Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 11 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
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- 85 - SENDUNG UND SCHICKSAL Findlinge der Welt, doch Kinder Seines Hauses, Läßt er uns ruhlös sein von Ort zu Ort. Knechte von Knechten, Gäste seiner Erde, Bleibt unsre Heimat wie am ersten Tag Sein Wort. Er, gibt uns Heimat und zerstört sie wieder, Läßt uns vergehn und hebt uns hoch ins Licht, Wir suchen Ihn und unsre Brüder, Wir brennen und verbrennen nicht. i (Aus der Lehrkantate »Licht und Volk*, Text: Dr.M. Grünewald; Musik: Hugo Adler). iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiitiiiHiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiHiiiHiitiiiiiiiiiiiiwiiiiiinHiiiinitiiiiiiiiiiiiiiiimiimnHmiiiiiaimimitmtniiiiraiiiiinMHMiMMiimiiMiiiiiiMiiiNiiitisHtm Mit Gottvertrauen und Lebensmut ins neue Jahrl Von Bez.-Robbiner Dr. Beermann, Heilbronn. „Unsere Heimat ist in des Ewigen Nähe, so bleiben wir aufrecht in der Zeiten Wandel und Wehe." Wie jene Fischer an Deutschlands wogenumbrandeter Seeküste vor jeder Ausfahrt auf die weite Flut in demütigem Gebet bekennen: „Wie klein ist unser Kahn und wie groß ist Dein Meer", so beschleicht unser Gemüt an der Schwelle eines neuen Jahres Zagen und Bangigkeit. Noch zittern in unserer Seele die Stürme nach, die uns umbrandeten. Noch hallt und tönt der Sang turmhoher Wellen durch alle Räume unseres Innern, noch sehen wir die ragenden Klippen, an denen unser Lebensschifflein zu zerschellen droht, und wieder soll es hinausgehen in den brausenden Kampf, zu neuer Fahrt und neuen Fährlichkeiten. Da fühlen wir uns angeredet wie einst die Beauftragten des großen Meisters: „Trachtet nach Stärkei" Gewinnet neuen Lebensmut! Wie leicht doch droht er uns zu entschwinden, angesichts alles dessen, was unser deutsch-jüdisches Schicksal uns an Schwerem und Herbem gebracht hat. Da steht manch einer gebeugten Hauptes mit furchterfüllter Seele, denn er fühlt die Grundlage seines wirtschaftlichen Daseins unter sich wanken. Da geht banges Seufzen durch die Reihen derer, die um Lebensstellung und Beruf ihrer Kinder in drückender Sorge sich abhärmen, und tiefstes Mitgefühl wird in uns mächtig, denen gegenüber, die all den Anforderungen dieser schweren Zeit krank und siech und seelenmüde gegenüberstehen. Da ist kein Ruf so zeitgemäß wie der: Mehr Lebensmut! Wie nur der Baum, der im Erdreich wurzelt, Kraft gewinnt, wie der leuchtende Funke nur den Faden durcheilt, der an die Kraftquelle angeschlossen ist, so kann nur d i e Seele erstarken und gesunden, die in einer weltüberlegenen Wirklichkeit beheimatet ist. Nur sie vermag zu bewähren das Wort: „Am Tage, da ich fürchte, hoffe ich auf Dich!" Aber auch mehr Lebenskraft brauchen wir. Schon um aus uns wahre Gotteskinder zu formen, brauchen wir einen starken Willen, der dem Andrängen der Lüste, dem Ansturm der Leidenschaften nicht nachgibt. Nur unerschütterliche Willenskraft meistert das oft so widrige Schicksal. Nur die feste Seelenrichtung auf den Hort alles Guten kann uns befähigen, mit der eigenen Unzulänglichkeit und den Mängeln der anderen fertig zu werden. Einer der edelsten Menschen hat einmal den Ausspruch getan: Wie man mit Bienen nicht umgehen kann ohne Vorsicht, so kann man mit Menschen nicht auskommen ohne Liebe. Das Wort des Psalmisten muß unsere Losung sein: Ich liebe, so hört der Ewige meine Stimme, mein Flehn. Mehr Lebenskunst muß sich dazu fügen. Dazu gehört, daß wir drei Regeln befolgen: 1. Vergiß das Beste nicht. „Ich bin" ist mehr als „ich habe". Laß' dich durch die Dinge um dich herum und durch alles Formen und Schaffen an ihnen nicht davon abbringen, aus dir selbst was Rechtes zu gestalten. 2. Uebersieh' nicht, daß beides, Einatmen und Ausatmen, zum Leben gehören. So muß Arbeiten und Schaffen mit Sammlung und weihevoller Stille abwechseln. Beide ergeben den rechten Rhythmus des Lebens. 3. Gewöhne dich daran, bei allen Erscheinungen nach den guten Seiten zu sehen, und erwäge die beherzigenswerte Mahnung, die sich in einem deutsch-jüdischen Sittenbuch befindet: „Sei nicht wie die Fliege, die die wunden Stellen sucht, sondern wie die Biene, die aus allem Honig gewinnt." Auch die Welt der Einzelseele beruht auf drei Säulen: Auf Gottverbundenheit, Berufsarbeit und Bewährung von Güte. Möge es uns im neuen Jahre vergönnt sein, in diesem Sinne unser Dasein auszubauen, auf daß das neue von Gott geschenkte Stück Leben werde ein Jahr der Gnade vom Ewigen. Achtzehn Monate 1 deutsche Alijah. Erez Israels Bedeutung für die deutschen Juden. Was sagt eine Zwischenbilanz über die Einwanderung von Juden uns Deutschland nach Palästina? War das Land aufnahmefähig, hüben sich die Menschen eingeordnet in Stadt. und Land, hat sich die Zionistische* Organisation bewährt? Wenn wir den ausführliche» und gewissenhaften Bericht, den Professor ( haim Weizmann. der Leiter der Ansieellungskeimmission. Ende Mai erstattet hat und einiges Material, das seither dazu gekommen ist. hinzufüge», können wir mit aller Verantwortlichkeit sagen, dalf das Ergebnis außerordentlich positiv ist. 20 000 deutsche Olim. Palästina hat an legaler und illegaler Einwanderung aus Deutschland seil dem I. Januar l‘)55 rund 20000 Juden uufgenomme». Die offizielle Einwamleriingsziffer für l‘)55 ist 6800. für die ersten vier Monate t‘>54 betrügt sie 4260. In den vorangehenden Jahren war die Alijah aus Deutschland 2 der Gesumteinwunderung. gegenwärtig betrügt sie 25 Von den legal registrierten Einwanderern gehörten im ersten Jahr 5000. in den vier Monaten der Berichtsperiode 1054 etwa 1200 der sogenannten Kapitalistenkategoric an. Palästina hat nicht nur einen beträchtlichen Zuwachs an Menschen und Mitteln bekommen, es bat sie vor allem zu absorbieren vermocht. Die enorm günstige Wirtschaftslage, die die Einwanderer vorfanden — das Ergebnis jahrzehntelanger zionistischer Bemühungen und der Tüchtigkeit der früheren. meist ostjüdischen Einwunderer — hat die Absorption ungemein erleichtert. Nicht jedes Land hätte einen solchen plötzlichen Zustrom in dieser Weise verarbeiten können. Einordnung in der Stadt. Die Zahl der deutschen Juden, die sich 1055 in In- -dustrie. Handwerk. Kleingewerbe und Handel eingeordnet hüben, ist auf etwa?0t)0 zu schätzen. 20ti» von ihnen sind als städtische Arbeiter beschäftigt. Es war Platz für die Gründung von 65 industriellen Unternehmungen, bei welchen 700 Arbeitern Beschäftigung geboten wurde. Die Zentralstelle bietet anderen Gelegenheit zu handwerklicher Ausbildung. Von Angehörigen freier Berufe sind etwa 400 Aerzte und 200 Rechtsanwälte mit ihren Eumilienmitglicdcrn 1055 nach Palästina übersiedelt. Etwa 550 Aerzte haben Lizenzen zur Ausübung ihres Berufes erhalten. 20 Rechtsanwälte haben das notwendige' Examen nach geholt, weitere 75 sich zum Examen gemeldet. Etwa je 50 von den Angehörigen dieser beiden Kategorien sind Landwirte geworden, die übrigen haben andere Berufe ergriffen. Das Wichtigste: der Weg aufs I-and. Etwa 1800 deutsche Inden konnten mit Hilfe der Zentralstelle in der Landwirtschaft nr torgebracht werden. Die Familienangehörigen mitgerechnet, kann festgestellt werden, daß etwa 25 9f der deutschen Alijah lamlw irtschaftlich angesiedelt worden ist. Diese Ansiedlung erfolgte in erster I.intet durch Einreihung der Chuluziin in die bestehenden (Siedlungen. Hierbei hat die Zentralstelle durch Bau neuer Wohnhäuser wesentliche Hilfe geleistet. Viele Einwanderer, darunter auch ältere mittelstündische Elemente, die erst ihre Umschichtung durchführen müssen, sind von .den Siedlungen zur Ilachscharuh uufgenommeu worden. Nichts bringt mächtiger zum Ausdruck, was 50 Jahre Keren Kajemeth und- 15 Jahre Keren llajessotl im jüdischen Leben bedeuten als die-Tatsache, daß Menschen, die jahrelang Spender und Zeichner dieser Fonds gewesen sind, heutein den durch ihre Mitwirkung entstandenen Dörfern die erste Stütze für ihre Einordnung finden. Neue Methoden. Zur Organisierung einer breiten Mittelstundssiedlung sind zwei neue Gesellschaften ins Leben gerufen worden, die Base» (Rurul and Suburbaii Settlement ( 0.1. eine Gesellschaft für ländliche und vorstädtische Ansiedlung, und die Irrigation Co., eine Bewüsse- IIiugsgesellschaft. die durch Brunnenbohrungeu usw. verfügbare Terrains nutzbar machen soll. Die Wissenschaftler. Es wäre noch ein Wort über die Hilfe zu sprechen, die Palästina angesichts der Trugödie der jüdische» Wissenschaftler, der älteren Gelehrten und der wissenschaftlichen Assistenten geleiste-rdiat. Die Universität. so klein sie noch ist. das Technikum in Haifa und die Versuchsstation in Rechoboth haben Gelehrte aufgenommen, das Sicff-Iiistitut allein sieben. Mehrere Professor?» der Medizin haben ihre Tätigkeit aufgenommen. Eine Konzentration jüdischer W issenschaftler in Palästina wäre von größter ideeller und materieller Bedeutung. Wenn die- Beschaffung der nötigen Mittel gelingt, ist unzunehtuc». daß auf diesem Gebiet noch Außerordentliches geleistet werden kann. Die Kinder-Alijah. Eine besondere Abteilung der Zentralstelle unter Leitung von Henriette Szold beschäftigt sich mit der Leberführung jugendlicher (14 bis 17 Jahre« aus Deutschland und ihrer Einordnuug. In New» Schaanuu bei Haifa trifft man die braungebrannten Kinder der Berliner Ahaw a. in EnCharod eine große Gruppevon den ersten 550 Glücklichen der Jugend-Alijah. die bekannten Schiilsiedlungeu Ben Schemen und ScJiefejah und andere haben Kinder aus Deutschland aiifgenommen. Leber £ 8000 sind von der Zentralstelle für die Errichtung von W eingebunden für diese Kinder ausgegeben w»reich. Die Eragc>. wie die Zionistische Organisation und ihre Instanzen sich in diesem Jahr des Ansturms neuer Einwunderer bewährt haben, ist durch diese kuize Aufzählung, die nichts über die v ielen anderen Tätigkeitsgebiete (erste Unterbringung. Beratung, soziale Fürsorge. Kreditgewährung usw.) nasführen konnte, genügend beantwortet. Im ganzen darf Professor Weizmunn und seine Mitarbeiter stolz auf die bisherige Leistung sein. Unter allen Unternehmungen, die sich mit dem W antlerprohlem der deutschen Juden befassen, hat die Palästina-Kolonisation a m meisten geleistet, und sie kann als einzigeetwas Dauerndes schaffen: wirkliche- Heimat, und für unsere Jugend eine auf ehrlicher Arbeit aufgebaute Zukunft. Und die Perspektiven. ~ Und was bietet Palästina eien vielen Menschen, die ihren Blick dorthin gerichtet hüben? Für die neue' Alijah. die jetzt Jahr um Jahr kommen wird, sind die Verwandten und Freunde, die sich schon eingeordnet hi4>en. Stützpunkte. Die Zionistische Organisation ist in voller Tätigkeit. Aber ihr Königsgedaiike-, diclel c e der j U el i s ch e » Selbsthilfe, muß eine Verpflichtung für jeden einzelnen Juden werden. ..Wir wissen“, schreibt Professor Weizmann. ..daß es reale Möglichkeiten gibt, die jüdische Eluwoh»erzähl Palästinas im Laufe von vier-bis fünf Jahren zu verdoppeln. Neben einigen ganz konkreten Projekten landwirtschaftlicher Natur. deren Realisierung ausschließlich eine Frage der Mittel ist. eröffnen sich heute Möglichkeiten, um in Haifa allein, das ganz besondere Zukunftschancen hat. eine jüdische Großstadt aufzubauen. Nüchterne L-eberlegung zeigt, daß Haifa, heute im Besitz eines modernen Hafens, um Endpunkt der Oelrührenleitung und am Aeiegaugspiiukt der Bahn nach Bagdad gelegen, in den! n ä ch - s t cu Jahren eine r u p i el e A u f w ä r I s e » t - w i ck I ii n g nehmen wird: aber ob es eine levantinische oder eine jüdische Stadt sei» wind, wird allein von uns ahhüngeu. Meine F re-unele und ich werden uns nicht beirren lassen. Wir werden der besonderen Aufgabe-, die wir uns gesetzt haben, der Ansic-cMiing deutscher Juden, in Erez Israel, unsere Insten Kräfte widmen. Wir richten an Sie und Ihre F reunde und an die Judcnlieit den Appell, uns zu helfen. Was man zuerst und am dringendsten benötigt, das ist neuer Boden. Die- Leistung des KKI. in der Haifu-Bay ist beispielhaft, aber s*ie darf nur ein Anfang sein. Das Jahr 56*)5 muß uns um ein großes Stück weiterbringen — wenn wirklich jeder Jude hilft.“ Aus unserer Maß-Abteilung: Maß-Anzüge Mk. 140.- In erstklassiger Ausführung und bester Verarbeitung 150.- 160.- 180.