Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 23 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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- 197 - Baron Edmond de Rothschild. Seine Persönlichkeit and sein Werk in Palästina. Von Dr. Kl ins Auerbach. Huifu. Dr. Elias Auerbach, der weiten Kreisen der wissenschaftlichen Welt durch sein großes Geschichtswerk „Wüste und Gelobtes Land** bekannt geworden ist und an den sich viele unserer Leser von seinem im September 1971 in Stuttgart gehaltenen Vortrag erinnern werden, setzt im nachfolgenden Artikel einem der größten jüdischen Philanthropen der Welt ein würdiges Denkmal. Wir entnehmen diesen Beitrag der Zeitschrift „Der Ausweg“ (Verlag Le Renouveau, Paris- Zürich), die im übrigen allen an Berufsumschiehtungs. Wanderungs- und Siedlungsfragen interessierten Lesern als objektiv^* Informationsquelle bestens empfohlen werden kann. Die Schriftleitung. Wenn »*yt Mann und eine Zeit s» zusamtuc-ntrc-fTcn. Halt ein Werk von einzigartigem Charakter und bleibender Bedeutung entsteht, so erhalt»-,, wir den Eindruck der ..Vorsehung", die gerade diesen Mann in diese Zeit gestellt hat. Das ist vielleicht eine Selbsttäuschung des geschichtliche» Bet rechtens, da wir die weit häufigeren Fälle* ander acht lassen in denen ei» Werk verwehte, weil der Man» nicht ..seine“ Zeit fand oder ein notwendiges Werk unterblieb, weil die Zeit nicht ..ihren“ Mann fand. Diese Ahnung einer „Vorsehung“, die Mann und Zeit zu einen, grollen Werk zusammenführt»*, stellt sich unwillkürlich ein. wenn man »las Leben Keimend de Rothschilds überschaut, der dieser luge, fast neunzigjährig. gestorben ist. Der Mann war in Palästina fast zu einer mythischen Person geworden. Kr wurde kaum mehr bei seinen, Nuinrii genannt: man sagte einfach „der Baron“ oder mit zarter Ehrfurcht „hu- Nadiv hu-juduu“. ..der bekannte Wohltäter“. Was die Welt sonst an ihm interessieren mag. ob er de» alten Reichtut» seines Hauses gemehrt hat. welche Rolle er in der französische*» llochlinanz oder in der Finanzpolitik seines Staates oder als Kunstmäzen gespielt haben mag. alles das verschwindet vollständig vor der Bedeutung seines Werkes in Palästina. Zu diesem Werke kam er durch einen .Zufall". Ende der siebziger Jul,re waren in Palästina die ersten jüdischen Ackerbau-Kolonien von begeisterten jungen Juden aus Osteuropa gegründet worden. Aber obwohl die von höchstem Idealismus getragene Bewegung durch die judenfeindlithe Gesetzgebung in Rußland (seit ISKt) starken Auftrieb erhielt, waren die Siedler, des Landbaues unkundig und auf ungesunden Böden von mörderischer Malaria dezimiert, bald den, Zusammenbruch nahe. In der höchsten Not wandten sie sich an den damals kaum 40jähtigen Baron Rothschild um Hilfe. Er half. Mit Geld, mit neuem Boden, mit Aufbau neuer Kolonien, mit Einrichtung einer Verwaltung, mit Schaffung großzügiger Kellereien, mit Wasserleitungen und Sanierungsarbeite,,. Aber er lernte auch die Bitternisse großzügiger Wohltätigkeit kennen. Riesige Summen — auch für einen Rothschild — flössen nach Palästina, und nicht immer kam das Geld an sein vorbestimmtes Ziel. Seine Beamten begingen zahlreiche Mißgriffe, und oft war er schlecht beraten. Als Beispiel dafür steht bei 'Luntura die Ruine einer zerfallenden Glasfabrik. Man hatte den Baron uneregt. die Flaschen für die großen Weinkellerei»*,, ier im Lande herzustellen. Nur eine Kleinigkeit hatten seine Berater übersehen: daß der Sand in dieser Gegend sich nicht zur Fabrikation eignete! 70t)000 Goldfranken waren vergeudet Zuweilen schien es fast, als ob das Gold Rothschilds Unsegen brachte: die Bauern blieben seine Kostgänger, die Kolonien kamen nicht dazu, auf eigenen Füßen zu stehen. Inzwischen über hatte den Baron die Größe der Idee gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes im Lande der Väter wurde sein Lebenswerk. Aus dem assimilierten Sprößling einer längst in Frankreich heimischen Familie wurde ein fanatischer Jude, dessen Denken mehr und mehr um das eine Zentrum kreiste. Er hat zwar manchmal gedroht, daß er seine Hand von Palästina abziehen werde, aber er konnte das ebensowenig wie sich das Herz aus dem Leibe reißen. , Und in derselben Zeit, in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, erwuchs unter den Juden der ganzen Welt eine wirkliche Bewegung, deren Ziel die Rückkehr zum Boden, und zwar zum Boden Palästinas, war. Mann und Zeit trafen sich. Rothschild war ein großer Einzelgänger: er hat sich nie als Führer einer Bewegung gefühlt. Ja, er war sogar mißtrauisch, als die zionistische Bewegung durch Theodor Herzl politische Form annahm und in die Massen zu dringen begann. Eine Begegnung der beiden großen Männer verlief ergebnislos, sie verstanden sich nicht, und doch hatten beide recht. Herzl hatte recht damit, daß philanthropische Kolonisation ohne eine leitende nationalpolitiscne Idee keinen Sinn batte, und Rothschild hatte recht damit, daß für jede politische* Aktion in der Zukunft die Basis einer positiven jüdischen Leistung in Palästina unentbehrlich war. «Piesc-r von Rothschild zäh festgehaltene Gedanke hat sich später als richtig erwiesen. Sein Werk i» Palästina wuchs, es wuchs allmählich über die Kraft und Uebcrsicht eines Einzelnen hinaus. So entschloß et sich im Jahre 1899, die Verwaltung „seiner“ Kolonien der Jcwish Colonization Association (Erbin von 2>0 Millionen Francs des Baron Hirsch, die auch dessen jüdisches Kolonisationswerk in Argentinien verwaltete) zu übertragen. Aber seine Tätigkeit in Palästina verringerte sich dadurch nicht, sondern wurde eher noch weiter und fruchtbarer. Besonders seine voruusschuuenden l.andkäufe sind von großer Bedeutung für die Entwicklung der jüdische» Siedlung in Palästina geworden. Mit dem Abschluß des Weltkrieges wurde die Arbeit Rothschilds plötzlich zu einem wichtigen Faktor der großen Politik. Bei »len Verhandlungen um die Bulfour-Dcklurution (2. November 1917).. die zur Grundlage eines Jüdischen National!,ei»,s in Palüc stinu wurde*, war das gewichtigste Argument von jüdischer Seite der Hinweis auf die zahlreichen schon bestehenden jüdischen Siedlungen, also im wesentlichen auf das Werk Rothschilds. Wie in diesen Monaten die jüdischen Politiker gegen den Man», der als Bahnbrecher vorangegangen war. Gefühle des Dankes empfinden mußten, so durfte* auch der Baron eine stolze Genugtuung darüber fühlen, daß er erfolgreich den Grund für die jüdische Volkspolitik der Zukunft gelegt hatte. Max Liebermann zum Heüächtnis. Auf dom oller, Friedhof der Jüdischen Gemeinde Berlin in der Schönhauser Allee senkte man am 11. Februar den leib des großen Malers und Graphikers Professor Dr. Max Liebermann in die winterliche Erde. Als Max Liebermann am' Abend des 8. Februar im Alter von fast 88 Jahren die Augen schloß, da war — wie es in der schlichten Todesanzeige der Familie hieß — ein Mann „aus einem Leben von Leidenschaft und Verpflichtung" in die Ewigkeit gegangen. Ein langes, an Kämpfen und Erfolgen reiches Dasein hatte sich erfüllt . . . Obwohl die Beisetzung des großen Malers in der Stille stattfinden sollte, hatten sich doch einige hundert Menschen um den schlichten Schrein versammelt, der Liebermanns sterbliche Hülle umschloß. Ihr letzter Gruß galt dem Manne, dessen Name und Werk unsterblich sein werden, durch dessen Genius Millionen in der Welt innere Bereicherung erfahren haben. * An äußerer Anerkennung hat es Max Liebermann nicht gefehlt: Von 1920 bis 1933 wirkte er als Präsident der Preußischen Akademie der Künste, er wurde Ehrenbürger von Berlin, die Universität seiner Heimatstadt ernannte ihn zum Ehrendoktor, Reichspräsident von Hindenburg verlieh ihm den Adler-Schild des Deutschen Reiches. Als Achtzigjähriger schuf Liebermann das vielgenannte und vielgerühmte Porträt des 80jährigen Generalfeldmarschalls. -* Das Titelbild zu den vom „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" herausgegebenen „Kriegsbriefen gefallener deutscher Juden" war Liebermanns letztes Werk. „Die Fahne, unter der sie fielen, muß mitten hinein I"... sagte der greise Maler zum Bundesvorsitzenden des R.j.F., als er zum Entwurf des Bildes schritt, das geradezu Symbol unseres jüdischen Schicksals auf deutscher Erde geworden ist: Unter dem gesenkten schwarz-weiß-roten Banner sitzt eine trauernde Frauengestalt, deren Blick sich in die Ferne verliert, dort, wo die gefallenen Söhne der Nation friedlich mit 12 000 jüdischen Soldaten schlummern . . . Wie für uns alle, so war auch für den Hochbetagten, der mit seinem ganzen Sein im deutschen Kulturleben wurzelte, die jähe Wende unseres Geschicks eine schwere, tiefgehende Erschütterung- * Rabbiner Dr. Warschauer, der dem Toten nahe stand, sprach in seiner Gedächtnisrede von der Gnade des Sehens, die Gott über Liebermann ausgegossen hatte, von dem tiefen sittlichen Ursprung seines nie erlahmenden Schaffensdranges, aus dem sein Lebenswerk erstand. Karl Scheffler, der bekannte Berliner Kunstkritiker, zeichnete den Verblichenen als den symbolischen Menschen einer Epoche, der in Selbstlosigkeit als Echter das Echte hütete — für den zu kämpfen ein Glück war, so wie es eine Ehre sein wird, ihm die Treue zu halten ... Nun ruht Max Liebermann im Erbbegräbnis seiner Familie, nun deckt ihn die Erde, die er so sehr geliebt, deren freudiger Künder er war in Wort und Werk. Er gehört zu den Menschen, die nie vergessen sein werden ... Unter den veränderten Verhältnissen der Nachkriegszeit trat neben seine Arbeit eine breite Kolonisationstätigkeit der Zionistischen Organisation. Obwohl Rothschild auch jetzt politisch, abseits blieb, hat er sein Werk unablässig fortgesetzt und ausgebaut, besonders au den großen industriellen Unternehmungen sich überall beteiligt. In Momenten gefährlicher Krise ist er auch der Zionistischen Organisation in vorbildlicher Objektivität und Großherzigkeit als Helfer beigesprtingen. Man wird eher zu niedrig-als zq hoch schätzen, wenn mart die von Rothschild in Palästina investierte .Summe auf 10 Millionen Pfund annimmt. Der Erfolg seines Werkes ist iiberw älligc-iicl groß. Wenn mau ihn rein kaufmännisch kalkuliert, kann man sagen, »laß dieses Vermögen, wenn es heute noch auf seinen .Name» laufen würde, eine* gewaltige Verzinsung eintrage» würde*. Denn dievon ihm gegründeten älteren Kolonien sind nicht nur längst über die Schwierigkeiten der ersten Jahre hinaus, «rudern sie sind zu Mittelpunkten des Wohlstandes und der wirtschaftlicher Expansion geworden. Wenn heute in Palästina AOOOOO Juden sitzen (zirka 2"> Prozent der Gesainthfvölkerungl und als nationaler Faktor das Schicksal des Landes führend mitbestimmen. so gebührt dem Baron Rothschild daraus mit Recht der Ehrentitel, mit dem er hier benannt wird: Autc-r der jüdischen Kolonisation. Rothschild ist nicht nur ein Mann con Herz und .Gefühl gewesen, sondern auch von ungewöhnlicher Klugheit.Ich bin ihm zweimal in Palästina begegnet. März 1914 und Mai I92>. und habe einen starken Eindruck von seiner überlegenen Beurteilung der Dinge behalten. Er erzählte 1914: ..In Palästina beginnt eine neue Zeit. \or einigen Jahren baten mich die Kolonisten von R . . . um eine Anleihe für die Aula geeilter Wasserleitung. Nun wissen Sie ja (fügte er mit liebenswürdiger .Selbstironie bitizul. was eine Anleihe beim Baron bedeutet. Als ich jetzt ins Land kam. erschien bei mir eine* Abordnung der Kolonie und überreichte mit '>0000 Francs als Abzahlung auf die Anleihe. Da lu-griff ich. daß eineneue Zeit in Palästina angebrochen war.“ Und 1921 sagteer in einer Lliterlialtung das prophetische Wort: . Die Grundlagen der jüdischen Siedlung sind jetzt fest und gesichert: jetzt kommt es darauf au. das Land für viele zugänglich zu machen.“ Damals gab es etwa 120 000 Juden in Palästina, jetzt, nach neun Jahren, sind es etwa KHMXK): Rothschild kann zufrieden sein. Man kann sielt denken, was es für ein Ereignis war, wenn der Baron Rothschild einmal in Palästina erschien. Aber dieser Mann hatte eine fast amüsante* Scheu davor, gefeiert zu werden. Als er 1914 mit seiner lacht vor Haifa lag. war verabredet, daß er am nächsten Morgen, vor seiner Abreise nach Liberias. un Land feierlich empfangen werden sollte Aber am Vorabend landete er plötzlich und wandert»* durch die Stadt. Als er dann erkannt und bald von einer großen Menge umringt wurde, zog er sich fluchtartig vv jeder auf sein Schiff zurück. Am Morgen stieß er das ganze Programm um. indem er die wartenden Deputationen nur ganz rasch begrüßte und sich in den Waggon rettete. Hier erst, wo von Feierlichkeiten nicht viel die Rede sein konnte, empfing er die Abordnungen. Schon damals, vor zwanzig Jahre II. machte er den Eindruck eines schwächlichen Greises, und niemand hätte geglaubt, daß er bis an die Schwell»- des; neunzigsten Jahres gelungen würde. Aber er hatte eine: vibrierende Lebhaftigkeit in sich, ein inneres Feuer, das ihn aufrc-chterhielt. Ris in die letzten Wochen Halt sein ganzer Arbeitstag den großen und kleinen Sorgen Palästinas. Er starb während eines stürmischen Fortschritts im jüdischen l eben Palästinas. Selten ist es einem Menschen zuteil geworden, aus der Saat, die er gesät, eine so reicht* Ernte uufgehen zu sehen. Hier ist einmal ein großer Reichtum in edelster Form auf ein großes Ziel verwandt worden. _ Vom Unterricht in unserer Jüdischen Schule. Aus einem Vortrag von Schulleiter Dr. Einil Goldschmidt. . . . Die ulte Schule wurde und ist heute überwunden von der Arbeitsschule In welchem Sinn ist unsere Schule Arbeitsschule? Wir gehen von dem Grundsatz aus: das Kind muß für den Stoff des Unterrichts interessiert werden — sei es durch die Art der Behandlung, sei es dadurch, daß man ihn , aus der Erlebniswelt des Kindes entnimmt. An solchen Stoffen soll es seine Kräfte, üben und versuchen. Wir geben nicht Lösungen, sondern stellen Fragen: „Wie würdet ihr diese Rechnung bearbeiten? Macht Vor— schlüge!“ Oder wir fragen: „Leber welches Thema möchtet ihr einen Bericht, einen Aufsatz schreiben?" Wie kann man dieses oder jenes Thema behandeln?“ Dann sprechen wir die Vorschläge gemeinsam durch. Oder es heißt: „Schlagt den Atlas auf und sagt tnir^ was uns die Karte vom Neckar erzählt!“ Dann Ijtssen wir die Kinder Briefe an Freunde schreiben, suchen aus den Briefen die Anreden heraus und kommen so auf das: Du — deiner — dir — dich. Durch Frage- und Aufgabenstellung wird also der Betätigungsdrang und die Wißbegier der Schüler ausgelöst. Es wird der Spontaneität, der Aktivität Spielraum und Aus unserer Maß-Abteilung: Maß-Anzüge Mk. 140.- 150.- 160.- 180.- in erstklassiger Ausführung und bester Verarbeitung 1