Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XIV (1937)
- Issue
- 1 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
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Dem Nachwirken des gefeierten Schöpfers der SchwarzwäIder Dorfgeschichten, des vortrefflichen .Volkserzählers hat längst die Zeit ihre Grenzen gesetzt; seine großen Romane sind völlig vergessen. Wohl ist dem Kalendermann manches Stücklein gelungen, das in seiner gemütvollen Art und in seinem ansprechenden Vortrag Dauer hat, wohl sind unter den Dorfgeschichten, deren erste doch vor fast hundert Jahren erschienen, eine ganze Reihe, die noch immer durch Echtheit und Frische wirken, die keineswegs empfindsam und gedanklich überladen sind. Der Diethelm von Buchenberg, der Auerbachs größte Leistung, ein bleibendes Meisterstück der deutschen Erzählungskunst genannt worden ist, läßt auch den heutigen Leser noch genau so empfinden wie Eduard M ö r i k e, der zu Auerbach sagte: „Du, ich habe in den letzten Tagen deinen Diethelm gelesen, das ist was, ein tüchtiges Stück. Weißt du, das ist so ein Buch, wenn man es liest und das Licht ist einem abgebrannt, steht man auf und sucht überall nach einem Lichtstumpf, bis man ihn gefunden hat; man muß es auslesen, man hat keine Ruhe”. Aber über dem dichterischen Werk Auerbachs steht doch das Wort: Gewesen! Meister Berthold hat, trotz aller Freude an der Anerkennung durch die Besten, mit gesunder Selbstkritik bei vielen seiner Gebilde dieses Verblassen und Vergehen festgestellt und verstanden. Das hat ihn in seinem Schaffen, das ihm etwas Heiliges war, nicht irregemacht. Immer wieder mit künstlerischem Ernst das gestaltend, was ihn bewegte, niemals fragend: was gefällt der Welt, was wünscht sie? ist dieser Mann, der sich auch im lange währenden Sonnenschein des Ruhms den großen Dichtern und Denkern gegenüber ganz klein vorkommt, durch seine hohe Auffassung von geistiger Arbeit ein Vorbild. So hat ihn Spielhagen wegen der treuen, unentwegten Hingabe an seinen schriftstellerischen Beruf gewürdigt, so tritt er auch in der lebenswahren Charakteristik Erich Schmidts vor uns, in der noch zur besonderen Kennzeichnung dieses jüdischen Schriftstellers betont wird: „Auerbach hat wenig Witz, wenig Ironie, wenig Schärfe, nichts Aetzendes und Zersetzendes; er ist kein behender und aggressiver Dialektiker, kein mit scharfem Verstände rechnender Analytiker”. Der Blick auf einen solchen Menschen, der nie seinem |udentum zur Unehre wurde, auf „einen Lebenslauf, durchweg im Dienste hoher Ideale verbracht”, hat seinen Wert gerade für unsere Zeit. Und auch wie ein Träger immer wiederkehrenden Schicksals erscheint uns Berthold Auerbach, der so freudig am Leben seiner Umwelt teilnahm und mitschuf, und der in seinen letzten Lebensjahren als Jude mit schwerster seelischer Erschütterung den Rückschlag empfinden mußte. Halten wir aus seinen Bekenntnissen einiges fest, was auch heute noch zu uns spricht! Wir finden es in den Briefen, die er von 1830, also von früher Jugend an, bis zum Jahre 1882, bis wenige Tage vor seinem Tode, an seinen Vetter und Freund Jakob Auerbach gerichtet hat. Wenn der Literarhistoriker in den beiden Bänden eine reiche Quelle für die Literaturgeschichte des 14. Jahrhunderts sieht, wenn vieles aus der geistigen und politischen Entwicklung Deutschlands in diesem Zeitraum durch die Briefe beleuchtet wird, so hören wir außer diesem allem auch den treu mit seinen Glaubensgenossen* mit ihrem Schrifttum und ihren Geschicken verbundenen Juden, der — wie Erich Schmidt schön sagt — Zions und der Weiden Babylons niemals vergaß. , Warte aus der Bibel, die er immer in der hebräischen Ursprache anführt, begleiten ihn von der Schülerzeit, von dem Eintritt ins Gymnasium zu Stuttgart an, durch sein ganzes wechselvolles Leben. Wenn er starke Eindrücke hat, wenn der Ernst eines menschlichen Schicksals, vor allem aber, wenn die Größe und Ewigkeit der Natur ihn bewegen, dann steigt ein biblischer Spruch oder eine altjüdische Erinnerung in ihm auf. Kissingen, 17. Juli 1861. Ich gehe allein auf der Landstraße. Schon der Boden der Landstraße ist mir angenehmer als der Kiesboden der Alleen, und ich höre nichts als Lerchengesang, sie singen hier gar frisch und jubelnd, und ich sehe die Menschen hantieren, und die Blumen an den Wegrainen sind so frisch, und mir ist, als wäre ich nach langem schweren Schlaf erst wieder recht auf der Welt; jede Hecke ist mir wie ein <Jruß aus der Kindheit, und ich möchte immer so fort wandern und wandern und nichts haben, als selbstvergessen da sein, und ich schreibe mir gar nichts in mein Taschenbuch — was sollen alle Gedanken? — ich lebe und nehme alles auf und sauge still den ganzen Atem der frischen Welt ein. Es ist hier alles so fruchtbar und üppig, das Korn steht in Wahrheit golden da inmitten der vielen Weizen- und Habertelder mit ihrem saftigen Grün, und da, jetzt fällt mir’s ein, heute kam mir wieder das Bibelwort in die Seele, dem ich in der Kindheit die Auferweckung meines Innern Lebens verdanke: „Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft eines Feldes, das Gott gesegnet hat!” Samaden, 5. August 1877. — Ich lebe ganz in der Hoheit dieser Bergwelt, 'die so überwältigend und niederdrückend wäre, wenn nicht die leichte freie Atmung und die entlastete Luftsäule einem Leichtmut und ein Gefühl des Flüggeseins gäbe. Im einsamen Ausruhen, während ich — ich weiß nicht wie — meinen hebräischen Namen mit großen Buchstaben in den Schnee schrieb, fiel mir ein: solch ein Einschreiben in das große Buch der Welt wird deine Lebensgeschichte sein, bald verweht, geschmolzen und nicht mehr da. Aber was tut’s? Im Anblick des Höchsten und Ewigen ist alles Einzelleben klein und nichtig, und doch lebt jedes sein Leben aus und faßt es in Töne, dort das jauchzende oder in Furcht klagende Murmeltier und hier die Bergkrähen, die um die nasse Felswand fliegen, wo sie wahrscheinlich nisten und nur, wenn ich das Echo erwecke, wieder auffliegen. Triberg, 14. August 1877. — — — Ich meine, ich war noch nie so waldfroh wie jetzt; der Wald war mir aber auch noch nie so nachbarlich, so heimisch zugehörig, und das Rauschen des Wasserfalls mit der durchtränkten Luft erouickt mich allmorgendlich, ich trinke aus dem Felsenquell zwei oder drei Glas und gehe dann langsam bergauf. „Wie eine Hindin schmachtet nach Wasserbächen”, das ist gut gesehen und gradaus gesagt, und da behauptet man, die Naturfreude sei modern; die Bibel drückt sie nur nicht als Lust für sich aus, sondern exemplificirt auf das Seelenleben. Man hört nur noch die Elster und den Nußhäher, das Jahreswachstum ist fertig, und nur dem Werdenden wird gesungen. Berthold Auerbach, dessen Wirken als Freund vielen zugute gekommen ist, fühlt aufs tiefste die Verpflichtung, den Leidenden zu helfen. Das bewährt er ergreifend bei dem großen Erzähler und Dramatiker Otto Ludwig, dem er in bitterer Not Unterstützung verschafft, an dessen Krankenlager in Dresden er täglich stundenlang voll Liebe und Güte sitzt. Ein treuer Helfer ist er seinen Angehörigen. Dresden, 5. April 1861. — — — Als ich heimkam, hatte ich eine freudige und erfrischende Nachricht. Mein Freund Otto Ludwig Jiat vom König von Bayern, zunächst auf ein Jahr, ein Stipendium 'von 400 Talern erhalten. Ich darf mir sagen, daß ich> dem tapferen Manne das miterringen half. Solches Tun für andere tut eigentümlich wohl, und es hat eine tiefe ethische Deutung, wenn es heißt: „Wer für seinen Nächsten betet, der wird desto eher auch für sich erhört.” Dresden, Mai 1863. — — — Ich blieb nicht lange bei Wolfsohn, der f'ut und herzlich ist und dessen Frau noch sehr eidet von einer schweren Operation an der Wange. Ich bin ein Sch’liach—Mizwa, und das bewegt mich sehr, und Du weißt ja, wie das bei mir ist. Ich habe ja schon längst eine derartige Geschichte vor; und nun muß ich sie selbst durchleben. Das ist oft mein Schicksal! Ich habe vom Verein der Berliner Presse u. A. soviel zusammengebracht, daß ich meinem armen Freunde Otto Ludwig 42 Nap. d’or bringen konnte. Zu ihm drängte mich’s vor allem. Berlin, 26. November 1861. Eine große Freude habe ich Dir zu berichten, lieber Jakob. Im Kummer über den Tod meines Bruders und die Verlassenheit seiner Kinder ging mir’s nicht aus dem Sinn, mich an Dr. Ellissen zu wenden. Und so schrieb ich an E. und gab ihm anheim, einen der Knaben meines Bruders auf seinem Lebenswege zu unterstützen. Nun erhielt ich gestern einen Brief von E., so echt menschlich schön, worin er nur bedauert, sich jetzt noch nicht persönlich der Lebensführung des Knaben hingeben zu können und 300 fl. jährlich bis zur Selbständigwerdung des Knaben bietet. Ich sendete die Botschaft sofort weiter und schrieb nach Nordstetten an den Lehrer und meine arme Schwägerin. I LEO BA£C&~] I IISTITUTS | . <s> Meine Mutter hat mir oft gesagt: du bist der Joseph der Familie, und es kommt mir manchmal jetzt selbst so vor. Als auf seine Glaubensgenossen Schweres einstürmt, arbeitet er in den Vereinigungen, die zur Hilfe für die Betroffenen gegründet werden, tätig mit. Das Zusammenhalten ist ihm das Wichtigste. Er verzehrt sich in dem Wunsch, für die Seinen mit Rat und Tat zu wirken. Er betont auch die Notwendigkeit der Umschichtung und körperlichen Erziehung der Juden. So wie Leopold Kompert hat auch Berthold Auerbach seine Freude am jüdischen Handwerk. Das zeigen zwei Briefe aus der Heimat. Nordstetten, 24. Juli 1870. — — — Ich wanderte mit einem alten Schulkameraden, dem Schuhmacher Hcrzle,. den Weg, den Du kennst, über Egelstal nach Mühlen, und unterwegs gab es viel gute Erweckungen an Jugendspiele und Schulereignisse. Hcrzle ist ein Mensch, wie cs wenige gibt, namentlich wenig Juden. Ich war oft bei ihm, alser in Horb beim sogenannten Fußbekleider in der Lehre war, er wanderte als Handwerksbursche und litt viel unter der strengen Beobachtung der Speisegesetze. Als ich Gymnasiast war, war er Soldat in Stuttgart, und auch da lebten wir viel miteinander. Er verheiratete sich hier und blieb bei seinem Handwerk. Er arbeitet seit bald 40 Jahren hier, täglich, Sommers und Winters, von 5 Uhr morgens an bis nachts 8 Uhr, kümmert sich nichts um schnellen Gewinn der Handelsleute, hat sich ein gutes Vermögen erarbeitet, hat brave Kinder und lebt zufrieden und arbeitsam wie wenig Menschen; sein ganzes bescheidenes und dabei so tüchtiges und festes Wesen macht den besten Lindruck, und ich freue mich au einer so Stilb und gediegenen Natur, die keine Wünsche nach ,end einer Erweiterung hat und nichts will als a. iten, satt essen und schlafen und brave Kinder r. xhen. Nordstetten, 25. . "i 1870. — — — Nachmittags war ich zuerst au der Lehrerswitwe, dann beim Herzle. Sein ■ > lirbub, ein Christ, war am Sonntag nicht da.' und ich sali auf dem Schusterstühlchen, dem Fleißigen, der seit einigen Jahren zur Arbeit eine Brille trägt, gegenüber. Die Werkstatt hat die Aussicht nach dem oberen Schloßgarten, wo wir oft miteinander gespielt und wo vordem der einzige hier heimische zahme Kastanienbaum gestanden hatte. Herzle schlu? Stitte in die frischbesohlten Stiefel für abziehende S> Idaten, er arbeitet sehr exakt umd eine Sohle richtig festmachen, erfordert viel Hin- und Herwenden, Nähen, Klopfen, Feilen, Schaben. Es ist eine wahre Labung, dem braven Kerl zuzusehen und /u/uhören. Meine Fragen vom Tag vorher erweckten ihm auch mancherlei Erinnerungen, die er nun still auf seinem Schusterstühlchen für mich ausdcnM. Bei dem letzten großen Erlebiü-. das sein Dasejn ihm gewährt, bei der Fahrt zu den .sjlinoza-Stätten in Holland, wird Berthold Aueriiach lief bewegt durch die Erinnerung an die heldLlihattc Geschichte seiner Glaubensgenossen. In der portugiesischen Synagoge zu Amsterdam holt ihm der Sekretär zwei. Folianten aus dem Archiv und noch ein portugiesisches Manuskript aus dem 18. Jahrhundert, eine Chronik der Gemeinde, herbei. In französischer Uebersetzung trägt er Auerbach aus diesen alten Aufzeichnungen vor. Amsterdam, 10. September 1878. — — — Der Sekretär las mir immer weiter und immer mehr, er wurde allmählich durch meine Teilnahme immer wärmer. Ich vergaß Hunger und Müdigkeit und lebte so ganz unter den heldenhaften