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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-04-01 · 1 (1.4.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
1 (1.4.1934)
Date
1934-04-01
Page
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- 11 - Nachdem die einzelnen ltelogiertrn ,jj,> latigkeitsberichte erstattet hatten (höchst erfreulich die ajißerordentlich ernste und vielseitige Arbeit in fast allen Gemeinden des Landes!) legte der Vorsitzende die neuen Aufgaben des Landesverbands dar, um mit der Erstattung des Kassenberichts zu schlicken. Aus der folgenden Wahl ging ein Ausschuß hervor, der. mit Julius Wißmann als I. Vorsitzendem, für das nächste Geschäftsjahr die gesamtorganisatorische und sonstige Arbeit zu leisten hat. Dem Ausschuß gehören an: II a n s S t e r n h e i m. Stuttgart, als 2. Vorsitzender: I .eh rer Berlinrer. Rexingen. als Schriftführer iiiicl Kassier: Dr. Max Victor und seine Gattin. Heilbronn. Lehrer Spier. Haigcrlocb. und R ii d o I f Kurz. Lauphcim. — Wir erwähnen noch, daß Vertreter des Israel. Oberrats und des Israel. Vorsteheramts an der Tagung teilnahinen. Mail darf mit Freude feststellen, daß diese Delegiertentagung ein erhebendes Zeugnis für den ungebrochenen, Lebens- und Arbeitswillen unserer jüdischen Jugend darstellte. Rabbiner Dr. Leo Baedc über „Lebensgesialtung“. Vor einem außerordentlich großen Hörerkreis sprach am 2?. März Rabbiner Dr. Leo B a e ck . Berlin. über das Thema ,.L e b e n s g e s t a 11 ii n g“. Der Vortrag war vom Jüdischen Lehrhaus im Rahmen des Zyklus' „Werdendes Judentum“ Veranstaltet worden. Stadtrabbiner Dr. Riege r begrüßte den Referenten, der. wie bekannt ist, an der Spitze der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ steht, mit herzlichen Worten und bat die Zuhörerschaft. dem verehrten Redner nicht nur Aufmerksamkeit. sondern auch Gefolgschaft zu schenken. Solange ein Mensch in das Leben eintritt. so führte Dr. Baedc ungefähr aus. solange gibt es nichts Endgültiges. denn jede Menschwerdung ist ein Widerspruch gegen das Schicksal, dessen Urteil über die letzten Generationen des Judentums gefällt schien. Damals schien es, als würden die Nachfahren das Judentum nicht mehr besitzen. Aber wieder fing etwas Neues an — das „Werdende Judentum“."In zwei Jahrzehnten nur mußten die Juden des vergangenen Jahrhunderts ..den Weg aus dem Ghetto nach Europa gehen“ — und alles, was die Jahrhunderte ihnen an Leben und Wesen bestimmten, wurde durch ein Neues verdrängt. Die Tiefenpsychologie nun hat gezeigt, wie Verdrängungen wesentlicher Bezirke der Erbmasse zu seelischen Störungen führen - und aus tieferer Erkenntnis heraus verstehen wir depn auch, warum der verfolgte Jude des Mittelalters wohl geschmäht, nie aber, wie der Jude des 19. Jahrhunderts, belacht wurde: Letzterer war kein Mensch des sicheren Schrittes und inneren seelischen Gleichgewichts mehr — es war ein Mensch des Endes und Aufhörens, ein Individuum, in dessen Seele kein Platz mehr für die Jahrtausende war. Wer nur „modern“ sein will, ist nicht der Mensch des Werdens —- er ist der Gewordene. Dies gilt auch für die Gemeinschaft selbst. Mit der Renaissance des Judenr tums aber hat der Durchbruch der Jahrtausende begonnen. Einen wirklichen Lebenstrost gibt es: die Erkenntnis des Werdens als Ueberwinder des Schicksals. Trost dieser Zeit ist es, daß wir wieder Werdende geworden sind, und damit setzt die Gestaltung des Lebens unmittelbar ein. Grundgedanke des Judentums Ist: „Gestaltung des Lebens“ — aber nicht als Mensch gegen Mensch, sondern aus der eigensten Wesenheit jedes Menschen heraus, aus der immer wieder neu werdenden Einmaligkeit des Menschen mit ihrer Sprache zu sich selbst und zu Gott. Man kann erziehen und leiten — aber die Gestaltung des eigenen Lebens kann dem Menschen keiner abnehmen. Deshalb kennt auch das Judentum nicht; Priester und Laien, denn: „Du stehst vor Gott“, keiner kann Mittler sein. Für die Juden — die „Minorität auf Erden“ — ist aber das Sichgestaltenlassenwollen eine Gefahr geworden. Wir wurden in allzu großer Aufgeschlossenheit für die Ideen der Umwelt deren Objekt und gaben die eigene Lebensgestaltung auf. Mit dem Werden des Judentums aber erhebt sich die Mahnung: Gestalte dein Leben und höre auf Gottes Sprache: trachte nicht auf die Antwort, die du den M e n s ch e n geben sollst. Gottesdienst. Sitte und Brauch — sie alle wollen den Menschen dazu erziehen, von Gott Lebensfcstaltung zu empfangen und Subjekt des eigenen ebens zu werden. Wer so zu s ich gelangt ist. der erlebt das Wunder in sich und den Ruf c|er Jahrtausende, das Etwas, das über den Beginn seines Da scins hinausreicht. Der spürt auch, daß alles aus dem Jenseitigen kommt, daß unser Leben Offenbarung eines Ewigen und Göttlichen ist. Lebensgestaltung ist. diese Offenbarung wieder zum Ausdruck kommen zu lassen, nicht „gottestaub“ zu sein. Heim und Gotteshaus, Brauch und Sitte sind Mahner zur Lebensgestaltung, und der Sinn alles Religiösen ist, das Geheimnis des Göttlichen zu entdecken. Rechtes Lebensglück ist. das göttliche Geheimnis des Nebenmenschen' erkennen. Und so führt „Werdendes Judentum“ den Einzelnen zur Entdeckung seines Selbst, und die Gemeinschaft zum Erlebnis der werdenden Geschichte. „Wer aber s i ch entdeckt, der entdeckt den anderen auch.“ Wenn jeder Jude sein Leben zu gestalten versteht, dann wird es auch innere Einheit im Judentum geben. Heute endet gewiß so manches — aber das Werdende in seiner Beglückung beginnt. Wer des Werdens gewiß wurde, der ist auch seiner Zukunft gewiß geworden. — Mit einer aus der Seele kommenden Aufmerksamkeit hörten die Anwesenden die von lauterer Frömmigkeit und Gemeinschaftsliebe getragenen Ausführungen des Redners. Man spürte den ernsten W illen des Sprechers, die jüdische Gemeinschaft an die Quellen ihres Seins zu führen und sie eins zu machen in einem neuen Werden, geboren aus echter Lebens- Jitt ottf jüdische Stiedhof in Tlocdstetten. gestalturig im Geiste der Verantwortung vor Gott und den Menschen. — Stadtrabbiner Dr. Rigger sprach der Hörerschaft aus dem Herzen, als er der Freude darüber Ausdruck verlieh, daß Dr Baeck als treuer Sachwalter an der Spitze des deutschen Judentums steht . H. St. TladuidUm aus Aec Gemeinde. SUMourt. Stuttgart. Zu Beginn der Sitzung des Israel. Vorsteheramts vom 14. März begrüßte der stellvertretende Vorsitzende, Karl Le vi, den bisherigen Vorsitzenden, Dr. Eugen Flegenheimer, der zum letztenmal an der Sitzung des Kollegiums teilnahm. Karl Levi verlas einen an den Scheidenden gerichteten Brief, in dem die Verdienste Dr. Flegenheimers gewürdigt werden, und dankte ihm nochmals für seine wertvolle Arbeit, die er während seiner zehnjährigen Zugehörigkeit zum Vorsteheramt für die Gemeinde geleistet hat. Dr. Flegenheimer dankte für die ihm erwiesene Ehrung und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es in Stuttgart nie an Männern fehlen möge, die sich pflichteifrig in den «Dienst der Gemeinde stellen. Der Vorsitzende gab dann u. a. bekannt, daß die Gemeinde im Kalenderjahr 1979 durch Todesfälle und Abwanderung einen Verlust von 992 Seelen zu beklagen hat. Er teilte ferner mit, daß Rel. Oberlehrer Jaffe am 1. April d. Js. 29 Jahre als Lehrer in der Gemeinde tätig ist. Nach Bekanntgabe der Aus- und Eintritte in die Gemeinde wurde der 1. Punkt der Tagesordnung, die „Neuwahlen zum Vorsteheramt**, behandelt, die durch das Ausscheiden von Dr. Flegenheimer, Ludwig Stern und Felix Sontheimer notwendig werden. Nahezu sämtliche Vorsteher beteiligten sich an der Aussprache über diesen Punkt, wobei man auch erfuhr, daß Bestrebungen im Gange sind, die Gemeinde Cannstatt in die Stuttgarter Israel. Gemeinde einzugliedern. Der Vorsitzende legte im einzelnen dar, warum er eine Wahl vermieden sehen möchte. Aus der Diskussion konnte auf Einmütigkeit des Kollegiums darüber geschlossen werden, daß die Ergänzung des Vorsteheramts nnr nach s a ch I i ch e n und nicht nach jüdisch-parteipolitischen Gesichtspunkten vorgenommen werden soll; über den einzuschlagenden Weg gingen die Ansichten allerdings auseinander. Das Ergebnis der Debatte war die Annahme des Antrags, den Oberrat die Wahlfrage insofern entscheiden zu lassen, als dieser auf Grund des Ermächtigungsgesetzes der letzten Landesversammlung die Verfassung ändert und die Wahl von Vorstehern bis auf weiteres unterbleibt. Die das Kollegium ergänzenden Vorsteher sollen dann vom Vorsteheramt bestellt werden. Anschließend ergriff nochmals Dr. Flegenheimer zu einigen grundsätzlichen Ausführungen das Wort. Der Redner bemängelte, daß außer dem Abbau der Beamtengehälter weitergehende Sparmaßnahmen trotz ihrer dringenden Notwendigkeit in der Landes- Verwaltung nicht erfolgt seien, und mahnte zu schneller Abhilfe. — Den Bericht der Finanzabteilung erstattete hierauf Karl Levi. Er gab von verschiedenen bewilligten Beiträgen und Beihilfen, u. a. von einem monatlichen Zuschuß für das Lehrhaus, Kenntnis und berührte auch die Ablieferung der Landesumlage. — Den Bericht der Schulabteilung erstattete Dr. Hermann Merzbacher. Er teilte mit, daß das Schnlbanprojekt nun auf die Finanzabteilung übergegangen sei und daß ein Obergutachten den Entwurf des Architekten Bloch als überragend bezeichnet habe. Dr. Merzbacher berichtete weiter über die Wahl Dr. Emil Goldschmidts zum Schulleiter (siehe unseren Bericht in letzter Nummer. Die Red.) und gab bekannt, daß die Schulabteilung unter Vorbehalt der Zustimmung des neuen Schalleiters Lehrer Berlinger, Rexiagen, und Lotte Stern, Köln, als jüngere Lehrkräfte in Ansehung ihrer besonderen beruflichen Eignung gewählt nah Eine Aussprache über das Schul Bauprojekt selbst schloß sich an, wobei der Stadtrabbiner n. a. auf die Unzulänglichkeit des Hofbaus (es handelt sich um die Benutzung des Hof- und Gartenplatzes hinter dem Gemeindehaus) hinwies und die Kommission ersuchte, ein Grundstück zu wählen, das für die Gemeinde auch einen wirklichen Sachwert darstelle. Dr. Merzbacher legte hierauf die großen lokalen und finanziellen Schwierigkeiten der Grundstücksfrage dar. — Für die Friedhofabteilung teilte Dr. Tänzer zu Punkt 4 der Tagesordnung mit, daß die alte Friedhofsordnung am I. April ds. Js. außer Kraft tritt. Der von der Abteilung vorgelegte neue Entwurf wird vom Stadtrabbiner auf seine religionsgesetzliche Ordnungsmäßigkeit geprüft werden. — Den Bericht der Gottesdienstabteilung erstattete Dr. R i e g e r. Er gab bekannt, daß man im Interesse eines mehr gemeindlichen Gottesdienstes die Tennenbaum scheu Gesänge wieder stärker heranziehen werde. Mit der Mitteilung, daß die Stuttgart- Loge die — Etage im gemeindeeigenen Gebäude Gartenstraße 90 gemietet habe, schloß der Vorsitzende dann die Sitzung. Dieser Bekanntgabe gingen noch diverse Anregungen — u. a. die Einführung eines Turnus im Besuche der Sabbath Gottesdienste für die Vorsteher — voraus. Stuttgart. Wir verweisen auf die Ankündigung des Israel. Vorsteheramts betreffs der Eröffnungder jüdischen Schule. — Unseren Lesern wird die Mitteilung sehr erwünscht sein, daß der Schulleiter. Dr. Emil Goldschmidt, zur pädagogischen und psychologischen Beratung allen Eltern zur Verfügung steht. Stuttgart. Am I. April sind es 29 Jahre, daß Religions-Oberlehrer Jakob Jaffe in unserer Gemeinde wirkt. In dieser Zeit hat es der Jubilar'verstanden. sich das Vertrauen der ganzen Gemeinde zu erwerben. In vorbildlicher Weise wird Jaffe seinen pädagogischen Aufgaben gerecht, und die ihm anvertrauten Schüler verehren in ihm den treuen Freund und Berater. Besondere Verdienste hat sich Rel. Oberlehrer Jaffe auch als Vorbeter erworben. Mit" hervorragenden Stimmitteln ausgestattet, gibt Jaffe von jeher den Gottesdiensten insbesondere an den hohen Feiertagen eine besondere Weihe. Die Wertschätzung seiner Berufskollegen kommt auch darin zum Ausdruck, daß er seit Jahren dem Vorstand des Israel. Lehrervereins angehört. — Wir sind überzeugt, daß sich die vielen Freunde— des Jubilars freuen, ihm anläßlich seines. 25jährigen Dienstjubiläums in unserer Gemeinde aufs neue ihre Sympathie und Dankbarkeit bekunden zu dürfen. Auch wir entbieten Rel.-Oberlehrer Jaffe unsere herzlichsten Glückwünsche. Stuttgart. Unserem in letzter Nummer veröffentlichten Bericht über die 95. Mitgliederversammlung des „Vereins zur Förderung des Handwerks und des Gartenbaus1 unter den Israeliten in Württemberg“ tragen wir noch folgendes nach: Der Verein hat für die von ihm betreuten Lehrlinge im vergangenen Jahre 1151.40 RM. aufgewendet. Hierzu kommen noch 135.82 RM.. die an fünf Personen als Beihilfe zur Berufsumstellung gegeben wurden. 139 Mitglieder haben dem Verein 801.— RM. zugewiesen. Das Defizit von 486.— RM. wurde aus dem Vermögen des Vereins gedeckt. Besonders anerkennenswert ist, daß der Verein trotz der großen Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, der hiesigen Zentralstelle fflr Hilfe und Aufbau noch 409.— RM. überwiesen hat. Ihre Familienanzeige — auch in die Gemeindezeitung I IBELEUCHTUNGSKOERPERI •ROSSE AUSWAHL HUTE FORMEN SIW8TE PREISE |BUTE BESICHTIGEN SC 0C GROSSEN MUS TI EHTRIEBOORCH OIE ELEICTW. -RCSTACLATIOllSGC SCHAFTE

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