Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 2 (16.4.1934)
- Date
- 1934-04-16
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- [Seite] (sequence 3)
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- 17 - Nachhall des Pesachfestes. Von Bez.-Rabbiner Dr. Beermann, Heilbronn. Zur Eröffnung der jüdischen Schule in Stuttgart, Ein großer Meister in der Erziehungskunst meint, Erziehungsfragen müßten allen anderen Erwägungen vorangehen. So denkt das heutige Judentum in Deutschland, so denkt vor allem das Befreiungsfest. Bei aller Freude an dem wieder erwachten Leben der Natur führte unser Fest nicht in Wald und Flur, sondern ins Heim, an den feierlich beleuchteten Tisch. Es gab uns ein Büchlein in die Hand, das unsere Kinder in den Mittelpunkt jener alten Kunde von der göttlichen Erlösertat rückt, an eine Kindesfrage: „Warum ist heute alles so anders“ anknüpfte und durch eine feinsinnige Bemerkung über die Wesensverschiedenheit der Fragenden den Erziehern empfahl. nicht nur kindgemäß die religiöse Unterweisung zu gestalten, sondern auch der Art jedes einzelnen Kindes mit der Belehrung zu entsprechen und so das Schriftgebot zu erfüllen: „Künde es deinem Kind e“. 1. Es gibt Kinder mit suchenden und sehnsuchtsvollen Augen. Sinnige, nachdenkliche Kinder, die gleich Moses vor dem flammenden Dornbusch sprechen: „Ich will doch hintreten und diese wunderbare Erscheinung anschaun“. Sic grübeln über die religiösen Einrichtungen, die ihnen Zeugnisse und Ordnungen und Satzungen sind, wie das verständige Kind unserer Haggadah. Ihm gilt es, Herz und Gemüt zu öffnen für das große Hauptstück unserer Religion: für werktätige Liebe. Wie einst nach dem Pesachopfer kein Nachtisch gehalten wurde — der Eindruck des Opfermahles sollte nicht abgeschwächt werden — so soll auch im Leben sich opfernde Liebe das Höchste sein im Sinne der Dichtermahnung: „Nur in andern sei dein Leben. Tätigkeit dein höchster Lohn.“ 2. Gewiß sind alle Kinder von Natur selbstisch, eingesponnen in ihr kleines Ich. Sie müssen aber dazu geführt werden, aus der Idiverkrampftheit herauszukommen und sich als Teile eines größeren Ganzen zu fühlen, damit sic nicht dem Pharao gleichen, der nichts Höheres als sein Ich kennt: „Ich weiß nichts vom Ewigen,“ so sagt er, und nicht wie der Frevler in unserem Buche höhnen: „Was soll Euch dieser Dienst!“ Euch, wie wenn er fremd und feind der ganzen Feier gegenüberstünde. Ihm ist in aller Schärfe und Klarheit zu sagen, daß nur solche Menschen. die auch ein Herz für andere haben, erlösungswert, sind. Wer aber nur an sich denkt und nichts für andere empfindet, der geht schließlich in dem Dunkel seiner Seele zugrunde. „Ein liebeleeres Menschenleben ist wie der Bach, versiegt im Sand, weil er den Weg zum Meer nicht fand,. wohin die Quellen alle streben.“ 3. Schlichte, einfache und einfältige Kinder fragen: Was ist dies? Solchen genügt die Antwort: Damit wir Gott dienen, ward uns die Freiheit geschenkt. Sie verstehen den Weg, der aus Menschenknechtung zum Gottesdienst führte und werden in tatenfroher Pflichttreue ihr Judentum leben. Oft. werden solche ungebrochenen, gradlinigen Menschen todesmutige Bekenner der religiösen Wahrheit, wie ja auch in den fernen Tagen, als Spaniens Juden zwischen Glaube und Heimat die bange Wahl hatten, gerade diese einfachen Menschen zur herrlichen Duldergröße emporwuchsen und auch so die Wahrheit des alten Wortes rechtfertigten: „Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die Tat!“ 4. Wie die zarten Blumenknospen erst durch Tau und Sonnenschein wachgeküßt werden, daß sie sich erschließen, so muß auch das in sich gekehrte Kind, das von sich aus nicht zu Fragen geneigt ist. durch sinnvolle Bräuche angeregt und aufgeschlossen werden. Sitte und Brauchtum müssen in den Dienst der Frömmigkeit treten und so dem Kinde allmählich den Zugang zu der Welt des Geistes und des Glaubens eröffnen. Unter weiser Benützung der rechten Feierstimmung, „zur Stunde, wo Festbrot und Bitterkraut vor dem Kinde liegen“, sollst du anknüpfen gn das Sinnlichgreifbare und den Blick herüberlenken zu Geistigem und SinnBaftem. auf daß das Kind begreife: „Was Hände bauten, können Hände stürzen, das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.“ „So sollst du es künden deinem Kinde!“ Tiefer Sinn liegt oft im kindlichen Spiel. Von der mittleren Mazzah. die gebrochen und verteilt wird, wurde ein Stück am Festabend versteckt und gesucht, und wer es fand, ward beschenkt. Die Liebe hat in dieser Mazzah ihr Bild, sie gibt sich hin. aber ihr wird reicher Lohn. Sie trägt die Verheißung: Wo Liebe und Güte walten, blüht heilvolle Erlösung. Immer hat sich in Zeiten des Dunkels und der Trübsal werktätige Bruderliebe bewährt und das Wunder des Wüstenzuges hat sich wiederholt. Aus steinharter Umwelt rieselte ein nie versiegbarer Quell der Labsal und Erquickung, ein Jungbrunnen unserer Kraft. Die berufliche Umschichtung der deutschen Juden. Der gegenwärtige Stand und die Aussichten der Berufsumschichtungsarbeit unter den deutschen Juden gehen aus Ziffern hervor, die soeben vom Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau bekanntgegeben werden. Danach stehen derzeit in Deutschland 6069 jüdische Menschen in Berufsumschichtung, von ihnen sind 1282 in Kollektivausbildungsstätten allgemeiner Art und 1418 in Einzelausbildungsstellen untergebracht Für die berufliche Ausbildung von weiteren 2369 jüdischen Jugendlichen sorgt der Hechaluz. In landwirtschaftlicher Ausbildung stehen insgesamt 2738 Personen; in dieser Zahl sind 900 Personen mitinbegriffen, die mit Unterstützung des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau vom Hechaluz in ausländischen Ausbildungsstätten untergebracht worden sind. Von den Umschichtenden entfällt wie aus den Aufstellungen der Wirtschaftshilfe der Jüdischen Gemeinde Berlin hervorgeht. auf Berlin rund ein Viertel, nämlich 1468. davon 639 Männer und 809 Frauen. Die Zahl der in landwirtschaftlicher Ausbildung Befindlichen ist in Berlin verhältnismäßig viel kleiner als im Gesamtreich, wo sie fast 30 % aller Umschichtler ausmacht sie beträgt 237. Ihrem früheren Berufe nach stehen unter den Männern die Kaufleute mit 461 zahlenmäßig an der Spitze. 45 waren- Studenten. 53 Akademiker. Es JJu Illen Lesern, die uns anläßlich des iOjährigen Bestehens der „Gemeinde- Zeitungu Gruß und Glückwunsch entboten, denken wir herzlidist. _Verlag und Schriftleitung. j zeigt sich somit, daß das in geistiger und moralischer Beziehung so überaus bedeutungsvolle Akademiker Problem in der Umschichtungsarbeit nicht jene überragende Rolle spielt, die man vermutet hat. Von den umschichtenden Frauen waren die meisten, nämlich 331. früher Kontoristinnen. 119 Verkäuferinnen. 66 Ehefrauen, die früher nicht erwerbstätig waren, erhalten durch die Wirtschaftshilfe berufliche Schulung. Außerordentlich umfangreich sind die der Berufsumschichtungsarbeit in nächster Zeit bevorstehenden Aufgaben. Im April werden ea. 9000 Menschen in die Berufsumschichtung einzuordneii sein. Von ihnen werden etwa 3000 kaufmännischen Berufen zugeführt werden, da berufene Fachleute vor einem hemmungslosen Einströmen in den handwerklichen und landwirtschaftlichen Beruf warnen und unter Berücksichtigung der vorhandenen Möglichkeiten und der anzustrebenden Normalisierung der beruflichen Schichtung der jüdischen Bevölkerung die Berücksichtigung des kaufmännischen Berufs zu einem Drittel für angemessen halten. Von den übrigen 6000 sollen 3500 in Einzellehrstellen. 1300 in Kollektivausbildungsstätten und 1000 in Haushaltungen untergebracht werden. Es wird erwartet, daß von den 9000 Jugendlichen, die neu in die Berufsausbildung eintreten. 4000 für die Kosten ihrer Ausbildung selbst aufkommen werden, während die Kosten für die Ausbildung der restlichen 5000 aus den Mitteln des Hilfswerks werden gedeckt werden müssen. Im Zusammenhang mit der Erweiterung der Um- ( schichtungs- bzw. Berufsausbildungsarbeit muß auch mit einer wesentlichen Erhöhung des Aufwands für diese Arbeit gerechnet werden. In den letzten vier Monaten des Jahres 1933 hat die Berufsumschichtungsarbeit des Zentralausschusses einen Betrag von 370 000 Mark erfordert. Schon heute ist der monatliche Bedarf auf über 100 000 Mark gestiegen und wird sich selbstverständlich nach der Einreihung der neu in die Umschichtung Eintretenden noch weiter erhöhen. Für das erste Halbjahr 1934 wurde deshalb ein Betrag von 900 000 Mark für die Umschichtungsarbeit veranschlagt. Tlcuficicftten aus der QemeUtde Stuttgart* Stuttgart. Sitzung des Vorsteheramtes am 28. März. Einleitend beglückwünschte der Vorsitzende, Karl Levi, den an diesem Tage seinen 77.Geburtstag begehenden Vorsteher Arthur Essinger aufs herzlichste. Es-folgten einige Mitteilungen allgemeiner Art, so über die Verwendung der Ueberschusse aus Jahrzeit- und Graberhaltungsstiftungen, über Erledigung von Gesuchen, eine größere monatliche Zuwendung an das Lehrhaus usw. Der von dem Vorsitzenden der Finanzabteilung, Karl Levi, erstattete Bericht wurde ohne weitere Debatte zur Kenntnis genommen. Die Neufestsetzung der Gehälter für Beamte und Angestellte wurde bis nach der in Bälde zu erwartenden Bekanntgabe der von den Behörden festgesetzten Richtlinien verschoben. Eine längere Aussprache fand zum Hauptpunkt der Tagesordnung „Ergänzung des Vorsteheramtes“ statt. Man war sich so ziemlich darüber einig, daß zurzeit ein Wahlakt wenig zweckmäßig sei und die mit einem solchen verbundenen Wahlversammlungen unbedingt vermieden werden müssen. Es sollen drei Vorsteher kooptiert und diesen Herren, die verfassungsgemäß nur beratende, nicht stimmberechtigte Mitglieder des Kollegiums sein würden, vom Oberrat das Stimmrecht erteilt werden. Die Nominierung soll im Einvernehmen mit den sonst bei den Wahlen maßgebenden Vereinen getroffen werden. Ein Antrag des Gemeindevereins, die Entscheidung auf vier bis sechs Wochen zu vertagen, schien wenig Zustimmung zu finden. An der Aussprache beteiligten sich neben dem Vorsitzenden vorwiegend die Vorsteher Stadtrabbiner Dr. Rieger, Arthur Essinger, Dr. Merzbacher, Oskar Rothschild, Dr. Tänzer, Oberrechnungsrat Meyer. Da man nur Grundsätzliches, Keinesfalls aber die Personenfrage in öffentlicher Sitzung behandeln wollte, soll die Angelegenheit erst in einer sich anschließenden nichtöffentlichen Sitzung ihre Erledigung finden. (In dieser Sitzung wurden, wie wir nachträglich erfahren, Fritz Benario, Dr. Markus Maier und Dr. Walter Strauß kooptiert) Am 17. April d.J. wird in einer fiir das ganze deutsche Judentum ebenso schweren, wie bedeutungsvollen -Zeit die jüdische Schule in Stuttgart eröffnet In vielen Artikeln haben wir uns schon mit der jüdischen Schulfrage in Stuttgart befaßt So wollen wir denn heute nur allen, die sich um die Lösung dieser Aufgabe so tatkräftig mühten, zu der glückhaften Vollendung des Werkes unsere herzlichsten Glückwünsche ausfpredten. Möge die neue jüdische Schule in Stuttgart zu einer Quelle reichen Segens für unsere Gemeinde und zur Keimzelle einer Generation werden, die in höchstem Pflichtbewußtsein sich für die Erhaltung und Entfaltung des Judentums einsetzt Die Schriftleitung. Stuttgart Das Israel. Vorsteheramt hat in seiner Sitzung vom 3. April die am 28. März kooptierten Mitglieder, Fritz Benario und Dr. Walter Strauß, in ihr Amt qingeführt und verpflichtet Das dritte kooptierte Mitglied. Dr. MarkusMaier, war nicht anwesend, so daß seine Einführung erst in einer späteren Sitzung erfolgen kann. Der Einführung ging eine längere Debatte voraus, weil der Oberrat mitgeteilt hatte, daß mit einer Einsprache von seiten des „Vereins für jüdische Gemeindeangelegenheiten“ zu rechnen sei. Der Oberrat hatte ans diesem Grund eine Verschiebung der Einführung bis zu der Entscheidung über den vom Vorsteheramt gestellten Antrag auf Erteilung des Stimmrechts an die drei kooptierten Herren gewünscht Im Vorsteheramt waren die Auffassungen darüber, ob die vom Oberrat gewünschte Verschiebung zweckmäßig sei oder nicht verschieden. Ein von Arthur Essinger gestellter Antrag, dem Wunsche des Oberrats Rechnung zu tragen, wurde abgelehnt Von denjenigen Vorstehern, die sich gegen die Vertagung aussprahen, wurde in der Hauptsache ins Felo geführt, daß die Kooptation dringend gewesen sei, weil das Vorsteheramt schnellstens einer Ergänzung bedürfe, damit die verbliebenen neun Vorsteher entlastet werden könnten. Die Einführung der kooptierten Mitglieder ergebe sich zwangsläufig aus der Kooptation,' die endgültig beschlossen . sei und anf keinen Fall mehr rückgängig gemacht werden könne. Da diese, hauptsächlich von Oskar Rothschild und Dr. Tänzer vertretene Auffassung von der Mehrheit geteilt wurde, wurde die Einführung der beiden anwesenden Herren beschlossen und vorgenommen. Im Anschluß daran wurde an Stelle des ausgeschiedenen Dr. Engen Flegenheimer ein neuer Vorsitzender gewählt. Der stellvertretende Vorsitzende, Karl Levi, der die Sitzung leitete, schlug hierfür Oskar Rothschild vor. Verschiedene Mitglieder baten Karl LevLder seit einigen Monaten, in Vertretung Dr. Flegenneimers den Vorsitz geführt hatte und sich in diesem Amt hervorragend bewährt hat, das Amt des Vorsitzenden zu übernehmen. Levi erklärte aber, daß er dieses Amt nicht übernehmen könne, da er bereits Obmann der Finanzabteilung sei. Beide Aemter würden eine zu große Belastung bedeuten. Er habe deshalb Oskar Rothschild ersucht, sich zur Uebernahme des Vorsitzenden-Amtes bereit zu erklären. Auf Vorschlag von Levi wird mit Rücksicht darauf, daß einerseits die beiden anwesenden kooptierten Herren das Stimmrecht noch nicht haben, naß aber andrerseits doch Wert darauf zu legen ist, die tatsächliche Mehrheit zu kennen, die hinter dem Vorsitzenden steht, eine doppelte geheime Wahl in der Weise vorgenommen, daß zuerst ohne die kooptierten Mitglieder und dann mit ihnen zusammen abgestimmt wird. Es ergibt sich bei der Abstimmung der gewählten Mitglieder ein Stimmverhältnis von fünf Stimmen für Rothschild gegen vier für Levi bei einer Enthaltung, bei der Abstimmung mit den kooptierten Mitgliedern stimmten sieben fiir Rothschild und vier für Levi bei ebenfalls einer Enthaltung. Rothschild erklärt, daß er bei diesem Stimmenverhältnis die Wahl nicht annehme. Er halte sich hiezu bei der gegenwärtigen Sitnation des deutschen Judentums und der Gemeinde nicht für berechtigt. Nadidem von zwei Herren die Erklärung abgegeben worden ist, daß ihre Abstimmung~für Levi in keiner Weise sich gegen Rothschild gerichtet habe, beantragt Dr. Tänzer die Vornahme einer Neuwahl, da die erste Wahl durch die Nichtannahme des gewählten Kandidaten gegenstandslos geworden sei. Bei dieser Neuwahl entfielen auf Rothschild acht bzw. zehn Stimmen bei jeweils zwei Enthaltungen. Es wurden dann noch die kooptierten Mitglieder den einzelnen Abteilungen zugeteilt. Ferner wurde beschlossen, beim Oberrat qinen Antrag auf Aendcrung der beiden Nothilfe-Ausschüsse zu stellen. Stadtrabbiner Dr. Rieger, der bisher dem engeren Ausschuß nur als Stellvertreter Oskar Rothschilds angehörte, soll dem engeren Ausschuß künftighin als ordentliches Mitglied angehören. Fritz Benario soll in den weiteren Ausschuß zugewählt werden und im engeren Ausschuß die Stellvertretung Oskar Rothschilds übernehmen.