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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-02-01 · 21 (1.2.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
21 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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- 179 - Streiflichter zur krage der Berufswahl. Von Ilse Wollf, Stuttgart. In allen Familien, in denen heranwachscnde Kinder sind, ist in diesen Tagen ein Sidi-Besinnen, ein Beraten. ein Suchen nach dem richtigen Weg. Soll der Junge noch in der Schule bleiben, oder soll man ihn gleich in die Lehre geben? Ist das Mädchen für den Beruf, auf den sie zurzeit eingeschworen ist. tatsächlich geeignet, und welcher Ausbildungsweg ist dafür der richtige? Es ist kein Wunder, daß die jüdische Familie diesen Fragen besonders ratbedürftig, besonders unsicher gegenüber steht; die ulten Berufswege sind teils versperrt, teils fragwürdig geworden, den neuen Berufen gegenüber fehlt Tradition und Erfahrung. Dazu kommt noch, daII der Lebenspinn und das Werdeziel der Kinder sehr häufig dem der Eltern absolut entgegengesetzt sind. Wie findet man aus diesem Labyrinth den richtigen Weg für seine Kindor? Zunächst wohl dadurch, dufi man diese Frage loslost von der allzustarken .Suggestion der Umwelt und daß man versucht, vom e i n z e I n e n Fall aus zu denken. Ist man sich erst einmal klar darüber, in welche Richtung Eignung und Neigung gehen, so ist es schon sehr siel leichter, die individuellen Berufswünsche mit den Tatsachen der heutigen Berufsbeschränkung und den Notwendigkeiten jüdischer Berufspolitik in Einklang zu bringen. Auch heute noch soll der Ausgangspunkt sein: Wozu eignet sich der Junge oder das Mädchen? Und dann erst soll die Frage entschieden werden: Ist dieser Wunsch heute erfüllbar und wenn ja. soll man ihn heute erfüllen? So nötig es ist, das Allgemeininteresse bei der Berufswahlfrage zu bedenken, so gefährlich ist es, diese Frage kollektiv und im extremen Sinn lösen zu wollen, wie das hie und dort geschieht. So wirkt es sich beispielsweise bereits aus, daß die Schulbildung, die über das Maß des gesetzlich Gebotenen hinausgeht. mancherorts als Luxus angesehen wird; eine solche Betrachtung läßt außer acht, daß auch das. was man nicht unmittelbar im Lebenskampf „braucht", seinen nicht gering zu veranschlagenden Eigenwert besitzt. Ebenso liegt es mit der Frage Kaufmann oder Handwerker, die, so grundsätzlich gestellt, überhaupt nicht beantwortet werden kann. Macht man sie jedoch schon zum Gegenstand einer allgemeinen Betrachtung, so darf nicht übersehen werden, daß zum kaufmännischen Beruf eine breite Tradition besteht, die zum handwerklichen Beruf meist qj>t hergestellt werden muß. Letzteres ist selbstverständlidi möglich, aber es darf nicht so ganz leicht genommen werden. Nicht jeder Junge hat die innere und äußere Robustizität, um sich in einer Berufslaufbahn, für die vielleicht in der ganzen Familie keine Anhaltspunkte bestehen, durchzusetzen. Und wenn ein Junge in Deutschland bleiben will, so ist doch zu überlegen, daß das Gebiet der kaufmännischen Berufsbetätigung im Verhältnis zu allen anderen am wenigsten für die deutschen Juden eingeengt ist. Diese Feststellungen sind nötig gegenüber edankenlosen Uebertreibungen. mit denen der Idee er Berufsumschichtung nicht genutzt, sondern geschadet wird; wenn etwa in einer Gemeinde nur ea. 5 % der Schulentlassenen die kaufmännische Laufbahn einschlagen. so ist das ein Beweis, daß die neuen Ideen im mechanischen, nicht im wachstümlichen Sinn aufgefaßt worden sind. t Aber: auch wenn der handwerkliche Beruf berechtigterweise gewählt wird, muß darauf geachtet werden, daß sich die Berufswünsche innerhalb dieses Berufszweiges nicht wieder ein allzu enges Bett schaffen. Automechaniker, Elektroinstallateur, Feinmechaniker. — das sind die Berufswünsche, die täglich von allen Seiten angemeldet werden. Daß das die Modeberufe von gestern, die überfüllten Berufe von heute sind, daß es für Leute, die auswandern wollen, sehr viel ratsamer ist, einen sogenannten Grundberuf zu erlernen statt ein spezialisiertes Teilgebiet, dessen Ausübung eine entwickelte Zivilisation voraussetzt — diese Erkenntnisse werden wir von den Jugendlichen nicht erwarten. Um so wichtiger ist es, daß sich die Eltern davor nicht verschließen; ebenso wie sie cs sein müssen, die auf Durchführung einer ordnungsgemäßen Lehre mit der üblichen Abschlußprüfung bestehen müssen und sich auf keine Abkürzungswege einlassen dürfen, die, bei Licht besehen, doch immer nur bedenkliche Umwege sind. Was die M ä d di e n angeht so ist zu hoffen, daß auch ihre Berufswünsche sich in zunehmendem Maß an der Lebenswirklichkeit orientieren. Die so ungemein beliebte und erstrebte „Massenküche" ist z. B. kein Beruf an sich, sondern ein Spezialzweig der Hauswirtschaft, dessen gründliche Erlernung und — Uebung (das letztere wird meist vergessen!) vorausgehen muß. Und einen Sommer lang Gärtnerei oder Landwirtschaft betreiben, muß eine Spielerei bleiben, wenn diese Kenntnisse nicht vertieft und gründlich unterbaut werden. Gerade für die Mädchen mit Pglästinapläden ist es wichtig, sich klar zu machen, daß das Gelingen jeder Kolonisation — auch wenn sie sich in Kollektivform vollzieht — an die hauswirtschaftliche Tüchtigkeit der Frau gebunden bleibt und daß dies Ziel nicht erreicht werden kann, wenn Hauswirtschaft nur als Muß oder bestenfalls als Mittel zum Zweck betrieben wird. Es gibt wenig Stationen im menschlichen Leben, an denen ein einmaliger Entschluß so weitgehend Gestalt, Art und Form des eigenen Lebens bestimmt, wie das im Augenblick der Berufswahl der Fall ist. Möchten sich Eltern und Jugendliche der Tragweite dieses Entschlusses bewußt sein und rechtzeitig den Weg zur Beratungsstelle finden! (Die Sprechstunden detr Berufsberatung der Jüdischen Nothilfe finden Montag, Mittwoch und Freitag von 5—5 Uhr. Ilospitalstr. %. statt. Die Schrift!.) Vom Rechtsanwalt zum Bauern. Der Verfasser dieses Artikels ein früherer Rechtsanwalt, ist ein Schüler des landwirtschaftlichen Lehrgangs des ORT in Litauen. Wir entnehmen die nachfolgenden Ausführungen der vom Litauischen ORT herausgegebenen Broschüre „Wir werden Bauern", Die Schriftleitung. Hätte inan diese Ueberschrift vor zwei Jahren gelesen, so würde man diesen Rechtsanwalt, gelinde gesagt, für geistig nicht ganz normal gehalten hüben. Wie kann ein Mensch, der ein langes Stadium hinter sich hat und hierbei ein erhebliches Kapital investiert hat. alles anfgeben und von vorn anfangen? Wie kann ein Mensch, der bisher mir mit dem Kopf gearbeitet und Akten studiert hat. hinter dem Pflug hergehen? Diese Fragen waren ehedem berechtigt, heute sind sie gegenstandslos geworden. Die Zeit zwingt den jüdischen Akademiker, der in seinejn ulten Beruf nicht mehr arbeiten kann, sofern er über keine nennenswerten Kapitalien verfügt, einen neuen Wog zu gellen. Für alle jungen Rechtsanwälte, die ihre Anwaltspraxis nicht mehr ansüben können, gab es nur zwei Möglichkeiten: eine der juristischen ähnliche Tätigkeit als Kaufmann. Syndikus oder Hausverwalter zu suchen oder sich auf Handwerk oder Landwirtschaft uriizuschichten. \ iele gingen den erstgenannten Wog. nahmen jede noch so unsichere Position an, immer in der Hoffnung, den früheren Lebensstandard mit einigen Abstrichen beibehalten zu können. Viele suchten auch im Ausland, meist als Kaufleute, ihr Glück. Nur wenige fußten festen Fuß: viele verloren den schwankenden Boden vollends unter den Füßen. Ich denke an die Menge der Kollegen, die heute, mit den Händen im Schoß, bei Verwandten lietiimsitzen. das wenige, was sie besitzen, uufzehren. Leben heißt arbeiten. Das haben die erkannt, die sich zur Berufsumschichtung entschlossen. Man wird mir entgegenhalten, daß allein mit dem Entschluß noch nichts getan ist. daß vor der Verwirklichung des Entschlusses, Bauer zu werden, jeder Rechtsanwalt, der mit Liebe an seinem Berufe gehangen hat. zuriiekschrecken muß. Es ist richtig, daß Menschen, die andere*’bürgerliche Berufe bekleidet haben, mit denen sie nicht so verwachsen waren, auf die sie nicht in dem Maße ihren Geist und ihr Kapital verwandt hüben, die nicht auf so hohem, verantwortungsvollem Posten gestanden haben, den Schritt leichter tun. als ein Rechtsanwalt. Doch auch dieser kann es, wenn er will. Ich will von mir sprechen als von einem, bei dem das Experiment geglückt erscheint. Als mir mein Beruf genommen wurde, fiel all das zusammen, was für midi die Welt bedeutete. Kurz vorher hatte ich geheiratet und einen standesgemäßen Hausstand gcgrii ndet. Es war für mich von vornherein klar, daß iÜi von vorn a n f a ii g c* n mußte. Sehr schnell reifte in mir der Gedanke. Landwirt zu werden. Ich stumme uns einer kleinen Stadt, und die Liebe zur Natur ist mir angeboren. So ging ich mit meiner Frau zunächst zu einem kleinen Bauern mit 20 Morgen Land, einem Pferd und einer Kuh. der nebenbei eine Gärtnerei betrieb. Es war ein schwerer Anfang. Die Anleitung zur Arbeit gab ein Knecht. Wir kamen gerade in die Kartoffelernte und die Glieder, insbesondere der Rücken, wurden einer schweren Prüfung unterzogen, zumal keine Rücksicht darauf genommen wurde, daß wir Anfänger waren. Nach einem Monat mußte ich alle Arbeiten tun, die ein Knecht verrichtete. Was mir als denkendem Menschen besonders fehlte, war der Mangel an jeglicher Anleitung. Es wurde gepflügt. geeggt, gedüngt, aber wozu alles getan wurde, das wurde mir nicht klar. Zweierlei habe ich bei dem Bauern gelernt: jede Arbeit zu verrichten und mich Menschen unterzuordnen, die geistig nicht auf meiner Stufe stehen. Aus dem Anwalt wurde ein Knecht. Ich habe viele innere Kämpfe durchmachen müssen, sehe jedoch jetzt ein. daß diese radikale Umstellung das einzig Richtige war. Der Mangel an theoretischer Ausbildung und an Arbeit bei herannahendem Winter bewog mich, von dem Bauern wegzugehen und an einem Kursus, den die ORT-Gcsellschaft, Abt. Deutschland, bei der landwirtschaftlichen Schule des ORT in Ungarina (Litauen) errichtet hatte, teilzunehmen. Meine Uebersiedlung nach dem Lehrgut Ungarina bedeutete für meine Frau und mich einen Aufstieg. Man lernte, daß Landwirtschaft auch sauber und hygienisch betrieben werden kann. Der intensive theoretische Unterricht gab ein Surrogat für die frühere geistige Arbeit. Die praktische Arbeit war sicherlich auch hier nicht leicht, aber sie wurde gemeinschaftlich geleistet von jungen Menschen, die Die Ehre der deutschen Juden. Die Reichsvertretung der deutschen Juden übergibt uns folgende Erklärung: Auch das übe rwältigende Ergebnis der Saar-Abstimmung hat zu unserem schmerzlichen Bedauern dem Gauleiter Julius Streicher dazu gedient, in einer Rede in Nürnberg uns Juden zu diffamieren. Er tat dies mit folgenden Worten: „Der Jude Matz Braun war Beauftragter der jüdischen Rasse, des jüdischen Volkes. Er war he auftragt, zu verhindern, daß das Saarvolk zum Mutterland zurückkehre, Ihr Nürnberger. Deutsche, vergeßt nie: Ein Jude war es, der an der Spitze des Terrors stand, ein Jude war es, der mit dem Geld der Judenbanken und der jüdischen Weltbörse glaubte, dem deutschen Volke das Unglück bringe n zu können, daß hunderttausende Deutsche für immer dem deutschen Volk genommen werden, jawohl, wollen wir nie vergessen: Ein Jude stand an der Spitze der Schande, die wir erlebten." Demgegenüber erklären wir: Dies ist nicht wahr und stellen fest: Max Braun ist weder Jude, noch jüdischer Abstammung. In derselben Rode hat der Gauleiter Streicher Dr. Walter Rathenau die Worte in den Mund gelegt: „>00 Männer, die sich gegenseitig kennen und durch das Blut verbunden sind, regieren die Geschicke der Welt." Demgegenüber stellen wir fest. Die Aeußeriing Rathenaus (in seinem Buch „Zur Kritik) der Zeit". Berlin 1912, Seite 206, lautet: „700 Männer, von denen jeder jeden kennt leiten die Wirtschaftsgeschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Die Worte „durch das Blut verbunden": hat Rathenau nicht gebraucht. | Wann endlich werden solche, uns tief vierletzenden Ausstreuungen ein Ende nehmen?! Zur Wahrung unserer Ehre bleibt uns nichts als feierlicher Protest! | Die Reichsvertretung der deutschen Juden B a e ck H i r s ch. alle wieder von vorn anfiIlgen, die sich alle ein neues Leben bauen wollten. ' . Langsam aber sicher geht die radikale Umstellung vor sich. Ich will ein Bauer werden, der mit der Natur und Mutter Erde verwachsen ist und nur eine Sorge kennt: wie wird die Ernte ausfallen? Ein Bauer, der keine Launen hat. der nicht heute viel und morgen gar nicht arbeitet. Ein Bauer, der leidenschaftslos arbeiten muß, jede Arbeit, ob sie schwer oder leicht, lang- oder kurzweilig ist, verrichten muß. wenn sie nur der Wirtschaft ßicnL_Ich glaube, daß nach nunmehr achtmonatiger I-andarb'eit ein Bauer aus mir geworden ist. Aeußerlich erinnert an mir außer der Brille und der etwas zu hohen Stirn kaum mehr etwas an den Geistesarbeiter. Nie habe ich geglaubt.c daß ich meine chronischen Kopfschmerzen jemals los-' werden könnte. Die Arbeit in freier Luft hat das Wunder vollbracht. Die früher von den Merzten festgestellte typische Akademikerkrankheit. Herzneurose, ist ebenfalls verschwunden. I Auch innerlich ist nicht mehr viel von dem sogenannten „Kulturmenschen" zu spüren. Ich habe gelernt daß der Mensch auch ohne schöne Kleider und seidene Wüsche, ohne Theater, Kino und Kaffeehäuser auskommen. nicht nur unter Daunendecken, sondern auch auf Strohsäcken schlafen kann. Der!Schlaf nach körperlicher Arbeit ist viel erquickender jals der unruhige Schlaf des Geistesarbeiters. Was mich schließlich in der Landwirtschaft immer wieder aufs tiefste ergreift, ist das Kämmen und Gehen in der Natur. Jede Geburt eines Flohlens oder Kalbes, das Ansschlüpfen der Kücken, das Keimen der Saaten erwartet man mit Ungeduld und Bangen. Man sorgt mit Liebe für ein Gedeihen von Tieren und Pflanzen und erntet mit derselben Freude das, was man großgezogen hat. Jetzt erst begreift man. wie alles im Leben auf Stirb und Werd; aufgebaut ist, wie klein der Mensch, ob Rechtsanwalt oder Bauer, in der weiten Natur ist. Nicht degradiert, sondern glücklich fühle ich mich, daß ich nunmehr das produktiv schaffende Leben eines Bauern werde führen können. K. B. Chaim N. Bialik. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. Schlesinger, Bnchau, im B.A.V. Zu einer würdigen Ehrung Bialiks. diJ gleichzeitig die überragende Persönlichkeit des größten hebräischen Dichters seit Jehuda Halevi vor einer großen, aufmerksamen Hörerschaft plastisch erstehen ließ, gestaltete sich der Vortrag, den Rabbiner Dr. 8 ch lesin ge r (Buchau) am 15. Januar im Rahmen des Berthold Auerbach-Vereins hiült. Daß Dr. Schlesinger, den wir unlängst an dieser Stelle als einen der besten Kenner Bialiks in Deutschland be- Spendet zum Winterhilfswerk des Deutfchen Volkes!

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