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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1936-02-16 · 22 (16.2.1936) · p. Seite 171

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XII (1935-1936)
Issue
22 (16.2.1936)
Date
1936-02-16
Page
Seite 171 (sequence 1)
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Während aber damals Tausende von Juden ohne geeignete berufliche oder sprachliche Schulung, ohne Kenntnis der Verhältnisse im Einwanderungsland einfach auf gut Glück hinauszogen, um zunächst in irgendeinem der Nachbarländer — wie Frankreich, Hofland oder der Tschechoslowakei — abzuwarten, ist heute die Lage wesentlich anders. Jetzt muß und will der jüdische Auswanderer in den meisten Fällen die Heimat verlassen, weil er keine Erwerbsmöglichkeiten mehr vor sich sieht. Er geht nicht mit dem Willen hinaus, irgendwo auf die Möglichkeit einer Rückkehr zu warten, sondern mit dem festen Entschluß, womöglich eine neue Heimat zu finden. Deshalb will er sich auch vorher recht sorgfältig über seine Aussichten in den verschiedenen Einwanderungsländer» unterrichten lassen und besitzt vielfach die Tatkraft, sprachlich und oft auch beruflich auf das Leben im neuen Lande sich vorzubereiten. Aus der chaotischen Emigration von 1933 ist eine allmähliche, in hohem Maße planmäßig gelenkte jüdische Auswanderung geworden. Freilich stößt das Bestreben, planmäßige jüdische Auswanderungspolitik in der Weise zu betreiben, daß jeder Auswanderer möglichst dahin geleitet wird, wo er am ehesten Aussicht auf eine neue Existenz hat, auf ungeheure Schwierigkeiten. Eine der größten liegt in der beruflichen Struktur der Juden. Mag auch die Umschichtungsbewegung — deren Leitung in den Händen der Reichsvertretung liegt — einen großen Teil der jüngeren und körperlich geeigneten Menschen zur Handarbeit umschulen, so besteht doch die große Mehrheit derjenigen Auswanderungswilligen, die nicht nach Palästina gehen, aus Menschen, die kaufmännische oder gar intellektuelle Berufe haben. An diesen beiden Kategorien aber besteht leider fast nirgends wirklicher Bedarf — im Gegenteil, der Ueberfluß an Akademikern ist heute ein Weltproblem, das etwa in Frankreich’ ebenso akut ist, wie in den meisten südamerikanischen Ländern, und das die jüdische Einwanderung um so mehr erschwert, als der überall erstarkende Nationalismus gerade die akademischen Berufe vor „Ueberfremdung“ durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen weiß. Auch kaufmännische Angestellte und selbständige Kaufleute sind im allgemeinen sehr schwer unterzubriugen — zumal wenn sie über kein Kapital verfügen —was bei unseren Auswanderern schon infolge der Devisengesetze die Regel ist. Verhältnismäßig leicht ist die Unterbringung aller Arten von Handwerkerberufen, von Hauspersonal, Landarbeitern und Landwirten, die aber bei der Berufsstruktur der deutschen Juden nur selten vertreten sind. Zu diesen großen, aus der anormalen, sozialen Schichtung der Juden in Deutschland entspringenden Schwierigkeiten der Auswanderung kommen nun aber vor allem die tausendfachen und im einzelnen noch täglich wechselnden Hemmungen, die sich aus den Einwanderungsbeschränkungen der überseeischen Länder ergeben. Kein Außenstehender macht sich einen Begriff davon, welche u n - s ä g I i c h-e n Mühen unter diesen Umständen selbst eine bescheidene auswanderungspolitische Leistung erfordert. Vergeht doch kaum eine Woche, ohne daß dieser oder jener überseeische Staat, neue Einwanderungsbestimmungen erläßt, oder noch häufiger durch seine Konsularbeamten die Handhabung der geltenden Bestimmungen ändert, d. h. meistens verschärft. All dies muß, ebenso wie die Wandlungen der Wirtschaftslage in sämtlichen überhaupt in Frage kommenden Einwanderungsländern und die jüdische Auswanderung aus Deutschland hat sich bisher auf nicht weniger als 41 Länder verteilt! fortlaufend verfolgt und den ratsuchenden Auswanderungswilligen sofort übermittelt werden, wenn nicht schwerster, oft unwiderbringlicher Schaden verschuldet werden soll. Wenn doch die zahllosen Autoren, die heute ohne Kenntnis der harten, auswanderungspolitische» Wirklichkeit, großartige Pläne zur Massenauswanderung entwerfen, einmal Einblick nehmen könnten in die tägliche Arbeit der Stelle, der die Leitung der gesamten jüdischen Auswanderung nach allen Ländern, außer Palästina, anvertraut ist, und die seit langem von der Reichsstelle für Wanderungswesen als gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Aus- und Durchwanderung anerkannt ist — das Berliner Zentralbüro für jüdische Auswanderungsangelegenheiten beim „Hilfsverein der Juden in Deutschland“. — Während sich im oberen Stockwerk von früh an die Zahl der Ratsuchenden sc gewaltig staut, daß oft viele Dutzende von Menschen gleichzeitig warten, fertigt einer der leitenden Beamten des Hilfsvereins auf Grund einer unersetzbaren, mehr als dreißigjährigen Erfahrung, einen der Ratsuchenden nach dem andern ab. Währenddessen wird in den benachbarten Büros und vor allem im unteren Stockwerk, wo der Leiter des Hilfsvereins, Dr. Wischnitzer, seines Amtes waltet, eine Fülle von Post, nicht nur aus allen Teilen des Reiches, sondern buchstäblich aus allen Ländern der Welt, beantwortet - Briefe aus Charbin und der Mandschurei, und Briefe aus Samoa in der Südsee, Briefe aus Haiti in Westindien, und immer wieder Stöße von Briefen aus Argentinien, Brasilien, Südafrika, den jetzigen Haupteinwanderungsländern für deutsche Juden. — Zeitungen und Zeitschriften in den verschiedensten Sprachen werden durchgesehen, exzerpiert, übersetzt. Ferngespräche aus der Provinz, aus dem Ausland werden gemeldet, Besucher aus England und Amerika abgefertigt und alles mit dem einen Ziel, zu helfen, daß möglichst viele deutsche Juden im Auslande ein neues Leben aufbauen können. Und durch diese zähe, unermüdliche Kleinarbeit ist es immerhin gelungen, 30- bis 40000 Juden aus Deutschland in überseeischen Ländern so unterzubrinen, daß sie heute schon wertvolle Stützpunkte für ie weitere jüdische Auswanderung bilden und vielfach ihre Verwandten »achkommen lassen - ein Resultat, das gewiß keinen Anlaß zur Selbstgefälligkeit, sondern nur einen Ansporn zu weiteren wanderungspolitischen Anstrenguqgen gibt. Sichern Sie die Zukunft Ihrer Kind durch Ausbildung im: Landschulheim Flori Höhere Schule und Internat 1. Schulbildung bis zum Ablturlum 2. För Knaben und Mftdchen von 6—18 Jahren 3. Unter Leitung bewahrter PSdagogen 4. Studienberechtigung in f. allen Staaten 5. Werkunterricht, Landarbeit, HaushaJtkunde 6. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztllche Ueberwachung, individuelle Förder 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport ft. Erstklassige Verpflegung 10. 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