Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 4 (16.5.1937)
- Date
- 1937-05-16
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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XIV. Nr. 4 Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg 16.5.37 27 sie entbehren der primitivsten Einsicht, und man muß eben warten, bis ihnen durch die früher oder später eintretenden Erfahrungen an ihrer eigenen Person die Augen aufgehen. Schlimm ist es nur, daß diese Palästinafeinde eine ungewollte Unterstützung durch die finden, die zwar allen anderen die Palästinawanderung als eine sittliche Forderung hinstellen, selbst aber, wenn sie schon nicht mehr zu Hause bleiben können, lieber nach USA oder nach Südafrika gehen. Stellen wir doch einmal fest, worin unser eige ner Irrtum bezüglich des Zionismus bestand! wir haben gemeint, er gelte lediglich für die Ostjuden, die kein Vaterland haben; wir haben ihn wie ein Wohltätigkeitsuntcrnehmen behandelt und ha ben dem Palästinaaufbau nur die Mittel zugestan den, die über das Unterstützungsbedürfnis d r Juden in Deutschland hinausgingen. Hätten wir Pinsker, der im Jahre 1882 seine Autoemanzipa tion schrieb, besser gewürdigt, dann stünde uns heute in Palästina die zehnfache Bodenfläche zur Ausiedlung unserer jungen Leute aus Deutsch land zur Verfügung. Aber daraus folgert nicht, daß heute alle Mit tel ausnahmslos nach Palästina fließen müssen, denn heute liegt die Situation so, daß Palästina zwar die aussichtsreichste und erstrebenswerteste Siedlungsgcgend ist, daß aber die ungeheure, von Tag zu 1 ag anschwellende Masse der Juden, die zur Auswanderung drängen, die Erschließung jeder denkbaren Siedlungsmöglichkeit erfordert. Die wichtigste Forderung, die an ein Auswanderungsland gestellt werden muß, hat Maybaum, wie mir scheint, vortrefflich formuliert, wenn er sagt: „Die jüdische Wanderung ist Wanderung von der Gemeinde, die verlassen werden muß, zur Gemeinde, die gegründet wird." Die Einzelwanderung mag diesem oder jenem aus der Not helfen, für die Judenheit bedeutet sie nichts als den Verlust eines manchmal wertvollen Mitglieds. Dagegen kann ich Maybaum nicht recht geben, wenn er sagt, die jüdische Diaspora sei unmöglich in der heidnischen Welt. Warum sollen nicht echte jüdische Gemeinschaften in Angola oder Uganda genau so gut entstehen können, wie sie in Babylonien schon vor mehr als 'iO"Ü Jahren groß geworden sind? Und warum soll gerade die christliche Welt mit ihrer Anerkennung der Gottesknechtschaft der jüdischen Existenz eine Heimstätte gewähren und nicht die mohammedanische, in der die jüdische jahrhundertelang geblüht hat? Wenn man mit Maybaum als Exil die Existenz ohne Machtbasis ansieht, dann ist die Existenz jüdischer Gemeinden überall da möglich, wo man den Juden erlaubt, jüdisch zu leben, aber sie ist da am besten möglich, wo die Juden kraft Rechts und nicht aus Duldung wohnen, und das ist in Erez Jisrael. Wenn Maybaum behauptet, „genau so wenig wie in der Diaspora kann und darf der Jude in Palästina normaler, verwurzelter, gesunder Mensch werden", und wenn er diese Grundbedingungen der Zukunft als „Schlagworte eines heillos politisierten Judentums" abtut, dann hat er ganz bestimmt Unrecht. Wer in Palästina lebt und sieht, wie hier alles im Wachsen und Aufblühen begriffen ist, der zweifelt nicht daran, daß eine große, in Palästina wirklich verwurzelte, jüdische Gemeinschaft die Grundlage für eine Gesundung und Erstarkung des Judentums in der ganzen Welt ist. Es ist doch nicht so, daß der leidende Gottesknecht des zweiten Jesaja das allein maßgebende Vorbild für uns Juden ist, und daß der Gottesstreiter sich „in der Schrift findet", wie Maybaum sagt, sondern die ganze Bibel ist erfüllt von dem Gottesstreitertum. Wenn wir hier in Palästina erst einmal eine jüdische Jugend haben, die mit dem Ziel der bestmöglichen körperlichen Ertüchtigung herangewachsen und in der Lage ist, für das Land, das sie beansprucht, so kraftvoll einzutreten, wie man es von jedem reenten Staatsbürger verlangen muß, dann ist das nicht eine Konzession an eine für uns Juden undurchführbare Politik der brutalen Gewalt, sondern es ist die Haltung eines Jüdische Stimmen. „Weil alles der Weisheit des Gesetzgebers Moses zuzuschreiben ist, erscheint es mir notwendig, einiges über ihn vorauszuschikken, damit es dem Leser nicht auffallend erscheine, daß, obgleich der Titel des Werkes Berichte von Gesetzen und Taten verspricht, doch so vieles auf die Naturgeschichte Bezügliche darin enthalten ist. Es ist daher notwendig zu wissen, daß jener Mann es für unumgänglich gehalten hat, daß derjenige, der sein eigenes Leben wohl einrichten oder andern Gesetze geben will, vornehmlich die Natur Gottes zu erkennen streben und durch innige Betrachtung seiner Werke dem erhabenen Vorbild aller nachzueifern und zu folgen versuchen müsse. Denn ohne diese Erkenntnis werden seine Schriften das Gemüt der Leser nicht zur Tugend hinlenken können, wenn diese nicht vor allem das erkannt haben, daS Gott, da er aller Herr und Vater ist, und alles sieht, denjenigen, die ihm gehorchen, ein glückseliges Leben verleiht, diejenigen aber, die vom Pfad der Tugend abweichen, im größten Elend versinken läßt. Moses hat daher, um seinen Mitbürgern diese Erkenntnis beizubringen, nicht wie andere auf Satzung und Uebereinkommen seine Gesetze aufgebaut, sondern er hat ihren Sinn auf Gott und die Betrachtung der Schöpfung hingelenkt und sie gelehrt, daB auf Erden wir Menschen das schönste Werk Gottes seien. Nachdem er sie so zuerst zur Religiosität erzogen, überzeugte er sie leicht von allem übrigen. Andere Gesetzgeber hielten es mit Fabeln und dichteten ihren Göttern der Menschen schändliche Laster an; so gaben sie den Gottlosen hinreichende Gründe zur Entschuldigung. Moses hingegen zeigte, daß Gott die Tugend rein und unbefleckt besitze und lehrte die Menschen mit aller Kraft dahin streben, daß sie ihrer teilhaftig würden. Gegen die aber, welche das nicht erkannten und glaubten, schritt er mit Strenge ein." Aus der Vorrede zu „Jüdische Altertümer" von Josephus Flavius (37—117). Achtung fordernden und Achtung verdienenden Volkstums, das sich nicht auf andere verläßt, sondern seinen Grund und Boden mit eigenen Händen verteidigt. Das hat auch nichts mit Götzendienst an den Ismen zu tun, den Maybaum mit Hecht verwirft, aber es soll aus dem schwächlichen, verachteten Ghettojuden einen seiner Kraft bewußten und gerade deshalb bescheidenen Volks juden machen. Hier in Jerusalem hat man leicht Gelegenheit zu sehen, wohin die reine Vergeistigung und die Vernachlässigung jeder körperlichen Ausbildung im Ostjudentum geführt hat; man kann auch sehen, was dabei herauskommt, wenn auf geistigem oder kulturellem Gebiet die Forderung des heiteren Gleichmaßes unbekannt ist. Maybaum nennt es den tiefsten Abstieg der Synagoge, wenn der Vorbeter als Künstler und der Prediger als Rhetor auftritt, und er sagt mit Recht: „Die Taubheit des ästhetischen Menschen herrscht in dem Zirkel vor, in dem der Deklamator die Bibel rezitiert." Aber ist es nicht ebenso wahr, daß die Blindheit des unästhetischen Menschen das abstoßend macht, was erhebend sein sollte? Wenn in einer altertümlichen Synagoge der Gottesdienst ohne sichtbare Ordnung, in Unruhe, ohne jede uns gewohnte Feierlichkeit stattfindet, liegt dann der Fehler nur daran, daß wir unfähig sind, eine primitive, aber von innen heraus gefestigte Religiosität zu verstehen, oder müßte man nicht wünschen, daß eine bessere Erziehung den Menschen das Gefühl dafür beibringt, daß eine Versammlung vor Gott ebenso äußere Würde darbieten sollte wie eine politische oder gesellschaftliche Zusammenkunft der gleichen Leute? Maybaum hat in besonders schöner Weise ausgeführt, daß die jüdische Gemeinschaft nicht aus Glaubensgenossen, sondern aus Chawerim, aus Lebensgenossen bestehen soll. Vielleicht ist er im Recht, wenn er glaubt, daß es dem deutschen Rabbioer vorbehalten ist, diese ostjüdische Anschauung zu einer westjüdischen zu machen; vielleicht ist es gerade der deutsche Rabbiner, der hier im Lande der Väter eine neue Form der jüdischen Gemeinschaft lebendig machen kann, die das gute Alte entwickelt und das schlechte Neue beseitigt. Heute ist Palästina aufgewühlt durch den Kampf der arabischen Bevölkerung gegen die jüdische, und die verzagten Schwächlinge ringen die Hände. Was ist das für ein klägliches Verhalten? Konnte man denn im Ernst annehmen, die Niederlassung so vieler Juden im Lande würde widerspruchslos vor sich gehen, und ist es nicht selbstverständlich, daß man für das Land kämpfen muß, das man besitzen will? Die Engländer mögen sich für diesen oder jenen Kompromiß entscheiden, unsere Sache ist es1; unser "Recht auf dies Land zu verteidigen und auszuharren. Ob wir etwas mehr oder weniger bequem leben, spielt keine Rolle; die Hauptsache ist, daß unsere Kinder nier ein jüdisches Volkstum aufbauen, das Bestand hat, und daß sie hier ein Judentum leben, das den Menschen ausfüllt und den alten Idealen unserer Väter gerecht wird. Das Heute ist nur eine winzige Spanne. Aber die Zukunft des Judentums ist ein Ziel, rar das zu kämpfen sich lohnt, nichts in der Welt darf unseren Jungen wichtiger sein. Ein Abend der Erhebung. Zum Konzert der Stuttgarter Jüd. Kuristgemeinschaft vom 29. April. Die (>. Veranstaltung der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft brachte am 29. April eine Vortragsfolge, die einen würdigen Abschluß bot zu der 1. Abonnementsveranstaltung mit „Balak und bilam". Die künstlerischen Versprechungen, die der damalige Abend brachte, wurden mit diesem letzten Konzert in der Reihe der Abonnementsfolge voll und ganz erfüllt. In musikalischer Steigerung führte die Vortragsfolge von einem Concerto grosso in B-Dur von ueminiani, der Kantate, „Die Augen des Herrn" von Rosenmüller, über ein Divertimento von Dittersdorf zu dem Konzert in d-Moll von Bach und zum Höhepunkt des Abends, der Kantate „Wenn der Herr die Oefangenen zu Zion" von Weckmann. Das sehr feine Concerto grosso wurde ausdrucksvoll zu Gehör gebracht. Die Solistin Ruth Hamburg führte mit warmem Strich, künstlerischer Vollendung und vollster Hingabe das'Orchester. Das chorische Werk mit Orchester von Rosenmiillei brachte klangliche Entfaltungsmöglichkeiten von großer Schönheit und Tiefe. Das Divertimento für Violine, Viola und Violoncello, ein reizendes kapriziöses Werkchen, wurde von M a r i - E I i s a Thalmessinger, Karl Haas und Gerhard Löwe gespielt mit schönem eindrucksvollem Strich und ganzer künstlicher Reife. Daiin brachte das Konzert in d-Moll eine große künstlerische Ucberraschung, nämlich Poldy Sperling - D o n a t h als Bach-Spielerin. Mit wundervoller Tonfülle, ganz hingegeben an das Werk, brachte sie es zu Gehör, getragen von dem willig folgenden Orchester. Es ist nicht leicht, dieses Werk zu spielen; der Kenner weiß, daß der zweite Satz für den Künstler eine bedeutende Klippe sein kann. Hier war der Vortrag derart straff, konzentriert, lebendig, daß die Leistung ganz einheitlich wurde. Und schließlich brachte der Abend noch ein großes Erlebnis, den Psalm 126: „Die mit Tränen säen, werden mit -Freuden ernten." Die Kantate von Weckmann sammelte alle Kräfte dieses künstlerisch vollendeten Abends zu letzter gesteigerter Höhe. Tief und warm und inbrünstig klingt durch das ganze Werk immer wieder die Sport-Saccos u. Hosen c in reicher Auswahl Is