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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-04-01 · 1 (1.4.1935) · p. Seite 3

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XII (1935-1936)
Issue
1 (1.4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
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- 3 - Der Jüdischen Schule zum Gru$! Der Sdmlreferent des Israel. Gemeinde- Vorsteheramts Stuttgart stellt uns anläßlich der Einweihung der neuen Jüdischen Schule nachfolgendes Geleitwort zur Verfügung. Die Schriftleitung. Bittere seelische Notzeit ist für die deutschen Juden hereingebrochen. Das Schicksal des Einzelnen ist hineingestellt in das Schicksal der Gemeinschaft. Es ist eine Not, die alle ohne Ausnahme umfallt und an die Frage unserer zukünftigen Existenz rührt, In dieser Zeit, trotz und wegen dieser Verhältnisse, hat die Gemeinde eine jüdische Schule errichtet und für die Schüler einen ebenso bescheidenen wie zweckmäßigen Neubau erstellt. Das alte Judentum hat im Lehrhaus, im Lernen, die trübsten Zeiten des Ghettos überwunden. Lehren, Lernen. Wissen. Bildung und Erziehung standen immer im Vordergrund jüdischen Wollens und Seins. Stets haben die Juden für diese Zwecke Opfer gebracht. Das frühere Wissens- und Bildungsideal, der Besuch der Höheren und Hohen Schulen ist ganz oder zum großen Teil unmöglich geworden oder nicht mehr gewollt. Wir suchen nach dem rettenden Weg für die Kraft des Geistes und die Gesundheit des Körpers unserer Kinder. Zur Jugend gehört das Lachen und «las Ja-Sagen. Wir wollen die Gefahr überwinden, daß unsere Kinder der deutschen Kultur und Heimat ratlos oder gar fremd gegenüberstehen. Wir wollen die Jugend fördern, und ihr helfen in ihrem Streben nach der neu erwachenden Keligiosität. Die Krügen der geistigen Bildung der jüdischen Jugend sind ineu und grundsätzlich gestellt. Sie sind von der jüdischen Schule zu lösen. Wollen wir für unsere Kinder die besten Traditionen des Judentums erhalten, dann bleibt kein anderer Weg. Die Forderungen un die „neue“ jüdische Schule sind groß, größere Energien werden sie schaffen. Mit diesen Zielen und Erziehungsuufgubcn für Lehrer. Kinder, Eltern. Gemeinde und Gemeinschaft beginnt die ..neue“ jüdische Schule in Stuttgart das zweite Jahr ihres Wirkens und Lebens. Vertraue» ist die Grundlage jeden Schaffens und Wirkens. Vertäuen auf Gott und auf uns selbst. Wir haben insbesondere Vertrauen zu unserer Jugend, die keine Arbeit scheut und jeden Beruf ehrt, wir hüben Vertrauen zu unserer Gemeinschaft und unserer Gemeinde, wir werben um dieses Vertrauen. Es stillte niemanden geben, der seelisch gleichgültig »der gar ablehnend unserem Schulwerk gegenüberstehl Die Schule ist jung und neu in Aufbau und Gewand. das sie als Geburtstagsgeschenk erhalten hat. Der Geist der Schule ist Tradition und Leben. Vergangenheit und Zukunft. Die Geschichte der Juden ist eine stolze Geschichte. Die Errichtung der jüdischen Schule in Stuttgart ist eine Tat des Stolzes, der Würde und Ehre. Möge sie ein Segen sein! Dr. Hermann Merzbacher. Die jüdische Schule als Heimat der jüdischen Seele. Von Rabbiner Dr. Schorsdi (Hannover). Die rauhen und düsteren und seltenen frohen Akkorde. die uns innere Ohr schlagen aus der Anschauung jüdischer Menschen, jüdischen Lebens, jüdischer Geschichte ergeben die Vorstellung der j ii d i s ch e u Seele*. Sie meint und bezeichnet ein Tatsächliches: jüdisches Sein, so wie es ist. Nur im Untergründe schwingt im Begriff der jüdischen Seele eine Wunschvorstellung mit com jüdischen Wesen, wie es sein sollte, wie es sein muß. Diese Wunschvorstellung gewinnt eine entscheidende Bedeutung, wenn man von der jüdischen Schule als der Heimat der jüdischen Seele spricht. Kinder sind werdende Menschen. Sie sind zwar auch Ausdruck jüdischen Seins und jüdischer Seele als eines Tatsächlichen: jedoch ist dies nur der Ausgangspunkt für die Erkenntnis der Aufgabe, die der göttliche Schöpfer gestellt. Verkörperung echten jüdischen Wesens; zu werden. So ist der Begriff der jüdischen Seele in Hinsicht auf die Schule Grundlage und Aufgabehestimmiiug zugleich. Er bedeutet für das jüdische Kind, für den jüdischen Menschen die Mahnung: W erde, was d u in W u Ii r h e i t bist! Diese einfache Erkenntnis wird in ihrer Schwierigkeit offenbar in dem Augenblick, in dem sie als pädagogisches Leitmotiv auf die Schule angewendet werden soll. Wo ist der Ansatzpunkt, um das jüdischseelische Sein zu erkennen, und wo die Möglichkeit, ihr eine Aufgabe zu bestimmen und sie zu beeinflussen? Hier muß zunächst die Vorstellung beseitigt werden. als ob die Schule einem physikalischen Apparate vergleichbar eine bestimmte .Keelc-nhaltung „erzeugen“ könnte. Die Schule kann den Menschen nur gestalten, aber nicht montieren. Gestaltung ist Kunst, ihr Geschehen halb unbewußt. So tritt denn als erste Aufgabe und Bedingung au die jüdische Schule die Fordcrung heran. eine Atmosphäre zu schaffen, in der halb unbewußtes Wachstum jüdischer Seelenhaltung möglich ist. Eine günstige Vorbedingung hierfür ist schon ^dic* Tatsache des Vorhandenseins e iner jüdischen Schule, eo ulbair dter SelhuS' Zur Einweihung des neuen Schulbaus der Isr. Gemeinde Stuttgart Als Israel in feierlich-ernster Weltstunde am Sinai stand, da fragte — wie Edmond Fleg in seinem „Moses- Roman" nach einem alten .Midrasch erzählt — Moses das Volk, ob es Gottes Thora wolle. Und die Kinder Israels bejahten die Frage; sie erklärten sich bereit, das Gesetz anzunehmen und alles zu vollbringen, was es gebiete. Aber Moses fragte die Gemeinde weiter, wer vor dem Ewigen Bürge dieses Gelöbnisses sein werde. „Unsere Aeltesten!" sagte das Volk. „Nein, die werden sterben .. .", anwortete der Gottesmann. „Unsere Erzväter!" „Nein, die sind schon von der Erde geschieden ..." „Unsere Propheten!" „Nein, die sind noch nicht geboren ..." Da sprachen die Frauen Israels zu Moses: „So sollen unsere Kinder Bürgen der Thora sein; Gott wird dich die Thora lehren, du wirst sie die Väter lehren, sie werden sie die Kinder lehren, und die Kinder ihre Kinder bis ins fernste Geschlecht." Und Moses fragte die Kinder: „Wollt ihr vor dem Ewigen Bürgen sein für eure Väter?" Sie antworteten: „W i r w o 11 e n I" — Da gab Gott seinen Erwählten das Gesetz. Er nahm die Bürgschaft der unmündigen Kinder an und hob Israel zu sich empor — aus einem Sklavenvolk war ein Gotte sv o I k geworden, das die Einzigkeit des göttlichen Namens nun in die Weite der Welt trug und sie als höchstes sittliches Vermächtnis der Menschheit übermachte. Für diesen Weg hatten Kinder gebürgt ... * Unsere Gemeinde hat der Jugend eine neue Schule errichtet. In stiller Zurückgezogenheit, dem brausenden Arbeitslied der Großstadtstrade entzogen,' liegt der schlichte Bau, den ernster Wissenseifer und jugendlicher Frohsinn nun bald erfüllen sollen. Aus engen Schulsälen ziehen unsere Kinder, denen heute in besonderem Maße unsere Liebe und Sorge gelten, in lichte freundliche Räume — und heiße Wünsche begleiten sie und ihre Lehrer. Und über der neuen geistigen Heimstatt unserer Jugend da schwingen sich die wuchtigen Kuppeln der Synagoge in den Frühlingshimmel ... Welch’ ergreifendes, tiefes Sinnbild! Im Schutz des nahen Gotteshauses werden die Träger unserer jüdischen Zukunft heranreifen zu einem an Leib und Seele starken Geschlecht, das Gott im Herzen trägt, wie des Ewigen Liebe über ihm ausgegossen sein wird- Denn es sind ja die jungen Nachfahren des g I e i ch e n Stammes, dem am Sinai die Offenbarung wurde, und der Segen jener Kinder, die in der geistigen Befreiungsstunde Israels die Bürgschaft für die Gesamtheit auf ihre schwachen Schultern luden — er wird auch die Häupter unserer Kinder umglänzen . . . So möge die neue Schule ein nie versiegender Quell frommer Gottesfurcht, opferwilliger Gemeirischaftsliebe und ungebrochener jüdischer Lebenstüchtigkeit sein) Die ganze Gemeinde blickt auf das Werk, das mu* Verantwortungsgefühl und Zukunftswillen geboren wurde, und erfleht für es den Segen* des Ewigen, in dessen Hand die Geschicke der Menschen liegen ... Hans Sternheim. da* geschlossene Zusammensein jüdischer Menschen. Das irdische Dasein stellt den Menschen die verschiedenartigsten Aufgaben. Hierzu genürt auch das Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft, anderen Seins, anderen Wesens. Das ist nicht nur eine praktische, für die Lebensermöglichung notwendige* Aufgabe, sondern eine an sich vcertvolle menschliche Aufgabe. Mun kann abe r die Aufgabe des Zusammenlebens mit Andersartigen nicht lösen ohne siche-re \*e r n n k e r u n g in der Eigenart. Nur wer einen Standpunkt hat. kann Brücken schlugen zu anderen Standpunkten. Es wäre unzunehmen. daß diese ..Stnudpunktsverunkerung" durch das Elternhaus geschehen könnte*. Aber abgesehen von der Unzulänglichkeit des jüdischen Elternhauses im vergangenen Jahrhundert ist die Erziehung im Elternhause nur eine Seite der notwendigen Aufgabe. Zur Klärung des eigenen Standpunktes muß neben das Elternhaus eine andersartige jüdische Gemeinschaft treten. Das kann nur die Schule sein, weil auch sie eine Lebensgemeinschaft darstellt. In den tausendfältigen Beziehungen und Berührungspunkten des Schullebens offenbart sich die angreifbare* Atmosphäre jüdischen Se ins, in der jüdische Seelen zu wachsen vermögen. Es ist jedoch ohne weiteres verständlich, daß die Atmosphäre der jüdischen Schule von Mängeln und Fehlern der Unreife behaftet sein muß. Daher kann sie nur Ausgangspunkt der Erziehung sein. — ständig zu verbessernde Atemluft des werdenden Menschen. Was nun als reinigende Kraft, als erzieherische Forderung dem jungen Menschen gegenüber zu treten hat. kann seinem Wesen nach nichts anderes sein als das. was auch dem Erwachsenen als Aufgabevornnleuchtet. was Judentum Überhaupt ausmacht. Das Wesen des Judentums wird von prophetischer G o 11 c* s e r k c* n n t n i s fordernd, und von jüdisch-religiöser Lebenserfahrung führend und leitend bestimmt. Judentum umfaßt das ganze Leben in allen seinen Beziehungen: aber es quillt aus dem Boden religiöser Seelenhultung. Stets muß dein jüdischen Menschen die scheinbar grandioseinseitige religiöse Lebensforcierung des Judentums gegenübertreten. Vbn ihr aus muß ein Strom gehen, der die Atemluft der Schule vor dem Stickigwerden bewahrt. Denkt man nun zurück, so tritt der Gedanktins Bewußtsein, daß es ja schon einmal eine Zeit gegeben hat. in der alle Schulen in die religiöse Atmospjiürc eingebaut waren, daß aber diese Zeit so wenig wieder Religionsunterricht die Menschheit vor dem Jahrhundert der Entgottimg bewahren konnte. Soll nun die jüdische Schule einen ähnlichen, fehlerhaften Weg boschreiten? Soll sie zur Erzeugung jüdisch-religiöser .Seelenhaltung einen direkten und indirekten Zwang ausüben und dabei Gefahr laufen, als Auswirkung des Zwanges das Gegenteil des Erstrebten zu erreichen? , Diese Gefahr ist jedoch ein eigentümliches Kennzeichen fqr das Zeitalter des übe rsteigerten Individualismus. Der Individualist reagiert auf harte Forderungen mit der Seelenhaltung: nup gerade lt i ch t! Jede Unterwerfung unter einen ande ren Willen tut ja der „Sei bst Verherrlichung“ Abbruch. So ging denn jenen Generationen eine der schönsten Eigenschaften echter jüdischer Scclenhajtimg verloren. das schomauu tischmeu el mizwosaf. das G e - horchen! Nicht, daß man nun in den Fehler der früheren Zeit verfallen sollte, etwa die religiöse: Seelenhaltung durch uupädugogischen Zwpug zu erreichen. N i ch t in i t dem Prügel k a n n in a n Seelen erziehen. Aber man kann auth nicht erzielieii, wenn man jeder Stimmung des Kindes, nachgibt und nicht wagt, Forderungen zu stellen. In einer jüdischen Schule-, die in Wahrheit Bildung*- heimat jüdischer Seelen sein wilj. muß die Selbst Vergötterung des Menschen in jeder: Form verschwinden. damit die alte jüdische- Tugend des Gehorchen* wieder zu unserem wahren uiJd einzigen Schutze lebendig werde. ] Ein weiterer Fehler, der vermieden würden muß. liegt in folgender Erkenntnis: In unseren Schulen hat man die Religion als Lehre* dnrgebotvn. als ein System von Erkenntnissen. Sie war gleichsam ein unbeweglich ruhender See. der in jeglicher Richtung befahren werden konnte und sollte. Man nennt jedoch einen solchen See — totes Wasser. Wenn es ein Gebiet gibt, in dem die Seele zu Hause seiii sollte, so ist es sicherlich das Gebiet der Religion.| Aber die Seele ist ewig bewegt, immer unruhig. Kann ein totenstill einliegender Religionsbereich wirklich ihn* Heimat sein? Für Kinder gewiß nicht! Sbll die jüdische Sehldeeine Heimat der jüdischen pic-ele sein, soll aus diesem Grunde ihre Atc-mliift <1,1: religiöse Geist de s Judentums sein, und soll die Kindi-ssc eie von ihm ungesprochen werden, so muß diealle Art d c* r R e 1 i g i » n s a r b ci t u in g e w a „ d c-1 t w erden in eine dv n a in i s ch e ■. v » Ji lebendiger Kruft erfüllte! Du die Sc-c-lJstets bewegt ist. muß Religion ihr in der Bejwc-gung gegeuübertreten. Die- Bewegung wird hervorgerufen durch das Erle h cu des Kindes. Die jüdische Schule bietet über die bisherigen Möglichkeiten hinaus genug Gelegenheiten dazu. Sicbietet in dfm Zusumniensein.wahrend vieler Stunden, unter tleji Gesichtspunkten der verschiedensten Stoffurtender Unterrichtsfächer. in den mannigfaltigsten Lagen die Möglichkeit. die Anlagen und die Seele de*'Schülers durch den Einfluß jüdische n Lebens zu erwecken.!und bietet dein Lehrer die Möglichkeit, den Schulet wahrhaft kennenzulernen und Fehlgriffe zu vermeiden. So ist es zu verstehen, daß in einer jüdischen Schule- Religion als G e * i n ii ii n g sich zwanglos durch den ganzen Unterricht hindurch erstrecken kann ^nd muß. Wahre Religion kann sich^ ja nicht mit Darstellung und W iedergube der Worte begnügen. Sie verlangt vielmehr die Ueberführiing ihrer Forderungen in die Wirklichkeit. Wahre Seelenbildnng in der jüdischen Schule verlangt also wie ini Leben des Jaden Verwirklichung. Nur was in Uebereinstimmung mit dem eigenen Leben gebracht wird, kann als seelenbildend > Kraft gewertet werden. Nichts darf in dieser tief -n. lebensbestimmenden religiösen Beziehung Phruslsein oder werden. Diese Forderung — einmal verstanden führt auch schon in der Schule zur Sec-lenhaltung. die Frühjahrs-Mäntel Mk. 39.50 48— 67— 84— „Eres“- u. „Aquastrella“- Mäntel Mk. 79— 88— 97— 114— Wels j

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