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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-04-01 · 1 (1.4.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
1 (1.4.1934)
Date
1934-04-01
Page
[Seite] (sequence 7)
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zeigen, mit wie viel Recht wir voll Hoffuungsfreudc an den Aufbau einer neuen jüdischen Zukunft gehen dürfen. Wie zur Zeit des Humanismus und der Reformation erleben wir heute eine Art Versinken einer gesdfiiditlidien Epodie. 1-ange schon glaubten wir. Anzeichen für dieses elementare Geschehen bemerken zu können. Jetzt aber wird es Ernst. Wir fühlten, wie die Menschen des 15. Jahrhunderts, daß das Alteuns nicht mehr voll angemessen war, daß unser Wille zum Leben sich auf der Suche nach besseren Formen befand. Nun werden die Fesseln der alten Zeit zerrissen. und wir beginnen, uns eine neue einzurichten. Stets ist es in der Natur ein beglückender Vorgang, wenn eine Schale gesprengt wird und die eben nodt mühsam eingeengten Kräfte sich freie Buhn schaffen. Nicht anders verhält es sich heute. Es ist. als ob wir uns wieder frei bewegen und uufatmen könnten. Doch weder geben sich die alten Mächte so leicht geschlagen, noch ist gleich im Anfang Raum für das neue Leben vorhanden. Derartige Umwälzungen können sich nicht ohne schwere Kämpfe vollziehen. Das 16 Jahrhundert vermag uns eine Vorstellung davon zu geben, welchen /eiten wir entgegen eben Wohl selten hat die Geschichte ein streitareres Geschlecht gesehen. Man braucht durchaus nicht iin Krieg den Vater aller Dinge zu erblicken, um zu erkennen, daß echter Kampf in sehr vielem bereichernd lind fruchtbar sein kann, daß er es aber im Zeitalter eines Luther und Hutten gewesen ist. Wir jungen Juden befinden uns heute in einer ganz ähnlichen I.age. Wohin wir blicken. Probleme. Kämpfe, Widerstände, Hindernisse. In Deutschland, in Palästina, in der übrigen Welt — noch selten haben wir so viele Feinde auf einmal gehabt. Außen wie innen — alles umstrittener denn je. Der Ernst und die Leidenschaftlichkeit dieses Ringens erfordern die Hingabe des ganzen Menschen. Es ist schlechterdings unmöglich, nicht in die Arena gerissen zu werden. Eine unerhörte Steigerung unseres Lebensgefühls hat eingesetzt. Alles gerät in Fluß. Ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten werden entdeckt. Mit der Tröße der Aufgaben wächst der Mut, sie zu bewältigen. Die potentiellen Energien verwandeln sich in kinetische. Was früher schlummerte, ist jetzt erwacht. All das ist eine Folge des Kampfes, der viele verschlingt, mehr noch verschlingen wird, aus dem heraus aber auch das Neue, Bessere hervorbrechen muß. Wie dem Menschen des Humanismus und der Reformation warten auch der heutigen indischen Jugend und allen, die sich ihr zugehörig fühlen, eine unge- - 7 wohnliche Fülle von Aufgaben. Wie damals gilt es •üd* tür uns jetzt, eine Neu Zeit aufznbauen. Politik. Wirtschaft, Gesellschaft, Religion. Kultur — alle Lebensgebiete harren bei uns Juden einer grundlegenden Neuordnung. Die Zeit zum Bauen ist gekommen. Sie wird lange dauern, viel Mühe kosten, und vielleicht knnn/en sich nicht alle Hoffnungen erfüllen. Aller sciyin die Teilnahme an diesen Bemühungen, jedes wirkliche Eingreifen und Mitgestalteu gibt uns einen Vorsprung gegenüber vergangenen Geschlechtern. In unserer Zeit liegt etwas von dem Glück, dem Augenblick Dauer verleihen zu können. Mit einein Wort: bei der Ueberwiudiing des Mittelalters handelte es sich um Befreiung. Wir sollten erkennen. daß auch für uns Juden heute die Zeit der Befreiung gekommen ist. Dabei darf man sich nicht an Aeußerlichkeitc-n stören. Zu der Parallele mit der deutschen Freiheitsbewegung der beginnenden Neuzeit gesellen sich einige Gemeinsamkeiten mit den Erlebnissen der Sturm- und Drang-Epoche des späten 18. Jahrhunderts Damals war die aufgeklärte Menschheit zum erstenmal an dem Wert ihrer Zivilisation und in dein Glauben an einen dauernden Fortschritt irre geworden. Sie empfand, daß ihre Entfernung von dem ..Urzustand" das Glück des Lebens nicht gesteigert sondern geschmälert hutte.Das einfache primitive, naive Dasein des Bauern und Handwerkers erschien plötzlich dem Menschen des überempfindsamen Pietismus und Uberkonventionellen Rokoko als das reinste Ideal gesunden I-ebens. Der Ruf ..Zurück zur Natur!“ bedeutete eine geistige Umschichtung. Indessen konnte es nur bei dem Streben bleiben. Wer einmal sentimentalisch ist. also sich selbst in einem gew issen Abstand zur Natur gesehen hat, kann unmöglich wieder vollkommen naiv und unbewußt werden. — er kann es nur erstreben. Doch gerade in dem Vorgang einer bewußten Umwandlung liegt etwas einzigartig Schönes und Bereicherndes. Dieses verjüngende Erlebnis der Sturm- und Drangzeit erfahren wir heutigen Juden noch viel nachhaltiger. Gewiß hat es einer Kraft mn außen bedurft, um diese Umwälzung in großem Ausmaß herbeizuführen. Aber wer tiefer blickt, wird nicht verkennen. daß eine solche Entw icklung schon lange vor dem äußeren Zwang eingesetzt hot und von sehr vielen durchaus in ihrer eigentlichen Bedeutung erfaßt wird. Aus zwei Gründen erleben w ir diesen Umschwung viel tiefer als das ausgehende IN. Jahrhundert. Durch den Fortschritt der Naturwissenschaft Schwftbische Bank AO. Stuttgart, Königctraße IVA, Satamanderbau Telefon 28344/45, 27437 Die Bank f I r Anlagie nC. VermOgenaverwaltang und Technik hat sich seither die Spannung zwischen „Natur“ und „Kultur“ noch erheblich verschärft. Für den Menschen der Sturmand Drangzeit erschöpfte sich die Rückkehr zur Natur wesentlich in einer rein eistigen Umstellung, während sie für uns junge uden eine handgreifliche Tatsache der Berufswahl und damit verbunden der gesamten Lebensführung bedeutet Die Bewegung des Sturm und Drang offenbarte eine andere Tendenz, die man das Streben vom Endlichen ins Unendliche genannt hat. Einfacher ausgedrückt: die damalige Jugend war des eng abgezirkelten, streng geregelten Lebens der vernünftelnden, phantasie- und gefühlsarmen, unschöpferischen Auf Idärungszeit überdrüssig. Sie verlangte nach der Möglichkeit schöpferischer Gestaltung für alle Gebiete menschlichen Wirkens, unbeengt von vorgesteckten Bahnen und fest gezogenen Grenzen. Sie wollte etwas Neues und ihrem eigenen Wesen Entsprechendes schaffen dürfen. Auch für uns ist heute die Zeit gekommen, daß wir etwas Schöpferisches leisten können — ja müssen. Das enge, beschränkte Jahrhundert eines unfruchtbaren Konservierens hat sein Ende gefunden. Wahres Schaffen ist für uns eine Lebensnotwendigkeit geworden. Auch diese Entwicklung erfaßt uns noch gewaltiger als die Menschen jener Zeit. Haben wir uns einmal alle diese Veränderungen — das Versinken einer uns nicht mehr angemessenen Zeit, das große Ringen mit all seinen Energie auslösenden Kräften, den Aufbau einer neuen Epoche, den Beginn einer inneren Befreiung, die Verjüngung durch Rückkehr zum Natürlichen, das Hervorbrechen des schöpferischen Triebes — so recht ins Bewußtsein erufen. dann ergibt sich als Resultat: Was wir ve rieren, sind die Fleischtöpfe Aegyptens, was wir gewinnen — die Freiheit und all den geistigen und seelischen Reichtum, der nur freien Menschen vergönnt ist. Da kann-es bald keine Kleinmütigen mehr geben. Jeder junge Jude wird es empfinden, und allen müssen wir es zunifen: Es ist eine Lust zu leben! <Q^ntlijahrs ^l^leuLetien: Seidenstoffe Tücher Krawatten-Seiden GEBBÜDER FRANK Teppich reinigung und Reparatur R. Fehm, Zellerstr. 71 Telefon 703 69 Jeden Einkauf bei unseren Inserentenl WERBET für die Gemeindezeitung I <Ktms JCoch /Infertigung feiner Damengarderoben Herrmann & Heimle Stuttgart. 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