Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XII (1935-1936)
- Issue
- 23 (1.3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 181 (sequence 3)
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181 — jetzt schon der Landesversammlung vorzulegen, weil über die zu erwartenden Schulgesetze noch nichts Näheres bekannt sei und die Auswirkungen deshalb noch nicht im Rahmen der Ueberlegungen berücksichtigt werden könnten. So habe die Landes- Versammlung deshalb jetzt nur die Aufgabe, den im vorigen Jahr bereits vorberatenen Voranschlag für 1935/36, der infolge der Entwicklungen des Jahres manche Aenderungen erfahren habe, sowohl nach unten als auch nach oben, zu beraten und den Steuerbeschluß zu fassen. Hierbei sei insbesondere auf den Antrag hingewiesen, der darauf hinauslaufe, eine Stärkung des Pensionsfonds zu schaffen. Die Israelitische Religionsgemeinschaft hat bisher ihren Verpflichtungen an Ruhegehältern und Hinterbliebenenbezügen aus den laufenden Steuermitteln Rechnung getragen. Die jetzige Entwicklung bringe aber die Befürchtung mit sich, daB bei Steigerung der Ansprüche und Schwächung der Leistungsfähigkeit die Aufgaben ohne Rücklagen nicht mehr erfüllt werden können, weshalb jetzt, wenn auch spät, hierfür besonders Vorsorge getroffen werden muß. Der Oberrat habe eine Aufstellung in den Drucksachen vorgelegt, aus welcher zu ersehen ist, welche Steuersätze in den (jroßgemcinden Deutschlands erhoben werden: in Berlin: 25>»» der Reichseinkommensteuer oder 30 «u der Reichsvermögenssteuer, in Breslau: 35 «u der Einkommensteuer und 43«« der Vermögenssteuer und Oemeindegcld, in f)iisa> e I d o t f: 20«« der Reichseiflkommeustcuer oder 3Qo/o der gezahlten Reichsvermögenssteuer und Kopfgeld, in Frankfurt a. AL: 27' i" » der Einkommensteuer oder 33' j°» der Vermögenssteuer und Gemeindegeld, in Köln: 30«» der Einkommensteuer oder Vermögenssteuer, in Königsberg: 30 «o der Einkommensteuer 1933 bzw. 55«o der Vermögenssteuer 1933. Die Aussprache: erstreckte sich auf die Darlegungen des Spargutachters, auf die Aufhebung von Stellen, die zu erwartende Neuregelung des Schulwesens, die Stärkung des Pensionsfonds, die Frage des Religionsunterrichts und' in längeren Darlegungen über die Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden. Der Oberrat versprach, dieser Aufgabe wie bisher sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Wenn er jetzt eine Senkung dieser Position vorschlage, so beruhe dies nicht darauf, daB er die Gemeinden weniger stark unterstützen wolle, sondern darauf, daß die Ansprüche, die von Seiten der Gemeinden gestellt werden könnten, durch die Anforderungen uer Isr. Zentralkasse hinsichtlich der Beiträge zu den Gehältern der. Rabbiner und Religionslehrer inzwischen andere geworden seien Schließlich wurde dann auch der Antrag des Ob«rrats zu dieser Position angenommen, wobei die im Vorigen Jahr nicht verbrauchten Mittel als übertragbar bezeichnet wurden. Die Beratung des Haushaltplans \Vurde Position für Position vorgenommen, und es ist selbstverständlich, daB es im Rahmen eines kurzen Berichts nicht möglich ist, Einzelheiten wiederzugeben. Längere Darlegungen erfolgten dann wieder bei dem Beitrag des Oberrats für die Reichsvertretung. Es : wurde hier zum Ausdruck gebracht, daB der Oberst hinter dieser Reichsvertretung stehe und daß es Aufgabe der Religionsgemeinschaft sei, die Mittel aufzubringen, die die Reichsvertretung benötige; werden doch aus dem Etat der Reichsvertretung die großen Aufgabengebiete der Berufsumschichtung, Auswanderungsfürsorge und Arbeitsvermittlung bestritten, wozu die Reichsvertretung noch sehr wesentliche Spenden von ausländischen Organisationen bekonfme. — Eine Debatte entstand nur darüber, ob es richtiger sei, den Anforderungen der Reichsvertretung zum Teil aus Steuermitteln, zum Teil aus Sammlungen Rechnung zu tragen, oder ob es richtiger sei, diese Ansprüche nur aus Steuermitteln zu befriedigen, weil es gerechter sei, derartige Beiträge auf die Schultern umzulegen, die auf Grund ihrer steuerlichen Veranlagung hierzu in der Lage seien. Es müsse beachtet werden, daB durch die Winterhilfe die anderen Sammlungen, insbesondere aber hier in Stuttgart die Jüdische Nothilfe, Not gelitten habe. Die Anforderungen an die Nothilfe seien durch die Entwicklung des letzten Jahres nicht kleiner, sondern wesentlich größer geworden. Es wurde dann von Seiten der Abgeordneten der Antrag gestellt, anstatt der im Haushaltplan-Entwurf vorgesehenen RM. 20000.— im Jahre 1935 für den Pensionsfonds RM. 40000.— einzusetzen, wodurch ein Umlagesatz von 6,5 vom Hundert an Stelle 6 vom Hundert nach dem Vorschlag des Oberrats auf Grund der Reichseinkömmensteuer 1934 und dreifachen Vermögenssteuer 1934 notwendig wird. Dieser Antrag wurde mit Mehrheit angenommen. - - ln dritter Lesung wurde der Haushaltplan und Steuerbeschluß einstimmig von sämtlichen Abgeordneten angenommen. Es ist dabei zu betonen, daB die Reichseinkommensteuer 1934 höher ist wie die des Jahres 1933, daß dagegen die Vermögenssteuer 1934 geringer ist wie die des Jahres 1933. Da eine Neuveranlagung zur letzteren nicht stattgefunden hat, beruht dieses Minderaufkommen auf Ausfällen durch Auswanderung und Todesfälle. Der Oberrat hatte der Landesversammlung zu der Beratung des Haushaltplans und des Steuerbeschlusses ein reichhaltiges Material über die verschiedensten Fragen, die mit dem Haushaltplan und SteuerbeschluB Zusammenhängen, vorgelegt. Der letzte Punkt der Tagesordnung: Ermächtigungsbeschluß führte zur Annahme des Antrags des Oberrats. Der Ermächtigungsbeschluß selbst ist als .amtliche Bek kanntmachung; abgedruckt. Berichterstatter zu diesem Punkt war Rechtsanwalt Mann- Ulm. Aenderungsanträge des Abgeordneten Hugo Davidsohn- Stuttgart zum Ermächligungsbeschluß wurden abgelehnt Der Atztrag wurde in der vom Oberrat vorgelegten Fornt angenommen. Zum Schluß wies der Präsident der Landesversammlung darauf hin, daß nach dem Kirchengesetz die Möglichkeit bestehe, Vorauszahlungen auf die Kirchensteuern zu erheben, auch wenn ein genehmigter Steuerbeschluß noch nicht vorliege. Dies müsse gerade in der jetzigen Zeit bei den vielen Auswanderungen von den Gemeindepflegen unbedingt berücksichtigt werden. Die Tagung wurde mit dem Dank für die geleistete Arbeit vom Präsidenten der Landesversammlung geschlossen unter dem Hinweis darauf, daß die Tagung dem Judentum in Württemberg 2um Segen gereichen möge. — Der Abgeordnete Ulbert AJlcr-Bad Mergentheim dankte der Geschäftsführung der Landesversammlung und den Berichterstattern für ihre Mühewaltung. Dem Gedenken unserer gefallenen Brüder.1 Zur Gefallenen-Gedenkfeier am 8. März. Wie alljährlich am Tag der Toten des Weltkriegs versammeln sich die Mitglieder des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Stuttgart, auch am kommenden 8. März beim Ehrenmal unserer Gefallenen auf dem Israel. Pragfriedhof, um in einer ernsten Stunde derer zu gedenken, die in schwerer Notzeit ihre Treue zu Deutschland mit dem Tode besiegelten. Allein die Israel. Gemeinden Stuttgart und Cannstatt haben 99 ihrer Besten im Weltkrieg verloren — und das Gefallenengedenkbuch des R. j. F., das viele Tausend Namen gefallener deutscher Juden enthält, wird für alle Zeiten das erschütternde Symbol jüdischen Opfers sein. So wollen wir uns am 8. März wieder mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten am Ehrenmal einfinden und die Zeugen jüdischen Heldentums in Treue ehren. Die ganze Gemeinde möge sich einfinden und so bekunden, daß ihre Söhne, die auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs und in der Heimat den Schlaf für immer tun, nie vergessen werden. Ludwig Holländer gestorben. ln den Nachmittagsstunden des 9. Februar starb nach schwerem Leiden Dr. Ludwig Holländer, der frühere Direktor des Central-Vereins. Mil ihm ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die jahrzehntelang im jüdisch öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle gespielt hat. Seit 1908 Syndikus des Central-Vereins und später dessen Direktor, trat er mit Rücksicht auf sein schweres Leiden im Jahre 1933 in den Ruhestand. Als Leiter des Central-Vereins beeinflußte Ludwig Holländer in starkem Maße die ideologische Grundrichtung des Vereins und die von ihm herausgegebene Monatsschrift „Im Deutschen Reich”, die im Jahre 1922 in die CV.-Zeitung umgewandelt wurde. Die im Jahre 1919 erfolgte Gründung des Philo- Verlages geht auf Ludwig Holländer zurück. In der studentischen Bewegung stand er als erster Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses des KC. (Kartell-Convent) an führender Stelle. — Am 12. Februar wurde Ludwig Holländer zu Grabe getragen. Rabbiner Dr. Leo Baeck zeichnete in einer tiefempfundenen Ansprache Holländer als eine Persönlichkeit, die um Gedanken und Erkenntnisse gekämpft und als ein Mensch des Buches um die Grundlagen seiner Anschauungen gerungen hat. Jm Namen des Vorstands des Central-Vereins und des KC. rief Rechtsanwalt D r. Krombach (Esfcen) dem Toten Betr. Altersversorgung Wir weisen darauf hin, dal; Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung dhrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und (ür Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge (ür Leibrentenversicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute unverbindlich in Anspruch. Familienschutz E. V. Beratungsstelle (.Altersversorgung Berlin W 8, Taubenstr. 35 / A 2 Flora 4417, 4418 Geschäftsstellen: Bezirksdirekt^tür^Württember^: August Rothschild, Stuttgart-W, M.ri.nstr 1 b, Tel. 24307 Für Ulm und das Württ. Oberland . Fritz Essinger, Ulm/D., Hirschstr. 1, Tal. 4564 die letzten Grüße nach. Namens des engeren Freunl-; deskreises nahm Dr. Rudolf Steinharter iß' tiefbewegten Worten Abschied von einem Mannei, der einer bedeutsamen Epoche der Juden in Deutsch!- land sein Wesen aufgeprägt hat. Landesverbandssitzung des Reichsbunds jüd. Frontsoldaten. Am 9. Februar traten die Vorsitzenden der Landesverbände des R. i. F. mit ihren Kameraden der Bundesleitung in Berlin zusammen. Nach der Tradition des Bundes begann die Sitzung mit dem ehrenden Gedenken an die gefallenen Kameraden. Hieran knüpfte der Bundesvorsitzende, Dr. Leo Löwenstein, seine Begrüßungsworte. Nach inhaltsreichen Berichten von Dr. Ernst Rosenthal, Dr. E1 slb a c h und dem Sportdezernenten des Bundes, Walter Beck, referierte der Bundesvorsitzende selbst über die Stellung des R. j. F. innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die einmütige Auffassung der Versammlung fand dann in der folgenden Erklärung ihren Ausdruck: „Die am 9. Februar 1936 in Berlin versammelten Vorsitzenden der Landesverbände zles Reichsbundqs jüdischer Frontsoldaten haben von den Berichten des Bundesvorsitzenden (und der Mitglieder der Bundesleitung über die Arbeit des Bundes Kenntnis genommen. Sie sprechen für diese Tätigkeit Dank und Anerkennung aus. Namens aller 16 Landesvprbäiicle X ■ Ladhamdl Gespräch mit dem unbekannten Leser „Bitte denken Sie doch einmal einen Augenblick zurück, lieber Leser, zurück an — den 8. Februar. Wissen Sie vielleicht noch, wie die Bäume an Niedern Tage ausgesehen haben, ob die winterlich-kahlen Gesellen frohe oder trübe Mienen ,machten „Aber lieber Freund”, so werden;Sie jetzt sagen, „wollen Sie unich in vorweggenömmener Purim- Frohlaune ein bißchen verulken, weil Sie mich nach den „Gesichtern” der Bäume in der ersten Februarwoche fragen? Wissen Sie, zu solchen Scherzen bin ich wirklich nicht aufgelegt — und schließlich werden Sie das auch begreifen!” „Aber lieber Leser, ich — und Sie verulken! Wo denken Sie hin! Es ist mir ernst! Also hören Sie mal: Am 8. Februar da war doch „Ohamischali assar b’schwat” — das ist der fünfzehnte Tag des Monats Schwat. Bitte denken Sie daran, daß nach uralter jüdischer Auffassung an diesem Tag der nährende Saft der Erde aus dunklen Tiefen in alle Wurzeln und Würzelchen steigt, daß er wie ein warmer Blutstrom durch das tausendfältige Adernnetz der frierenden Bäume strömt und sie ahnen macht, daß der Frühling nun nicht mehr lange auf sich warten läßt. Ist es denn so ganz unmöglich, daß da ein Baum, dem Gott einen linden Hauch im Klirresang des Frostes aus der Ewigkeit zufächelt, ein fröhliches Gesicht macht?” „Lieber Herr, das kling! ja alles sehr schön, was Sie da erzählen — aber kehren Sie doch lieber zurück in die harte Wirklichkeit dieser Zeit. Jeder hat da heute große Aufgaben zu erfüllen, und auch Sie werden bald keine Zeit mehr finden, die Bäume zu analysieren, wenn Sic erst Ihr Traumland verlassen haben. Ich hatte am 8. Februar, oder wie dieser geheimnisvolle Tag sonst noch heißt, keine Zeit, in der Runenschrift dürrer Baumäste zu lesen . . „Mein Freund, ich weiß nicht, ob Du Kinder hast. Wenn Du Kinder Dein eigen nennen darfst, daun frage diese einmal, ob am „Chamischah assar b’schwat” die Bäume fröhlicher ausgesehen haben als sonst. Und blicke dabei in die Augen Deiner Schößlinge, in denen die Seele Deiner Gemeinschaft sich freundlich-milde spiegelt . . . .” „Ja gewiß”, so wird Dein Kind Dir antworten, „am fünfzehnten Schwat habe ich den „Bäumen angemerkt, daß das Leben sich in ihnen regt Im kalten Nordwind blickten sic fröhlich in den Tag hinein . . . und wir haben uns so gefreut . . . mit den Bäumen ...” i Also: meine kleine Tochter jedenfalls hat de Bäume am fünfzehnten Schwat lachen sehen - urd als das Kind, selber strahlend, cs dem Vater g ihcimnisvolF mitteilte, da ging auch dem das He z auf. . . und wir beide wußten, jeder auf seine Alt, daß die Weltenblüte nicht mehr fern, “Daß Gott |t diesen Tagen durch die Lande geht und das große Wunder ewigen Werdens gnadevoll in Same, Kci|i und Pflanze senkt. Als. dann die Schüssel mit <141 saftigen Früchten auf dem Tische stand, als Kindts - äugen begehrlich das Rund goldener Orangen utj - schmeichelten und sich von jungen Lippen, zart \v|e ein erstes Blütenblatt, das alte schöne Dankeswert „ . . . baureh pri hoez” löste, in den Raum schweb!c und sich dann feierlich — ein Segen fast — auf u lsere Häupter legte. . . da spürte ich aufs neue tiie heilige Allgewalt und -ganze tiefe Innigkeit unser :r jüdischen Feste. Und zugleich sah ich den schwere n, steilen Weg, der vor meinem Kinde und uns all n liegt. Doch wir fühlten es getrost: so wie Gott f »r seine Bäume sorgt, so sorgt er auch für seine Meischenkinder . . . Drum waren wir guten Mutes ui d feierten das schöne „Neujahrsfest der Bäume", fern der Scholle, der es entwachsen . . . Als ich dann später einen Blick durchs Fenst:r warf, just auf meine liebsten Nachbarn — die Bäume — da lachten diese gerade laut auf, so laut, däß die feinen Kristalle des Rauhreifs auf die Straße sprühten und wir es selbst im Zimmer hörten . , . » Hans Stemheimi