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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-01-16 · 20 (16.1.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
20 (16.1.1935)
Date
1935-01-16
Page
[Seite] (sequence 3)
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- 171 - Ministerialrat LR. Dr.Otto Hirsch 50 Jahie. Wenn in der jüdischen Presse in diesen Tagen die Verdienste von Ministerialrat i.R. Dr.Otto Hirsch, der am 9. Januar sein?0. Lebensjahr vollenden durfte, mit Worten hoher Anerkennung gewürdigt wurden, so haben wir hier in Württemberg alle diese ehrenden Grübe an den Jubilar mit Genugtuung gelesen: denn jedes Mitglied unserer engeren Religionsgemeinschaft weiß ja seit Jahren um die starke, charaktervolle und echt jüdische Persönlichkeit Otto Hirschs, der nicht nur als Präsident des Israel. Oberrats für die Israel. Religionsgemeinschaft Württembergs Außerordentliches geleistet hat. Gerade die württembergische Judenheit empßndet eine tiefe Freude über die Otto Hirsch heute von allen Seiten entgegengebrachte Dankbarkeit für sein verantwortungsvolles Wirken als Vorsitzender des Präsidialausschusses der Reichsvertretung — hat sie doch durch seine Berufung nach Berlin eine Persönlichkeit verloren, deren Entlassung aus württembergischen Diensten ein Opfer bedeutete. Wir wissen aber, daß Otto Hirsch auch heute und weiterhin der unsere bleiben und sein tiefes Interesse für alles, was jüdisches Leben in Schwaben ansmacht, unverändert dauern wird. ...... So wünschen wir ihm im Namen der jüdischen Oeffentlichkeit des Landes auch weiterhin die gleiche unermüdliche Schaffenskraft, mit der er bei uns gewirkt. Möge sich das Verständnis für sein überparteiliches, nur auf das jüdische Ganze hinzielende Wirken in allen Richtungen der deutschen Judenheit so vertiefen, daß die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ immer mehr sichtbarer Ausdruck für eine Gemeinschaft wird, die auch die schwersten Zeiten einig, würdig und von innen heraus kraftvoll zu durchstehen weiß. Eine so geeinte deutsche Judenheit mitgestaltet zu haben — das wäre der schönste Lohn, der einem Manne wie Otto Hirsch zuteil werden könnte. Und diesen Lohn wünschen wir ihm! Wie ist die Synatfoge entstanden? Von Professor Ismar Elbogen. Die Untersuchung hat von der Entstehung der Synagoge auszugehen und ihren Ursprung zu erforschen. Daß sie eine bis dahin nirgends bekannte Einrichtung gewesen ist, daß sie eine neue Art der Gottesverehrung eingeleitet hat. ist zweifellos, aber zu welcher Zeit und aus welchem Anlasse sie ins Leben gerufen worden ist. darübe r sind historisch beglaubigte Daten nicht mehr zu ermitteln. Ihre Begründung bezeichnet einen der wichtigsten Fortschritte im Werden der Religionen: es war das erstemal in der Geschichte der Menschheit, daß regelmäßige gottesdienstliche Versammlungen an Stätten gehalten wurden, die keine andere Weihe hatten als diejenige, welche die Vereinigungen der Gläubigen ihr gaben, es war ein Gottesdienst, der sich von den bis dahin bei allen Völkern üblichen Bräuchen befreite, auf alle materiellen Beigaben, wie Opfer und sonstige Darbietungen, auf die Vertretung durch Priester verzichtete und den Menschen mit seinem Gemütsleben in den Mittelpunkt der Gottesverehrung stellte. Es ist derjenige Gottesdienst, dessen Formen in den europäischen Religionen herrschend geworden und darum der Kulturmenschheit so vertraut sind. Wie alle alten Völker hat auch das jüdische den Kultus mit dem Opferdienst begonnen, ihm allein wahre Bedeutung beigelegt. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß bereits in der Zeit des ersten Tempels gebetet wurde, allein in welcher Weise das geschah, darüber sind wir nicht unterrichtet und keinerlei Beweis liegt dafür vor, daß regelmäßig an allen oder wenigstens an bestimmten ausgezeichneten Tagen ein Gemeindegottesdienst stattgefunden hätte. Wie kam es nun zu dem späteren gemeinsamen Gebete, zu den ständig wiederkehrenden religiösen Versammlungen, wie kam es, daß an die Stelle des einen zentralen Heiligtums die zahllosen Anbetungsstätten. die ..Heiligtümer im kleinen“ getreten sind? Der Wechsel trat nicht plötzlich mit einem Male ein, jahrhundertelang bestanden beide Institutionen, der Tempel und die Synagogen, nebeneinander. Aber die Synagogen breiteten sich »immer mehr aus und gewannen zusehends an Kraft und Bedeutung für das religiöse Leben, sie machten den Tempel entbehrlich, bewirkten, daß bei seinem Falle keine Lücke im religiösen Leben entstand. Wir kennen den Ausrang der Bewegung, wir kennen jedoch nickt die treibenden Kräfte, welche an ihren Anfängen wirksam gewesen sind. Versuchen wir die Entstehung der Synagoge zu ergründen, so stoßen wir auf unüberwindliche Schwierigkeiten: bei dem Mangel an direkten Nachrichten vermögen wir eine bestimmte Antwort nicht zu finden, wir sind vielmehr auf Vermutungen, auf die Kombinationen derjenigen Momente im Tempeldienste sowie in der Entwicklung des jüdisch-religiösen Lebens angewiesen, die für die Entstehung und erste Ausgestaltung des Gemeindegottesdienstes Bedeutung haben konnten. Eines der ältesten Beispiele eines Gottesdienstes, bei dem nicht das Opfer, sondern die Gebete im 'Vordergrund standen, waren die Versammlungen an Frühlingslied „Wir waren noch eben In Leid versunken, . Die Augen wund Von Todgedanken. Wars zu ertragen In Herzenswanken Und ohne Funken Nur hinzuleben?" Zum „Frählingsfeat der Bäume“ — 15. Schebat „Ihr Winterkranken, Sollt Kunde hören —. Von silbernen Lehnen, Die sich belauben. Es winkt aus Ranken Und klingt aus Chören Von Waldsirenen Der neue Glauben." Ma* Brod 19. Januar 1935 Fasttagen. Sie haben bereits in vorexilischer Zeit stattgefunden, schon damals nicht immer an der Stätte des Opferaltars, hingegen waren sie regelmäßig von Gebeten begleitet, mitunter fiel sogar das Opfer ganz weg, das Gebet füllte allein die zeremonielle Handlung aus. Die gottesdienstlichen Versammlungen an den Fasttagen mit ihren Bittgebeten sind von großem Einflüsse auf die Ausgestaltung des späteren Synagogendienstes gewesen. Eine Beschreibung der bei ihnen üblichen Zeremonien besitzen wir erst aus späterer Zeit, die Mischna stellt sie so da. wie sie in der Epoche der Tannaim gehandhabt wurden, aber die meisten der dabei üblichen Formen, und gerade die wichtigsten von ihnen, stimmen mit den Erzählungen der Bibel und den Schilderungen von Fasten in den apokryphischen Büchern derart überein, daß an dem Alter der Zeremonie nicht zu zweifeln ist Die gottesdienstlichen Versammlungen an Fasttagen waren jedoch nur vorübergehende und seltene Erscheinungen, während wir nach Vorbildern für die täglichen Gottesdienste suchen. Es herrscht unter den Forschern Einigkeit darüber, daß die Anfänge solcher religiöser Versammlungen im babylonischen Exil zu suchen sind. In Babylonien fehlte es den Juden an einem gemeinsamen Mittelpunkte. Wollten sie den Zusammenhang mit der Vergangenheit aufrecht erhalten, die nationale und religiöse Eigenart bewahren, das Gemeinsdiaftsbewußtsein beleben und kräftigen, so blieb ihnen nur diese Möglichkeit, sich zu vereinen und diejenigen Gedanken und Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, die alle bewegten. Die Propheten in der Gemeinde der Exilierten haben durch das Mittel der Vorlesungen aus, den Heiligen Schriften, der daran geknüpften Unter-/ Weisungen, durch Ermahnungs- und Trostreden das religiöse Bewußtsein gestärkt, die Wiedergeburt des Volkes vorbereitet. Besonders an den Sabbathen und den nationalen Gedenktagen versammelte sich das Volk, um den Worten der Lehrer zu lauschen. Hier, liegen die Ursprünge der regelmäßigen gottesdienstlichen Versammlungen, als deren Inhalt wir in der Hauptsache Vorlesungen und Belehrungen aus der Heiligen Schrift, sowie das Aussprechen des gemeinsamen Bekenntnisses anzusehen haben. Belehrung und Bekenntnis, seine beiden ältesten Bestandteile, haben dem jüdischen Gottesdienste sein Gepräge gegeben. Es ist anzunehmen, daß nach der Rückkehr aus dem Exil die dort begonnenen Versammlungen in der Heimat fortgesetzt wurden, daß sie auch nach der Wiederherstellung des.Tempels mit seinem Opferkultus sich weiter erhielten. Sogar innerhalb des Tempels zu Jerusalem machte sich der Einfluß der neuen Art des Gottesdienstes geltend. Das erste sicher nadizuweisende Beispiel eines täglich öffentlichen Gebets stammt aus dem Tempel. Die diensttuenden Priester unterbrachen jeden Morgen ihre .Opferhandlung. um in der Quaderhalle einen Augenblick dem Gehcte zu weihen. Das war ein Gottesdienst, dem alles Priesterlicke und Kultische fernblieb. Im Tempel mit seinem vorgeschriebenen Opferritual und Levitengesang war das gemeinsame Gebet nicht vorgesehen und selbst nachdem es eingeführt war. blieb es mit dem Kultus nur in losem Zusammenhänge. Den Priestern war beim Gottesdienste keinerlei Funktion zugedacht, das Gebet nahm auf ihren Stand nicht Rücksicht . . . Die nachexilische Zeit führte eine engere Verbindung des Volkes mit dem Kultus herbei. Die Stellung des Volkes zum Tempel hatte sich im Exil gründlich gewandelt: die alte Anschauung vom Werte des Opfers an sich entsprach nicht mehr der herrschenden Richtung. Der neue Geist forderte die persönliche Frömmigkeit, die Betätigung jedes einzelnen im religiösen Leben, den „Gottesdienst im Herzen“. Folgerichtig durchgeführt mußte eine solche Gesinnung zur Beseitigung der Opfer führen; wurde der Schluß auck nickt sofort gezogen, so schuf man doch Einrichtungen, die dem Volke eine stärkere Beteiligung am Kultus ermöglichten. Einzelne Fromme, solche, die in Jerusalem wohnten, oder vorübergehend anwesend waren, nahmen am täglichen Opfer teil, wohnten dem Segen bei. den die Priester, auf den Stufen der Tempelhalle stehend, über das Volk sprachen, warfen sich zum Gebet nieder und sandten ihre Bitten zum Himmel empor. Sie lauschten dem Gesang der Leviten, der. wie die Chronik beweist, im zweiten Tempel hohes Ansehen genoß. Die Psalmen, das Gesangbuch jener Epoche, wurden von den Tempelsängern vorgetragen; die Gemeinde aber beteiligte sich daran, indem sie mit Amen. Halleluja oder mit größeren Refrains einfiel. Auf solche Weise wurden! die Psalmen geradezu zu Gemeindeliedern. gewaungA sie eine außerordentliche Beliebtheit und Verbreitung. So erklärt sich ihr ungeheurer Einfluß aufdie Liturgie und die Frömmigkeit aller .Zeiten. Aus Eibogens grundlegendem Werk .Der jüdische Gottesdienst In seiner geschichtlichen Entwicklung*. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden* u. die Auswandererhilfe. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden“, der cor 34 Jahren ins Leben gerufen wurde, um den in ihrer wirtschaftlichen Existenz und kulturellen Entwickelung schwer bedrängten Juden im Auslände, in Osteuropa und im Orient Hilfe zu leisten, und der in all den Jahren so erfolgreich gewirkt hat. widmet sich seit April 1933 der Ililfs- und Aufbauarbeit zugunsten der d e it t s ch e m Juden. Er hat in Erkenntnis der Aufgaben sein .Statut entsprechend abgeändert und führt seit nunmehr zwei Jahren eine sehr intensive Beratung«- und Hilfstätigkeit für diejenigen durch, die aus Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen und der Zukunft ihrer Kinder wegen au-wandern. I Die deutsch-jüdisches Auswanderung unserer Tage stellt ein völlig neues und überaus kompliziertes Problem dar. Ein neues, weil die Auswanderung von Juden aus Deutschland in der Zeit vor dem Weltkriege sich zahlenmäßig auch nicht im entferntesten mit der heutigen messen kann. Die Intensität der Auswanderung kommt sehr anschaulich in der Zahl der beim Hilfsverein Rat suchenden Menschen zum Ausdruck, die in Berlin und im Reich im Jahrc^JOvi rund 32 000 betrug. Die Beratung derjenigen, die sich aus dem Reiche un den Hilfsverein wenden, geschieht im engen Einvernehmen mit den Wirtschaftsstellen bei den Synagogengemeinden. Seit April 19>3 steht der Hilfsverein mit über 100 Stellen im ganzen Reiche in Auswanderungsfragen in Verbindung. Insgesamt sind von ihm, gerechnet von April 1933 bis zur Gegenwart. mindestens 92 000 Menschen beraten_ und mit mündlichen und schriftlichen Informationen \ ersehen worden. Wir sagten daß das Problem der deutsch-jüdischen Auswanderung in der Gegenwart ein überaus komlizicrtes ist. Dies hängt mit der Weltw irtschaftsrise zusammen, durch die schon die Möglichkeit der Einwanderung in fremde Länder selbst, dann aber uueh nach erfolgter Einwanderung die Einrichtung, das Sich-Einleben und der Erwerb in der Fremde außerordentlich erschwert worden ist. Dies alles zwingt zu einer Fürsorgetätigkeit größten .Maßstabes. Der Hilfsverein sammelt systematisch umfassendes . Informationsmaterial über Einreisebestimmungen. Klima. Land und Leute. Wirtschaftsverhältnisse. Arbeitsbedingungen, Lebenshaltungskosten. Erwerb der Staatsangehörigkeit usw. und veröffentlicht das Material in seinen ..Korrespondenzblättern über Auswanderung«- und Siedlungswesen“. Wie wertvoll diese Arbeit ist, ergibt—sich u. a. aus der Anerkennung. die die „Korrespondenzblätter“ bei Konsulaten. Behörden und Organisationen gefunden haben. Man gewinnt einen Begriff von der deutsch-jüdischen Auswanderung und von der gesckilderten Arbeit des Hilfsvereins, wenn mau sick vergegenw ärtigt, daß der Strom der Auswanderer sick immer stärker nach Uebersee richtet. Diese Tatsache ist \on dem Hilfs- Spendet mm Winterhilfswerk des Dentfchen Volkes! >»

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