Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 6 (16.6.1937)
- Date
- 1937-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Schriftleitung: OSTERBERG 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT Fernepr. 23328 STUTTGART-N Kasemenstr 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzOglleh Pott- und Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 36258 $ Erscheint monatlich zweimal, am 1. und 16. Bai N.chteracheinen Inf. höherer Gewalt beelahl kein Anspruch a. Nachl ief erung d. Blattet oder Rückgabe daa Bezugsgeldea Angemeldet beim Sonderbeauftragten du Reichemlnletera für VolksaufklSrung und Propaganda betr. Ueberwachung dar geistig und kulturell titigen Juden im dautachen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang Stuttgart, 16. Juni 1937 Nr. 6 Don Jizchak Abravanel. Zur 500. Wiederkehr seines Geburtstages Von Rabbiner Dr. S. Samuel. Von dunklem Hintergrunde hebt sich, wie so oft, die Oestalt eines Staatsmannes und Denkers ab, der dem Judentum vor nunmehr 500 Jahren — 1437 in Lissabon — geschenkt worden ist, Don Jizchak Abravanel. Wenn das heu tige Portugal, wie gemeldet wird, demnächst dieses seines Sohnes ehrend denken will, so haben wir Juden vordringlichen Anlaß dazu. In seiner Persönlichkeit verkörpert sich in idealer Weise jenes Doppelbild des mittelalterlichen Juden, wie es Graetz in der Einleitung zum 4. Bande sei ner Geschichte zeichnet: einmal das geknechtete Juda mit dem Wanderstab in der Hand, dem Pil gerbündel auf dem Rücken; und dieselbe Figur mit dem Ernste des Denkers auf der lichten Stirn, der Forschermiene in den verklärten Ge sichtszügen. Er, in dessen Leben die düstere End epoche einer Diaspora-Judenheit, ihre Verban nung aus dem geliebten sonnigen Spanien fiel, hat doch mit seinem Namen, den ein stolzes, bis auf das Königshaus Davids zurückblickendes Geschlecht führte, verklärendes Licht zu ver binden gewußt. Ein Riß schien freilich durch sein Leben zu gehen, der dessen Tragik scharf erkennen läßt der Hang zu den lauten Staatsgeschäften der Mächtigen verbindet sich in ihm mit der Sehnsucht zu stillem Sinnen und Forschen. Mehr als vier Jahrzehnte darf er glauben, daß beides sich harmonisch verknüpfen ließe. Unter König Alfonso V. ist Portugal beinahe eine Friedensinsel; Abravanel ist Hof mann und Berater des Königs, Freund der Mächtigen, selbst ein Grande des Reiches. Er kann sich der Verfolgten in anderen Ländern annehmen, Gefangene in fremden Häfen auslösen, in seiner Vaterstadt Vorträge über den von ihm über alles geschätzten „More Nebuchim" halten. Aus einer elegischen Schilderung des Hochbetagten wissen wir, daß sein Haus ein Sammelpunkt der Weisen war; und wir staunen, welchen Umfang in der gleichen Zeit, in der das christliche Spanien sich der Renaissance verschloß, des Portugiesen Abravanel humanistische Studien annahmen: Jak obGutt mann (in s. Werke J. Abr.'s religionsphilosophische Anschauungen, Breslau 1916) zählt dahin Pythagoras, Empedokles, Anaxagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles; und wiederum Seneca, Alexander, Aphrodisias, Ptolemaeus, Sallust, Vergil, Plinius, Plotin, Porphyrius, Themistlos, Galen, Hermes Trismegistos. Daß Abravanel neben ausgebreiteten Kenntnissen in Bibel, Talmud und Midrasch, seiner philosophischen Neigung entsprechend, in den Schriften unserer Denker von S a a d i a bis zu ChasdaiCrescas, Serachja h a 1 e v i, Jo s. A1 b o, Abraham B i b a g o und Jizchak Aram a heimisch war, bezeugt jede Seite seiner Bücher. Ja, man könnte aus diesen eine fast lückenlose Geschichte der religionsphilosophischen Probleme bis auf Abravanel herstellen, da es seiner Methode entsprach, erst nach eingehender Auseinandersetzung mit allen spruchbefugten Vorgängern die eigne, wohlbegründete und durch keine bloße Autorität gebundene Meinung darzulegen. Unter der Zweiheit von Fürstendienst und Thoradienst stand Abravanels Leben wie unter unversöhnlichen Gegensätzen, die immer wieder gewaltsam in seih Schicksal eingriffen und doch nie zu entsagender Trennung, zum Entweder-Oder gelangen konnten. Jählings ward der Friede seiner Seele und seines Hauses unterbrochen, als er gleich im Anfang der Regierung Joaos II. in den Sturz des Hauses Braganza gezogen werden sollte. Mit knapper Not dem Tode entronnen (i. J. 1483), flüchtet er unter Preisgabe von Hab und Gut nach Kastilien, das ihm und bald darauf auch den Seinen zum Asyl wird. Daheim hat er eine Erstlingsschrift „Ateres S e - k e n i m" (über die göttliche Vorsehung) 'verfaßt, und einen Kommentar zum 5. Buche Mose begonnen. Jetzt, in der unfreiwilligen Muße, die er zugleich als Mahnung des'Himmels auffaßt, vollendet er den letztgenannten Kommentar und schreibt innerhalb von 6 Monaten wie in einem Zuge einen solchen zu Josua, Richter und den Büchern Samuel. Er ist's, der seinen Ruf als Bibelerklärer fest begründet. In ihm spricht der Hof- und Staatsmann, der mit Krieg und Frieden und allem weltlichen Regiment, von dem in jenen Büchern die Rede ist, besser vertraut ist, als der Gelehrte der stillen Klause. Als einer der ersten geht er kritisch auf die Fragen der Verfasserschart und Entstehungszeit kanoni scher Schriften ein und weiß so manche Erkennt nisse der modernen Bibelwissenschaft vorweg zu nehmen. In einer allgemeinen Einführung ver gle'cht er sinnreich die drei großen Bibclgruppcn mit dem Allerheiligsten, dem Heiligtum und der Vorhalle des Tempels,. Zum Prinzip der Drei teilung macht er den Anteil Gottes an jeder der drei Gruppen: Thora, welche die Gebote enthält, ist ihm ausschließlich Gottes Wort; Propheten sind wohl Künder, aber auch Verfasser; Schriften haben Schriftsteller (medabbrim) zu Urhebern, die vom „heiligen Geiste" nur erfüllt waren, „solange sie schrieben". Prophet und Historiker unterscheiden sieb darin, daß jener nur Göttlich-Erhabenes, den Menschen Notwendiges und Wahres künden müsse; dagegen der Geschichtsschreiber auch Subjektives, Unrichtiges oder Ueberflüssiges berichten könne. In Jeremia erblickt Abravanel sogar einen „Redaktor" der Königsbücher. So fruchtbar dieser Thoradienst war, so schnell war er abgelöst von neuem Fürstendienst. Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien, deren Bund zugleich den Untergang der spanischen Judenheit besiegeln sollte, locken den verbannten portugiesischen Staatsmann an ihren Hof, vertrauen ihm hohe Aemter an. Hat Abravanel das unaufhaltsam heranrückende Unheil unterschätzt, seinen eigenen Einfluß weit überschätzt? Sicher das letztere. Wir verdanken dem Forscherfleiß von Fritz Jizchak Baer heute zahlreiche Regesten aus jener kritischen Zeit von 1484—92 ]in s. Werke „Die Juden im christl. Spanien", I. Band 2); in ihnen ist Abravanel nur einer unter vielen jüdischen Höflingen; und besäßen wir nicht sein eigenes literarisches Schrifttum, das damals acht Jahre lang ruht, so bliebe uns sein Rang verborgen. Nur soviel scheint gewiß, daß Abravanel sich ganz zuletzt mit voller Energie vor den Riß stellte und doch das Edikt von Granada vom 31. März 1492 nicht verhindern konnte! Kaltblütig schreibt das Königspaar an seine Beamten, daß sie die Außenstände des Steuerpachters Abravanel energisch einzutreiben hätten, da sie dem Könige gehörten; Abravanel aber, „wie alle Juden1', am 31. Juli das Land verlassen müßte! Er verließ es mit allen seinen Angehörigen; .ausgenommen einem einjährigen Enkel, der seinen Namen trug; dem Söhnlein seines Erstgeborenen Juda, des später zu hoher Berühmtheit gelangten Leone Ebreo (Verfassers der Dialoghi d'Amore). Nach Portugal gebracht ward jenes Kind vermutlich im katholischen Glauben erzogen, und entpreßte dem Vater erschütternde Worte des Schmerzes in seiner „Elegie über das Schicksal". Die Geretteten der Familie mit Don Jizchak Abravanel als Oberhaupt finden sich wieder in Neapel. Noch hat Don Jizchak nicht Zeit, seinen Thoradienst wieder aufzunehmen, da glaubt er die unverhoffte Gunst der Könige Ferdinand und alsdann Alfonsos von Neapel nicht verscherzen zu sollen, und leistet ihnen Fürstendienst. Die Vertreibung Alfonsos reißt auch ihn, den Allzutreuen, mit sich fort; ausgeplündert, selbst der Bücher beraubt, kommt er-auf kurze Zeit nach Korfu, dann nach dem kleinen Monopoli in Apulien. Hier erst trägt der still verinnerlichte Thoradienst neue, köstliche Früchte: Abravanel verfaßt für seinen jüngsten, staatsmännisch begabten Sohn Samuel (den Gemahl der edlen Benvenista) einen Kommentar zu den Sprüchen der Väter (Nachalat Abot) 1496; einen andern zur Pessach-Haggada (1497); und ein Werk „Rosch A m a n a" (Gipf;l des „Amana" — anspielend auf „Emuna") über die Grundlehren des Glaubens, sowie „Mifalot Elohim" (Wirkungen Gottes) über Schöpfung und Wunder. Nicht weniger als drei Schriften widmete er allein der messianischen Erwartung: „Maajenc jeschua", „Jeschuot meschicho" .und „Maschmia jeschuo". Tief durchdrungen war Abravanel vom Kommen jenes Heilsträgers Israels, den er auf vielhundert Blättern unserer Bibel klar und deutlich verkündet fand. Im Exil, so vermutete er, wäre er bereits geboren, wie Mose der Befreier in Aegypten und Serubabel in Baby- Ibn. Seine Zeit wäre nahe! Fern von jeder Schwärmerei schrieb er zugleich einen Kommentar zum More. Als endlich sein zweiter Sohn, der Arzt Joseph Abravanel, in Venedig Fuß gefaßt hatte, veranlaßt e er den Vater zu einer letzten Uebersiedlung: in die schöne Lagunenstadt. Hier blieb eine einzige politische Aktion Episode, eine Verhandlung des Dogen mit Portugal, die Abravanel auf Wunsch des Dogen unterstützte. Thoradienst verklärte den Lebensabend des vielgeprüften Mannes, der den neuesten Forschungen zufolge am 25. November 1508 zu Venedig entschlief und zu Padua neben R. Jehuda Minz beigesetzt wurde (s. Carl Gebhardt, Regesten zur Lebensgeschichte Leone Ebreos^ S. 55). — Was von der ehrfurchtgebietenden Gestalt Don Jizchak Abravanels sich bis heute am tiefsten in das Gedächtnis unserer Gemeinschaft eingeprägt hat, ist eingefaßt und gehoben durch den großen geschichtlichen Rahmen. Neuere jüdisch - wissenschaftliche Forschung hat aber auch ein reiches Gedankengut aus der Umhüllung der schwer zugänglichen Sprache seiner Schriften zutage gefördert, das uns nicht mehr verloren gehen kann. Fördert den Jüdischen Sport/ Sportplatz Feuerbacher Tal Sonntag, den 20, Juni 1937 Fußballspiel um den Pokal das „Jüdischen Gerneindeblattes" „Hakoah"—„SMld" Zeiten und Eintrittspreise siehe Plakate 1