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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-06-17 · 6 (17.6.1935) · p. Seite 47

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XII (1935-1936)
Issue
6 (17.6.1935)
Date
1935-06-17
Page
Seite 47 (sequence 1)
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Er versuche nicht, seinen Nächsten zu begütigen, solange der noch erregt ist: er gehe auf die Losung eines Gelübdes nicht ein. bevor der Gelobende sich gefaßt und beruhigt hat: er versuche nicht zu trösten, während die Leiche noch da liegt, weil vor ihrer Beerdigung der Mensch verwirrt ist. Wenn sein Nächster sich vergeht, schaue er nicht zu. sondern wende sein Auge von ihm ab. An seinem Worte ändere er nichts ab: er füge nichts hinzu und streiche nichts davon, außer wenn es um den Frieden geht. Ein Weiser gehe nicht mit hoch aufgerichteter Gestalt und gereckten Halses. Audi gehe er nicht mit winzigen Schritten und langsam. Auch laufe er nicht auf der Straße wie ein Toller und krümme nicht seine Gestalt wie ein Hödcriger, sondern er senke sein Auge, als stünde er im Gebet, und gehe auf der Straße wie einer, der mit seinen Sachen beschäftigt ist. Auch daran, wie ein Mensch geht, kann man erkennen, ob es ein Weiser und ein Mann von Charakter ist. oder ein Narr und Tor. Die Kleidung des Weisen sei einwandfrei und rein. Er kleide sich nicht in Prachtgewänder, in Gold und Purpur etwa, daß alle hinsdiauen müßten, aber auch nicht in ein ärmliches Kleid, das seinen Träger herabsetzt, sondern in schlichte einwandfreie Kleider. Der Weise ordnet sein Leben nach dem Grundsatz der Rechtlichkeit. Er esse und trinke und ernähre seine Familie nach seinem Vermögen, bürde sich aber keine Lasten auf, die unerträglich sind. Unsere Weisen fordern diese Lebensart: Der Mensch esse nicht eher Fleisch, als es ihn danach verlangt. Einem gesunden Manne genügt es, nur am Sabhathvorabend Fleisch zu essen. Hat er aber die Mittel, so mag er jeden Tag Fleisch essen. Unsere Weisen fordern: Der Mensch ernähre sich bescheidener, als es seinen Verhältnissen entspräche. Er kleide sich seinen Verhältnissen gemäß und gebe seiner Frau und seinen Kindern mehr, als es den Verhältnissen entspräche. Verboten ist es, daß ein Mensch sich all seiner Güter enteigne und dann den Menschen zur Last falle. Ebenso verkaufe er kein Feld, um dafür ein lluus zu kaufen, und er verkaufe kein Haus, um dafür bewegliches Gut einzukaufen oder um mit dem Gelde Handel zu treiben. Wohl aber darf er bewegliches Gut verkaufen, um ein Haus zu erwerben. Als Regel gelte: er sei darauf bedacht, seine Güter hützlich anzubringen, und das Ungesicherte in Beständiges zu verwandeln. Nicht aber sei sein Ziel der kurze Genuß einer Stunde, oder ein kurzer, durch großen Schaden erkaufter Genuß. Das Geschäft der Weisen sei in Wahrhaftigkeit und Treue geführt. Er spreche zum Nein: Nein! und zum Ja: Ja! ln der Abrechnung sei er streng gegen sich. Freigebig sei er. wenn er bei andern kauft, und sei nicht streng gegen sie. Den Kaufpreis bezahle er sofort. er übernehme aber keine Bürgschaft für Schulden und keine Vollmacht. Er nehme im Handel und Wandel keine andern Verpflichtungen auf sich als die. die ihm die Tora auferlegt hat. damit er sein Wort einhalten kann und es nicht abändern muß. Sind aber im Gericht andre als seine Schuldner befunden worden. dann sei er langmütig gegen sie und vergebe ihnen: er leihe aus und sei mild. Aach verdränge er seinen Nächsten nicht aus seinem Handwerk und füge nie in seinem Leben einem andern ein Leid zu. Als Regel gelte: Er gehöre zu den Verfolgten und nicht zu den Verfolgern, zu den Gtdemütigten und nicht zu den Demütigenden. Der Mensch aber, der sich nach all diesem und ähnlichen Grundsätzen richtet, auf den kann das Wort der Schrift angewendet werden: Er sprach zu mir: „Mein Knecht bist du. das Israel du. mit dem ich prangen darf." Elternhaus» Schule und Bund. Von Dr. Friedrich Brodnitz, Berlin. Drei Dinge formen heute die Zukunft der heranwachsendeii Generation deutscher Juden: Jüdisches Elternhaus, jüdische S di u I e und jüdischer Jugendbund. Ein vorbehaltloses Bekenntnis zu ihnen sollte bei Jedem vorausgesetzt werden, der mit Verantwortungsbewußtsein die Lage des deutschen Judentums überschaut. Als Forderungen bestanden sie schon vor dem grundlegenden Wandel unserer Lebensbedingungen. Das jüdische Elternhaus als Trägerin jüdischer Lebenstradition war schon lange als der beste Schutz gegen eine immer mehr um sich greifende Verdünnung unserer jüdischen Atmosphäre erkannt, die jüdische Schule als wichtigste: Helferin dieser Aufgabe der Verdichtung jüdischer Lebensluft gesehen und der jüdische Jugendbund als wirksamster Sammelpunkt der eigengesetzlichen Kräfte einer neuen Generation bewährt. Die schjwere Notzeit des deutschen Judentums hat diesen Forderungen stärksten Nachdruck verliehen. Von dem Wirken der drei Kraftströme: Haus, Schule und Blind wird es abhängen. ob es uns gelingen wird, eine Generation aufrechter, ungebrochener und ihres Wertes liewußter Menschen heranzuziehen. Es liegt in der geschichtlichen Entwicklung des deutschen Judentums begründet. daß das jüdische Elternhaus einstweilen dieser Aufgabe am wenigsten gewachsen ist. Mängel jüdischen Wissens und jüdischer Verbundenheit, die in >0 Jahren entstanden sind, können nicht in zwei Jahren ausgeglichen werden. Um so bedeutungsvoller wird die Aufgabe der jüdischen Schule. Für die Entscheidung zur jüdischen Schule ist n i ch t die Feststellung entscheidend, wie es dem jüdischen Kind auf der allgemeinen Schule geht. Entscheidend ist die Frage*: wo bekommen unsere Kinder das Maß jüdischen Wissens, jüdischer Gruppenbindung, jüdischen Stolzes und jüdischen Lebensgiefühles. das sie brauchen. um in so schwerer Zeit gerade und ungebeugte Menschen zu werden, die aus Leid und Schwerem den Anstoß zu Leistung und Zukunftsbejahung schöpfen können. Da unsere Elternhäuser dieser Aufgabe nur in den seltensten Fällen gewachsen sind, müssen wir die jüdische Schule fordern. Ihr tritt der Bund zur Seite, in dem der junge Mensch das Erlebnis der Kameradschaft findet, das Ringen dm neue Lebensformen und den Ansporn zu gemeinsamem Kreifteeinsatz einer Generation, die ihr Schicksal, das sie zu zerbrechen drohte, meistert. Elternhaus. Schule und Bund können ihre Aufgaben nur in verständnisvollem Zusammenwirken erfüllen Unsere 'Eltern müssen die jüdische Schule und den jüdischen Jugendheim! bejahen. Gerade, wenn sie selbst schon dem Entjudungsprozefl stark unterworfen waren, müssen sie die Helfer begrüßen, die ihnen entstanden sind. Deutsches Judentum wird nur weiterleben, wennes die Kraft zur Besinnung auf die schöpferischen Kräfte des Judentums aufbringt. AUS DEM INHALT: Wie der Weise lebt. 47 Elternhaus. Schule und Bund -t.47 Der Auftrag.. 4K Aus jüdischer Geistigkeit . .4M Das Gemeinschuftskonzert Mannheim- Stuttgart ..40 Max Osterberg 7(1 Jahre alt.i W Aus den Gemeinden Württembergs . , . . >0 Gottesdienstzeiten.VI Amtl. Bekanntmachungen.-VI Neues vom jüdischen Sport ....... i. VI Familiennachrichten.-52

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