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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-01-01 · 19 (1.1.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
19 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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Fünf Ratichlädc an Palästina- Wanderer. Von Dr. Ernst Simon. I. Ratschlag. Gedenke der Tradition! l)u warst Zionist, oder Du warst es nicht Du bist es vielleicht auch jetzt noch nicht: aber Du willst nach Palästina gehen. Eine Revolution der Außenwelt hat auch eine innere Umstellung in Dir hervorgerufen: Du vertauschst Europa mit Asien, das Leben in nichtjüdischer Gemeinschaft mit dein in jüdischer. Willst Du. ..im übrigen**, ganz so weiter leben wie bisher? Vielleicht ist die Stunde gekommen, daß Du Dir die folgende Krage stellst: Meine Eltern haben sich und ihre Kinder dem Judentum entfremdet. Die Geschichte hat uns mit rauher Hund wieder zurückgeführt. ja zurückgeworfen, auf unser eigenes Wesen.- Sollen wir den Heimweg zu rück gewandten Kopfes machen, den Körper ins Judenlund tragen und den Kopf weiter ausschließlich den bisherigen Kulturwerten zuwenden? Werden wir nicht stolpern bei solcher Verrenkung? Und. mindestens, fordert nicht die Stunde von uns erneute Prüfung dessen, was ..Judentum“ sein mag? „Zion“, eines seiner feile, ist uns erneut ins Bewußtsein gepreßt wurden: sind die anderen für ewig vergangen, nur weil ihre Aktualität weniger laut ruft? Müssen wir nicht auch sie prüfen, uns fragend, lernend an sic herantasten und den demütigen \ ersuch machen, ihnen eine auch uns gültige Antwort zu entringen? Gedenke der Tradition! 2. Ratschlag. Lerne Hebräisch! Du antwortest: gewiß, das tue ich ja! Ich habe mir sogar zw ei neue Lehrbücher angeschaßt, die „schnelles und gründliches Erlernen der Sprache in kurzer Zeit" verheißen. Was Du da tust, mag eine notwendige Aushilfe für kurze Monate der Vorbereitung und für kürzere einer Ucbcrgungszcit drüben sein; es beißt nicht Hebräisch lernen. Hebräisch ist keine Sprache des Hotelbesuchs und des Einkaufs im Laden, es ist , die älteste noch lebende Kultursprache der Welt. Du warst ein Kulturmensch in Deutschland, nahmst Anteil, stets passiven und oft auch 'aktiven, am geistigen Leben Deiner Umwelt: willst Du in Erez Israel ein Analphabet sein, der nicht die Zeitung lesen kann? Und Du kannst die hebräische Zeitung nicht lesen, ohne daß Du die Bibel lesen könntest. Es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen „Alt-Hebräisch“ und „Neu-Hebräisch“: wer davon allzuviel redet, zeigt nur seine Unwissenheit. Kaum eines der Worte der Bibel und keine syntaktische Bildung der Mischtiuh. die nicht im modernen Hebräisch verwandt werden könnte und auch dauernd, wenigstens von den guten Schriftstellern, verwandt wird. Schließe Dich nicht aus der \ olksgemeinschuft aus, in die Du gerade eintreten willst, sondern verbinde Dich ihr, durch ihre Sprache. Lerne Hebräisch! 3. Ratschlag: Vergiß nicht das Galuth! Wie könnte ich es vergessen?, fragst Du. Bin ich ihm doch kaum entronnen! Du wirst es vergessen, falls Du Dich in Palästina einlebst, und Palästina selbst mag Dich zu dieser Sünde verführen. Der Kausch des Aufbaus und seines märchenhaften Tem- |h>s ist so stark, daß man allzu leicht die Not des übrigen jüdischen Volkes vergißt: Erez Israels Kinder sind dessen Zeugen: sie fühlen sich beinahe schon als das Geschlecht der Erlösung. Du aber weißt, heute weißt Du es noch: wir sind der Erlösung noch fern. Die Leiden des jüdischen Volkes sind größer und schwerer vielleicht, als sie je waren. Laß Deine Leidenserfahrung Dir und Palästina Helfer sein, damit das Glücksgefühl des Heimgekommenen- und Geborgenseins nicht Überschläge in den gefährlichen Pseudomessiunisinus des Erlöstseins. Du bist nicht erlöst: Du sollst erlösen und erlöst werden. Du kannst es nur. wenn Du der Leiden Deiner Brüder lebendig gedenkst. Vergiß nicht das Galuth! 4. Ratschlag. Achte den Araber! Du kommst nach Erez Jisruel. aber Du kommst in kein rein jüdisches Land. In Palästina wohnen zwei] Völker und die Bekenner dreier Religionen, denen allen es ein heiliges Land ist. Du kommst nicht als Eroberer, sondern als friedlicher Einwanderer. Komme nicht mit dem Hochgefühl des Kulturmenschen. Ich rede gar nicht davon, daß Du. etwa selbst Westjude, jenes so unberechtigte Hochgefühl auf den Ostjuden in Palästina anwenden könntest: versuche es nur, es wird Dir schlecht bekommen! Aber es auf den Araber anzuwenden, wird Dir nicht gleich schlecht bekommen, aber uns allen später einmal, in wenigen oder vielen Jahren. Bildung ist Verständnis für andere, für andere Menschen und für andere Völker. Erweise Deine Bildung durch die Fähigkeit. Dir den .Sittenkodex eines ursprünglichen und orientalischen \olkes klar zu machen und richte seine einzelnen Angehörigen auch in Deinem Herzen, nach dem .Maßstab dieses seines Kodex, nicht aber nach Deinem europäischen, der durchaus kein absoluter ist. obwohl Du ihn. bis vor kurzem, dafür hieltest. So magst Du zum Begriff des „festen Preises" eine andere Einstellung haben als der Araber, dafür denkt er wieder anders über Nacktbaden und über ausgeschnittene Kleider, als vielleicht Du. Du mußt mit diesem Volke leben, so lerne es verstehen. Achte den Araber! 5. Ratschlag. Ehre den Arbeiter! Der jüdische Arbeiter hat Dir eine Heimstätte gebaut. Er hat das vorbereitet, was Du vorfindest. Es mag unvollkommen, verbesserungsbedürftig, zum Teil geschmacklos sein: es wäre gar nicht, wenn er nicht wäre. Könntest Du es bauen? Warum hast Du es nicht getan? So sei dankbar. Aber nicht nur das. Das jüdische Palästina ist ein Arbeiterland. Die Arbeiterpartei hat bei den letzten Wahlen zum zionistischen Kongreß zwei Drittel aller Stimmen erhalten. Der Arbeiter ist der Träger der hebräischen Kultur. Er - 163 — hat großartige und mustergültige Anstalten für Kranken-, Sozial- und Arbeitslosenversorgung aus— den Kräften der eigenen Organisation geschaffen, beinahe ohne Hilfe von Regierung und Arbeitgeberschaft. Kein Wunder, daß er. bisher noch, auch gesellschaftlich den Ton angibt: wenn in bürgerlichen Ländern der Kleinbürger in Lebensstil und Kleidung den Großbürger nachzuahmen sucht, so in Palästina den Arbeiter. Der Kittel des Arbeiters ist die höchste Ehre, den das neue Palästina zu vergeben hat. Wisse es, wenn Du selbst Arbeiter wirst! Betätige es. wenn Du Arbeiter beschäftigst! Sie sind Deine Brüder nicht nur, sondern die wahren Gestalter des jüdischen Aufbaus. So leisten sie den Herrendienst. Und wenn Du orthodox bist, wisse: es gibt keine furchtbarere Gefahr für die Thora in Erez Jisrael. als der widernatürliche Bund, den ihre Träger oft mit der nationalen und sozialistischen Reaktion eingchen. Ehre die Thora! Ehre den Arbeiter! Dine RatsdilSge entnehmen wir der von Nathan Birnbaum berausgegebenen Zeitschrift .Der Ruf*. Red. Zur Frage des »liberalen* jüdischen Gottesdienstes. Von Joachim Prinz. Berlin. Anläßlich einer Kontroverse „Um die Erneuerung des jüdisch-religiösen Liberalimus“ zwischen R.-A. Heinrich Stern (Berlin) und Rabbiner Dr. Joachim Prinz (Berlin) im „Israel. Familienblatt“ macht Prinz folgende, sehr beachtliche Ausführungen über den „liberalen“ Gottesdienst. Die Schriftleitung. W je soll der „liberale" Gottesdienst aussehe»? Ich setze liberal in Gänsefüßchen, weil der Liberalismus des vorigen Jahrhunderts in der Umbildung begriffen ist. Diese Umbildung tendiert sehr stark nach der nationalen Seite. Sie tendiert aber insgesamt — und ohne daß es näher ausgeführt zu werden braucht — nach der stärkeren „Judaisierung“ des Liberalismus. Die Dogmatik bleibt davon unberührt. Aber die Tatsache Palästina: die Tatsache der überall akut werdenden Judenfrage: die Tatsache, daß heute wieder unendlich viel mehr Menschen Hebräisch lernen als im vorigen Jahrhundert — das alles muß auch im Liberalismus seinen Niederschlag finden, es sei Ein Ton verklingt. Ein Blatt verweht. Wo fängt der Sinn des Lebens an? Seht, was auf diesen Blättern steht! Von seiner Sehnsucht spricht ein Mann. Von seinem Leid und seinem Glück, Vom Kampf, der durch sein Leben geht. Noch einmal werft den Blick zurück. Ein Ton verklingt. Ein Blatt verweht. ■ . . Graue Herbstnebel ziehen über Frankreichs und Rußlands Schlachtfelder. Drunten in den Gräben. in den mühselig zusammengezimmerten Unterständen sitzen deutsche Soldaten, und während in den Abend hinein Granate» heulen und uh und zu Maschinengewehre aufbellen, sitzen dort unten Menschen und erzählen. Sprechen von der Heimat, von der Vergangenheit und der Zukunft, erzählen von . . . zu Hause. Und einer liegt ausgestreckt am Boden der Tornister dient ihm als Schreibpult das müde Licht eines Kerzenstumpfes fällt auf ein kleines gelbes Stück Papier, und mit schwerer Hand, die müde geworden ist in dieser Zeit, schreibt er: „Geliebte Mutter!" — Er schreibt von der Sorge um Vater und Mutter, schreibt von seiner Sehnsucht nach dem Weibe, dem seine Liebe gilt, von der Sorge um die Kinder. Aber, wenn er dann zum Schluß kommt, versinkt das. was zu Hause ist. versinkt die Heimat vor ihm. und lebendig ist wieder die Gemeinschaft, in der er steht: er schließt seinen Brief mit den Worten: „Aber wir müssen siegen, denn Deutschland soll leben." — — So entstanden die Briefe, die Kriegsbriefe deutscher Soldaten. So entstanden auch die Kriegsbriefe deutscher Juden . . . Es ist 1973. Das deutsche Judentum befindet sich in bitterster seelischer Not. Vergessen scheint, daß auch deutsche Soldaten aus Judas Stamm einmal für Deutschland gekämpft, daß auch jüdische Mütter und Väter geweint haben und Opfer gebracht. Und auf das Herz der deutschen Juden, auf das Herz von uns alten Frontsoldaten legt sich die bange Frage: Wo fängt der Sinn des I.ebens an? Wo fängt der Sinn dfs Todes au? Wo fängt der Sinn der Opfer an? denn, daß man in liberalen Dingen — — orthodox sein will. (Und auch so etwas gibt es.) Für mich muß der liberale Gottesdienst, so knapp und gekürzt er auch sein mag. ein in seinem Stimmungsgehalt spezifisch j ü d i s ch e r Gottesdienst sein. Das kann unr der hebräische Gottesdienst leisten, der Gottesdienst, der überall dort rein hebräisch ist. wo nicht das rein Lehrhafte zum Ausdruck kommen soll, in Predigt also und Haflarah. Alles übrige soll hebräisch sein. Die üblichen deutschsprachigen Gebete zerstören' den Stil des Gottes ebenstes. Die Frage, welche Sprache Gott versteht, ist keine religiöse, sondern eine Blasphemie. Sicherlich versteht er jede. Sicherlich „braucht" Gott auch kein Gebet. Aber wenn Juden in Gemeinschaft beten. tuA sie das in Einordnung in ihre Geschichte und in das Volksbew ußtsein des Klal Jisrael. Deshalb sollen die Formen jüdisch sein. Ich wäre also für eiten liberalen Gottesdienst, bei welchem auch auf dies Orgel verzichtet werden könnte und an die Stelle des gemischten Chores die Meschorerim gesetzt werden könnten. Ich bin gegen den Kantor und für den Chase». Ich bin für alles, was dem jüdischen Gottesdienst eine jüdische- Furbe gibt und deshalb gegen die deutsche Keduscha und für die alte hebräische, für alte Sabbuthgesänge. für neue hebräische religiöse Volkslieder und gegen die Farblosigkeit und ästhetische Unerträglichkeit der deutschen Predigtlieder. Ich Ende überhaupt, daß die Methode. Gebete danach zu bewerten. „ob sie noch unserem Empfinden entsprechen“. nicht allzu ängstlich betrieben werden sollte. Gebet und Ratio. Beten und rationale»: Denken — das sind verschiedene Welten! Ich bin deshalb zwar für Kürzung und Straffung des Gottesdienstes, filr Streichung von Wiederholungen, aber für möglichste Beibehaltung alter Texte. Wenn schon'von Heinrich Stern auf England hingewiesen wird, dann muß auch gesagt werden, daß dort von dem Reverend Perl z w ci g ein liberaler Gottesdienst geleitet w ird, der ganz und gar mit meinen Plänen übereinstimmt und dort ähnliche Opposition hervorruft wie hier.’Gäbe es bei uns nicht die heillose Uniformierung dieser Dinge, wären Rabbiner die Führer und nicht Laien (unter ihnen viele, die — anders als Heinrich Stern — von jüdischen Dingen also absolut nichts wissen), dann-könnten solche Versuche auch bei uns gemacht werden — und niemand würde etwas anderes daran finden als den ehrlichen Versuch, von der jüdischen Atmosphäre her. Menschen für die Dinge des Gottesdienstes und der Frömmigkeit zu gewinnen. Damals haben wir uns umgeschaut, und als wir in die Vergangenheit zurückblickten, da gedachten wir der Tuge der Gemeinsamkeit, und wir hörten die Stimmen derjenigen, die nicht mehr sprechen konnten. Es war uns. als ob sie uns zuriefen: Wenn wir Toten erwachen! S o Imi b e n wir n o ch einmal unsere f o t e n~ r e d e n lassen. W ir glaubten, daß es kein besseres Spiegelbild menschlichem Erlebens und Fühleus geben könne, als die Briefe jener Männer, geschrieben in Stunde» höchster Not. geschrieben über auch in Stunden beglückendster Gemeinschaft. Durum haben wir diese Briefe deutscher Juden, die nicht mehr reden können, und die doch ewig reden werden, gesammelt. Wovon sprechen diese Briefe? — Sie sprechen von der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach 3 ater und Mutter. Es klingt w ie ein' Schluchzen, wie das Schluchzen eines Kindes, es klingt.' wie wenn das Kind sich noch einmal in den Schoß der Mutter flüchten müßte, wenn einer von den unbekannten deutschen Soldaten jüdischen Glaubens und Stammes die Worte stammelt: Mutter, halte mich nicht, I Mutter, Dein Streicheln tut weh. Sieh durch mein Gesicht, Wie ich glüh und vergeh. Gib den letzten Kuß. Laß mich frei, ' ■ Schick mir Gebete nach, Daß ich Dein Leben zerbrach, Mutter, verzeih. Und diese Briefe sprechen von jüdischem Stolz und jüdischem Selbstbcwußtsein: sie atmän jenen Geist der Makkabäer, deren Gedenken w ir Heute feiern, sie sprechen von jüdischem Kampfesmut und Kampfeswillen. Mit tiefster Erschütterung lesen wir die Worte, die ein christlicher Geistlicher den Ellern, eines unserer Kameraden schrieb, als dr gefallen warf So war ihm die Aussicht auf Jnhn und Lob nichts, jedes Sich-Sei bst-Rühmen unmöglich und verhaßt. Wenn ich mich nicht täusche, erklärt sich das alles aus seinem Innersten. Er war der Reli- Dem Andenken unserer Gefallenen. Am 2. Dezember 1934 veranstaltete der „Reichsbund jüd. Frontsoldaten“ in der Synagoge Prinzregentenstraße zu Berlin eine ernste, dem Gedenken an die jüdischen Gefallenen gewidmete Feier. Hierbei legte der Bundesvorsitzende des R.j.F., Dr. Löwenstein, die vor kurzem im Vortrupp-Verlag erschienenen, vom R.j.F. herausgegebenen „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden" in die Hände des Präsidenten der Reichsvertretung. Vor dieser symbolischin Uebergabe sprach _[ Dr. Ernst Fraenkel, der Geschäftsführer des Bundes, über die Kriegsbriefe, das erschütternde Dokument jüdischer Vaterlandstreue. Wir geben seine Ansprache, die wir dem „Schild“ entnehmen, nachfolgend wieder. Die Redaktion.

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