Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XII (1935-1936)
- Issue
- 22 (16.2.1936)
- Date
- 1936-02-16
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
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1 tum — Europa“ zu wünschen, d. h. eine Untersuchung darüber, wie oder ob „eine Verschmelzung des historisch-jüdischen mit dem fremden Element“ sich ermöglichen läßt, ohne daß die jüdische Kultur in ihrer spezifischen Erscheinungsform merklich gestört wird. Aus dem Werk, das mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und Verantwortlichkeit, in klarer systematischer Form und edler Sprache aufgebaut ist, spricht eine große jüdische Persönlichkeit. Sein Verfasser hat die Bedeutung so mancher Frage erkannt, lange bevor sie durch die Ereignisse des Tages zum aktuellen Problem gemacht wurde, z. B. die Wichtigkeit des Hebräisch-Lernens, die Auseinandersetzung des Diasporajuden mit JtErbwelt und Umwelt“. Das Buch ist wohl geeignet, Weg und Richtung zu weisen und zu mehren den „Rest der umkehrt“.' P. D. Der Delegiertentag der Z.V.f. D. an die Juden in Deutschland. Die 25. Delegiertentagung der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland” wurde am 2. Februar in Berlin in Anwesenheit von beinahe 300 Delegierten eröffnet. An der Tagung nahmen der frühere Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Warbürg, ferner Kurt Blumenfeld, l)r. Georg Landauer und viele andere Persönlichkeiten der jüdischen Welt teil. Nach dreitägigen Verhandlungen, in denen vor allem Aufgabe, Leistung und Bewährung der zionistischen Bewegung als Trägerin jüdischer Kulturarbeit, der Aufbau der jüdischen Schule, die Problemstellung „Zionismus Palästina — Judenfrage”, die Ergebnisse und Perspektiven der Alijah aus Deutschland und die Bedeutung des nationalen Kapitals beim Palästina-Aufbau behandelt wurden, kam eine große Zahl von Beschlüssen und Resolutionen zur Annahme. Jn einer Entschließung billigte der Delegiertentag u. a. den vom Gcschäftsführenden Ausschuß vor kurzem proklamierten Führungsanspruch der Zionistischen Bewegung und ermächtigte den Geschäftsführenden Ausschuß, die zionisti- > sehen Vertreter aus Körperschaften zurückzuziehen, in denen Zionisten in Zukunft ein ausschlaggebender Einfluß nicht gesichert werden sollte. Jn den grundsätzlichen Resolutionen, die zu den Auswandcrungs- Broblernen gefaßt wurden, wird die von der Samuel- 'elegation eingeleitete große Hilfsaktion begrüßt und die Stellungnahme der zionistischen Bewegung zur Auswanderung nach außerpalästinensischen Ländern präzisiert. Zum Vorsitzenden der Z. V. f. D. wurde Dr. Siegfried Moses einstimmig wiedergewählt. An die Judenheit in Deutschland wandte sich der 25. Delegiertentag der Z. V. t. D. mit folgendem Autruf: Der 25. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wendet sich mit einem brüderlichen Appell an die Judenheit in Deutschland. Das jüdische Schicksal in einer Zeit historischer Wende und Wandlung der gesamten jüdischen Lebensgrundlage, in einer Zeit, wo große Massen des jüdischen Volkes in Bewegung und Wanderschaft geraten sind und eine neue Form unserer Existenz aus eigener Kraft geschaffen werden muß, verlangt die Zusammenfassung aller jüdischen Energien für die Aufgabe der nationalen Erneuerung unseres Volkes, deren Krönung ein friedliches und Kulturell schöpferisches jüdisches Nationalheim in Palästina sein soll. In der schweren Aufbauarbeit, deren Früchte allen Juden — und in der letzten Periode besonders auch den Juden Deutschlands — zugutekommen, bedarf der Zionismus, dessen schwere und verantwortungsvolle Aufgaben der Delegiertentag sichtbar hervortreten ließ, der Mitarbeit aller Juden. Kein Jude darf heute abseits stehen, wenn es gilt, an der jüdischen Zukunft mitzuarbeiten. Gerade in einer Zeit, in der nach einer Periode erstaunlichen ununterbrochenen Aufstiegs das Aufbauwerk in Palästina vor gewissen Schwierigkeiten steht, die der Delegiertentag rückhaltlos, dargelegt, aber auch auf ihr wahres Maß zurückgeführt hat, tedart es des Einsatzes aller Kräfte, umsomehr als die Stimme der Judenheit Deutschlands, die einen Ausweg für Tausende ihrer Menschen und insbesondere für ihre Jugend sucht, gewiß nicht »»gehört verhallen wird. Nur eine starke und geschlossene Zionistische Organisation, deren Mitglieder von dem Bewußtsein persönlicher Verpflichtung und Verantwortung* erfüllt sind, kann dieser geschichtlichen Aufgabe genügen. Durch den Anschluß an die Zionistische Organisation wird jeder, der zu uns kommt, nicht nur seinen Anteil an der großen jüdischen Schöpfung unserer Zeit leisten, sondern auch das beglückende Bewußtsein empfangen, daß es über alle Not der Judenfrage hinweg einen Sinn und eine große Zukunftsperspektive un Leben des jüdischen Volkes gibt. Das Wohl des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit ist unser höchstes Ziel. Darum rufen wir von diesem Delegiertentag alle Juden, in deren Herzen die Liebe zum Judentum nicht erloschen ist, zur gemeinsamen Arbeit, zur Einreihung in die von Theodor Herzl geschaffene Zionistische Organisation, die durch geeinte Kraft das jüdische Volk zu einem neuen Leben führt. Die Beschlüsse des Delegiertentags sehen u. a. die Einführung eines „Monats der Zionistischen Organisation” vor. Die Zionistische Ortsgruppe Stuttgart leitet in den nächsten Tagen schon diese neue jntensivierung der zionistischen Arbeit durch eins Reihe von Veranstaltungen ein, die von allen Gruppen der Z. O. G. getragen wird. Die „Wizo”, der „Misrachi”, der „Hecnaluz“, die „Hakoali” — sie alle stellen sich in den Dienst dieser großen geistigen Aktion im Sinne des Appells, den der Delegiertentag an die Juden in Deutschland gerichtet hat. k Anläßlich des „Monats der Zionistischen Organisation” sind der Z.O. G. Stuttgart von verschiedenen :«iten Adressen zugegangen. So hat der Vorsitzende da Zionistischen Bezirksverbands Württemberg, I - . r\ i» ucr iou darüber gegangen war, blieb Heinrich Heines Gesicht arnt und bloß zurück: seine Totenmaske ist das Antlitz eines bärtigen alten Juden, das von Leid und Krankheit durchzogen ist und abseits von allem Gewollten und Erhofften das Unentrinnbare zeigt: es ist das Schicksal des jüdischen Menschen, es ist ein Denkmal des jüdischen Wegs, das hier offenbar wird. | In diesem Totengesicht ist nichts mehr übrig von dem eleganten jungen, den die Berliner Salons als einen deutschen Byron feierten. Es ist nichts mehr darin von der lauten und selbstsicheren Arroganz des jungen Juristen, der seine Not und sein Gebundcnsein mit ihr überschreien wollte. Es ist auch nichts mehr da von dem herrlich kampfbereiten Journalisten der Pariser Tage, nichts mehr von dem Mann der scharfen Feder, die gegen alle Unfreiheit in der Welt zielte. Der da liegt, ist nur noch ein „enfant perdu“ — einer von dem verlorenen Haufen, die solange die Kampfreihe halten, bis die Brüder hinter ihnen sich gerettet haben. Der da liegt, gesteht es ein: meine Waffen sind nicht gebrochen — Nur mein Herze brach.“ Dies schöne, helle, liebenswerte Herz mußte brechen, weil es sich selbst von den Quellen seiner eigenen Kraft abgeschnitten' hatte. Es mußte für eine fremde Sache verbluten, die es doch in heiligem Glauben für die seine hielt. Wenn er spottete, war’s der Schmerz um das Land, in dem er geboren, das einen anderen Weg als den ging, den er für seinen rechten, für den Weg seiner Weltsendung hielt. In der Vorrede zu „Deutschland“ steht das leidenschaftliche Bekenntnis zu dieser Weltsendung Deutschlands, an die er glaubte: „Wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seinei* Erniedrigung retten, wem wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister es gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jünger... Die ganze Welt wird deutsch werden!..... Das ist mein Patriotismus!“ Das ist sein Patriotismus - und sein Heimweh, dieses Heimweh eines Menschen zwischen den Völkern, und keiner hat es schöner gesagt als Heinrich Heute, als er niederschrieb, was vor kurzem wieder in tausend Herzen klagend aufzuckte: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland—“ Das schreibt dieser Heinrich Heine, der sein älteres Vaterland, die heiligen Bindungen der Väter, mit der Taufe aufgab, der das böse Wort von dem „Entreebillett in die europäische Kultur“ geschliffen hat. Aber diese Bindungen ließen i h n nicht los. Der junge Mensch, der sich in Hamburg und Berlin noch für eine jüdische Renaissance begeisterte, der Dichter des „Rabbi von Bacharach“, wirft ziyar die Bindungen an das Judentum weg — und spürt sie immer wieder an seinem Herzen zerren. Der da nach den Pogromen Rechtsanwalt Dr. Manfred Scheuer (Heilbronn) an die Z.O. G. folgende Worte gerichtet: „Der einzige seelische Rückhalt in schwerer Zeit ist der Anschluß an die jüdische Volksgemeinschaft, wie sie durch die Zionistische Organisation verkörpert wird. Die einzige innere Befriedigung in schwerer Zeit für den Juden ist die Mitwirkung am Aufbau seines Landes”. Woher stammen die Namen Dreifuss, Bloch, Weil? Von Gustav Samuel, Stuttgart. Von den Familiennamen der Juden aller Länder gehören die von Gegenden und Orten entlehnten nicht nur zu den zahlreichsten, sondern auch zu den ältesten. Ihr Aufkommen läßt sich bereits kurz nach Ablauf des ersten Jahrtausends der christlichen Zeitrechnung feststellen. Daß sich gerade bei den . Juden Herkunftsbezeichnungen von Ländern und Orten als Namen so überaus häufig zeigen, hängt mit den vielen, oftmals erzwungenen Wanderungen zusammen. Denn neben starkem Familiensinn war eine große Anhänglichkeit an die Heimat, an die Stätten, wo die Eltern lebten und begraben sind, von jeher eine charakteristische Eigenschaft der Juden. Die Erinnerung an die Länder und Orte, wo sic einst zu Hause gewesen waren, haftet hoch Jahrhunderte in ihren Namen. Die unsteten äußeren Lebensbedingungen, der meist unfreiwillige Wechsel der Wohnorte mußte die organische Entstehung von Beinamen nach der Herkunft in einer gai^z anderen Weise fördern als bei bodenständigen Völkern und Bevölkerungsgruppen. So kann es denn nicht wundernehmen, daß diejenigen Zunamen, die innerhalb der jüdischen Gemeinden am frühesten die Gestalt fester, sich vom Vater auf den Sohn vererbender Geschlechternamen aufweisen, solche nach dem Herkunftsland oder -ort sind. Einei der häufigsten Namen der südwestdeutschen, französischen und schweizer Juden ist Dreifuss. Er hat nichts mit „drei Füßen“ zu tun. Zu seinen ältesten schriftlichen Ueberlieferungen gehört eine Konstanzer Urkunde aus dem Jahre 1445, in der zwei Brüder Gabriel und Mänli Treviess erwähnt werden. In Italien war der Name schon ein Jahrhundert zuvor durch Rabbi Mordechai T reves vertreten, und noch heute heißt eine der größten Buchhandlungen Roms Fratelli Du düstres Märtyrerlied,; das ich so lang geiragen | 3m flammenstillen Gemüt! (Sd dringt in alle Ohren, , Und durch die Ohren ins Herz,- | Ich habe gewaltig beschworen I - Den tausendjährigen Schmerz. ' <&i weinen die Großen und Kleinen, sogar die kalten Herrn, . Die Frauen und Älumen weinen, . <St weinen am Himmel die Stern'. | Und alle die Tränen fließen! Nach Süden im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all' in den Jordan hinein. Heinrich Heine von Damaskus die Zeitungsfehde ge£en diese Barbarei eröffnete, hat ähnliches erlebt, wie Theodor FJerzI in sich in eben diesem Paris erfuhr, alsman in den Straßen „A mort les juifs“ brüllte. Aber für Heinrich Heine ist sein Judentum noch eine Angelegenheit rein des Geistes und Glaubens, nicht des Volks. Er ist der Assimilant von reinem Wasser. Und so bleibt ihm sein Judentum nicht eine Heimat, in die der schwer Getroffene wieder heimkehren kann, so ist es für jhn nur eine Möglichkeit, sich angstvoll dorthin zu »flüchten. Seine Umkehr in den Jahren der Matratzengruft ist keine Heimkehr, sie ist Flucht eines vplljg Gebrochenen. Aber das schöne Herz, schlägt nun in dem Gleichtakt mit jenen anderen Herzen, die sich ihres Judentums nicht schämten. Und so vermag es die Melodien zu hören, die sein Volk singt, wenn auch manchmal die „frechen Reime eines Spottgedichts“.die Angst vertreiben sollen, die er sich eingesteht. „Hebräische Melodien“ singt er, Bilder hoher Ahnen beschwört er -- und wunderschöne Worte über die Bibel stehen in seinen Briefen.... Dann kommt der Tod und löscht die Maske seines Lebens aus und enthüllt das Gesicht seines Todes. Ein alter, armer Jude liegt vor uns, einer der nicht begriff, daß er nur im Dienen jene Freiheit hätte Finden können, für die er sein Leben lang kämpfte. Die Totenmaske Heines ist ein Schicksalsgesicht das Gesicht eines Heimatlosen, den das Wesen und der Weg seines Volkes .trotz aller Wehr nicht losließen. Sie lassen keinen von uns los. Martha Wertheimer. Treves (Gebrüder T.). Zu Sulzmatt im Elsaß ist 1694 die Form Tryfus urkundlich belegt, die dann in T refousse übergeht Sie alle sind nichts anderes als Treves, die französische Form für Trier, die alte Keltenstadt an der Mosel, als „Augusta Trevcrorum“ der Sitz der römischen Kaiser für den Westen: die Stadt der Treveraner, für die ihr derzeitiger Rabbiner Altmann den Nachweis zu führen sich bemüht, sie sei die älteste Judensiedlung auf deutschem Boden. Als 1555 unter der Regierung des Kurfürsten Johannes IV., Grafen von Isenburg, die Juden aus Trier ausgtfwiesen wurden und zumeist in das benachbarte Elsaß »änderten, wurde auch hier, wie überall, auf den Einwohnerlisten — da keine Familiennamen angegeben werden konnten — zum hebräischen Rufnamen der Herkunftsort Treves oder Trev’us (als Abkürzung für Treveranus) hinzugeschrieben, um die Rubrik auszufüllen. Da aber die Sprechweise „ei“ statt „e“ eines der wesentlichsten Kennzeichen der jüdischdeutschen Mundart ist, wie sie sich auch in manchen deutschen Provinzialdialekten erhielt („geit“ „geht"), so konnte Treves-Trevus von den Juden_nicht gut anders als „Dreifus“ gesprochen werden, wobei wohl auch die Volksetymologie mitwirkte. Die Familie des franz. Artillerie-Obersten Alfred Dreyfuss stammte aus Mühlhausen (Eis.), ihr Ahnherr war einer jener aus Trier Vertriebenen. Gleichfalls im Stromgebiet des Oberrheins stark verbreitet ist der Name Bloch. Auch er ist eine Herkunftsbezeichnung, die im 14. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Die damals in großen Scharen vor den schlimmen Judenverfolgungen jener Zeit aus den deutschen Landen in das gastlichere Polen Kasimirs des Großen Geflüchteten wurden von den dort bereits ansässigen Stammesgenossen als „Bloch" bezeichnet; so lautet die jüdische Sprechweise des slawischen „Wloch“, d. i. „Welscher“ im Sinne von Westländer, \fcestjude. Daß der Name aber auch im deutschen |Südwesten sehr häufig ist, rührt daher, daß im 17. Jahrhundert aus Anlaß der Pogrome des ukrainischen Kosaken-Hetmans Chmelniecki (1648) eine immerhin nicht unbeträchtliche Rückwanderung solcher „Blbch“ vom Osten nach dem Westen erfolgte. Die deutschsprechenden Siebenbürger Sachsen nennen den Bewohner der Walachei übrigens gleichfalls „Bloch“. j Zu den ältesten und häufigsten deutschen Jupennamen gehört auch Well in seinen verschiedenen Schreibweisen (Weill, Weyl, Weyll, Weiter, Wyler u. ä.), — ein typisch süddeutscher Name, der nördlich des Mains erst im 19. Jahrhundert vorkoihmt.