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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-10-01 · 13 (1.10.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
13 (1.10.1934)
Date
1934-10-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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- 105 - Staatsjugendtag und Sabbath. Von Dr. Walter Einstein, Stuttgart, Vorsitzendem des Landesanssefaasses Württemberg der jüdischen Jugend verbände. Die neue Hinrichtung des Staatsjugendtugs gilt vorläufig nur für das fünfte bis achte Schuljahr der Volksschulen und die Klassen eins bis vier der höheren und Mittelschulen, also im großen und gunzen für die zehn- bis vierzehnjährigen Schüler und Schülerinnen. Nur von ihnen soll hier die Hede sein. ' Die .,G e nt e i n d e z e i t u n g" hat bereits in einem Artikel der letzen Nummer („Geht unserer Jii- ' geiitl den Sabbath zurück.“) zu dein Staatsjugendtug Stellung genommen und die» Kltern der jüdischen Schüler eindeutig aufgefordert, von der jetzt gegebenen Möglichkeit, die Kinder ohne Nachteil für ihre Ausbildung vom Samstugsunterricht zu befreien, Gebrauch zu machen. Sie hat sich dabei auf einen Erlaß des Oberrats gestützt, der auf demselben Standpunkt steht. Beide Erklärungen sind auf das lebhafteste1 zu begrüßen: der Erlaß des Oberrats besonder* auch deswegen, weil hier einmal eine jüdische Behörde in Württemberg nicht allein als Verwaltungskörperschaft. sondern, wie es in der gegenwärtigen Zeit \ ielleicht öfters angebracht wäre, als geistige Füll re rin und Ratgeber in vor di? Oeßentlichkeit getreten ist. In dem erwähnten Krlull des Oberrats werden u.u. die Jugendbiiiide aufgefordert. au der Gestaltung des freien Subhuths mitzuwirken. Deshalb möchte auch ich mir einige1 Bemerkungen zu der Gesumtfruge erlauben: aber auch deshalb, weil inzw ischen Bedenken und Zweifel entstunden und laut geworden sind, die erörtert und geklärt werden müssen. Fs ist gefragt worden, ob eine Befreiung vom ganzen Samstugsunterricht (also nicht nur vom nationalpolitischen) sofort, mitten im Schuljahr möglich sei. Die Frage ist zu bejahen. Maßgebend ist 5 16 Abs. 2 der wiirtteinbergischen Fcricnordniing. der seine gegenwärtige' Fassung von der jetzigen Regierung erhielt. In dieser Bestimmung ist nirgends davon die Rede, daß die Befreiung nur zu Beginn eines Schuljahres möglich ist. Diese Regelung ist sachlich besonders jetzt gerechtfertigt, wo, während des Schuljahres, mit der Hinführung des Staatsjugendtages der Samstagsunterricht auf eine vollkommen neue Grundlage gestellt wurde. Dem entspricht es nur. daß die jüdischen Kltern. auf Grund der Befreiungsvorschrift. der veränderten Luge sich sofort an passen, und von dir Befreiuiigsmöglichkeit mit sofortiger Wirkung Gebrauch machen können. Wo vereinzelt Schulleiter oder Lehrer eine andere Auskunft gegeben haben sollten, werden sie inzwischen auf die maßgebende Ferieiiordnung hin gewiesen worden sein. Von Bedeutung ist auch, daß die Ferienordnung einen bestimmten Grund für die Befreiung nicht vorschreibt. Die Befreiung ist also möglich nicht nur aus religiösen, sondern auch aus a 11 g e m e i ii - j ü d i s ch e n Gründen. Wichtiger aber und schwieriger als diese formalen sind Bedenken anderer, grundsätzlicher Art. Sie sind entstanden dadurch, daß die jüdischen Schüler ursprünglich vom nationulpolitischen Unterricht schlechthin und automatisch ausgeschlossen waren, während sie jetzt an sich an ihm teilnehmen und nur auf Wunsch von ihm befreit werden können. Der Grund dieser gewiß auffälligen Armierung ist nicht bekannt. Der ..Angriff“ (vom 11: September) will zwar in Ausführungen, die im übrigen bemerkenswert sind, die Begründung für die nachträgliche Erlaubnis der Teilnahme am nationalpolitischen Unterricht mitteilen können: nichtarische Schüler, schreibt er, seien bisher vom nationalpolitischen Unterricht ausgeschlossen gewesen. weil man sich habe sagen müssen, daß es für sie zwecklos sei. sich mit Dingen zu befassen, die ihrem Volkstum fremd seien. Die Anziehungskraft des Deutschtums sei aber doch so groß gewesen, daß der Wunsch erweckt worden sei. gerade diese Stunden nicht zu versäumen. Diese* Bemerkungen erscheinen mir aber doch zu wenig genau und erschöpfend zu sein, als daß sie den letzten Aufschluß über den Grund der nachträglichen Erlaubnis zu geben vermöchten: sie. müssen deshalb, glaube ich, bei der weiteren Erörterung außer Betracht bleiben. Manche jüdischen Kreise argumentieren nun so: es sei hier, wie auch sonst, verkehrt, auf ein Recht zu verzichten: es sei vielmehr, wenn auch unter gewissen seelischen Opfern, jede Verbindung mit dem nicht jüdischen Teil der Bevölkerung zu pflegen: das gelte insbesondere für die jüdische Jugencl, die vor einem neuen Ghetto bewahrt werden müsse. Es sind also etwa dieselben Einwendungen, die u. a. gegen die Errichtung eines jüdischen Jugendheims, eines jüdischen Sportvereins, einer jüdischen Schule (für die es die* hier behandelten Probleme nicht gibt) vorgebracht wurden. Sie sind, meine ich, und heute erst recht, u n - richtig; man sollte glauben, daß gerade die jüngste Vergangenheit ihre Unrichtigkeit immer und immer wieder gezeigt habe. Noch aber we rden Vielfach Illusionen und falsche Sentiments der Erkenntnis der nüchternen Wirklichkeit vorgezogen. Denn sonst würde man sich in unserem Fall zum Beispiel i n er s t e r Linie über den I n ha 11 des nationalpolitischen Unterrichts Rechenschaft ablegen. Den Schülern ist, um den wichtigsten Teil des maßgebenden ministeriellen Erlasses nervorzuheben. der Werdegang der nationalsozialistischen Bewegung und das SEGEN DER THORA. Rückschau und Ausblick zum Laubhüttenfest. „Su k k a u *" und „Si m ch a s Th o r a" — zwei Worte voll altvertrauten heimeligen Klangs, der aus weiter Ferne herüberweht in diese Zeit jüdischen Schicksals, lind und verheißend wie ein Frühlingsatmen, das sich allzu früh in den noch froststarrenden Spätwinter gewagt. „Sukkaus" . . . Tage unbekümmerter Kindheit, umglänzt aber schon von einem verklärenden inneren Verständnis für die tiefe Symbolinnigkeit des Judentums, vergangene Stunden reinster Jugendfreude steigen wieder auf. — Bei unserem braven seligen Nachbar in der stattlichen jüdischen Landgemeinde wurde sofort nach Jom Kippur eifrig für die „Sukka" gerüstet. Die schlichte Laubhütte stand im Hofe, mitten zwischen den Asternbeeten, die ihre letzte Pracht verglühten, und mit heiligem, freudigen Ernst versah die Hausfrau mit den Kindern alljährlich das liebe Amt: Von Wand zu Wand zog sie leuchtende Hagebuttenketten; rotwangige Aepfel und goldgelbe Maiskolben, die den Duft fruchtschweren Herbstes verströmten, schwebten bald im geheimnisvollen Dämmer der Laubhütte, und ein Stückchen Septemberhimmel lugte neugierig durch all' diese Ernteherrlichkeit. Alte jüdische Bilder zierten die mit frischem Linnen verhangenen Wände — das Schönste aber war der silbrige „Mögen David", der von der Laubdecke herunterschwebte und den stillen Hüttenfrieden gleichsam beschirmte. Kam man vom Abendgottesdienst zurück, dann war es alte liebe Selbstverständlichkeit, in dieser freundlichen Hütte „Schehechejonu" zu sagen. Und wenn der fromme Nachbar mit patriarchalischer Würde, umgeben von Gattin, Kindern und Gästen, das Kidduschgebet sagte, dann kam heiliger Glanz in seine Augen. Diese „Sukka" war „sein e" Sukka, war echte religiöse Verwirklichung, inniger Dank und mutvoller Zukunftsglaube zugleich. Gottes Geist ruhte auf ihr . . . Gipfelpunkt holder Kinderseligkeit war aber das Simchas Thora-Fest. Mit bunten Schärpen festlich geschmückt, gog die Jugend fähnchenschwingend vor den Thorarollen einher, die von den Alten in feierlichem Kreise um den Almemor getragen wurden. Mit fröhlichwehmütigen Augen sahen Väter und Mütter auf ihre Söhne, die mit der ganzen Gemeinde an diesem Tage zur Thora aufgerufen wurden, auch~wenn sie noch nicht Bar-Mizwah waren. Israel bekannte sich zu den Quellen seines Daseins ... * Und aufs neue erhoben von diesem reinen Geiste früher Gotteskindschaft denken wir heute wieder an das längst entschwundene Einst. — Wir wissen um den horten Weg, den wir zu gehen haben und fühlen, daß wir a 11 e in schwanken Hütten wohnen, wie vor Jahrtausenden Israel, als es die befreiende Gotteshand durch die Einsamkeit der Wüste trug. Wir wissen aber auch, daß unseren Vätern Kanaan zuteil wurde. Und erschüttert von dem ehernen Gesetz geschichtlicher Wiederholung denken wir daran, daß auch heute wieder Tausende unserer Brüder und Schw.estern in den schlichten Zelten Erez Israels wohnen, solange, bis feste Mauern ihnen sicheren Schutz gewähren. Israel ist wieder auf der Wanderung, aber der alte Gott wohnt über seinen Zeiten. — Am Simchas Thora-Fest spüren w^r es nochmals mit gesammelter seelischer Kraft, daß unsere Gegenwart und unsere Zukunft auf den ewigen [Sittengesetzen jener-heiligen Schriftrollen beruhen, dfe an diesem Freudenfeste jüdische Hände mit bräutlicher Zärtlichkeit umschließen. So wollen wir denn diese Tage in Dankbarkeit und freudigem Stolz begehen. Möge ganz Israel sich einen im Danke dafür, „daß Gott uns hat daiterb und diese Zeit erleben lassen" — und im Stolz auf unser Dienertum an der Verwirklichung des göttlichen Gebotes. H. St. Wesentlichste* über den Aufbau des Dritten Reiches nulle /.u bringen, jede r Lehrer, der es mit seiner Aufgabe e rnst nimmt, m u II deshalb immer und immer wieder auf die R a s s e n f r a g e . auf die Judenfrage zu sprechen kommen und zwar in einem das jüdische Kind seelisch oft schwer belastendem .Sinn. Das ist peinlich für den lehrer und die nichtjüdischen Mitschüler; und tut weh den jüdischen Kindern, die liier wieder einmal mehr, und dazu ohne Notwendigkeit. zu Stiefkindern gemacht würden. Und zwar auch dort, wo der Lehrer auf die jüdischen Kinder noch so siel Rücksicht nehmen will, l’nd selbst wenn in der ei ii e ii Stunde von der Jndenfruge nicht die Rede ist. müssen die jüdischen Kinder befürchten, daß sie in der nächsten zur Spruche kommt: der nationulpolitische Unterricht würde also für sie zu einer Quelle dauernder Unruhe*. Gewiß: schon die Kinder sollen, anders als zum Teil bisher, mit der harten Wirklichkeit vertraut gemacht werden: aber doch nicht unter allen Umständen, sondern nur dort, wo es unbedingt notwendig ist. Im übrigen sollte nicht bloß von dem Recht der Teilnahme an dem liationnlpulitischen Unterricht, sondern ebenso von dem der Be freiii ii g von ihm gesprochen werden. Wenn die~Regierung diese Befreiungsmöglichkeit ausdrücklich gab, so wollte sie Schwierigkeiten, die sie in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse voraussah und die in der Natur der Sache liegen, von vornherein beseitigen: sie ihrerseits will den jüdischen Kindern nichts Ungebührliches zumuten: von den jüdischen Eltern kann wohl dasselbe verlangt werden. Diese Art. die Verbindung mit dem nichtjüdischen Teil der Bevölkerung zu pflegen, wie sie manchen jüdischen Kreisen immer noch vorschwebt, ist nicht die richtige: denn ein aufrechtes, harmonisches Zusammenleben, eins unzustreben ist. ist doch wohl nur dort möglich, wo es beiderseits Mißtöne nicht geben kann. Auch in diesem Full scheint mir, um mit Max Brod zu reden, die Wahrung der nötigen Distanz, sauberer und würdevoller. Es ist also meines Erachtens unbedingt und ausnahmslos notwendig, daß die in Betracht Kommenden jüdischen Kinder sich von dem nationalpolitischen Unterricht befreien lassen. Aber nur von diesem? ln diesem Fall haben die jüdischen Schüler, da eine Befreiung von dem übrigen Teil des Samstugs-Unterrichts dann nicht möglich ist. an dem Werkbezw. Handarbeitsunterricht, an den Leibesübungen. an dem Spielnachmittag, der jeden Samstag von 2 bis 4 Uhr stattfindet, und an den ganztägigen Wanderungen, die einmal im Monat veranstaltet werden, teilzunehmen. Die körperliche Betätigung der jüdischen Schüler ist also viel stärker als im bisherigen Samstags-Unterricht, wo sie im wesentlichen im Schreiben bestand. Vor allem aber können die* jüdischen Kinder dadurch, daß der Nachmittag nicht mehr frei ist, am Samstag weder mit ihren Eltern Zusammensein, noch am Jugend g o 11 e s - dienst und an den Heimnachmittagen des Jugend kreise-- und der Jiigendliünde teiliiehinen. Es ist also, von den religiösen Gründen ganz abgesehen, nur folgerichtig und zweckmäßig. wen;n um die Befreiung vom ganzen Samstags-Unterricht nachgesucht wird. In vielen ‘kleinen Gemeinden wird sich übrigens die Frage dadurch schon voi( selbst lösen, daß sämtliche1 nichtjüdischen $chiileri der Hitlerjugend angehören. — j Mit der Befreiung allein, negativ, ist es alle rdings nicht getan. Wenn der Samstag zum Sabbath werden soll, so muß. entsprechend wiederum dem Erlaß de s Oberrats, an die Stelle des ausfallenden Unterrichts etwas P o s i t i v - J ii d i s ch e s gesetzt werden: den jüdischen Schülern muß i h r Sabfiath. auf den sie stolz sein können, geschaffen werden. Die IsracT. Gemeinde Stuttgart geht hier mit bestem Beispiel voran, wenn sie (vom 6. Oktober ab) eine jeweils im Anschluß an den Gottesdienst stuttfindende Sabbuth- Foier für die jüdischen Schüler einrichtet. Es soll also, wie sich schon aus der Benennung ergib|t. nicht w ieder ein Schulunterricht, sondern eine Veranstaltung sein, die den Kindern nicht nur vvissens-.; sondern vor allem stiinmungsniäßig jüdische Werke vermittelt. Wegen der Einzelheiten darf ich auf dis Rundschreiben der Gemeinde verweisen, das die Eltern der in Fräge kommenden Schüler inzwischen erhielten. Bemerkenswert ist vor allem, daß an der Ausgestaltung dieser Subbath-Eeiern nicht etwa nur. cd er auch nur in erster Linie, die Beamten der Gemeinde, sondern alle Kreise der Gemeinde, tpe dazu fähig und willens sind, besonders auch die und nicht zuletzt die Kinder selbst, mit wirken sollen. Der neuen Einrichtung ist ein voller I rfolg zu wiin- Jugendbünde, schon: zu hoffen ist auch, daß durch t iese Sabbath- F eiern. wie überhaupt den freien. Sabbath. auch Gottesdienst und Religionsunterricht einen neuen, wohl nicht ganz überflüssigen Auftriel erhalten. Die Jugendbiiiide iin besonder!! h dien an dem freien Subbath und seiner Ausgestaltung aus einem bestimmten Grunde ein besonderes Interesse (es findet deshulb auch im Oktober in Stuttgart eine Tu- Eung der w ürttembergischen Jugendbüi de unter dem eitwort „Wie gestalten wir den freien Sabbath?" statt). Denn die Jugendbünde haben eitler die Erfahrung gemacht, daß die jüdische Jugend nach der Schulentlassung weniger in-deu Jugei dhiinden. die den Nachdruck auf geistige Arbeit legen, als in den Sportvereinen mitarbeitet. Das jüdische Gemeinschaftsleben wird gew iß auch durch ger leinsume körperliche Betätigung gefestigt: sie allein aber kann nicht genügen. Eine der schönsten Früc ite des freien Sabbaths wäre es deshalb, wenn durch ihn die geistige Einstellung der jüdischen Jugend so gestärkt würde*, daß sie auch über die Schulzeit hinaus, und dann aus fre ien Stücken, anhielte. Mit dem freien Sabbath ist eine Chi nee gegeben, die nicht so gleich wiederkehrt: es wi re unverzeihlich, sie ungenützt verstreiihen zu lassen! ■ Aus unserer Haß-Abteilung: A A in erstklassiger Ausführung |*lCH)aAeilZUSC und bester Verarbeitung Hk. 140.- 150.- 160.- 180 S,asüffls

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