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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-06-16 · 6 (16.6.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
6 (16.6.1934)
Date
1934-06-16
Page
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- 51 - land werden die Leiter der Lehrhäuser, Volkshochschulen. Lehrkurse, Kurse der Religionsgemeinden, Schulen der Jugend. Jugendhände, sowie alle sonst interessierten Persönlichkeiten und Gruppen aufgefordert, Material über ihre Arbeit (Arbeitspläne, Arbeitsberichte, sowie möglichst viele Unterlagen aus ihrer Arbeit) einzusenden und auf diese Weise einen Gedankenaustausch einzuleiten. Der deutsch-jüdische Weg. Von Dr. Julius Weil, Syndikus des C~.-\. in Stuttgart _ Das gesamte deutsche Judentum hat in diesen lagen seine Augen auf jene alte Stadt um Rhein gerichtet deren Gotteshaus mehr als 30 Generationen durch seine Räume schreiten sah. Die leier von Worms erscheint von symbolhafter Bedeutung für Schicksal und Schicksalsgestaltung der deutschen Juden. Sie mahnt uns, die Situation des deutschen Judentums nicht aus dem kleineren Gesichtswinkel des läges, sondern von der höheren Warte der lbOOjährigen jüdischen Geschichte auf deutschem Boden zu betrachten, einer wechselvollen Geschichte, in deren > erlauf Zeiten der Geborgenheit und des Aufstiegs und Zeiten des Niedergangs und der Bedrängnis sich alllösten. Sie mahnt uns eindringlich, uns die Entscheidung über unseren W eg nicht zu leicht zu machen, uns der Schwere der Verantwortung dieser Entscheidung bewulit zu werden. Dieser lörderung werden wir nicht gerecht, wenn wir unsere Situation und die Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung in der Schwarz-Weili-Manier sehen und darstellen und nach der einen Seite das ganze Licht, nach der anderen allen Schatten verteilen. W ir müssen uns vielmehr darüber ün klaren sein, daß es kein Allheilmittel für uns gibt, dali jede Lösung für den Einzelnen und für die Gemeinschaft ihre Vorzüge und ihre Nachteile hat. Wenn in Palästina eine ungeahnte Prosperität dem jungen jüdischen Menschen die Tore zu allen Berufen zu ötfnen scheint, so müssen wir uns daran erinnern, dali nach den elementarsten Gesetzen der Wirtschaft jedem honjunkturaufschwung eine Periode des Niedergangs folgt und dali wirtschaftliche oder politische Ereignisse nur zu rasch diese Tore versdiließen können. \ iel schwerer als alle wirtschaftlichen Gründe aber wiegen die geistigen und kulturellen, die für unsere Entscheidung richtunggebend sein müssen. Von weicher Bedeutung sie sind, das hat uns mit erschütternder Deutlichkeit ein der breiten jüdischen Oeffentlichkeit zugänglich gemachter Brief eines jungen jüdischen Mensdien aus Kapstadt vor Augen geführt, der erst im fernen Land die wahren Grundlagen seiner Existenz als Mensch und Jude erkannt hat. AeuBere Gründe, Ressentiments, mögen sie vorübergehend ubertönen, sie werden dennoch früher oder später zutage treten. Selbst wenn wir es wollten, wäre es uns nicht möglich, uns loszulösen aus dem Kulturkreis, in dem wir verwurzelt sind. Es ist uns aber auch nicht möglich, die Aufgabe im Stiche zu lassen, die uns hier gestellt ist: Glied zu sein in der Kette von ungezählten Generationen deutscher Juden, deren Leben auf deutschem Boden aufgebaut war auf den wahren Grundlagen jüdischen Seins. Die letzten Ereignisse in Palästina, die im Arlosoroffprozeü zutage tretende politische Entwicklung, haben die grollen Gefahren nach innen und außen aufgezeigt, die der Versuch der Ersetzung dieser religiösen Grundlagen des Judentums durch politische, der Versuch einer radikalen, ideenmäßigen ..Autoemanzipation“ mit sich gebracht hat. Sic erfüllen den mit Sorge, der das Aufbauwerk in Palästina nicht scheitern sehen möchte, sie bestärken uns darin, die deutsch-jüdische Gemeinschaft zu bejahen und an der Erfüllung der uns durch sie gestellten Aufgaben zu arbeiten: der Erhaltung und Weiterbildung deutsch-jüdischen Kulturguts im deutschen und europäischen Kulturkreis, Wahrung der Existenzgrundlagen des deutschen Judentums als der Voraussetzung jeden Kulturschaffens. Mit instinktiver Sicherheit hat gerade die deutschjüdische Jugend die Größe, aber auch die Schwere dieser Aufgaben erkannt. Sie arbeitet, unbeirrt durch vieles Harte, das gerade sie betroffen hat, an der Erhaltung und Vertiefung der jüdischen und deutschen Grundlagen unseres Seins, sie erfüllt aber auch mit Ernst und Würde die Forderungen, die die aus inneren und äußeren Gründen notwendig gewordene soziale Umschichtung des deutschen Judentums an sie stellt. _ Wenn wir uns für-Ben deutsch-jüdischen Weg entscheiden, so sehen wir gewiß nicht den leichteren Weg vor uns. Was uns aber mit der überwiegenden- Mehrheit der deutschen Juden veranlaßt, diesen Weg zu gehen, das ist nicht eine Abwägung der Vor- und Nachteile, der Chancen und Risiken, sondern ein innerer Zwang, den Weg weiterzugehen, den unsere Ahnen gegangen sind. Worms weist in die Zukunft. Weise „Nun strahlt der Mai den Herzen“, die in ihrer ganzen kraftvollen Lebendigkeit erstand und zu dem duftigen zweistimmigen Maienlied in interessanter Weise kontrastierte. — Den glanzvollen Abschluß des Konzerts bildete eine Kantate nach Psalm 73 von F. W. Zachow. Hier einten sich Orchester, Chor, Harfe und Solostimmen (Tenor: Max Lipmann; Alt: Ernestine Färber, Stuttgart-München) nochmals in ebenso feierlicher wie machtvoller Weise. Sämtliche Ausführenden, an ihrer Spitze der Dirigent Direktor Karl Adler, wurden von der Hörerscüaft mit Beifallsstürmen überschüttet, ein Beweis für den tiefen Eindruck, den die Kantate gemacht hatte. ♦ Io den nächsten Tiden erhebt der Postbote bei unseren Lesern die Abonnementgebühr für das 3. Quartal 1934 in der Höhe von RM. 1.25 Wir (bitten, diesen Betrag bereit zu legen, da bei Nichteingang die Zustellung der Zeitung automatisch eingestellt wird und Wiederanmeldung mit einem Aufschlag verbunden ist. gZur 4. Veranstaltung der Stuttgarter Jüd. Kunstgemeinschaft. Mit ihrer Veranstaltung vom 31. Mai im Großen Saal des Gustav Siegle-Hauses beendete die Stuttgarter Jüdische Kunstgemeinschaft die Abonnementreihe, von der man abschließend sagen darf, daß sie ein voller Erfolg war. Da diesmal das Orchester und der Singkreis in besonderem Maße beschäftigt wurden. konnte man die stetig fortschreitende künstlerische Entwicklung des Instrumental- und Vokalkörpers aufs neue konstatieren — das erfreuliche Ergebnis der ausgezeichneten musikpädagogischen Schulung Direktor Karl Adlers, der es in vorbildlicher Weise verstanden hat, große künstlerische und organisatorische Aufgaben zu Ibsen. Die Vortrugsfolge wurde mit dem Händel-Konzert in B-Dur für Harfe und Orchester eingeleitet. Als eine Harfenistin, die ihr Instrument mit vollendeter Meisterschaft zu behandeln und ihm die ganze Fülle seiner klanglichen Eigenart zu entlocken weiß, stellte sich Else Rypinski, Heilbronn, dem Stuttgarter Publikum erstmals vor. In einem wundervoll ausge glichenen Zusammenspiel mit dem Orchester erstanden so stilgetreu das Händel-Konzert und zwei Tänze von Debussy, „Danse sacree" und „Danse profane“, die stürmischen Beifall fanden. Außerordentlich eindrucksvoll hier insbesondere die geschmeidigen Lebergange des Orchesters vom akzentuierten Rhythmus zur in die Breite gesteigerten klanggesättigten Steigerung. Die fabelhafte technische Geläufigkeit Else Rypinskis und die eigene musikalische Wesenheit ihres Instruments ersah man aber am besten aus der Fantasie für Harfe allein von Saint-Saens mit ihrer faszinierenden Akkordik. — Auch die Bekanntschaft mit dem Mannheimer Tenoristen Opernsänger Max Lipmann war ein wirklicher Gewinn, ln zwei Gesängen von R. Geiger-Kullmann nach Texten von Tagore bewies der Künstler eine ausgezeichnete Kultur in Tongebung und Vortrag. Unsere einheimische Pianistin Poldy Sperling-Donath begleitete dezent und doch feinsinnig mit ausdeutend. Die herrlichen Schlußverse des Gesanges „Du machtest mich endlos“, von Max Lipmann zu dramatischhinreißender Gestaltung gebracht, ließen den selbstsicheren Interpreten großer Opernpartien erkennen. Lebhafteste Anerkennung durfte auch der disziplinierte a cappella-Chor wieder ernten. Er sang zwei Frühlingslieder aus der Blütezeit des uüberleiteten Cborgesangs, in dem die chorisdien Ausdrucksmittel zu besonderem Ausdruck kommen. Hier ist vor allem das zarte Piano zu loben, mit dem das Volkslied „Der Mai tritt ein mit Freuden“ vorgetragen wurde. Ausgezeichnet herausgearbeitet war auch die altenglische «Juden ringen um eine bessere Zukunft". Ein Vortrag von Dr. Joachim Prinz.- Eine Rede von JoachimPrinzzu hören, ist stets ein Erlebnis. Audi diesmal leisteten wieder so viele der Einladung der Zionistischen- Ortsgruppe Folge, daß der Große Saal des Gustav-Siegle-Hauses mit weit über 1000 Besuchern gefüllt war. Zu Beginn der Veranstaltung wies der Vorsitzende der Z.O.G„ Rechtsanwalt Dr. Tänzer, darauf hin, daß höchstes jüdisches Verantwortungsgefühl ihn dazu bewogen habe, diese Veranstaltung anzusetzen. Man müsse heute, so führte er weiter aus, um eine bessere Zukunft ringen, denn von selbst komme sie nicht. Trotzdem würde die Zionistische Ortsgruppe, wenn sie erkennen müßte, daß ihre Arbeit die jüdische Ge meinschaft oder Gemeinde gefährden könnte, diese einstellen oder beschränken. Der Redner prüfte dann die Frage, ob diese Gefahr besteht, und kam zu dem Schluß, daß es durchaus vertretbar sei, wenn sich Juden mit ihren jüdischen Dingen auch in öffentlichen Versammlungen beschäftigten. Diese Arbeit habe auch bisher nie bei den maßgeblichen Stellen Anstoß erregt, und es finde sich auch in den Reden dei nationalsozialistischen Führer in der letzten Zeit kein Wort dagegen. Dr. Tänzer wies in diesem Zusammenhang auf die vielen jüdischen Versammlungen im Reich und insbesondere die der Reichsvertretung hin' und betonte nochmals, daß es ein Gebot der Stunde sei. die jüdische Gemeinschaft zu fördern, wo es . überhaupt gehe* Diese Förderung diene nicht nur dem Schicksal des einzelnen Menschen, wobei es nicht genüge, ihn mit Kleidung. Nahrung und Berufsberatung zu versorgen, sondern seelisdie Hilfe gebracht werden müsse, ln dieser Richtung liege die Arbeit des Zionismus, der, dem jüdischen Menschen einen ' Weg aus dem Irreal des gegenwärtigen Daseins zu zeigen suche. — Nach einem schönen, von Streichmusik begleiteten hebräischen Chor der Jugend und einer von Else R o t h s ch i 1 d wirkungsvoll zu Gehör gebrachten Rezitation ergriff Dr. Prinz, herzlich begrüßt, das Wort. Er erzählte zunächst von dem aufwühlenden Erlebnis seiner Palästinareise, die ihn in vieler Beziehung verändert habe — und wirklich spürte jeder, der. diesen glänzenden Redner von früher kannte, in ihm einen Strom neuer Kraft und den Willen zu immer schärferen und prägnanteren Formulierungen. Er ging von der besonderen Eigenart unserer Geschichte aus und wies darauf hin, daß den Juden seit den Tagen des Auszugs aus Aegypten stets ein bestimmtes Schicksal gegen ihren Willen aufgezwungeu worden sei. Die jüdische Geschichte sei orientiert durch die den Vätern gegebene Verheißung. Mehr als die Geschichte aller übrigen Völker werde unsere andererseits durch die Umstände und Zufälligkeiten der Umwelt beeinflußt und durchzogen. Immer komme es für uns auf das Erlebnis der jüdischen Geschichte an, so wie sie einst dem fern von allem Jüdischen erzogenen Moses gerade bei der Entartung seines Volkes aufgegangen war. Die Assimilation müsse mit aller Leidenschaft abgelehnt werden, weil sie den Juden -aus seiner Geschichte herausgerUsen hätte. Freilich sei ihr kein dauernder Erfolg beschieden gewesen. Man kann der jüdischen Geschichte nicht entrinnen — und sei es. daß nur in der Totenmaske wieder das jüdische Antlitz zum Vorschein kommt. Es steckt eine unheimliche Kraft in der Geschichte dieses Stammes, der so viele mächtige Reiche überlebt und seine Marannen hat. die nach Jahrhunderten erzwungenen Christentums wieder zu ihrem überlieferten Glauben zurückkehren. .Diese Einzigartig- Marktplatx Stuttgart schmerzlos Calwerstrste Nr. 44 Ihrer Ford.niagea aucsi aiug.klägl.r. Inkasso- BAklAn Mcuienstr. IC Büro Dilmar Ferarul 21893 LU VT1 Pall aller Art, sowie Neutudi-AbfSUe, Zeitungen, BOdier, Akten, unt. Onrantte d. Elnstemplens kanf« lautend (w. a. Wunsch abgeb.) Qabr. SchlQsselbarg Stuttgart, Rosenatr. 17 b / Cannstatt, HallstraBe 9 / Telephon Nr. 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