kaufbeuren. Seine Tätigkeit wird in der Urkunde vom 7. Dezember 1414 erwähnt. An diesem Tage kaufte er von dem Juden Israel, dem Schreiber, sein Haus in der Judengasse um 15 Gulden mit einem Jahreszins an den jungen Hans K u n t z von einem Pfund Heller und zwei Weihnachtshühnern jährlich. Weitere Pfleger der Gemeinde waren Iselin, Abraham und Ber. lselin (Israel) stammte aus Lindau und wurde am 5. März 1417 gegen eine Jahressteuer von vier Gulden in Ulm aufgenommen. Mit ihm zusammen amtierte Abraham von Augsburg, der am 2. März 1418 gegen eine Steuer von einem halben Gulden aufgenommen worden war. und beide werden als Pfleger in der Urkunde des Metzgers Hans Rot vom 22. April 1420 genannt. Am 4. Oktober 1420 war an die Stelle Iselins Ber getreten, während Abraham noch im Amte verblieb. Ber von Beilhausen war am 18. März 1420 in Ulm Bürger geworden und kaufte mit Abraham am 22. April desselben Jahres das Haus von dem Juden Lemlin für die Gemeinde und Synagoge um 36 Gulden. Es war in den jüdischen Gemeinden allgemein Sitte, die Gemeindemitglieder zu den täglichen Betstunden einzuladen. Dem Synagogendiener lag es daher ob, diesen Auftrag' auszuführen. Die besonders eigentümliche Art, mit der das getan wurde, nämlich durch Klopfen an die Haustür, gab dem Diener die Bezeichnung „Schulklopfer" oder „Schulrufer". Auch in Ulm finden sich Juden mit diesem Beinamen. Zu den übrigen Gemeindeeinrichfüngen gehörten noch das rituelle Bad, das Spital, der Gemeindebackofen und das Tanzhaus. Der Gemeindebackofen wird in einer hebräischen Aufschrift erwähnt. Am 5. Februar 1400 verkaufte die Witwe Adelheid Hiltprand mit ihren Söhnen Göry, Peter, Michel, ihrer Tochter Adelheid und ihrem Tochtermann Stephan Schmid ihr Haus an den Juden Sußmann um 23 Gulden. Die Aufschrift besagt, daß das kleine Haus neben dem Ofen liegt. Unter dem „Ofen" ist wahrscheinlich der Gemeindebackofen zu verstehen. Das Tanzhaus war in Ulm eine alte Institution der Gemeinde und wurde wahrscheinlich 1349 zerstört und später wieder aufgebaut. Diese Oemeindeeinrichtungen waren es, zu deren Unterhalt die Oemeindemitglieder eine bestimmte Steuer abzuführen hatten, ihre Höhe richtete sich nach dem Vermögen des Steuerzahlers und geschah Mr. 7 durch Selbsteinschätzung des Beitragspflichtigen. In Ulm zahlten auch die Juden ihren Beitrag, die in den kleinen umliegenden Ortschaften wohnten und die die Einrichtungen in Anspruch nahmen. 100 Jahre Synagoge Laupheim. Man schreibt uns: Die letzten Tage des Monats Mai brachten reges Leben in unsere Gemeinde. Am 29. und 30. Mai wurde das 100jährige Bestehen der heutigen Synagoge im Rahmen einer musikalischen Feierstunde schlicht und eindrucksvoll begangen. In der Festpredigt am Schabbos stellte Rabb. Dr. Cohn (Ulm) die Synagoge als Zeuge, des Glaubens, des Lebensrechtes und der jiid. Pflichten auf. Chor und Vorbeter verschonten mit neuen Gesängen den Gottesdienst. Der Sonntag vereinte- Gäste und Einheimiscne beim Festessen im „Ochsen". TheoC. Hirse Ii- Stuttgart und Lehrer Erlanger -Göppingen überbrachten dort Grüße und Wünsche ihrer Gemeinden. Nach kurzem Gang durch den Friedhof gings ins Gemeindezimmer zur Festsitzung. Die Ausschüsse sämtlicher Vereine waren geladen und füllten den festlich geschmückten Raum, der dank der Anregung und Bemühung des Vorsitzenden, J. Weil, zu einem Gemeindemuseum ausgestaltet und an diesem Tag seiner neuen Bestimmung übergeben wurde. Die Feier in der Synagoge wurde durch ein von Lehrer Säbel mit Innigkeit vorgetragenes „Mah tovu" eröffnet. Anschließend begrüßte Herr Weil die Gäste aus nah und fern, an ihrer Spitze die beiden Präsidenten des Oberrats. Dr. G u m b e 1 sprach die Glückwünsche des Oberrats aus. Dr. Hirsch überbrachte die Grüße der Gemeinde Ulm. Dann führte Lehrer Säbel in ausgezeichnetem Vortrag „100 7ahre Synagoge Laupheim" Entstehen und Ergehen der Gemeinde und ihrer Synagogen den interessierten Zuhörern plastisch vor Augen. Nicht leicht in einer Gemeinde prägt sich deren Lebenskurve so deutlich in ihrer Synagoge aus, wie das mit der unsrigen der Fall ist. Im Oründungsjahr 1724 dient eine dürftige Dachkammer als Betraum. 1770 Bau einer Synagoge neben dem Friedhof. 1822 Bau einer Synagoge auf, dem Platz der heutigen. 1837 Neubau der heute Hundertjährigen. 1877 Umbau und Erweiterung. Dazu einige Angaben über die Seelenzahl: 1724 4 Familien 1852 759 Seelen 1874 162 Schüler 1933 249 Seelen 1937 5 Schüler. 1936 215 Seelen 1937 158 Seelen (1. 5.). Hören wir den Schluß des Vortrags: „Auf diesem Erdenfleck bauen Juden ein Haus, eine Synagoge, bauen in 100 Jahren vier, fünf Synagogen. Juden bauen! Rückschauend vermögen wir zu ahnen, welches Maß von Mühe und Sorgen, wieviele Entbehrungen und Opfer, aber auch wieviel Andacht, Liebe und unbeugsamer Let> e n s w i 11 e in diesem Bauwerk durch Geschlechter beschlossen liegt. Lassen Sie auch uns unbeirrt an dieses Symbol glauben und jenen Lebenswillen in uns festigen, wir hätten dann wohl den Sinn und auch den Trost dieser Feier überhaupt gefunden. ____Juden bauen! .... Entscheidend für uns ist nicht das Haus, in dem wir leben, sondern das Leben, womit wir das Haus erfüllen, jene Flamme des Lebensmutes, die unseren Vätern

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