Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 9 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
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- [Seite] (sequence 3)
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- 71 - Die Auswanderungsmöglidikeilen für deulsche Juden. Von Emst Kahn, London. Im Juli-Augustheft der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“, herausgegeben von der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ in Berlin, veröffentlicht Krnst Kahn einen äußerst bedeutsamen Artikel über „Das Auswanderungsprohlem der deutschen Juden“. Nach einer kritischen Betrachtung der weltwirtschaftlichen Situation unter besonderer Berücksichtigung der Agrarwirtschaft beschäftigt sich der Verfasser mit den Auswanderungsmöglichkeiten, die er, wie ans den nachfolgenden Ausführungen hervorgellt, alles in allem nicht allzu ungünstig beurteilt. Die Schriftleitung. liier sei zunächst einmal, für \iele vielleicht überraschend, manche l'ebertrcibnng über die Größmdes Problems uuf das richtige Mult /«rückgeführt. Wie \iele wohl können und werden aus Deutschland uuswandern? Bevor man darauf eine Antwort wagt sei zunächst die Zahl der Juden in Deutschland überhaupt festgestellt. Mali spricht immer wieder \on IS«)0<H> deutschen Juden, während die Zahl heute1 näher an 400 000 liegen dürfte. Sie wird heute auf 420<MM>- 4vO(HH) geschätzt. Von diesen 420 000 4TOOOO Menschen ist natürlich unrein ganz kleiner Teil überhaupt uuswundcningsfühig. Nur eineganz beschränkte Zahl kann wir allem hoffen und erwarten, im Ausland noch einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Es ist bekannt, dult die deutschen Juden in ungewöhnlichem Malteüberaltert sind, dalt die gute Hälfte von ihnen über 40 Jahre alt ist. ein Alter, das für die Au-iwanderung im eigentlichen Sinne kaum mehr in Frage kommt. Die vom Standpunkt des Alters Ausw|inderungsfähigeii. das sind die unter Dreißigjährigen, werden heute etwa auf 120 000 geschätzt. Nimm! man selbst an. dalt alb1 diese Menschen ins Ausland gehen und dalt von ihnen bereits die Hälfte Arbeit sucht, ■während die andere Hälfte als Kinder und nichtberufstätige Krauen zu betrachten sind, so wären (i0000 Arbeitsplätze zu suchen. Niemand wird wohl glauben, daß in absehbarer Zeit, also sagen wir mal während des hoffenden and des kommenden Jahres, in solchem Mulle eine Auswanderung eintre(on wird. Andererseits freilich darf man nicht verkennen, dalt bereits etwa 70 000 deutsche Juden Deutschland verlassen haben, von denen erst der kleinere feil einen einigermaßen befriedigenden Wirkungskreis gefunden hat. Nimmt man nun für einen Augenblick an, (laß für die bereits im Ausland befindlichen, aber noch nicht untorgebrnchten deutschen Juden und für jene, die noch auswandern wollen, insgesamt 60 000 Arbeitsplätze zu suchen wären.—wus ungefähr einer Auswanderung von 120 000 Menschen gleichkommt, da in, allgemeinen nur jeder zweite einen Arbeitsplatz sucht —, so klingt das vielleicht im ersten Augenblick noch recht hoch. Das Problem wird aber in dem Augenblick erheblich einfacher, wenn man einen Bleistift, ein Stück Papier und ein geographisches Buch zur Hund nimmt und nun auf dieses Blatt Papier die für die Auswanderung in Krage kommenden Länder der Reihenfolge ihrer Bedeutung nach niederschreibt und sich ungefähr vorstellt, wie viele Arbeitsplätze dort für deutsche Juden wohl zu finden wären. Das Ergebnis ist dann erheblich beruhigender. Im nachfolgende» ist e in derartiger Versuch g«'- macht worden: Palästina 1 (> IHM) Skandinavien 400 Frankreich 11 IHN) Balkan *>00 England 2 vtM) Indien 100 Vereinigte1 Stauten l ngurn 100 von Amerika “(MM) (hilf 200 Südafrika 1 200 Aegvpten ■>0 Holland 4>O0 ( hi na 200 Tsdiodioslowakri 1 600 Mandschurei >0 Polen 4 »oo Japan V) Belgien ‘WM) J iirkei 200 Kiißlu nd •WM) Oxlcifiiku 200 Argentinien (WM) Persien!">0 Brasilien 6<M) Kanada 100 Australien 600 Britisches Weltreich. Italien 40!) soweit »och nicht Spanien 600 berücksichtigt I 000 Oesterreich l(M> Uobriges Süd- Schweiz MM) amerika 400 zusammen: ">6 600 Man mag an diesen Ziffern soviel mäkeln wie man will, je nach persönlicher Auffassung wird man die eine oder andere Zahl entweder zu hoch oder zu niedrig finden, aber niemand wird behaupten, daß diese» Ziffern etwa phantastisch sind. Und damit scheint mir eigentlich das Resultat des Auswunderungsproblems gegeben zu sein. Die Lösung ist nun. ob man will oder nicht, nur in einer radialen Zerteilung oder, wenn man will. Zerstreuung zu finden. Die deutschen Juden sind Individualisten und nicht als Massen anzusicdeln. Das ergibt auch die Lösung, wie der oben skizzierte \crtciliingsplnn in die Praxis um/usetzen ist. Ich erwarte sehr wenig von'politischen \erhamllungcu und organisatorischen Maßnahmen. Wenn irgendwo das Wort ..Organisation" für mich einen üblen Beigeschmack hat. dann ist es bei der Emigration. Die1 Idee, deutsche Juden, von denen jeder einzelne eine Individualität ist. wie Ware1 zu verschicken, ist für mich absurd. Die Dinge müssen sich vielmehr im weitgehendsten Maße jm Wege der Selbsthilfe und der gegenseitigen Hilfe vollziehen. Alles kommt darauf an. daß zuerst einmal eine beschränkte Anzahl von Menschen verhältnismäßig g u t u n d s i n n voll untergebracht wird: dann wird das weitere in der Weise erfolgen, w je immer Auswanderung vor sich geht. Der einzelne1 wird viel besser den ihm persönlich Bekannten und Verwandten Möglichkeiten Nachweisen als eine Organisation, die nach äußeren Merkmalen und nach immer schematischen und sehr häufig irreführenden \er/eichni'sen orientiert ist. Selbstverständlich bedeutet das nicht eine Ablehnung der Organisationen: im tiegenteil, sie haben natürlich eine ungewöhnlich wichtige und verantwortungsvolle und segensreiche Hilfsarbeit zu leisten. Sie müssen die gesetzlichen Möglichkeiten, die evtl. Erleichterungen feststellen, müssen über die Möglichkeiten der einzelnen l.änder Bescheid wissen, müssen vor einem Land warnen, zu dem anderen ermutigen. sie müssen sehen, daß überall ortskundige Komitees und Menschen die Neuankömmlinge beraten. sie werden and, in dem einen oder anderen Kall (Geldmittel auf/ubringen haben und vieles dergleichen mehr. Das Entscheidende1 aber auf dem uns beschäftigenden (Gebiet ist die Selbsthilfe. Kreilith. zuerst einmal müssen die ersten IIHMI tu,MH) Menschen ordentlich untergebraefit sein, für den Rest ist mir dann nicht mehr bange. Palästina — das Land der Gegensätze. Wir veröffentlichen nachfolgend einen Artikel der „Deutschen Zukunft“ (herausgegeben von Dr. K r i t z Klein, dem früheren Schriftleiter der Deutschen Allgemeinen Zeitung), der sich in erfreulich objektiver Weise mit den inneren Problemen Palästinas befaßt und insbesondere das Verhältnis der Juden zu den Arabern beleuchtet. Nachdem wir uns in einer Anzah^von Artikeln aus jüdischer Keiler mit Palästina beschäftigt haben, scheint es uns von Wichtigkeit, unsere Leser auch einmal mit einer Beurteilung von nichtjüdischer Seite bekannt zu machen. Die Schriftleitung. So klein das Land Palästina, so groß die (Gegensätze. die äußeren und die inneren. Die äußeren: Wüste im Süden und Sumpf im Norden, fruchtbare Ebene im Westen und baumlose (Gebirge im Osten. Am loten Meer und Jordantal herrscht tropische Hitze, an der Küste* die gleichmäßig feuchte Wärme des Mittflmecrs. in Jerusalem, das WH) Meter hoch liegt. (Gebirgsklima mit starken Gegensätzen zwischen mittäglicher (Glut und abendlicher Kühle. Die inneren sind von tieferer Bedeutung: in diesem Land finden sich die Anhänger aller (G 1 a u b e n s f o r m e n zusammen, die im Luufe der Jahrtausende als die Lava fester Dogmen und Kirchen aus dem gewaltigen religiösen Erdbeben zurückblieben. Nicht nur Katholiken und Protestanten. (Griechisch-Orthodoxe und Kopten. Mohammedaner und Juden verehren hier ihre heiligen Stätten, daneben gibt es zahllose Splitter ehemals mächtiger (Glaubensbewegungen: Kuräer und Samaritaner, Abessinier und gregorianische Armenier — allein die Zahl der verschiedenen christlichen Bekenntnisse beträgt einige zwanzig. Jeder (Glaube bringt die Sprache seiner Anhänger ins Land: so spricht man denn neben den drei offiziellen Landessprachen - englisch, hebräisch und arabisch — griechisch und italienisch, armenisch und deutsch, jiddisch und türkisch, persisch, russisch, ungarisch, kaukasisch. spaguiolisch. französisch - . es dürfte wenig Dialekte zwischen Helsingfors und Kairo. Stumbul und Lissabon geben, in denen sich hier nicht einigehundert FuTnilien untereinander verständigen. Daß der Beamte am Bank- oder Postschalter ohne Stocken sich mit dem ersten Kunden uuf englisch, dem nächsten hebräisch, dann deutsch oder arabisch, jiddisch oder französisch unterhält, wundert hier keinen. Aber noch verblüffender und für die politische und wirtschaftliche Lage des Landes bedeutsamer ist der Gegensatz der Rassen und das mit ihm sich verbindende Nebeneinander zweier Kulturen. Durch die1 Straßen Lei Avivs mit ihren neuen Häusern im ornamentslosen Zement- Würfelstil ziehen Kamelkarawanen, auf den vorzügfaiton-fchluß-Verkauf vom 30. Juli bis 11.August1934 SEGEN DES VOLKES CDIe „Techesakna") SEID starken Armes, ihr Brüder! der Heimat ■ Boden zu hegen, ward euer Teil) . Nicht sink' euer Mutl Nein, heiter und jubelnd Kommt, Schulter an Schulter, dem Volke zum Heil! Wir zählen, siehe I der Wanderung Zeiten, Das Herz nach den Tränen, dem Schweiße gewandt. Die taugleich Israels Seele erlaben. Die matt ist und hilflos niedergebannt. Und ewig heilig sei jede der Tränen, Dem Volke gegeben, mehrend die Flut, Und jeder Schweißestropfen, der Wege Des Herren bahnet, wie Opfer und Blut. Den Giebel noch nicht, wenn den Grund ffir nur grübet. War s dennoch, ihr Brüder, kein zielloses Mühn, Ihr Kommenden bauet mit Mörtel und Mauer, Uns galt es genug, erst die Spuren zu ziehn. Ein Volk der Spuren! Hebt Urzeitruinen, Von Spur zu Spur ins Ew'ge zu baunl Einst zieht man von Meere zu Meere, um staunend Des wandernden Völkleins Werk zu-erschaun. Warum doch, ihr Säumer, so zagende Schritte? Ist Israel noch nicht vom Knechtsinn erwacht? Auf, bindet und eint euch, zerstobene Kräfte, Dient, Schulter an Schulter, mit sieghafter Macht! Sprecht nicht: j,Wir sind schwach!" Die ihr noch nicht den Der Schlachten, den Starken Jakobs erkannt? — (Führer Seit Serubabel nicht schufen wir Gleiches, So herrliches Werk mit eigener Hand! Wer schmähet es klein? Die Schmach nur den Spöttern! So schreitet rettend dem Volke vor! Die Pflugschar bereitet — bis mächtig von Bergen Schmettert ein göttliches Rufen: Empor! C h. N. B i a I i k. litb asphaltierten Autostraßen scheuchen die Autobusse1 beturbante Araber zur Seite, die auf ihren Eseln ins nächste Dorf reiten, genau wie vor 2fMl<l Jahren. I nter Hochspannungsmasten lagern nomadisierende Bedujnen mit ihren primitiven Zelten vier Ste cken in der Erde, darüber Decken oder Kelle, und. wenn der Besitzer Sinn für Komfort harsSritenwände aus Blechplatten, die aus alten Petrolc vinbc liältern der Shell-AG. zusammengeschlugcn sind. Das 20. Jahrhundert dringt mit Macht-in ein Land, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten unbestritten die geschichtslose Welt des ackerbauenden Fellache» und des ruhelosen Beduinen herrschte. Die Statistik eines Lebens, dessen Tempo und Sitten der Lebensweise der Erzväter nähersteht als der unseren, wird verdrängt von der herrischen Dynamik der technische» Zivilisation. Zwischen beiden fehlen, wie stets in kolonialen Ländern, alle l'ebergängc. Während in Europa Generation um (Generation in stetig formender Arbeit die Steine uufeinundersetzte. ans denen das Gebäude der modernen Zivilisation besteht, stellt sich hier im Orient das Endstadium unmittelbar neben den Beginn “der Geschichte. Zwischen ihnen beiden kommt es nicht einmal zur ernsthaften Auseinandersetzung: denn sie haben nebeneinander nicht Raum. Die europäische Zivilisation ist gewiß nicht besser als die Kulturen, die sie verdrängt, aber sie ist lockende r und schlagkräftiger. Mo sic1 hinkommt. hat sie gesiegt, und die Frage ist nur.'wic lange sich die alten (Gebräu die und Gesetze in geschützten Winkeln, bei den alten Leuten und auf dem Lande ein Scheinleben bewahren. Auf die Dauer ist ihr Tod nicht uuf/uhaltcn. sie werden vergiftet durch den Explosionsmotor und die llvgieue. (Gottlos aber, wie die moderne Technik ist. verweltlicht sie den ( hurakter des Landes, dessen Bestimmung es einstmals war, nicht (Grapefruits oder Kali, sonderu Religionen zu erzeugen. Seltsam, wie der alte fromme Klang dissoniert mit der. Monotonie der Maschine1: durch Bethlehem und Nazareth führen ans gezeichnete Autostraßen, in Jericho, dessen Mauern znsammenfielen. als Josua dreimal unter Posaunenklung herumzog. kannst du Shellbenzin tanken, um Toten Meer stehen die Fabriken der Palestine-Potash- Companv. Neben den alten, vergnngenheitsbelade neu Stätten entstehen neue Orte, die nur das Futurum und nicht das Präteritum kennen: neben dem uralten, jetzt arabischen Jaffa, dem Jophe der Bibel, wächst mit der Geschw indigkeit und der Willkür einer Goldgräberstadt das parvenühaft lebendige Tel Aviv. Gegenüber von Akko. in dessen Festung die Kreuzritter sich am längsten gegen den Ansturm der Araber hielten, entwickelt sich rapide die neue Hafenstadt Haifa, das vor hundert Jahren noch ein kümmerliches Araberdorf mit einer Handvoll Eingeborenen war. Während das Alte seine Maße kaum verändert, bläht sich das Neue auf wie ein (Gummi-