Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 12 (16.9.1934)
- Date
- 1934-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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einen bedeutenden Nachlaß auf den Fahrpreis; er bezahlt bloß ein Drittel der normalen Gebühr. Der Aufsichtsbeamte am Fahrkartenschalter ist sehr ungehalten. Er hält sich für den unglücklichsten Mann von Beiz. Tausende Menschen gehen durch seine Hand. In jedem Monat Tischri muß er Tage und Nächte dem Verkauf von Fahrkarten opfern. Wir sitzen im Eisenbahnwagen. Juden sagen die Segenssprüche des Morgensterns her und summen die Beizer Nigunim. Eine Traurigkeit macht sich geltend. Nicht mehr herrscht die Weite des Gefühles, die freudige Erwartung der Hinreise. Man ist von Sehnsucht ergriffen, der Sehnsucht nach jener Stätte, dem Anziehungspunkt tausender Menschen. Ich verstand ihre Seele. Beiz begnadet sie mit einer „Neschamah jetejrah“. mit einem zusätzlichen Innenleben. Beiz gewährt ihnen die Kraft und die Zuversicht im außerordentlich harten Daseinskampf und beherrscht ihr sonstiges geistiges und seelisches Leben. _ Die Pforte des Weinens. Eine Jom Kippur-Geschichte. Nein, das war kein gutes Jahr gewesen. Im Aeußern nicht, und gewiß nicht im Innern. ... Die junge Frau dachte es zum hundertsten Male an diesem Tag und sah mit leeren Augen in die Kerzenflammen. die auf den niedrigen Stümpfen müde flackerten: kein gutes Jahr — bittere Sorgen waren gekommen: aber die trugen auch andere: wer unter den jüdischen Kindern litt die nicht? Schlimm genug, daß es so war. — Aber hatten sie es recht getragen, sie und ihr Mann und ihr Haus? Sie hatten nicht zu klagen aufgehört, vor den andern nicht und vbr einander nicht, und aus den Klagen waren Vorwürfe geworden, erst wider die andern, dann wider einander. Und am Ende war die Stummheit gekommen und hatte sich über sie beide gelegt, über ihren Tisch und ihr Beisammensein. Und zuletzt hatten sie aneinander vorbeigesehen und waren aneinander vorbeigegangen — im Aeußern und im Innern. Der schmale Ring an der jungen Frauenhand war auf einmal ein zitternder, flimmernder Streifen: und dann löschten ihn die Tränen vollends aus. So lange war das noch nicht her. daß dieser Reif sie dem geliebten Menschen verbunden hatte, „k'dass Maüscheh w'Jisroel“. Knappe vier Jahre. Aber war das „k'dass Maüscheh" gewesen, dies Aneinander- Vorbei? Die Stummheit, die Kälte, der harte, verschwiegene Vorwurf —? Die bösen Tage der Sorge hatten das getan — aber ihre beiden Herzen hatten nicht die Glut und den Glanz gefunden, der den tötenden Reif früh genug wegtauen konnte.-. Wie tief die Kerzen niedergebrannt waren. Nun kam Ne'ila —. Und die junge Frau senkte die Stirnetief aufs Buch herab. Nun kam schon Ne'ila. der hohe Tag der Einkehr und Umkehr ging dem Ende zu — und noch immer war ihr die rechte Versenkung nicht gekommen, noch immer fehlte ihr das Gefühl eines Aufgehens in der Gemeinde, einer Einheit mit Israel und diesem Tag. Zu Kol nid re nicht und nicht zur Awaudoh war s ihr geworden. Noch immer brannte in ihr die Leere, das Schuldgefühl und die Einsamkeit. Schon Ne'ila — und noch immer wartete ihre Seele auf den Jom Kippur, der nicht zu ihr kommen wollte. Da stand der Raw schon, der Ne'ila selbst sagen wollte, vor dem Betpult. Da klangen schon die feierlich strengen Töne des Kaddisch auf — Ne'ila — Ne'ila — und noch immer war der Jom Kippur nicht in ihrem Herzen — —. Ihre Augen brannten und suchten-. Ihre Augen suchten und fanden. Dort seitwärts stand ihrMann, den jungen Kopf unter der weißen Kappe, tief in den Talith gehüllt, als ob ihn fröstele. Aber sein Gesicht konnte sie nicht sehen — das hatte - 99 - er auf seine beiden Hände gelegt, fest und verberf'end, in diese beiden vertrauten Hände. Und an dem eisen Zucken der Schultern unter dem weißen Mantel sah sie, erkannte sie — er weinte. Er weinte in seine beiden Hände, er weinte die tauende Starrheit und Kälte, die irrigen Klagen und Anklagen in diese letzte Stunde des Jom Kippur hinein. Seine Tränen reinigten die Wunden, kühlten und heilten —. Da stand er, da blieb er stehen, auch als die Gemeinde sich wieder niedersetzte. Er stand, das Gesicht in die Hände gesenkt, vom Talith umhüllt, und starb dem bösen Jahr, um wieder neu zu sein und ein Wahrhaft Lebendiger. „Me'chaja hajnessim!“ War’s nicht ein Tod, den sie beide gestorben waren, in Schuld und Härte und Mißverstehen, in Absonderung von einander und von der Gemeinschaft? „W'hoschiwu w'chiju!' Kehret um und lebt! Da riß die Gefangenschaft ihrer Seele! Da geschah ihr, als sei das wirklich, was fromme Ueberlieferung sie gelehrt hatte: wie es einer Gemeinde von Frommen da und dort geschehen sei, daß ihre Gebete am Tag der Versöhnung nicht aufzusteigen vermocht hätten, bis einer durch die Inbrunst seiner Umkehr, durch die Innigkeit seines Gebets alle Gebete der Sehnsüchtigen auf die -Flügel des seinen genommen und sie hinaufgerissen habe vor den Thron des Ewigen. „Oeffne uns das Tor, zur Zeit, da das Tor geschlossen wird, denn der Tag hat sich gewandt!" Sie spürte es, ja! Der Tag hatte sich gewandt — und ein Tor war offen, offen auch für sie — das Tordes Weinens, von dem unsere Lehrer sagen, daß es niemals geschlossen sei, auch wenn die Pforten des Gebets verriegelt stünden. Das Tor des Weinens war offen — und ihr Mann, dem sie angeheiligt war nach der Satzung Moschehs und Israels, ihr geliebter Weggefährte hatte das Tor für sie offengehalten. damit ihr Gebet eintreten könne —'—. Ne'ila! Ihr Jom Kippur war gekommen! Die Inbrunst war gekommen, die Einheit mit der Gemeinschaft und — gepriesen sei, gedankt sei dem Vater aller Wesen! — die Einheit mit sich selbst, mit ihrem eigenen Ich und ihrem geliebten Du, das da unten, vom Talith umhüllt, ein böses Jahr vernichtete und den W eg ins Rechte begann. Er mußte das fühlen — denn als die vielen Beter zum letzten Male an diesem Tag sich als Söhne ihres Vaters bekannten und als Herde ihres Hirten, da hob er sein Gesicht von den Händen und wandte sich um, ihr zu. Sie suchten sich einen Augenblick, sic fanden sich — der Weg von zweien war wieder ein einziger. Sid waren bereit, die Einheit Gottes zu bekennen. und vor allem, in einem Leben der Verwirklichung wieder um sie zu dienen. Martha Wertheimer Gebt unserer Jugend den Sabbaih zurück! Vor wenigen Tagen hat der Israelitische Obrrrai sämtlichen württembergischen Israelitischcn Vorsteherämtern. Rabbinern und Religionslehrer i, einen außerordentlich bedeutsamen Erlaß übersandt, der von der jüdischen Oc-ffentlichkeit sicherlich dankbar begrüßt werden wird. Dieser Erlaß weist auf die Verordnung des Kultministers über den Staatsjugendtag vom 2. August 1954 (Nr. 11575) hin. in der bestimmt wird, daß vom ersten Samstag nach den Sommerferien an für die Erziehungsarbeit der Reichsjugendführung (Hitlerjugend-Bewegung) der Samstag als schulfreier Tag (Staatsjugendtag) bestimmt wird. Für alle übrigen, nicht in der Hitlerjugend-Bewegung zusummen- 6efaßten Schüler findet um Samstag früh der übliche nterricht statt. M. Feil STUTTGART TObingerstraBe 1 Herbstneuheiten ln Herren-HOten Oberhemden K rav a tte n Im Anschluß an diese Verordnung ist für das württembergische Gebiet bestimmt worden, daß der Staatsjugendtag zum ersten Mal am Samstag, den 15. September, und zwar zunächst für die Schüler und Schülerinnen des fünften bis achten Schuljahrs in den Volksschulen und der Klassen eins bis vier in den Mittelschulen stuttfimlet. Die nicht dem Jungvolk angehörenden Schüler und Schülerinnen erhalten am Samstag pflichtmäßigen Unterricht, der in mindestens zwei Unterrichtsstunden das nationalsozialistische Gedankengut behandeln soll. Die nichtarischen Schüler sind von diesen Stunden befreit. Wo es möglich ist. wird eine Stunde Werkunterricht für Knaben und Handarbeit für Mädchen erteilt. Die übrige Zeit ist den Leibesübungen gewidmet. Sämtliche nicht dem Jungvolk ungehörigen Schüler und Schülerinnen haben am Samstag au einem aufgabenfreien Spielnachmittag tcjlziinehjmen. Einmal im Monat wird für diese Schüler um Samstag eine ganztägige Wanderung veranstaltet. In jedem Vierteljahr findet diese W’underung einmal für alle Klassen der betreffenden Schule mit Ausnahme der NorschuL klassen statt. Für die Schüler und Schülerinnen der Mittelschulen und der höheren Schulen von Klasse fünf ub verbleibt es vorerst bei der bisherigen Verteilung des Unterrichts auf die sechs Werktage. In dem Erlaß des Israelitischen Oberrots heißt es weiter: „Die obige, auszugsweise mitgeteilte Verordnung des Kultministers und die im Anschluß an sie erlassene württembergisrhe Verfügung veranlassen den Israelitischen Oberrat von neuem, an die Eltern der jüdischen Schüler und Schülerinnen mit dem ernsten Ersuchen heranzutreten, nunmehr die Befreiung ihrer Kinder vom Schulunterricht am Samstag nachzusuchen und ihnen dadurch die Heiligung des Sabbathtages zn ermöglichen. Wenn ein Teil der jüdischen Eltern bisher von der ministeriellen Erlaubnis, ihre Kinder vom Schulunterricht am Samstag zu befreien, nicht Gebrauch gemacht hat, weil sie besorgten, daß ihre Kinder einen ganzen Schultag versäumen, so kommt dieser Bedenken für die Eltern von Kindern, welche die Volksschule bzw. Klasse eins bis vier der Mittelschule besuchen, nunmehr völlig in Wegfall. "“Die Rabbiner, Religionslehrer und Vorsteher- ■ ämter werden aufgefordert, den Eltern, die ihre Kinder bisher nicht vom Unterricht am Samstag befreit hatten, von dieser veränderten Sachlage Kenntnis zn geben und dahin zu wirken, daß von diesen Eltern die völlige Befreiung der jüdischen Schulkinder vom Unterricht am Sabbathtage erfolgt. Es entsteht aber durch diese neuen Verordnungen für die Rabbiner und Lehrer die Verpflichtung, der vom Schulunterricht befreiten jüdischen Jugend am Sabbathtage durch Schrifterklärungen, durch die Verlesung geeigneter guter jüdisdier Erzählungen und in der Form von Jngend-Schiurim, gegebenenfalls nnter tätiger Beteiligung der älteren Schüler, die Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis vom Judentum zu ermöglichen. Der Israelitische Oberrat erwartet daß alle beteiligten Kreise, insbesondere die Jugendbünde, die neue Gelegenheit die Jugend im Sinne der Religion Israels zu beeinflussen, voll answerten. M. JlotfoeAädd Jlacidtuekmi (Rottwella. 71. Stattgart Svrrtspw. 71 o. 207 &*msp. 71409 BttUt Öl* am (flerä<Anid)t1ßung 6*1 'Damenhüte flott / elegant jugendlidi wundervoll kleidend, feizt in besonders reichet Auswahl 7J**g*6ung Draeno*6*li*n. Umarbeitungen alter Hüte erbitten letzt! Jetzt können vir Sie besonder» gut und billig bedienen. FRASCH MARIENSTRASSE 36 Jeden diesen Firmen I Einkauf MALERARBEITEN jeder Art werden gut u. preiswert ausgetührt Erste Referenzen. PFITZENMAIER 6 KAPP Stuttgart, Römerstraße 65/67 / Tel. 70396 TüoUe ist HOtudUhUcumpt! Flott* Modelle — Bereitwillige Anleitung Tft.Jbok, lütue., Hcstsu. 7 Möbeltransporte Verpackung / Lagerung Spezialität: Auslandstransporte 267«8 StlHItft IillmutnM 32 ATELIER FÜR FEINE DAMENMODE EMMY SCHEURING STUTTGART 8. 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