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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-11-16 · 16 (16.11.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
16 (16.11.1934)
Date
1934-11-16
Page
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1 - 131 Die Gründuntfizeü der IsraeUicngemeinde in FreudeniaL Von Bex.-Rabb. Dr. Tänzer, Göppingen. Das Gründungsjahr dieser Zweitältesten, seit mehr als 200 Jahren ununterbrochen bestehenden jüdischen Gemeinde in Württemberg ist bisher noch nicht mit Sicherheit festzustellen gewesen. Allgemein *) nahm man an, daß der vom 1. Oktober 1731 datierte, gewöhnlich als „Freudenthaler Juden-Ordnung“*) bezeichnet Schutzbrief, den die'Reichsgräfin v. Würben erteilt hatte, zugleich das Datum der Entstehung dieser Gemeinde enthalte, li» Jahre 1931 war deshalb auch die Feier des 200jährigen Bestehens dieser einst großen und angesehenen Gemeinde geplant gewesen, ist jedoch unterblieben. Paul Rieger*) gibt als Gründungsjahr 1722 an. Ich habe in meiner „Geschichte der Juden in Württemberg** 4) bereits darauf hingewiesen, daß verschiedene Stellen im Wortlaut des Schutzbriefes, vornehmlich der Hinweis auf verliehene Privilegien aus dem Jahre 1729, die Annahme rechtfertigen, daß Juden schon vor 1731 in Freudental wohnten. Nunmehr ist diese Frage endgültig gelöst, indem die Nachforschungen des Freudentaler Rel.-Lehrers Simon Meisner im Staatsfilialarchiv in Ludwigsburg folgendes ergeben haben: In diesem Archive befinden sich 72 Judenakten über Freudental, welche das Oberamt in Besigheim vor einigen Jahren dahin übergeben hat. Gleich das erste Aktenstück stellt das Gründungsjahr fest. Nach diesem sind im Jahre 1723 die ersten Juden nach Freudental gekommen, und zwar aus Flehingen in Baden. Die Urkunde ist vom 8. September 1723 datiert und bewilligt dem „Seligmann Wolfen aus Flehingen“ mit seiner Familie und sechs weiteren Haushaltungen die Ansiedlung in Freudental gegen Entrichtung von Schutzgeld. Ein Schutzbrief scheint denselben nicht erteilt worden zu sein. Am 22. September 1723 wurde dann die Anlegung eines Friedhofes gegen Bezahlung von zwei Gulden gestattet Unter den Juden in Freudental wird sich schon vor dem Jahre 1731 auch Lewin Fränkel befunden haben, da er im Schutzbriefe als ..allhiesiger Schutzfaktor“ bezeichnet wird. Und wohl auf dessen Betreiben und wahrscheinlich auch, um das Herrscherrecht der Gräfin zu dokumentieren und ihre Einkünfte von den Juden zu steigern, ward dann 1731 der Schutzbrief erlassen, der cfie Verhältnisse der Freudentaler Judenschaft regelt und hohe'Abgaben an die Herrschaft festsetzt. So eine sofortige Abgabe von 1000 Gulden, ein jährliches Schutzgeld von 19 Gulden pro Familie, einen jährlichen Grundzins von vier Gulden für den Friedhof usw. Ob die im Schutzbrief vom Jahre 1731 vorgesehenen 24 Familien aufgenommen wurden, erscheint fraglich, weil eine Judenzählung in Freudental, welche der Amtmann Pfisterer am 19. September 1738 im Aufträge des Herzogs vornahm, nur 19 Familien mit 101 Seelen ergab. Möglich, daß nach dem Sturze der Gräfin einzelne Judenfamilien Freudental verlassen haben oder verlassen mußten. Der allgemeine württ. Ausweisungsbefehl vom 20. Februar 1740 traf auch die Freudentaler Juden. Doch wurde das Dekret später wieder zurückgenommen. Die Israel. Relipionsgemeinde in Freudental kann daher heute auf einen ununterbrochenen Bestand von 21t Jahren zurückblicken. Ein Alter, in welchem sie nur noch von der Gemeinde Mergentheim übertroffen wird. »Das Werk der Erziehung*. Ein Vortraf von Jnfcndrabbiner Dr. Lemle, Frankfurt a. M. Wir leben in einer Zeit, die durch ein schweres Ringen um einen neuen jüdischen Lebensstil, um eine neue Verwurzelung im Judentum als organischen Ausgangspunkt gewandelten Gemeinschaftsstrebens. eine bedeutsame Note erhält. In einer solchen entscheidungsvollen Epoche sind alle Menschen aufs herzlichste zu bewillkommnen, die, gestützt auf ein gediegenes einschlägiges Wissen und getragen von echter Begeisterung und zwingend empfundener Eipenverantwortung, den einzuschlagenden Weg zeigen. Ein solcher Wegbereiter ist Dr. H e i n r i ch Lemle, der an der Frankfurter Israel. Gemeinde seit kurzer Zeit als Jugendrabbiner tätig ist, nachdem er schon vorher in Mannheim seine außerordentliche pädagogische Befähigung erwiesen hatte. Am W. Oktober sprach Dr. Lemle im Kleinen Saal des Gustav-Siegle-Hauses vor einem stattlichen Hörerkreis, der sich nahezu gleichmäßig aus Eltern und Jugendlichen zusammensetzte, über „Das Werk der Erziehun g“. Mit diesem inhaltlich und formal ganz hervorragenden Referat berührte Dr. Lemle eine Reihe äußerst wichtiger, um nicht zu sagen wichtigster Probleme unserer jüdischen Gegenwart: die Probleme der Erziehung unserer Kinder. 1) So «odi Pool Tänzer, RediugeMtiitiite der Juden in Württemberg I80S—1828. Stuttgart 1*22. S. 9 ff. 2) Erstmalig reröffenllicht bei Paul Tänzer, a. a. O. S. 81 IT. 1) Jäd. Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg, 1*32. 8. 27 41 AU Manuskript beim Isr. Oberrat in Stuttgart. S. 10. Anna Frank-Klein s Berlin Bildnis Max Liebermanns ffuti 1934) Es ist das Antlitz Max Liebermanns, wie es ijn Sommer 1934 in die Welt blickt. Ein wundervoller und ergreifender Beweis des Dichterwortes, daß es der Gfist ist, der sich den Körper baut. Der scharfgeschnittene Rassekopf des Meisters hat seine charakteristischen l^nien und Flächen in dem langen Leben des jetzt Siebemmdachtzigjährigen bis zur höchsten Vollendung seiner ^Ausdruckskraft durchgebildet. Die großartige Ausprägung seines Kopfes erscheint als Symbol für die Klarheit und Reife, mit der Max Liebermann nicht nur seine Kun4t, sondern auch sein Altersdasein geformt hat, daß sein Leben selbst im Goetheschen Sinne zum Kunstwerk wurde. Die gebieterische Kraft, mit der sich hier Sdiärfe |des Blicks, der Beobachtung, durchdringende Intelligenz} unablößliche Selbstzucht, geistige Energie, äußerste: Spannung aller Nerven und Sinne zum Bilde einer einheitlichen, einzigartigen Persänlidikeit zusammen schließen, kennt kaum ein Seitenstück. O. b. Bild u. Text mos dem Kalender der Jäd. Känstlerhilfe Berlin. Kunstverleg Dr. Herbert Loevenstein, Berlin 5 O 16, Köpgnidceretr. 76. Wenn ein Gewitter um Horizont heraufzieht, so führte der Redner ungefähr aus.und sielt in Blitz und Donner flammend entlädt, dann ist es in vielen Judengemeinden des deutschen Südens alter Brauch, das ,.Bereschis“-KapiteI der Bibel aufzuschlagen und das geöffnete Buch erst wieder zu schließen, wenn sich das Gewitter verzogen hat. Die deutschen Juden dieser Tage nun haben das gleiche getan - aber sie haben, in falscher Einschätzung der Dauer des Natur \organgs, das Buch zu früh wieder zugeschlugen. Und doch — das sehen wir heute klar haben sich auch die für Fragen der Erziehung ausschlaggebenden Faktoren entscheidend verändert.. Es sind dies: Milieu, Bildungsziel und Erziehun g s o b j e k t. Heute gibt es, wie in der jüdischen Vergangenheit, in der man sich unter „Geschichte“ nichts mehr vorstellen konnte und nie an den gemeinschaftlichen Weg, dafür aber immer an die eigene Karriere dachte, kein Pri- \ a t s ch i <k s a I mehr. Und deshalb ist und kann auch Erziehung nicht mehr „Privatsache“ sein. Einzelgang gibt es da nicht mehr, sondern nur die schicksalhaft gebundene Gruppe, die auf der großen jüdischen Heerstraße wandert. Während nun der deutsche Jude im wesentlichen sehr „gebildet“ und mit Goethe und Homer z. B. aufs beste vertraut war. ruhte die Bibel meistens irgendwo auf dem Dachboden. Unkenntnis der Bibel bedeutete aber keine Unbildung. Das frühere Bildungsideal hat sich nun aber von Grund auf verändert Und auch das Kind, das Objekt der Erziehung — es kann mit dem Kinde von ehemals nicht mehr verglichen werden. Schon sein Spiel und seine Phantasie wurden durch die jüdische Sonderstellung allzu früh beeindruckt, allzufrüh sdion mußte es leide olle Erfahrungen machen — es wurde mißtrauisch und prüfte plötzlich die Menschen seiner Umgebung. Erschüttert durch das Erlebnis der gewandelten Freundeswelt flüchtete das jüdische Kind zu den Eltern — und diesen ist nun eine große Erziehungschance gegeben. Motto für diese' pädagogische Arbeit, so betonte Dr Lemle, ist nun die Forderung „ernst nehmen und nicht kneifen!" Niemand soll seine Kinder zu seinen Idealen zwingen, ebenso, wie man in der jüdischen Rückkehr keine Rückwanderung ins Ghetto sehen soll. Es gilt vielmehr, dem „Ghetto" die positiven Seiten abzugewinnen. Zu diesem „ernst nehmen“ des Kindes gehört auch die Feststellung, daß der.Jugendbund einfach nicht mehr wegzudenken ist Vor allem gilt es auch, daß die Eltern dem Einfluß der jüdischen Schule auf die Lebensgestaltung des Kindes verständnisvoll begegnen, daß sie dem religiösen Verlangen des Kindes insbesondere auch in bezug auf die Sabbathrahe soweit als möglich entgegen kommen, daß sie sich Zeit für ihre Kinder nehmen und sich nicht aus ihrem Leben ausschalten. Erstes Gebot ist hier: Schaffung und häusliche Sicherung einer jüdischen Welt! Dabei darf dieser neue Aufbau nicht auf der Grundlage veralteter Weltanschauungsprogramme erfolgen. So ist es z. B. grundfalsch, das Erziehungswerk auf ein „N u r“-PaIästina abzustellen, ebenso wie es verfehlt ist. die Erziehung auf unseren geographischen Standort weltanschaulich festzulegen. Das Erziehungswerk hat sich vielmehr gegen die jüdische Zerrissenheit zu richten und auf die „K'laj“- Idee zu erstrecken — mit einem Wort: Das Bild vom Judentum muß von Liebe unterbaut sein. Wir dürfen auch in der Einsicht, daß uns Körper- und Geisteskultur notwendig ist. keinen „Kurzschluß“ in dem Sinn hervorrufen. daß wir meinen, das Judentum flute zwischen den Toren eines Fußballplatzes, oder es sei der „Kultur" Genüge getan, wenh jüdische Menschen sich zu einem Konzert einfindetj. dflSTiurinsofern „jüdisch“ ist, als die Musiker dem Judentum angehören! Wir lernen heute Bibel. Geschichte und die hebräische Sprache. Da müssen wir wissen, daß die jüdische Geschichte immer dieselbe Geschichte ist — trotz wechselnder Schauplätze — daß die inneren Gesetze unseres jüdischen Seins andere sind als die existenziellen Bedingungen ^anderer Völker. Und beim Erlernen der hebräischen Sprache ist immer daran zu denken, wer einsFc^iese Sprache gesprochen TN-' - <?as WinterHilfswerk erstreckt sich auch auf uotlei-eu-e Iu-eu! » Ni« im Darjahre werden an« den Mitteln des Minteehilssweries wiederum auch nsileidend« Luden betreut. <ks ist selbstverständlich« pst ich! der deulschen Juden, sum Minterhilsswerk nach besten frästen beizusteuern. Mir appellieren auch an dieser Steile an den sa ast bewährten Opfer- und Gemein, schastsstim unserer Glaubens- und Schicksalsbrüder. Hebt für das Winterhilfswerk 1-34/35 -es Deutschen Volkes, -ie größte soziale Aufgabe -es Tages! hat. Die Sprache muß zur Bibel führen! Alle aber, denen das Werk der Erziehung obliegt, müssen auch an die religiöse Ghanee denken, die I u. a. auch aus der Schidcsalhaftigkeit unserer jüdischen Gegenwart sich ergibt, und deren sorgsame Nutzung zu neuen religiösen Lebensformen führen wird. Heute kommt es in erster Linie darauf an. das jüdische Haus fest zu zimmern und es mit einem Inhalt zu erfüllen, der seine Bewohner wiederum so durchdringt, daß sie als aufrechte, ihres Eigenwerts sich bewußte Menschen in die Umwelt treten können. — Stadtrabbiner Dr Rieger dankte im .Auftrag der veranstaltenden Vereine — des Jüdischen Lehrhauses und des „Landesausschusses Württemberg tind Hohen zollern der jüdischen Jugendverbände“ — dem Redner für seine ganz hervorragenden Ausführungen, die auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck machten und durch sie weiterwirken werden. Und wir dürfen abschließend feststellen, daß es ein besonderes Verdienst des Redners ist, in diesem Referat in objektiver kritischer Betrachtung einige Fehlerquellen aufgezeigt zu haben, die. dem Kenner innirjüdischer Fragen seit langem bekannt unbedingt ausgemerzt werden müssen, wenn der so oft geforderte neue jüdische „Lebensstil“ nicht zur blutleeren Utopie werden soll. — # Dem Vortrag voraus ging eine vom Jugendverband- Landesausschuß veranstaltete Arbeitstagung, die in den Räumen des Lehrhauses stattfand. An ihr nahmen in der Hauptsache die Lehrer und Leiter der jüdischen Jugendverbände Württembergs teil. Nach DAS ZEICHEN FÜR KLEIDUNG OBER DEM DURCHSCHNITT HERRENANZClQE - SPORTANZOQE ■ MÄNTEL GLASS & WELS DAS HAUS FÜR DEN HERRN - STUTTOART-N - MITTNACHTBAU

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