Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 15 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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Hinweise zur Familienforschung. Von Mu Stern, Niederstetten. (HorUeUung und SdiJuB). Weltliche Urkunden Uber die jüdische Ceschlechtslolge vor dem 19. Jahrhundert liegen in fortlaufender Führung kaum vor. ich habe ganze Bande alter Oemeindeakteu durchstudiert. Man findet Jüdisch' .Samen nur bei einzelnen Gelegenheiten wie: Zuzug» crluubnis, Strafen, lieiratslizenzeu, Handelserlaubnis und Prozessen aller Art. Dann auch bei Schutzgesuchen und SchutzgeWährungen. Doch geben solche einzelne Urkunden oft guten Aufschlult. So ist im .8chutzbrief meines Urgroßvaters L e v i J a ko b als dessen Vater der Hofjude Jakob Samuel genannt. Das ist nun urkundlich. So ließe sich bei Forschung in den Archiven auch oft ein Geschlecht weiter zurück verfolgen. Bei genauer Durchforschung der Ghevrabüche'r läßt sich immerhin mancher Anhalt linden. Immerhin gibt es für die Familienforschung in W ürttemberg bis hinein in die Mitte des tu. Jahrhunderts eine gute und beweiskräftige Quelle. Das sind die von 1830 bis 1874 geführten Israel. Kamilienregister der Pfarrämter, ln übersichtlicher und korrekter Führung hat da jedes Gemeindeinitglied. soweit es verheiratet ist, eine Seite, auf welcher nicht nur alle Daten der Familie. Geburtsort und -Datum, Datum der Verheiratung, Name und Geburtsort der Frau und Kinder, sondern auch die Litern des Ehepaares aufgezeichnet sind. Diese Bücher sind registriert, und die Pfarrämter bezeigen bei Nachforschungen großes Fntgegeukoinineu. Nachdem die Registerführung bei den Pfarrämtern auf gehör, hatte, ging sie auf die Standesämter über. Im Jahre 1897 hat der Israel. Oberkirchenrat auch die Gemeinden zur Registerführung verpflichtet. Leider muß festgestellt werden, daß die Gemeinden dieser Pflicht m vielen Fällen nur sehr lässig nachkomuieu. Letzten Fades stehen die Staatsarchive zur Familienforschung zur Verfügung. Was die Forschung in den pfarramtlitheu Gemeinderegistern anbelangt, so ist große Mühe vonnöten. Die Sache ist nicht so einfach wie sie aussieht. Ls genügt nicht, das Register nachzuschlagen und die Seiten abzuschreiben. Häufig haben sich zwei oder drei Brüder ganz verschiedene Familiennamen gegeben, und bei Durchsicht Seite um Seite, bei Nachprüfung von Litern und deren Litern läßt sich dies entdecken. Sollen wir nun einen Mammbaum aufstellen, und w ie sollen wir dabei zu Werke gehen? Ich meine, wir sollten auch hier der Thora folgen und einen möglichst genauen und möglichst weit zurückgehenden Stammbaum aufstellen. Wir wissen nicht, wie wichtig es noch für uns werden kann, einwandfrei nachzuweisen, von wem wir abstammen, wo und wie lange wir an unserem Orte gewohnt haben, und wo und wie lange sich unsere Vorfahren an ihren Orten aufgehalten haben. Ls hat auch einen eigenen Reiz, in die alten Beziehungen der Familien und Gemeinden hineinzuleuchten. Der Stammbaum (auch die Ahnentafel)) hat auch eine wichtige e t h i s ch e Mission zu erfüllen. Lr soll kein stummes Formular sein. Wir können durch ihn über uns eine Brücke von unserer Jugend zu unseren Vorfahren schlagen. Wie anders wird der Stammbaum von unserer Jugend betrachtet werden, wenn wir ihm durch Lrzähluugen von unseren Vorfahren Leben einhauchen. Ich will einige Beispiele aus mehreren Familien anführen: Du, der Urgroßvater, hat beim „Baal schein von Michelstadt“ gelernt, oder: Lure Ur-UrgroßmutteT ist zu Fuß über die Alpen gewundert und hat in Italien Dienst genommen: diese Korallenkette hat sie sich damals verdient. Oder: Lure Großmutter konnte „Raschi“ lernen und kannte dabei alle Gedichte von Schiller und Goethe auswendig. Sie war kein Blaustrumpf, hat alle Arbeit selbst geleistet und sogar ihre Stuben geweißt, oder: Luer Großvater war Schuhmacher. Alle Jahre bekam Luer Vater ein Paar Stulpenstiefel von ihm. Diese Beispiele lassen sich ins Unendliche fortsetzen. Sie scheinen unbedeutend, über sie sind es nicht. Unsere Jugend lernt Leid und Freud ihrer Vorfuhren kennen, auch die F'reude und den Humor, wenn manches gute, wenn auch mitunter derbe Witzwort erzählt wird, das sich überliefert hat. Die erbbiologische Bedeutung des Stammbaums ist schon eingangs dargestellt worden. Im allgemeinen kann, wer sich nicht ganz große Mühe machen will, sich mit den Angaben der Pfarrämter begnügen, aber wen einmal das Interesse an der Arbeit erfaßt hat, den läßt es nicht mehr los und er strebt darnach, sein Geschlecht auf frühere Jahrhunderte zurückzuführen. Nicht nur das ist schwer. Fis ist auch mühevoll und mit Kosten verbunden, den Stammbaum vollständig unserer Zeit zuzuführen. Wir müssen eine Menge von Verwandten um Auskunft ungehen, welche nie etwas von uns gehört haben und von welchen wir nie etwas gehört haben. Ja. wir müssen oft bei diesen Verwandten erst das Interesse wachrufen. Wir müssen bei Pfarrämtern. Rathäusern. jüdischen Gemeinden und Privatleuten Auskünfte erbitten. (Rückporto nicht vergessen!) Erst nach langer, mühevoller aber dankbarer und innerlich befriedigender Arbeit unter großen Opfern an Zeit und Geld, läßt sich das Ziel erreichen. Da man nicht alle Daten der einzelnen Familienmitglieder im Stamin- - 123 - bäum oder in der Stammtafel verzeichnen kann, ist es unerläßlich, eine Kartothek anzulegen. Da erhalt jedes Familienmitglied eine Kurte, aus welcher Name, Litern. Gebiirts-. wohn- und Sterbeort, alle Daten und der Beruf verzeichnet sind. Es kommt natürlich auch häufig vor, daß Familienmitglieder M i s ch - eben eingegangen sind. Diese müssen ohne Rücksicht darauf dem Stammbaum einverleibt werden. Häufig werden von dieser Seite sogar die Anfragen schnellstens beantwortet und wird dem Stammbaum großes Interesse entgegengebracht. Von welchen Voraussetzungen muß man bei der Anfertigung des Stammbaums ausgehen? Vor mir liegen zwei Exemplare zweier Familien. Beide gehen von verschiedenen Voraussetzungen aus. Der eine Stammbaum (buchkünstlerisch als Baum gezeichnet) führt alle Familienmitglieder von ihrem Stammort dahin. wo sie heute wohnen. Der andere, in einfachen Linien gezeichnete Stammbaum legt den Wert darauf. in klarer, übersichtlicher Weise die Abstammung darzulegen. Porträts, Stammhaus und andere zeichnerische Einzelheiten sind willkommen und schmückende Beigaben. Ls ist bei Forschung und Ausarbeitung gut. sich die Erfahrungen anderer zunutze zu machen. Aber jeder Forscher muß immer wieder eigene Wege suchen, um seinen Stammbaum möglichst vollständig zu gestalten. W ir alle sind stolz auf unsere Abstammung durch die Jahrtausende. Aber wir dürfen durch/den Blick auf die F erne nicht die uns nahen Generationen übersehen, wir wollen sie auf dem Pergamente sehen, wie wir sie im Herzen trugen. Stummbaum und Ahnentafel sollen auch unsere \erwurzeluug mit dem deutschen Lande beweisen. Sie sollen unsere Jugend auch auf die Gottesfurcht und die F römmigkeit unserer Vorfuhren hin weisen: ,Dus Verdienst du Väter stehet den Kindern bei.“ AUS DEN GEMEINDEN. Stuttgart Sitzungdes Isr. Vorsteheramts am 2 5. Oktober. In Vertretung des abwesenden Gemeindevorsitzenden eröffnete Karl Levi die Sitzung. Im Namen des Kollegiums sprach dann Dr. Ries dem Vorsitzenden die Teilnahme des Gemeindevorsteheramts anläßlich des Hinscheidens seines Schwiegervaters, des Fabrikanten Julius Schmidt, mit herzlichen Worten aus. Karl Levi berichtete dann über die laufenden Arbeiten der Finanzabteilung — Miet-, Büro, und Instandsetzungsfragen usw. — und ging dann noch auf den Schulneubau ein. Ein Antrag Dr. Merzbachers bezüglich den Oberrat und das Vorsteheramt betreffender Organisationsfragen wurde bis nach einer Aussprache mit der erstgenannten Behörde zurückgestellt. Dr. Tiazer berichtete anschließend für die Jugendabteilung und betonte, daß die vorhandenen Räume des Lehrhauses den Bedürfnissen der Jugendbünde keineswegs genügen. Es ist beabsichtigt, bis zur Ingebrauchnahme des Neubaus der Jüdischen Schule, mit dem ja auch die Raumfrage gelöst-wird, zwei Zimmer im Hause Schloßstr. 12 A im II. Stock hinzuzumieteu; zu einem abschließenden Ergebnis ist die Angelegenheit noch nicht gekommen. Entscheidend hierfür werden die Kosten sein. Eine längere Aussprache erforderte auch die Bewilligung von RM. 150.— für den „Landesausschuß Württemberg der jüdischen Jugend verbände“. Nachdem Dr. Tänzer diesen Betrag als eine einmalige Leistung für das laufende Rechnungsjahr gekennzeichnet hatte, stimmte das Kollegium dem Ersuchen Eine Erklärung der Reichsvertrehmg der deutschen Juden. Am 14. Oktober fand in Berlin eine Sitzung des Beirats der Reichsvertretung der deutschen Juden statt. An der Tutrung nahm für die Israel. Religionsgemeinschaft Württembergs der stellvertretende Präsident des Isr. Oberrats, Leopold Levi. teil. Im Anschluß an die Tagung übergab die Reichsvertretung der jüdischen Presse folgende Erklärung: Gestützt auf das dem Präsidialausschuß in der Beiratssitzung vom 14. ds. Mts. erneut von allen Seiten bekundete Vertrauen wird die Reichsvertretung die Arbeit für die Gesamtinteressen der deutschen Juden im bisherigen Geiste fortsetzen. Pläne für den weiteren orgaabHhen Ausbau der Reichsvertretung wird die Leitung der Reichsvertretung in einem oesonderen, in der Beiratssitzung gebildeten Organisationsausschuß zur Beratung bringen. Einen schritt auf diesem Wege stellt die von dem Präsidialausschuß angeregte Bildung eines Haushaltsausschusses dar, in dem die Landesverbände der Gemeinden den maß Sehenden Einfluß haben; er hat den Haushaltsplan er Reichsvertretung zu verabschieden, seine Einhaltung zu überwachen und die Rechnung der Reichs Vertretung zu prüfen. Der Beirat ist bei der Bildung des Hausaaltsausschnases von der Erwartung ausgegangen, daß die zur Fortsetzung der Arbeit der Reichsvertretuag sowie zur Deckung der für Hilfe und Aufbau notwendigen Mittel gemäß den Beschlüssen des Haushaltsausschusses von den Gemeinden bzw. Landesverbänden aufgebracht werden. Unter Betonung der dem Beirat vorgetragenen und von ihm einmütig begrüßten sozialpolitischen Bedeutung ' des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau richtet die Reichsvertretung an alle Glieder des deutschen Judentums nochmals den dringenden Appell, die begonnene Sammelaktion für das Hilfswerk mit allen Kräften zu unterstützen und zu fördern. Der schwere Winter mit seinen alten und neuen Problemen muß das deutsche Judentum in Einigkeit gerüstet Inden. des Landesausschusses zu. Anschließend wurde eine Eingabe der Rabbiner und Religionslehrer an den Oberrat bezüglich ihrer Nichtheranziehung zur Ausgestaltung der Sabbathfeiern lür die Jugend behandelt. Die Ausführungen des Vorsitzenden der Jugendabteilung stellten die Angelegenheit klar. Es kam eindeutig zum Ausdruck, daß selbstverständlich auch auf die Mitwirkung der Unterzeichner der Eingabe gerechnet wird. Dr. Ries berichtete über die Friedhofabteilung. Er gab u. a. von Anfragen bezüglich Familiengräbern Kenntnis und machte Ausführungenüber Gräberpflege. Sein Bericht schloß mit Mitteilungen über den neuen Friedhof der Gemeinde auf dem Steinhaldenfeld. Zurzeit werden mit den zuständigen Stellen Verhandlungen bezüglich des Geländes geführt. Den Bericht der Gottesdienst- und Linterrichtsabtei. lung erstattete Stadtrabbiner Dr. Ri eg er. Er teilte mit, daß die Bemühungen Oberlehrer Adlers um die Bildung eines Gemeindechors auf der Grundlage freiwilliger Mitwirkung gute Fortschritte mache. Der Stadtrabbiner empfahl dann Maßnahmen, mittels derer der Unruhe, die beim Gottesdienst insbesondere durch die Schulmädchen hervorgerufen wird, gesteuert werden solle. Weiter wurde mitgeteilt und genehmigt, daß für die Synagoge eine Tragbahre und eine Hausapotheke ungeschaut wird, um irgendwelche Hilfeleistung fachgemäß ausführen zu können. Dr. Merzbacher teilte für den Schulrat mit, daß bis jetzt 33 % aller jüdischen Schulkinder in Stuttgart (Klasse 1—5) die Jüdische Schule besuchen. Auf seinen Vorschlag wurde Direktor Adler in den Schulrat berufen. Nach kurzen Ausführungenüber den fremdsprachlichen Unterricht an der Jüdischen Schule und über die Schaffung der k Klasse (wir machen gleichzeitig auf die wichtige Amtl. Bekanntmachung des Vorsteheramts auf Seite 128 dieser Nummer aufmerksam) ergriff Karl Levi das Wort zu verschiedenen Mitteilungen über Austritte, Eintritte, Danksagungen usw. Stuttgart. Line jüdische Gemeinde des Landes hat. wie wir erfahren, den Oberrat um Mitteilung darüber gebeten, ob die jüdischen Armen auch heuer aus Mitteln der allgemeinen Winterhilfe unterstützt werden. Der Oberrat hat sich infolgedessen mit einer entsprechenden Anfrage an das Winter-Hilfswerk des Deutschen Volkes gewandt und hat nun von dem Gaubeauffragten des Gaues , Württemberg/Hohenzollern folgende Antwort erhalten: „Auf Ihre Anfrage vom 18. d. M. teile ich Ihnen mit, daß auch in diesem Jahre die jüdischen Armen durch das Winterhilfswerk unterstützt werden, sofern ihre Bedürftigkeit erwiesen ist. Anträge müssen an den zuständigen Ortsbeauftragten des Winterhilfswerkes gestellt werden. Abteilungsleiter Organisation gez. Unterschrift. Geschäftsführer des Gaubeauftragleu des W.H.W." Stuttgart. Der Schulneubau unserer Gemeinde ist unter Dach! Am Nachmittag des 2K Oktober schmückte eine festlich gerichtete Birke den Dach stock — und Architekt. Bauunternehmer und Arbeiter einerseits, sowie Nertreter des Oberrats, des Gemeindevorstcheramis. des Lehrkörpers und andere Gäste waren zum feierlichen Akt vereinigt: Riehlfest! Der am Bau vorzugsweise beteiligte Zimmer-Polier sprach den Richtspruch, der in dem Wunsche ausklang. daß in diesem schönen Bau glückliche iunge Menschen heranwachsen mögen. Vorsteher Dr. Hermann Merzbacher dankte dem Architekten, dem Bauunternehmer und seinen Mitarbeitern für ihr so wohlgelungenes Werk. Mit ernsten uncj doch hoff nungsfreudigen Worten legte er die Bedeutung des Baues in der heutigen schweren Zeit dar. Zum Schluß gab auch Dr. Merzbacher der Hoffnung Ausdruck, daß lebensstarke Menschen in diesem Hause an deutschem Wissen herangebildet werden mögen — erfüllt von echtem Judentum, wofür die nahe S^nugogc ein sprechendes bymbol sei. * Clas Aus unsarar Maß-Abteilung: ln erstklaaelger Ausführung I^Cil#a5AllZU^6 und bester Verarbeitung Mk. 140.- 150.- 160.- 180.- i