Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 4 (16.5.1937)
- Date
- 1937-05-16
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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30 Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg 16.5.37 XIV. Nr. 4 desvc-rhands\ orsitzende des Reichsbundes jüd. Frontsoldaten von Württemberg-Hohenzolle n, Kamerad Rechtsanw alt Dr. Max S t r a u s s, ist nach Amerika ausgewandert. An seiner Stelle wurde vom Bundesvorsitzenden der bisherige stellvertretende Landesvcrbandsvor.-itzeude u. Vorsitzende der Ortsgruppe Stuttgart, Kamerad Rechtsanwalt Albert Mainzer, zum Landesvcrhandsvorsit/enden bestellt. Zum stellvertretenden Landes* erbandsvorsit/enden und Vorsitzenden der Ortsgruppe Stuttgart wurde Kamerad Adolf Em rieh ernannt. Oer bisherige Landcsv erbandsvorsitzendc, Kam. Or. Ma\ Sirauss, hat es ("erstanden, durch vornehme und zielbewußte Führung sich die volle Anerkennung und den wärmsten Dank aller Kameraden des Landesverbands zu erwerben. Auch die Verdienste seines Nachfolgers, des Kameraden R A. Albert Mainzer, der auf allen Gebieten der Bundesarbeit Hervorragendes geleistet nat, seien aus diesem Anlaß gewürdigt. Aber nicht nur die Kameraden des Landesverbands anerkennen die großen Verdienste der Kameraden R.A. Dr. Strauss, R A. Albert Mainzer und Adolf Emrich voll und ganz an, auch der Bundjsvorsitzende hat den "drei Kameraden den besten Dank der Kundesleinang ausgesprochen und in Anerkennung ihrer bisherigen Verdienste und steten Einsatzbereitschaft ihnen die Goldene Ehrennadel des Bundes verliehen. Anteile des ausgewanderten bisherigen Be- Gottvertrauen in alter Zeit. Von Onechi. Diefolgende Skizze ist dem Band Ji Bücherei des Schockcn-Vcrlags: Onechi: Reb Abbe, Eine Erzählung, entnommen. Es handelt sich um eine von Fega Frisch aus dem Jiddischen übersetzte Erzählung €wts bisher noch niemals ins I leutsche übersetzten Autors, in dem die Erinnerung an dualten Zeiten „als die Juden noch Juden waren" und der Schmerz über die;,Feuersbrunst", der sie zum Opfer gefallen sind, brennt. Ohne Illusionen, in melancholischer Resignation läßt er einen am Rande des Grabes stehenden Oreis schlicht berichten, wie es in seinem Leben einst war. was die „Heutigen" preisgegeben haben, läBl ihn fragen, ob und wie man wohl so leben könne, und - überläßt die Antwort dem Leser. * Jetzt will ich dir eine Geschichte von uichtchassidischen Juden erzählen. Denn von der Glaubenstiefe der Ghassidim, von ihrem Gottvertrauen braucht man nicht erst viel zu reden. Man weiß ja, wie es bei ihnen zugeht; glühend, kniig, flammend. Diese Geschichte aber betrifft Missnagdim, Gegner der chassidischeu Begeisterung. Reb Mosche und Reb Ahron Schklower sind es, von denen man sie erzählt. Reb Mosche und Reb Ahron wohnten in Schklow. Das war zu der Zeit, als Schklow noch Schklow war. War doch Schklow damals ein Hort der Tora, die Stadt wimmelte von Lernern, grossen Wissenden und überragenden Leuchten der Lehre. Suchte eine Gemeinde einen würdigen Rabbiner, so fuhr man nach Schklow; stand ein Rabbiner vor einer schwierigen Entscheidung, vor einer kopfbrecherischen Frage, m> schrieb er an die -Schklower Autoritäten. Das war Schklow früher! Und Reb Mosche und Reb Ahron gehörten in Schklow zu den Berühmtheiten. Beide waren angesehene Hausväter, und zwar sehr wohlhabende, richtige Magnaten! Sicherlich hätte sich manche Stadt glücklich geschätzt, Reb Mosche oder Reb Ahron zum Rabbiner /u haben, aber wie hätten sie ihr Lernen „zu einem Spaten gemacht, um mit ihm zu graben?" So blieben sie Kaufleute, das heißt, sie selber saßen Tag und Nacht und lernten, trennten sich überhaupt nie von der Gemara — nur ihre Frauen betätigten sich im Geschäft... Alte Zeiten! Es traf sich einmal, daß die beiden nach Mohilew fahren mußten. Auch dort gab es doch damals gewaltige Wissende, große Leuchten. Hie Mohilewer hatten aber Reb Mosche und Reb Ahron zu sich gebeten, es war wegen eines schwierigen Rechtsfalls oder wegen der Entscheidung in sonst einer verwickelten Frage, die ihre Anwesenheit dort am Ort notwendig machte. Es war im Winter. Man mietete ein eigenes Fuhrwerk für die beiden. Es gab zwar Fuhrleute, die täglich die Fahrt von Schklow nach Mohilew und zurück machten, doch pflegten diese Fuhren mit Mäntreuers der Kriegsopferversorgung für Würtlemberg-Hohenzollern wurde Kamerad W i I ly Gideon, der tüchtige Vorsitzende der Ortsgruppe Horb, der nach Stuttgart übersiedelt ist, ernannt; anstelle des hervorragend bewährten bisherigen Landessportleiters, Kamerad Hugo Nathan, wurde Kamerad Victor Strauss zum Landessportleiter ernannt. — Es ist ein Zeichen der Zeit, daß aus den Ortsgruppen des Landes innerhalb der letztön Monate 30 Kameraden ausgewandert sind. Stuttgart. Am 19. Mai wird der neue Palästina- Film in Stuttgart zur Aufführung gelangen. Der Film, der bereits in Berlin und einigen anderen Städten mit großem Erfolg lief, trägt den Titel „Hatikwah", Dokumente einer Hoffnung. Er gibt einen Bildbericht über den Aufbau des jüdischen Palästina und vermittelt in historischer Reihenfolge einen Ueberblick darüber, was Juden in wenigen Jahrzehnten aus Karst, Sumpf und Oede geschaffen haben. Ueber die Einzelheiten entnehmen wir dem Bericht der J. R. (Nr. 30) folgende Ausführungen: „Der Film beginnt mit Bildern von der Natur' des Landes, der Steinwüste, den Bergen und Tälern. Wir sehen Ausschnitte aus den historischen Stätten, an denen das Herz des jüdischen Volkes hängt und wo zahlreiche geschichtliche Ereignisse sich abspielten: Jerusalem, Tiberias und Ak'<o. Der Kampf mit den Sümpfen wird in eindrucksnern und Weibern durcheinander vollgestopft zu sein, Reb Mosche und Reb Ahron aber wären niemals zusammen mit Weibern gefahren. Sie mieteten also ein Fuhrwerk für sich allein und brachen nach dem Abendgebet auf. Eine nächtliche Fahrt nach Mohilew hatte keine Schrekken. Der Weg führte zwar stellenweise durch einen großen dichten Wald, doch war er vielbcfahren, und man begegnete Wagen genug, die hin oder zurück fuhren: einem Fuhrmann, der von Mohilew zurückkam, einem Agenten, der \on Schklow heimkehrte, oder sonst irgendwelchen Reisenden; denn Mohilew und Schklow waren damals wie Stube und Kammer, in denen man aus und ein geht. Zu jener Zeit waren in der Gegend von Schklow andere Schlitten üblich als heute. Sie waren so beschaffen: der Unterbau war ein gewöhnlicher Kufenschlitten, wie man ihn zum Fahren von Holz, Balken und Klötzen verwendet, nur daß er länger war, und auf dieser Unterlage wurden Körbe aus grober Borke aufgesetzt, so' viele Körbe als Leute, für jeden Fahrgast ein Korb. Die Körbe wurden dicht mit Heu ausgepolstert, man zog den guten warmen Iltispelz mit dem kostbaren Biberkragen an, setzte den reich mit Pelz verbrämten „Straimel" auf den Kopf — früher waren die Straimel rund, mit hängenden Schwänzchen ringsherum und sehr warm — und fuhr los. Die Nacht war mild und hell, man war warm angezogen, der Weg war gut und der Schlitten glitt auf dem weißen Schnee leicht dahin in guter Fahrt! Was tun aber Reb Mosche und Reb Ahron Schklower, wenn sie miteinander reisen? Selbstverständlich disputieren sie über eine hochwichtige Sache, über eine schwierige Erörterung in den Traktaten „Peßachim", „Ketubot' oder „Eruwin" oder gar über eine Stelle im jerusalemitischen Talmud. Und wann man sich über so hochwichtige Sachen unterredet, dann teilen sich oft die Meinungen, der eine sagt dies und der andere streitet dagegen. Jeder wollte natürlich der Sache auf den Grund gehen. Es kam zu "keiner Einigung, und beide versanken in Gedanken. Wenn aber Männer wie Reb Mosche und Reb Ahron sich solchermaßen vertiefen, dann sind sie gar nicht mehr richtig auf dieser Welt. Das Menschliche fällt von ihnen ab, die Welt verschwindet, es gibt keinen Menschen mehr, weder sie selbst noch andere, sie denken eben. Indessen saust der Schlitten dahin, und der Fuhrmann wendet keinen Blick von dem weißen Weg. Plötzlich fährt Reb Mosche auf: Reb Ahron ist verschwunden! Er befindet sich nicht mehr im Schlitten, weder er noch der Korb, in dem er gesessen hat. Reb Mosche ist darüber sehr erschrocken, läßt den Fuhrmann halten. Man fährt nicht weiter, kehrt um, um Reb Ahron zu suchen. Man fährt langsam, Schritt für Schritt und sucht. Die Nacht ist .hell und klar, der weiße Schnee leuchtet und erhellt die Nacht. Am Himmel leuchten die .Sterne und der Mond scheint, wie oft im Winter so hell, daß man den Schatten der Pferde vollen Bildern aus Chederah und von der Erschließung des Emek Jesreel vor Augen geführt. Der Aufbau der Städte Haifa und Jerusalem, d?s Ruthenberg-Kraftwerkes, des Verkehrswesens in seinen verschiedenen Zweigen und der jüdischen Industrie rollen in packenden und photographisch z >m Teil sehr gut gelungenen Bildern vor uns ab. Ein umfangreicher Abschnitt des Filmes ist der Universität in Jerusalem und dem Haifaer Technikum gewidmet, deren Gründung, Eröffnung und heutigen Zustand wir kennen lernen. Wir sehen das Wachstum der jüdischen Kolonien von den ersten zionistischen Siedlungen bis zu ihrem heutigen Zustand. Schließlich erleben wir das Wachstum Tel-Awiws von den ersten Versucher, im Jahre 1009 auf den Sanddünen bei Jaffa bis zur Großstadt unserer Tage. Der letzte Abschnitt des Films gibt sodann verschiedene Ausschnitte aus dem Leben der produktiv arbeitenden jüdischen Menschen auf dem Boden des Landes." Dieser Film wird also geeignet sein, die Erkenntnis zu stärken, daß das jüdische Aufbauwerk in Palästina trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellen, unbeirrt fortschreitet und immer stärker zu einer Kraftquelle für das ganze jüdische Volk wird. Diese Erkenntnis ist niemals so notwendig gewesen wie heute. Stuttgart. Der Sohn unseres Gemeindemiigli.des Osias Dicker, Hermann Dicker, hat in Züauf dem Schnee sehen kann. Man fährt alsd Schritt für Schritt zurück, sucht vor und um sich. Man glaubt aus der Ferne seitwärts am Waldrand etwas wie einen Korb zu erblicken, läßt die Pferde halten, steigt ab und stapft durch den tiefen Schnee, bis man entdeckt, daß es ein Baumstumpf ist, und kehrt traurig zum Schlitten zurück. Dann wieder will es scheinen, als sehe man in der Blickrichtung etwas Dichtes, Schwarzes auf dem Wege stehen, und man treibt die Pferde an; hat man die Stelle aber erreicht, erweist sich das Etwas als ein Bäumchen. Man sucht immer weiter, nun schon tief bekümmert. Endlich erblickt man aus der Ferne mitten auf dem Weg in der Tat den Korb und Reb Ahron darin. Da war die Freude groß; wie gut! Reb Ahron ist gefunden! Wie das alles geschehen konnte? All waren in Gedanken versunken, man fuhr schnell, da war wohl der Schlitten gegen einen Baum gestoßen, hatte sich auf die Seite geneigt, und der Korb war dabei vom Schlitten herabgeglitten, ohne daß es jemand bemerkte. Als man nun näher heranfuhr, um Reb Ahron wieder aufzunehmen, da erst wurde man gewahr, daß ein Bär aus dem Walde auf den Korb zuschritt. Angesichts solcher Lebensgefahr hielt man inne. Man bleibt in einiger Entfernung stenen und wartet gespannt, was nun kommt. Der Bär geht indessen still und sachte geradeaus auf Reb Ahron los. Reb Mosche blickt starr hin, sein Herz ist voller Furcht; was wird mit Reb Ahron geschehen? Auch Reb Ahron in seinem Korb hat inzwischen den Bären erblickt. Ruhig und kaltblütig schiebt Reb' Ahron seine Pelzmütze so weit aus dem Gesicht, daß seine hohe Stirn ganz entblößt ist, und blickt gefaßt dem Bären gerade in die Augen, als wenn er sagen wollte: „Hier, sieh dir meine Stirn an!" Der Bär schreitet ruhig und gleichmütig auf Reb Ahron zu, sie blicken einander an, Reb Ahron den Bären, der Bär ihn! Reb Mosche starrt: was wfrd jetzt gesenenen? Der Bär tritt ganz dicht an Reb Ahron neran, bleibt stehen, sieht ihm lange und unverwandt ins Gesicht, dann wendet er sich still um und geht den Weg in den Wald zurück. Voller Freude eilen sie auf Reb Ahron zu, der Korb wird wieder auf den Schlitten gehoben, und die Reise geht weiter. Unterwegs, als man bereits ein gutes Stück vom Ort der Gefahr entfernt'war, fragte Reb Moscne Reb Ahron, was denn das Zurückschieben des Straimel und das Entblößen der Stirn vor dem Bären zu bedeuten hatte. Und Reb Ahron erklärte sein Verhalten so: Als er den Bären erblickt hatte, wie er geradeaus auf ihn losging, da fühlte er sofort die Gefahr. Darum habe er die Stirn entblößt, damit der Bär für alle Fälle sehen könne: war das Zeichen Oottes auf seiner Stirn noch unversehrt, dann konnte er ihm nients anhaben; wenn aber nicht, dann war seine Stunde ohnehin gekommen, seine Zeit erfüllt. Es gab noch Gottvertrauen in damaliger Zeit!