Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 11
- Date
- 1933-01-01
- Page
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Aus dem ersten Band seiner außerordentlich interessanten Erinnerungen, der ebenfalls im Rowohlt-Verlag unter dem Titel „Kindheit im Exil“ erschien, haben wir schon einige Kapitel zum Abdruck gebracht. Der nachfolgende Abschnitt ist dem zweiten Band entnommen, der die Studienjahre Levins etwa bis zum Jahre 1892 schildert. Auch mit diesem Buche beweist Levin wieder seine meisterhafte Erzählungskunst. — Die Schriftleitung. In den neunziger Juhren des verflossenen Jahrhunderts befand sich Deutschland irn Taumel seiner grollen Siege über Frankreich und seiner Traume von der Schaffung eines römischen Weltreiches. Dieser allgemeine Geist in dem Deutschland der neunziger Jahre war auf die deutsche Judenheit nicht ohne Einfluß geblieben. Der deutsche Jude, der letzte der emuii- . ipierten W'estjuden. fühlte sich berufen, die moralische Führerschaft über die Juden der übrij. ■■ Welt, das heißt, insoweit der desorganisierte Zu-tund der in der Welt zerstreuten Judenheit eine Führung ermöglichte, auf sich zu nehmen. Bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhundert» wur Frankreich für die übrige Welt tonangebend gewesen. und als Parallelwirkung hatten die französischen Juden die führende Rolle in der Judenheit der Welt gespielt. Die ..Alliance Israelit«- Universelle“ war anerkannte Leiterin der jüdischen allgemeinen Angelegenheiten und Wortführern! für das jüdische Volk gewesen. Nach 1870 konnte sich die deutsche Judenheit. eine Körperschaft innerhalb der so rasch wachsenden Weltmacht, mit einer zweiten Stelle in der jüdischen Welt nicht begnügen. Auch objektiv Itetrachtet. konnten die Juden Deutschlands wohl auf die erste Stelle Anspruch erheben. Schließlich bildeten sie die größte Gruppe unter den emanzipierten WestJuden, denn die Juden Galiziens waren nur halb emanzipiert und gehörten in gewissem Grade zu den Juden Osteuropas. Dazu kam. daß die geographische Lage der deutschen Judenheit ein entsprechendes Uebergewicht gab. Am schwierigsten war das Judenproblem in Rußland, und Deutschland wur der Nuchbur Rußlands. Es gab aber noch einen anderen wichtigerem.Grund. der den Anspruch der deutschen Juden'rechtfertigte. Sie waren die Begründer der modernen jüdischen W issenschaft, und sie hatten neue Konstellationen am Himmel der jüdischen Gelehrsamkeit geschaffen. In der Erforschung der reichen jüdischen Vergangenheit standen sie in der Welt obenan. Ihre Leistungen knüpften sich an Namen wie Mendelssohn und seine Nachfolger Zun/- Geiger. Steinschneider. Jost. Fürst. Grätz und viele andere! Aus mehr als einem Grunde fühlten sich also die deutschen Juden dazu berechtigt, den ersten Platz in der allgemeinen Judenheit einzunehmen: sie konnten jedoch nicht .ohne grimmigen Kampf dahin gel-eigen. und zu der Zeit, von der ich spreche, befand sich dieser Kampf auf seinem Höhepunkte. Die Juden Deutschlands sahen auf die Juden Osteuropas von oben herab. Sie wußten absolut nichts von dem bedeutenden und organisierten |K>litischen Kampfe, der damals innerhalb der rassischen Judenheit vor sich ging. Sie wußten nichts von der gewultigen Renaissance, die die russischen jüdisaieu Massen emporhob. Niemand hatte eine Ahnung von der neuen hebräischen Literatur, die aufztibliiheii begann. Und was die jiddische .Literatur anbetraf, so hielten es die deutschen Juden für unter ihrer Würde, von ihr Notiz zu nehmen, denn die jiddische Sprache, deren sie sich schämten und die sie ..Mauscheln" nannten, war ihnen ein beständiger Dorn im Auge. Sie nahmen es ihr übel, durch sie da ran gemahnt zu werden, daß sicnoch vor wenigen Generationen keine andere Sprache gekannt haben. Die me isten russisch-jüdische» Studenten studierten Medizin und Chemie. Zu jener Zeit war die Chemie die moderne Wissenschaft, besaß also für die Jugend die größte Anziehungskraft. Nur ein winziger Teil der Studenten befaßte sich mit reiner Philosophie, und zwei oder drei studierten Mathematik. Ich blieb meinem ursprünglichen Plane treu, mich der Wissenschaft des Judentums zu widmen. Zwei Wege stunden mir dazu offen: ich konnte mich entweder in das Rabbinerseminar von Dr. Asriel Hildesheimer, dem Repräsentanten der extremen Orthodoxie, aufnehmen lassen, oder in die Hochschule für Wissenschaft des Judentums eintreten. die Rabbiner liberaler Richtung ausbildet«-, aber auch solche Studenten zuließ, die nicht die Absicht hatten, die Rabbinerlaufbahn einznschlugen. Allerdings war auch diese Hochschule we it vom Reformjudentum entfernt: in Amerika z. B. würde-sicheutzutage als \ertreterin des konservativen Judentums betrachtet werden. Ith wußte, daß mir das Seminar Dr. Hildesheimer so gut wie verschlossen war. Die strengen Aufnahmebedingungen und das in der Schule durchgeführte Regime machten dienst- Anstalt für mich unmöglich. Es interessierte mich aber, das Haupt der orthodoxen deutschen Judenheit kennenzitlernen. und so machte ich Dr. Hildesheimer einen Besuch. Er empfing mich um sieben Uhr morgens, zu weither Zeit er bereits die langen Morgengebete hinter sich hatte, und seine erste Frage* wur. ob auch ich schon gebetet hätte. W ahrheitsgemäß verneinte ich es. Das benutzte er sofort zu einer in der Form allerdings recht höflichen Moralpredigt. Die ersten wenigen Minuten der Unterhaltung bestärkten mich darin, daß ich hier nichts zu siicnen hatte, und so lenkte ich das Gespräch bald auf das allgemeine Thema der Luge der russischen Juden. Während unserer Unterhaltung erlaubte ich mir. eine Fülle hebräischer Sätze einziiflechten. nicht um damit zu prunken, sondern weil ich mit meinem Deutsch nicht auskam. Dr. Ilildeslieiiner bekundete großes Interesse für die Lage der russischen Judenheit. allein ich sah in iltm einen in überlebten Formen v erknöcherten Vertreter der alten Ordnung, welcher für die Probleme einer lebendigen. leidenden und kämpfenden Judenheit nur geringes Verständnis aufbrachte. Der Stolz Berlins war die Prunkstraße ..Unter den Linden“, die um Brandenburger Tor mit seiner Quadriga aus Bronze begann und mit dem Königlichen Schlosse endete. Zu jener Zeit waren die ..Linden“ nicht allein das Zentrum Berlins, sondern ganz Deutschlands und sogar Europas. Die Hochschule für Wissenschuft des Judentums hatte sich auch den Weg nach den ..Linden" gebahnt, so daß ihr wenigstens ihre Adresse eine» distinguierten Anstrich gab. Allein von der Briefadresse abgesehen, war das Institut, das sich die Ausbildung jüdischer Gelehrten und Führer zum Ziel setzte, höchst unwürdig eingerichtet. Die Berliner Häuser waren ungeheuer tief gebaut, oft hatte» sie zwei und auch drei Höfe, deren Quergebäude |>urallel zur Straße gingen. Im dritten Stock eines viereckigen Gebäudes. das auf einem solchen Hofe stund, v fügte die Hochschule über drei dunkle Räume, die einer anspruchslosen Elementarschule zur Schande gereicht hätten. Als ich dus Gebäude zum erstenmal betrat, um mich immatrikulieren zu lasse», war ich geradezu verletzt. Das war also die \erehrung. mit der die deutsche Judenheit die jüdische Thora behandelte! In ihrer Lehrerschuft war die Hochschule fast clx-nso ärmlich'wie in ihren Räumlichkeiten. Im ganzen füll es dort vier Dozenten: Dr. Joel Müller las almudlehre. I)r. David Cassel Geschieht«. Dr. Cltaini Steinthal. Bibelwisseuschuft und Reli- ^ionsphilosophie und Rabbiner Dr. Muybuuin omiletik. Der bedeutendstevon ihnen, berühmt als einer de r größten Gelehrten auf seinem Wissensgebiet, im wahren Sinnedes Wortes eine Leuchte, war Steinthal. Sein spezielles Arbeitsfeld war die philologische und kulturhistorisch«.. Forschung: im Verein mit M. Lazarus priindete er die ..Ze itschrift für Völkerpsychologie , an der die hervorragendsten Gelehrten jener Zeit mitarbeiteten. Steinthals Hauptwerk ..Ursprung der Spruche" galt als klassisch. Sein Kollege in der llochsthule. Dr. Cassel, wur ein Historiker zweiten Ranges, und ebenso waren Müller und Maximum .nicht besonders prominent. Die Hochschule fühlte dreißig Studenten, von denen die meisten Ausländer waren und zum roßte» Teil aus Galizien und Ungarn stammten, ier unter uns waren aus Rußland. Die deutschjiidisiheu Studenten wiesen erstaunlich mangelhafte Kenntnisse auf; ihr W issen auf jüdischem Gebiet entsprach etwa dem eines Chederschülers unserer Heimat im zweiten oder dritten Lehrjahr. Und doch wurden sie im Seminar als die Elitebetrachtet und von den Professoren mit ausgesuchter Zuvorkommenheit behandelt. Ihr Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit war in ihren Pässen begründet: sie war,» ja schließlich Deutsche, während ■ wir anderen Fremdlinge waren. Nach der Aera der Zuuz. Geiger und ihrer Kollegen war die deutsche Judenheit mit außerordentlicher Geschwindigkeit von der Ileihe der jüdischen Gelehrsamkeit herubgesunken.- Die alten Gelehrten waren ausgestorben und ein Ersatz blieb aus. Es kam schließlich zu einem solchen Tiefstand, daß von dein Dutzend Rabbiner der \ereinigten Berliner Gemeinde drei \ iertel aus Ungarn importiert werden mußten. -Das erklärt, warum die Hochschule diedeutschen Studenten so rücksichtsvoll behandelte- und ihnen auf jede Art entgegenkam. um siedem Rubbinertum zu erhalten. Der Umstand, daß sie deutsch und ohne fremdländischen Akzent sprachen, wog ihre sonstigen Mängel auf. Ich muß gestehen, daß ich auf dem Gebiet {üdischen Wissens mehr von den christlichen niversitätsprofessoren als von den jüdischen Dozenten der Hochschule lernte. Der Unterschied zwischen dem jüdischen Gelehrten und seinem christlichen Kollegen war nur ein quantitativ zeitlicher: für beide lagen diejüdischen Werte auf einem großen Friedhof begruben. Bei dem christlichen Gelehrten war dieser Friedhof mit Nazareth, bei dem jüdischen mit den modernen Zeiten abgeschlossen. Ein tiefes Pietätsgefühl trieb die jüdischen Forscher an. uns,-rer Vergangenheit die prächtigsten Denkmäler zu errichten und sie reich mit Blumen zu schmücken: ..Hier war einmal eine glorreich«- Zeit möge sie für immer in Frieden ruhen!" lüec itou Htöhein speicht, denkt an MÖBEL-MAY issüi