Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 1 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
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Vom Sinn und Wesen eines Kulturbundes. Die nachstehende Ansprache wurde unlängst bei der Einweihungsfeier des Jüdischen Kulturbundes in Bayern von Dr. Alfred Neumeyer gehalten. Meine- Verehrte,,' In den Parkanlagen eine, imidiiig aufstrebenden süddeutschen Stadt habe ich clor e inigen Jahren in Stein gemeilfelt die Worte «|o„ Hölderlin gelesen: ..Nicht in der Blüte und Pnrpnrlianbcist heiliget Kraft allein. Ks nährt das l.eben \n,n l.eid sieh." Die Schau des Dichters rührt an den Grund c|er Dinge- und reicht in die Zeiten. j Als ich cor kurzem die Worte wiedergefnnctcn habe, war ich tief betroffen \on der Aktualität, die sie für unsere- Zeit haben. Die jüdische (beschichte unserer läge wächst in Leid und nährt sich com Leid. Wir wissen nicht, welche- Bedeutung unsere Zeit im Welten,»lau hat. Zu kur/ ist die Strecke des Wege», die wir überblicken können. Da tönen, diesem Gottc-shuusc- \ertraut. andere Lieder an unser Ohr. die Klagegesängc des Hiob und die llhythinen der Psalmen. Auch sie sprechen von Leid, aber sie überwinden das Leid, wenn sie künden: Meine Zuflucht ist der Herr, der die Zeiten lenket. Wdntlen wir uns von der Dichtkunst /ur bildc-udl-n Kunst, so treten uns zwei gewaltige (bestallen entgegen. unserer (beineiuschuft freundlich gesinnt. .Sie hüben unser (bedänkengut zur künstlerischen Vollendung gebracht: Michelangelo und Kembrundt. vv er je in Rom gewesen ist. kennt die Deckengemälde der Sixtina. wohl die höchste und kühnste Schöpfung der neueren Kunst. Du schauen die Propheten auf uns herab, wulieferbar gestaltet, eindringlich und packend sondergleichen, lehrend und mahnend. tröstend und verheillend. sie. die Führer der Menschheit zum Dienst Gottes in Innerlichkeit und llerzensfrömmigkeit. An anderer Stätte: Moses mit dem gewaltigen Barte, wieer ergrimmt über den Abfall seines Volke s vom Sitze aufspriugen will. Man hat gesagt, dafi der Künstler in dieser Darstellung die- Schöpferkraft des Höchsten w ie fernen Donner grollen läßt. Rembrundt lebte, wie bekannt, im Judenviertel \cjin Vinsterdum und hat aus seiner jüdischen Umgebung viel Anregung und Freunde gewonnen. L'mergünglicher Besitz sind die jüdischen Gestalte», die er gv- -chaffc-n. Er hat de» Ruf nach dem Unendlichen wahrnehmbar gemacht, als er die Stirne seiner Menschen mit einem von oben einfallenden Licht überflutete Sicsehen so. wie hohe Kunst und religiöses Empfinden enge verschwistert sind. [ Ein großer Künstler unserer Zeit, der französische Bildhauer Rodin. hat diesem Zusammenhang in ergreifenden Worten Ausdruck gegeben: ..Die echte» Künstler sind die* religiösesten der Sterblichen. — Ueberall hört der große Künstler wieder Geist der Dinge seinem Geiste Antwort gibt. Wo fänden sie wohl einen religiöseren Menschen? Jeder Künstler, der die Gabe hat. die Formen zu verallgemeinern, ruft dasselbe religiöse- Gefühl hervor; denn er vermittelt uns den hehren Schauder, den er selbst vor den unsterblichen Wahrheiten erfuhren bat. - Die Werke der Kunst, die man als die vornehmsten Zeugnisse de s menschlichen Geistes und menschlicher Lauterkeit betrachten muH. sagen zwar ulles. was man über den Menschen und die Welt sagen kann, machen über außerdem begreiflich, daß es noch etwas gibt, das man nicht erkennen kann. So dringen alle Meister bis zur verschlossenen Pforte vor. die ins Unergründliche führt." Gehen wir zur Musik über, so befinden wir uns in dem Bereich der Kunst, der die Empfindungen der Menschen um tiefsten uiis/i,drücken vermag. Zu den großen Meistern, deren Klangtheute dieses Haus erfüllen, tritt vielleicht als der größte als Mensch und Musiker Beethoven hinzu. In seinem einzigen innsikalisch-dramatische» Werk zeigt er uns den Gefangenen, der im Kerker weilt, umgeben, ihm bewußt, von der treuesten Liebe seiner Gattin. An der Spitze des Werkes steht die große Ouvertüre, wohl eine der gewaltigsten ()Rc-nbnr<,„gc» des menschlichen Geistes. Wir hören die Klagen des Gefangenen. In beweglichen Figuren und süßen Melodien werden die liebende» Bemühungen seiner Güttin vvietlergegebc-n. Du schweigen die Instrumente. Und leise unschwellend. wieans überirdischen Höhen, künden die Fanfaren dem Gefangenen, der Mensch heit, die |-reiheil. in l iebe gehören. Ich habe ihnen hier die drei Abteilungen vorgeführt. die das Arbeitsgebiet des Jüdischen Kulturbundes in Bayern bilden, der heute zum ersten Maltin die Erscheinung tritt. Es erhebt sich die Frage: Wus ist es mit diesem Kulturbund. Wie ist er geworden. was sind seine Aufgaben und Ziele? Lassen sie mich mit einem Gleichnis antworten. Sie kennen alle die Pflanzen, die in den Zimmern gehegt worden, mit den wunderlichen Formen, den W nisten und Ballen, mit den dicken Blättern und den gezuckten, stacheligen Rändt-rn. Sie machen einen alten und verstaubten Eindruck. Da erblicken wir eines Tages unversehens eine Blüte, zart und mit leuchtenden Farben. So ist an unserem gesellschaftlichen Organismusder Kulturbund gewachsen, zu leuchten in die- Mühsal des Tages. W ir danken den Männern und Frauen, die sich um dus Zustandekommen dieses Werkes und um seine Leitung so hingehend bemüht haben, wir dunkerP ihnen, meine Verehrten, für die lebhafte Anteilnahme im .unserem Unternehmen und bitte,n daß sie ihre* Gunst ihm weiter erhalten. Heutewollen wir dem Bund zum Geleite drei Worte mit.auf den Weg gebe». Mögeder Bund Kraft und Freude schaffen zum Yiisgieieh für die Mühsal des Tages, mögen die Künstler, die uns diesehohen Wertevermitte ln. Halt und Stütze an diesem Bund finden, möge dies Unternehmen ein einigendes Band um unsere Gemeinde und die Gemeinden des Lundes schlingen und uns helfe», das schwere Schicksal dieser Tage zu tragen, möge der Segen des Herrn auf diesem Werkeruhen! Echte und falsche Prophetie. Ein Vortrag von Hermann Gerson. Am Is. März veranstaltete» die jüdischen Jugend biinde Stuttgarts einen gut besuchten Vortrug des bekannten Bundeslc-iters der ..Werklet,te“. Her »I a I, n Gerson. der aus mehr als einem Grunde besondere Beachtung verdient. Was zunächst den Inhalt der Darlegungen betrißt, so wurde den Hörern ein gedrängter, wohldurchdachter Uebc-rblick über das Wesen der jüdischen Prophetie und die Unterschiede zwischen echten und falschen Propheten vermittelt. Der Redner ze igte, wiemißverständlich die griechische l'ebc-rsetziing ..Prophet” des hebräischen Ausdrucks „nuwi“ <— ..Künder”) sein muß. da die Kunst des V oratissehens für den Begriff ..nuwi” ganz belanglos ist. Der Ursprung clor Prophetiescheint bei de» Ekstatike rn zu finden zu sein, die schon zu frühester Zeit in Schuren das Land durchzogen, oft ans der Wüste kamen, jedenfalls die alte Nomadenzeit des jüdischen Volkes verherrlichten und die neuestädtische Kultur der •Seßhaftigkeit ablehnten Elia ist einer der ersten klar umrissenen Persönlichkeiten aus diesem Kreis. Wenn sich uueh ekstatische Züge bei allen Propheten wiederfinden. so wäre es doch verfehlt, aus diesen Anfängen auf dus Wesen der Prophetie zu schließen. Ein wichtiges Merkmal des Propheten ist darin zu erblicken, daß er als Künder und Mitteiler int Auftrag eines anderen spricht. Dieser Auftrag ist indessen dem Propheten meist nicht angenehm, und oft möchte er ihm entrinnen. Aber der Prophet hat einen, Zwang zu gehorchen und muß gegen seinen Willen verkünden. — Schon früh begannen die Auseinandersetzungen zwischen echter und falscher Prophetie. Die falschen Propheten treten durchweg in Schuren auf. •Sie stehen int Solde eines Herrschers und haben als Hofpropheten clifin dem jeweiligen |x>l itischc-n Augenblick gew ünschte Auskunft zu geben. Echte und falsche- Prophetie ist nicht nach den Gesichtspunkte-,, des Erfolgs zu entsche ide n. Eher könnte dus Gegenteil gesagt werden, um so mehr, als die Bibel ja weit häufiger auf der Seite des Unterlegenen als auf der des Siegers steht. Es wäre aber ebenso verfehlt, als Kennzeichen wahrer Prophetie die Verkündigung des drohenden Unheils anzonehmc-n. Wir hüben daneben auch die zukunftsfre-udigstc-n V isionen unserer großen Propheten. Der entscheidende Unterschied zwischen falscher und echter Prophetie besteht darin, daß für die falschen Propheten bestimmte persönliche. soziale und politische Werte schlechthin als sinnvoll gelten, während für die echten Propheten alle Werte nur insofern vorhanden und bedeutsam sind, als sie sich dem Gottesgesetz c-inordnen lasse» „ml von ihm ausschlaggebend bestimmt werden. Von besonderem Interesse waren die Schluflbemcrkungen des Redners, in denen ebenso w ie in den einleitenden W orten von Ernst S a e n g e r das Streben zum Anschluß an diejüdische Geschichte zum Ausdruck kam. Es wurde die Fordc-ruüg nud, einem vertieften jüdischen ISfationalismits erhoben und vor den Gefahren revisionistischer Oberflächlichkeit gewarnt. Es kommt heute nach der Meinung Hermann Gersons. der „Werkleute” und weiter Kreise der jüdischen Jugend nicht in erster Linie auf politische Willensentscheidungen an. sondern auf die Wiedergewinnung des verlorenen Zusammenhangs mit der jüdischen Ueberffeffervng. Hierzu aber gibt es nur einen Weg •— das Lernen. S. K. Adoty <Hvtsdtheimex Sperrholz Stuttgart N - Wolframstr. 60 Telefon 28420 TrKschler 100 g versilbert N. »In« Qualität•- lelstung, dl» es noch nicht gabl mJf «ettfr. KJia|c IJl ■Orikdilcr Stuttgart M. Bettln g b»(t WstastsMr. t7 (frQberSophlensfr.) Lassen Sie eloh In Ihrer Propaganda beraten I Telefon 23328 PAUL V. MAUR Speditionen aller Arft, AustaiTd* uetf Ubtrssstrassporta Verpackung nach neuem und beeondera bewährtem Verfahren. Redaktions- Schluß für die nächste Nummer FctoKoi t Hofmaler «um■».« Empfehle stets frischt Feinste westUllsdie und Kulmbadirr Wurstwaren Grosse Auswahl ln nur besten Delihatesskasen I» Bassermann-Konserven / Reelle Inu. ausMnd. Welge / Jeden 3. Tag frisdi gerosteten Kaffee. 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