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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-12-16 · 18 (16.12.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
18 (16.12.1934)
Date
1934-12-16
Page
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- 153 — Wichtige UlitteUtmg oh aüe uasece £esee! ln den nächsten Tagen wird der Postbote bei allen unseren Lesern die Abonnementgebühr für das 1. Quartal 1935 (1. Januar—16. März) in der Höhe von RM. 1.25 gegen Quittung erheben. Wir bitten dringend, dafür Sorge zu tragen, da6 dieser kleine Betrag prompt bezahlt wird, da bei Nichteinlösung der Quittung die Zustellung der „Gemeindezeitung" von der Post sofort automatisch eingestellt wird. Die Abonnementgebühr wird, worauf wir besonders hinweisen, auch bei allen Lesern eingezogen, die in den letzten Wochen unsere „Gemeindezeitung" bestellt haben. »Weg ohne Ende". Zu dem Roman von Gereon Stern. Im Rhoingau wohnt ein jüdischer Kaufmann. Ge rs o n Stern mit Namen — und niemand weiß, daß dieser Jude in der Stille an einem Roman arbeitet, daß er, während seine Gemeinschaft in den Wehen eines gewaltigen Umbruchs liegt, über einem Manuskript sitzt, das den Titel „W eg ohne Ende“ trägt. Und dieser an die WO Seiten starke jüdische Roman des „unbekannten jüdischen Dichters“ Gereon Stern ist nun vor wenigen Wochen im Berliner Erich Reiß Verlag erschienen. — Mit einiger Verwunderung liest mah im Vorspruch des Buches die Wegweisung: Es ist ein Roman, wenn Du willst. Es ist Geschichte, wenn Du sie herausschälst. Es ist ein Aufruf, wenn Du ihn erhörst. Und nach wenigen Seiten will ihan schon nicht mehr, daß cs ein Roman ist. sondern weiß, daß hier Geschichte geschrieben wird, und am Schluß wenn der Dichter die Austreibung der Prager Juden auf Befehl Maria Theresias im Jahre 1745 schildert, wenn Tausende und Abertauscndcj in Schnee und Eis den „Weg ohne Ende*“ antreten und im dichterischen. aufs tiefste erschütternden Kolossalgemälde menschlicher Not ein frierendes Jndenkincl fragt: „Wohin gehn wir, Vaterleben?“, und der Vater antwortet: „Frag nit, Davidei: wir gehn nicht, wir wa ndern“ — dann weiß man längst, daß dieses Buch ein Aufruf ist. ein Ruf an alle in unserer Gemeinschaft. Denn Davidei. das verständnislos den Weg ins Nichts mitschreitende Kind, fragt zurück: „Ist wahdern weit?" Und Rüben, der Vater, antwortet: „So weit, daß das Ende im Allmächtigen ruht...." Gereon Sterns Roman zerfällt in zwei große Teile. Im ersten schildert er die Anfänge einer jüdischen Gemeinde im Wesergebiet. Itzig, ein Schutzjude ans dem Braunschweigisdi-Lüneburgischen, gründet sie mit seiner aus Dessau gebürtigen Ffau Zartei, die er während der Messetage im Frankfurter Ghetto kennengelernt. Helfer hierbei ist ihm sein Bruder Abraham. der Zarteis Schwester Süsse liebt — aber entsagen muß. Im Dienst an Gott und seiner Gemeinschaft findet er sich wieder, und auch der frühe Tod des Bruders kann diesen Dienst nicht erschüttern. Im zweiten Teil des Buches führt der Dichter seine Leser nach Prag, wohin Itzigs Sohn Perez als Kantor berufen wird. In Hendel, der Tochter des Chassiden Jeruchim, erblüht dem jungen Menschen und Gottsucher ein zartes Liebesglüoc, dessen er und Hendel sich aber nicht lange freuen sollen. Das Ausweisungsedikt Maria Theresias wirft die Liebenden mit tapsend anderen Ghettojuden auf die tief verschneiten Landstraßen, und die weißen Flocken decken ihre ermatteten Leiber unerbittlich zu. * Diese Einzelschicksale mit vielen, vielen anderen schildert der Dichter vor dem gewaltigen historischen Hintergrund des 18. Jahrhunderts, in dem dje iuden vielerorts die Tragik und Beglückung ihres udeseins bis zur Neige kosten mußten. Von der Umwelt nicht verstanden und unsagbar verkannt getrieben und getragen nur von der ewigen Pflicht, den fältlichen Namen zu heiligen, schreiten sie über die traßen Europas, in unerschütterlichem Vertrauen auf den Gott ihrer Väter. In der stickigen Luft und dfr trüben Dämmernis der Judengassen zu Frankfurt und Prag brennen die Sabbathlichter. und während man hier um das eigene Schicksal bangt, eilt dort die furchtbare Kunde durch das Ghetto, daß zwanzigtausend Männer, Frauen und Kinder sich auf neue Wanderschaft begeben müssen. Die letzten Zweitausend der Prager Judenstadt nehmen aus den Tempeln die Fahnen und aus den Schreinen die Thorarollen, die Männer haben über ihre Kleider die Totenhemden und den Talith gestreift — und vor dem Zuge flattert das Banner Salomon Molchos. Im Wirbel der Schneeflocken erklingen die Glöckchen des Thora- Jüdische SchuCkindec ecCehen Chanukka! Wir veröffentlichen nachstehend einige AufSätze, die in dar Stuttgarter Jüdischen Sdiule in den Chanuhhatagen von den Kindern geschrieben und un« non der Schulleitung zur Verfügung gestellt wurden. — Die ohne Rücksicht auf die Rechtschreibung usw. zum Abdruck gebrachten Arbeiten sprechen für sich selbst und zeugen für den Geist, in dem die Kleinen in der Sdiule der Stuttgarter Israelitischen Gemeinde erzogen werden. Die Redaktion. Liebe Ilse. Wir haben eine schöne Chanukka Feier gehapt I da haben di Dritklesler der Abraham und die Gözen geschpilt / das war so schön / das tut mir so leit das du noch nicht in der Schule bist herzliche Krüse an Ilse. und ich war in der sinagoge / da war es auch schön / und da war auch fon file Leude eine Feier. * Channuka Channuka ist schon nah, Achl wie freun sich alle da. Mit Sang und Schalmein Zieht das gabenbringende Fest herein. Die Kleinen lauschen vor der Tür Die Mutter spielt Moaus zur auf dem Klavier Die Lichttein flackern bis in die Nacht. Es wird gescherzt und wird gelacht. ♦ Ach, wie freute ich mich auf Chanukal War das ein Jubel, als der Samstagabend kam. Wir gingen in die Synagoge. Wir konnten die Bescherung gar nicht abwarten. Endlich I Wir stürmten ins Zimmer. Da stand der schöngeputzte Leuchter. Als wir unsere Sachen bekommen haben, entzündeten wir. Am Dienstag und Mittwoch war eine Chanukafeier in der Schule. Sie war sehr schön. * Endlich ist das schöne Fest „Chanukka" da. Ich freute mich schon lange darauf. Meine Mutter hatte schon einige Tage vor Chanukka die Leuchter geputzt und ich hatte dabei geholfen. Und dann war der schöne Abend da. Ich konnte die drei Segensprüche auswendig singen. Nachher trenderten wir. Zu Chanukka bekam ich von meinen Eltern eine Flöte. Aber es gab noch eine Freude: wir machten eine' Aufführung. Die Aufführung heißt: „Abraham und die Götzen". Herr Berlinger machte mich zum König Nimrod. * Nach dem Entzünden der Kerzen machten wir das elektrische Licht aus. Wir spielten Domino und Trendel. Weil ich immer gewann, wollte meine Schwester nicht mehr mitspielen, aber einige gebratene Aepfel brachte-sie zgr Ruhe. Die aß sie für ihr Leben gern. Nachdem ich genug gespielt hatte, las ich in dem neuen Buche. Es war sehr spannend. Nachher träumte ich die ganze Makkabäergeschichte: Wie Juden gezwungen wurden, Götzen anzubeten, wie Juda Makabi von dem sterbenden Mattitja die Fahne empfing und er mit kleinen Scharen die Uebermacht Syriens schlug. Und wie man beim Einweihen des Tempels ein Krüglein Oel mit dem Siegel des Hohepriesters fand. Auf einmal wurde ich in meinem Traum gestört. Meine Mutter kam und legte mich ins Bett. Ich war beim Scheine der Kerzen eingeschlummert. * Alle Kinder freuten sich sehr auf Chanukkah. Endlich kam es heran. Die Leute waren festtidT angezogen und gingen in die Synagoge. Als ich nach Hause kam, bekam ich Schlittschuhe, Bluse, Handschuhe und einen Kaufladen. Dann zündete mein Vater die Lichter an, und wir sangen. Dann aßen wir. Jetzt spielten wir mit dem Trendel, das war lustig. Ich mußte immer „einstellen", auf einmal aber bekam ich „ganz". Da freute ich mich. Ich verlor ein paar Pfennige, aber das schadet nichts. Ein anderes Mal gewinne ich sie doch wieder. schmuckes, und schweigend läßt die Bevölkerung von Prag den Zug des tausendfachen Leides an sich vorbeiziehen. Es ist der Beginn des alten „Wegs ohne Ende“, der so weit ist. daß er in den Allmächtigen mündet. — * Wodurch nun ist dieses überaus spannende, an kulturhistorischen Details so überaus reiche Buch für uns ein Aufruf? Man kann es in wenigen Worten sagen: Durch sein Werk wird Gereon Stern der wahre Künder der inneren menschlichen Freiheit, die ihre erhabenste Krönung in der religiösen Treue und ihren reinsten Niederschlag in der überwältigenden Demut vor der Gottgewolltheit alles irdischen Geschehens findet. Brennende lauterste Hingabe des Einzelnen an seine Schicksals, und Glaubensgemeinschaft — das ist die heilige Melodie, die in den Juden dieses Buches schwingt. „Es gebe nichts in uch, was nicht zum Allmächtigen führt.“ So heißt es im Testamente Itzigs — und in den Stürmen, die durch das Prager Ghetto ziehen, sagt Perez, sein Sohn: Auch diese Not muß zum Schöpfer führen. Wie sollte man sie sonst ertragen! So spricht der Geist der Ahnen zu den Nachfahren aus den Blättern dieses Buches, jüdisches Schicksal von einst brennt auf zu einer gewaltigen, leuchtenden Flamme. Mögen die Juden dieser Zeit des Dichters Aufruf erhören! H. St. „Deutsch-jüdische Gegenwart — Deutsch jüdische Zukunft". Eine Kundgebung des C.-V„ R.jJ. und „Ring“. Zu einem an tiefen Eindrücken reichen Abend gestaltete sich die Kundgebung vom 24. November, die von den Ortsgruppen des Central-Vereins, des „Reichsbunds jüd. Frontsoldaten“ und des „R i n g“ (Bund deutsch-jüdischer Jugend) im Großen Saal des Oberen Museums veranstaltet worden war. Damit traten die drei großen deutsch-jüdischen Organisationen unserer Gemeinde zum erstenmal gemeinsam vor die jüdische Oeffentlichkeit, um für ihre Ideen zu zeugen und zu werben. Dies brachte auch der 1.Vorsitzende des C.-V., Dr. Manfred Sichel, zum Ausdruck, der die vielhundertköpfige Versammlung mit herzlichen Worten willkommen hieß, indem er die „Deutsch-jüdische F ront“ als das Gebot der Stunde forderte und ein eindrucksvolles Bekenntnis zum Glauben an die historische Mission der deutschen Juden ablegte. Diese Mission, so betonte der Redner, ist auch insbesondere nach 2000 Jahren noch nicht erschöpft — und als Deutsche und Juden bleiben wir da, wohin uns die Vorsehung gestellt hat. „Eingliederung“ ist die große zentrale Aufgabe, zu deren Lösung sich die deutsch-jüdischen Organisationen mehr aber als bisher zusammenfinden müssenr^um die notwendigen Aufbaukräfte freizumachen. — Nach einem Sprechchor der Jugend, der die gläubige Bereitschaft der jungen Generation zu schönem Ausdruck brachte, ergriff der I. Vorsitzende des R.j.F., Rechtsanwalt Albert Mainzer, das Wort. Er knüpfte an das Bekenntnis der Jugend zu Deutschland an und erinnerte an das Jahr 1914, das Tausende jüdischer Deutscher mit Millionen christlicher Deutscher im opfermutigen Einsatz geeint I hatte, in dem alle Schranken in der Gemeinsamkeit eines gewaltigen Schicksals gefallen waren. Unsere Verbundenheit mit Deutschland, so führte der Redner aus, ließ damals den Weg zu den Fahnen uns selbstverständlich erscheinen, eine Idee ließ Christen und Juden heldenmütig und zäh gegen eine Welt von Feinden zusammenstehen. Unsterblich ist die Leistung des deutschen Soldaten, und die jüdischen Kämpfer erstritten aufs neue ihr Heimatrecht. Und nun gedachte der Redner, während sich die Versammlung spontan erhoben hatte, mit packenden Worten der 98 gefallenen Söhne der jüdischen Gemeinde Stuttgart-Cannstatt und aller Toten des deutschen Heeres In tiefer Ergriffenheit standen die vielen Hunderte und ehrten so an dem Ta^c, der die jüdischen Frontkämpfer sonst am jüdischen Gefallenendenkmal auf dem Pragfriedhof in ernster Wcihestunde zusammengeführt hatte, die gefallenen Helden djer .Nation. Mit einer Mahnung an die Jugend zu würdiger Selbstbehauptung auf deutschem Boden und der Aufforderung. aufrecht in die Zukunft zu schauen — „Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal, dann ist es der Mut. der es unerschütterlich trägt!“ — schloß R.-A. Mainzer seine Ausführungen.; Beiden Ansprachen wurde lebhafter Beifall gezollt. Die feierlichen Klänge eines aus Mitgliedern der Stuttgarter Jüd. Kunstgemeinschaft gebildeten Streichquartetts (Ruth Hamburg, Hans Mayor. Karl Haas, Gerhard Löwe), das ein Adagio von Dvorak zu Gehör brachte, leiteten zum Vortrag von Dr. Alfred DAS ZEICHEN FÜR KLEIDUNG OBER DEM DURCHSCHNITT HERRENANZOGE . SPORTANZOQE ■ MÄNTEL GLASS & WELS DAS HAUS FÜR DEN HERRN - STUTTGART-N - MITTNACHTBAU

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