Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XII (1935-1936)
- Issue
- 2 (16.4.1935)
- Date
- 1935-04-16
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
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- 15 - Die Befreiertat des Moses Maimonides. Von Bez.-Rabb. Dr. Beermann,(Heilbronn). An jedem Pesach tritt uns die gewaltige Gestalt Mosis vor die Seele, der aus einem Sklavenstamm ein freies Gottesvolk geschaffen hat. Am kommenden Rüsttage des Pesach nun sind es 800 Jahre, daß im spanisch-arabischen Cordova der zw e i t e Mosis geboren ward, Rabbi Mosche ben Maimon — abgekürzt „Rambom" — von dem verehrende Liebe sagte: „Von Moscheh bis Moscheh »erstand keiner wie Moscheh." Der Geist des Befreiungsfestes, wie er sich im Opferlamm, im gärungsfreien Festbrot und im herben Bitterkraut ausspricht, geleitete ihn durchs Leben. Vom Geiste opferfroher Hingebung war sein Leben erfüllt. Kaum dreizehnjährig war er vor die Wahl gestellt: Glaube oder Heimat. Fanatische Berberhorden, die von Nordafrika vorgedrungen waren, wollten nur Anhänger Mohammeds in ihrem Reiche dulden. So ging Maimonides außer Landes, überall Zeit und Kraft dem Studium der geliebten Gotteslehre widmend. Er schrieb unter all' der Unrast seines äußeren Lebens, ein Jüngling noch, seine arabische Erklärung der Mischnah; dieser Grundstamm des Talmuds sollte auch den arabisch sprechenden Bekennern des Islam Achtung abnötigen, er sollte die zu äußerlicher Annahme der mohammedanischen Religion gezwungenen Juden zur Rückkehr in ihr Judentum ermutigen und begeistern, er sollte die talmudfeindliche jüdische Sekte der Karäer zum rabbinischen Judentum wieder heimführen. Solchen Opfersinn bekundete er auch in seinem späteren Leben, wo er als Oberrabbiner der ägyptischen Judenheit und viel beschäftigter Arzt „seine Nächte zu Tagen wandelte", unvergängliche Werke verfaßte und so das Wort verwirklichte: „Die Wahrheiten der Gotteslehre werden nur durch den verwirklicht, dessen ganzes Leben eine große Aufopferung ist." Das gärungsfreie Festbrot ward ihm Sinnbild für die eigene Lebensarbeit. Durch Klarheit über die religiösen Lehren sollten die gärenden Zweifel aus der Seele getilgt werden. Dazu schuf er seinen „Mischneh tora" oder „Jad chasaka". Hier wird in 14 Büchern das ganze Gottesgesetz dargelegt, wie es sich aus Gotteserkenntnis und Gottesliebe zu Lebensweihe und Gottesdienst am Nächsten entfaltet. Und zur philosophischen Ergänzung schrieb er für seine Jünger den „Führer der Verirrten", in dem er das Judentum mit der damaligen Weltweisheit verglich und die Reinheit und Tiefe des jüdischen Gottbewußtseins feierte. Sich von Gott keinerlei Bild zu machen — diese Forderung verlangt nach ihm nicht nur, sich die Gottheit von aller körperlichen Gebundenheit frei zu denken, sondern auch das göttliche Geisteswesen als weit über allem Menschlichen erhaben darzustellen. Wenn wir Gott barmherzig und gnädig nennen, so heißt das nicht, daß Gott wie ein Mensch beeindruckbar, sondern daß Barmherzigkeit und Gnade von ihm begründete Pfeiler der sittlichen Weltordnung sind. Beide Werke suchen das Judentum in seiner Ganzheit darzustellen. Alle Gedanken und > Ordnungen der Thora haben das eine Ziel: „Ich stelle den Ewigen mir stets vor Augen, ist er zu meiner Rechten, ich wanke nimmer." Jude sein heißt, auch mit den Bitterkeiten des Lebens fertig werden, heißt den „Weg ohne Ende" gehen, die dornenvolle Wanderung durch alle Zungen, Zonen und Zeiten machen — aufgerichtet und gestärkt durch göttlichen Trost und ewige Hoffnung. Ein Sendbote des Trostes und der Hoffnung war Maimonides in manchem Brief und Sendschreiben, die der Rastlose an Israels Gemeinden sandte, so in seiner Darlegung über „Die Heiligung des göttlichen Namens", durch die er die jüdischen Zwangsmuhammedaner aufrichtete und ihnen Mut machte, zu gegebener Stunde frei und offen zum Judentum zurückzukehren,- so in seinem Briefe an die jemenitisdien Juden, unter denen angesichts religiöser Verfolgungen von außen ein beschränkter Schwarmgeist Verwirrung stiftete; diesen bedrängten Juden stellte Maimonides das wahre messianische Hfeil dar als die Zeit, „wo die Erde voll ist der rechten Gotteserkenntnis, wie Wasser den Meeresgrund bedecket". Diese Hoffnung gab unseren Vätern in banger Zeit Kraft, auszuharran und auszuhalten. „Obwohl mir bang und eng ist, meinen himmlischen Freund trag' ich im Herzen," so sprach Israel mit dem Hohenlied. Maimonides hat in seinem Volke das Bewußtsein geweckt, Wahrheiten von ewigem Werte und ewiger Klarheit zu besitzen; seine Werke sind leuchtende Fackeln geworden, die seines Volkes dunkle Leidenspfade erhellten, lichte Feuersäulen, die aus dem leiderfüllten Exil den Weg in eine helle Zukunft wiesen, „wo vor Galt sich beugt jedes Knie, wo dem Ewigen den Treueid schwört jede Zunge". Malhunnymig d)®ir ir=liSBa<glht Zum Pesachfeste S695 Alljährlich, im Atom der Friihlingswinde, kommt das Pesadifest zu uns — und wie die Nutur sich aus unversieglichem Jungbrunnen im Wechsel der Jahreszeiten erneuert, so keimt auch in diesen Tagen ernster geschichtlicher Erinnerung ein neues Hoffen in uns auf, ein Sehnen, in dem der Dank für Gottes Walten und fürsorgende Wegweisung mitschwingt. Wie feierlich ist es uns ums Herz, wenn wir aus dem Gotteshaus zum heiligen Dienste schreiten! Der stille Zauber der Sedc-rnacht macht uns mild und froh — wir wissen: ganz Israel feiert seine We rdestunde! Ein schmales Büchlein — die Hagadu — liegt auf blanker Festtafel, und in inniger Sammlung hören wir auf den Vortrag der uralten Seder-Ordnung. Feierlich klingen zu Beginn die Segenssprüche auf ... wir danken Gott für die Labe des Weinstocks und die Frucht des Erdbodens — und auch in der ärmsten jüdischen Hütte preist zu dieser Stunde der Hausherr den Ewigen, „der uns Leben und Erhaltung gegeben und uns diese Zeit hat erreichen lassen“. — ,. Schehechcjonii. wekijemonu ..." Und dann spricht das Kind die alte Frage nach dem Sinn dieser Feierstunde aus. In allen Jahrhunderten jüdischen Seins hat der Jüngste um Tische so gefragt — und in allen Jahrhunderten wurde ihm die gleiche, bedeutsame Antwort: ..Awodim hojiuu ... wir waren Sklaven Pharaos in Aegypten, aber der Ewige, unser Gott, führte uns von dort heruus mit starker Hund und ausgestrecktem Arme.“ Du packt es uns wieder, dieses starke, schmerzlich-beseligende Gefühl des gemeinsamen Schicksalswegs! Und still gleitet unser Blick üben die Symbole dieses Festes, über die bliitenreine Wedle der ungesäuerten Brote und die Erdbräune des Lehms, mit dem unsere Vorfuhren unter Aegyptens Glutsonne dem Pharao Städte bauten, die schon längst wieder in den Schall der Erde zurückgesunken sind. Wie kraftvoll und schlicht zugleich spricht doch die lluguda zu der Feiernden: „Seht, das armselige Brot, das unsere- Vü er im Lande Aegypten gegessen!" Ja. es war eine urnnelige Speise und ein hartes Leben der Fron — aber Gott wuchte über dem Volke und führte es den Weg :lef Wunder, den die ultvertrauten Bilder der Hugadu nun den Nuchfahren aufs neue künden. Fr hob b ruel aus der Enge der Knechtung in die Weit? der Freiheit, am Sinai gab er ihm die» Grundgesetze der Sittenlehre als unverlierbares Vermächtnis für alle Geschlechter der Welt. — i So versenken wir uns tief in die geschichtliche Erinnerung und geloben, uns dieser Wu ider würdig zu erweisen. Gott, der unseren \ütern b -istund, wird auch uns sein Antlitz leuchten lussen. wenn wir seine Wege gehen. Aber aus unserem gjten Vorsatz muH auch w i r k 1 i ch e r Dienst an ( ott und den Menschen werden! „Jeder, der hungrig und esse: jeder, der bedürftig, komme Pesach!" — So mahnt uns die llagaclu heilige Sedc-rnacht hinaus. Wenn wir dies unser Herz eingrahen und in echt religio-er Verwirklichung dem Bruder die helfende lland r iehen, wenn die Mahnung des Feslbüchleins immer in I.ielie von uns betätigt wird — dann wird auch der Segen des Pesachfestes uns zuw uchsen und die (icmciuschuft stark machen für den Weg. der vor ihr liegt. ,— i H. St. ist, komme und feiere über diees Wort in Dem Andenken Rabbi Moses ' Ben Maimons. Eine Gemeinschaftsfeier des Oberrats und des Gemeindevorsteheramts Stuttgart. Am lliisttuge des kommenden Pesachfestes sind es NOO Jahre, dull zu ('ordovu Kubbi Moses Ben Maimon geboren wurde, jener grolle Gelehrte und Arzt in Israel, dessen Andenken zurzeit in der Weltjudenheit in Ehrfurcht und Liebe gefeiert wird. Zusammen mit dem Israel. <»»errat hat auch das Israel. Gemcindcvotstc-hcrumt Stuttgart dem grüflten Juden der Dius|M>rct — ...Maimonides” — am 7. April in der Synagoge eine Gedenkstunde» gewidmet, die einen erhebe nden Verlauf nahm. Man darf von dieser Feier sagen, daß sie ein „Kidd lisch Haschern“, eine Heiligung des göttlichen .Xantens, bedeutete. In tiefer Aufgeschlossenheit lauschte die Gemeinde, zu der sich viele Rubbiner und Lehrer aus dem Lande gesellt hatten, der geistvollen Festpredigt von Rabbiner Dr. Auerbach, in der er das wahrhaft fromme, vom nimmermüden Dienst an Gott und den Menschen geprägte Leben des grollen Fürsten der Judenheit aufzeigte. Die feierlichen Klänge efnes aus Mitgliedern unserer Kunstgemeinschaft gebildeten Streichquartetts schwebten zu Beginn über der in tiefem Schweigen verharrenden Menge. Dann leitete ein Doppelquartett des Svnagogcnchors — „Adaun Olom“ von Rossi — unter der Führung von Oberkantor Leo Adler zur Ansprache Rabbiner Dr. Auerbachs über. Der Redner legte seinen Ausführungen das sinntiefe Wort des Propheten Jeremia zugrunde: „Es rühme sich nicht ein Weiser seiner Weisheit, es rühme sich nicht der Starke seiner Kraft, es rühme sich nicht ein Reicher seines Reichtums: deß rühme er sich. daB er mich erkenne als den Gott, der Gnade. Recht und Gerechtigkeit tut auf Erden und daran Wohlgefallen findet." Diese Worte stehen auch, so führte Dr. Auerbach aus, im letzten Kapitel des „Führers der Verirrten“, jenes Werkes, das Maimonides für seine Glaubensbrüder schrieb, die an der Lehre irr wurden. Das ganze Leben Rabbi Moses Ben Maimons stand im Dienste der Forderung des Sehers Jeremia. Wie der Mensch, wie der Jude leben soll — das lebte Maimonides seiner Gemeinschaft in Glaubens-- treue und täglich bewährter sittlicher Verantwortung vor, und heute danken wir dem Hüter Israels, daß er uns vor 800 Jahren diese Leuchte geschenkt hat. Die Kraft zu diesem Wandel schöpfte Maimonides nicht zuletzt aus der eigenen bitteren Lebenserfahrung selbst. Aus gesegneter Seßhaftigkeit mußte er als Dreizehnjähriger mit seinen Eltern vor dem Fanatismus der Alraohaden fliehen. Irr Südspanien, Marokko, Palästina und Alexandrien irrten die Vertriebenen umher — „es rühme sich ein Reicher nicht seines Reichtums ..." — bis ihnen in Fostat (Altkairo) eine Bleibe ward. Maimonides lebte nun dem Studium, tief erschüttert bald von dem frühen Tode seines Bruders, der nach des Vaters Tode die Familie ernährte. Seine Gelehrsamkeit ließ Maimonides zum geistlichen Führer der Judenheit des Landes aufsteigen, als Leibarzt des Sultans Saladin erlangte er Weltruf — aber er schätzte den Reichtum weise ein und blieb ein demütiger Diener seines Gottes und seiner Gemeinschaft. Helfer der Kranken zu sein, in der Lehre zu forschen, durch Trost- und Sendschreiben seine gebeugten Glaubensbrüder aufzurichten — das war clor Inhalt seines reinen Lebens. Ein faustischer. Drang nach Wissen und Erkenntnis erfüllte dieses nimmermüde Dasein. Aber Mai nonides. der wußte, daß vieles dem Menschen verborgen bleiben muß. er ergab sich nicht, wie Faust, ch i Magie, sondern forschte unentwegt weiter, er vertraute auf Gott und die Entwicklung des mcuschlichen Geistes, ein steter Mahner zu einem lauteren, natiir ichen Leben. Am Tage heilte er die Kranken, in der Nacht schrieb er seine unvergänglichen Geisteswerke, an den Sabbathe-n hielt er religiöse Vorträge — bier im Alter von 67 Jahren seine reine Seele aushuiiclitt-. Auf diesen Großen in Israel, der in der heilige n Erde Erez Israels ruht, beziehen wir heute das Trostwort des Propheten Jesaja, fnit dem Rabbi Moses Ben Maimon selbst seinen ..Führer der Verirrten" beschloß: „Das Volk, das in der Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht, und denen, die im Lande des Schadens wohnen, erstrahlt eine helle Leuchte.“ — ’ Nuch der erhebenden Ansprache erk ung ein „Mi Sehebcrach“ auf Maimonides. den Oberhantor Adler mit feierlichem Ausdruck vortrug. Dann las Vorsteher Sanitätsrat Dr. Ries das Mor; engebet des Maimonides, ein großartiges Dokument menschlicher und insbesondere ärztlicher Ethik, die sich auf alle Geschöpfe Gottes erstreckt. Der schöne „Jigdul“ (Lewandowski) des Synagogenchors - die poetische Form der I» Glaubenslehren des Maimonides — beschloß nach dem Kaddischgebet des R morgendliche- Feierstunde. Ihr Geist w bhiners die rd in allen. die sie erleben durften, noch lange nach jchw ingen. Ein Festtag der Israel. Gemeinde Stuttgart. Die neue Schule wird geweiht. Der 7. April war ein Festtag für unse* der noch lange in aller Erinnernng I Galt es doch, das neue Schulgebäude zu aus verantwortungsbewußtem Zukun* emsigem Werkfleiß entstanden, eine unserer Gemeinde geworden ist. L_ meister B I o ch hat die ihm gestellte J ausgezeichnet gelöst. In rationeller Platzes hinter dem Gemeindehaus in Straße ist dort ein harmonisch geglied miger Zweckbau entstanden, der bei Bewunderung, Freude und Stolz au freundliche Schulsäle und Lehrzimmer, der gleichzeitig dem Turnunterricht Treppen, sanitär vorbildliche Nebengela: alles vereint sich zu einem modernen man es sich nur wünschen kann. — Vor einem Kreis geladener Gäste, untbi die Mitglieder des Israel. Oberrats, und Lehrer, Vertreter der jüdischen Oj-] und andere Persönlichkeiten befanden Vormittag der Mitarbeiter des ■ leider Architekten. Dipl.-Ing. Georg Adle meindevorsitzenden Oskar Rothschild Weise den Schlüssel der neuen Schn) allen dankte, die das nun fertige Werk fen. Der Redner schloß seine Anspra Wunsche, dafi über dem Portal der neu? der kommende Geschlechter zu wahr?) herangebildet werden sollen, die Worte seid mutig, seid gütig“ leuchten mögen fts Reg> Sh re Gemeinde, qleihcn wird, weihen, das. willen und vjrahre Zierde ierungsbau- Aufgabe ganz Nützung des der Hospital- ‘ »rter, geröun Besuchern : löst. Lichte, ein Festsaal, dient, breite sse — dies ulhaus, wie ii :le r denen sich Rabbiner ganisationen übergab am erkrankten , dem Geil feierlicher e, wobei er schaff en-hali he mit dem n Schule, in n Menschen „Seid wahr, Nach einem