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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1933-01-01 · X. Jahrgang Nr. 10 · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
X (1933-1934)
Issue
X. Jahrgang Nr. 10
Date
1933-01-01
Page
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Damit meine ich keine Notstandsbaracke, sondern ein standfestes Haus, wenn s auch die Not ist. die drängt es zu bauen. So meine ich ja auch mit der jüdischen Schule selbst, auf deren Erstehen ich hoffe, ■cht ein Asyl für Kinder, die in der allgemeinen icht verweilen dürfen oder nicht gedeihen können. sondern ein echtes Heim, auf Urgrund gesetzt, unserni Wesen gerecht und zu dauern bestimmt. Das heißt: ich stelle in dieser Stunde und in sie die Frage nach unserem Bildungsziel. Unterrichtsnot treibt uns an, aber die Schau des Bildungsziels muH uns leiten, wollen yvir uns nicht im Kreis drehen, sondern einen Weg abschreiten. Von der Situation aus müssen wir handeln, aber nicht ihr verhaftet. Freilich, wenn wir uns jetzt erst ein Ziel zurechtzumachen hätten, stünde es übel um ims. Ein wahres Ziel im Leben der Gemeinschaft wird nicht aufgesteckt wie eine Stange beim onnen: es war schon da und wird nun walir- < nommen. Wir haben ein Bildungsziel. Wir brauchen es nur wahrzunehmen. Bildung kommt von bilden und bilden tun Bild. „Bilden“ heißt ein geschautes Bild im irdischen Stoff verwirklichen, so duli es in die Welt der Dinge tritt. Menschen bilden heißt ein geschautes Menschenbild. in lebenden Personen verwirklichen. Der Erzieher ist dann ein Mensthcnbilduer, wenn er an den ihm anvertrauten bildsamen Wesen, ihre Personhaftigkeit achtend, ja fördernd, eben dies vollbringt. Er kann es aber nur dann vollbringen, wenn das Bild, dem er dienen will, nicht seiner individuellen Phantasie entstammt: wenn es ein allgemein gültiges ist. Ein „allgemein“, richtiger: für die Allgemeinheit eines Zeitalters gültiges Bild nenne ich eines, das einem Volk oder mehreren Völkern in diesem Zeitalter „vorschwebt“ als das des rechten Menschen. Begrifflich braucht es keinesfalls formuliert zu werden. Es steht gleichsam über aller Köpfen in der Luft, man schaut zu ihm uuf: so ist der rechte Mens dt beschaffen, so will ich. so wollen wir sein. Je wurzelechter eine Kultur, um so sichtbarer ist ihr Bild: der Polices des klassischen Athen, der Christenmeusch des abendländischen Mittelalters. Eins der letzten Bilder im modernen Europa war, in der Welt Rousseaus entstanden, aber in der Leasings und Herders zur vollkommenen Ge stalt geklärt, der weltoffene Mensch, der „Weltbürger“, der die Gegenstände und Werte einer ganzen Menschheit aufnimmt und in seine eigentümliche, organische, volksbedingte Form verarbeitet. Aus dem Zerfall dieses Bildes — denn auch Bilder zerfallen — ist das hervorgegangen, was wir „allgemeine Bildung“ nennen; eine Bildung ohne Bild, eine Umbildung. Nicht länger organisch eingeformt, liegen hier die Gegenstände und Werte der Menschheit iu einem scheinbar systematisch gegliederten, tatsächlich aber verworrenen, weil nicht mehr in lebendiger Gestalt gebundnen Haufen beisammen. Das Zerfallsprodukt „allgemeine Bildung" beherrscht ein Jahrhundert ungeheurer Stofferweiterung, ungeheuer technischer Bezwingung, aber niedergehenden Geistes und niedergehenden Bildnertums. Unsere Zeit, die am Ende dieses Jahrhunderts steht, ist durch Versuche gekennzeichnet, ein neues Menschenbild zu erzeugen, vom bewußten Willen her also den Mangel des unwillkürlichen Wachstums zu füllen. Einer dieser Versuche ist der, den „völkischen Menschen“ zu schaffen. Die deutschen Juden leben heute im Angesicht solch eines Versuchs, der sie, weil er auf eine blutinüliige Reinkultur des deutschen völkischen Menschen gerichtet ist. ablehnen und uusschliefieu muH. Das vom bewuHtcn deutschen Volkswillen unserer luge gesetzte ßildungsziel kann seinem Wesen nach nicht das ihre werden. Huben sie ein eigenes? Oder sind sie ziellos, richtungslos dem Wirbel preisgegeben? Sinnlos und nichtig wäre das Unterfangen, dem völkischen Bild gegenüber uns als Hüter der „allgemeinen Bildung", etwa einer durch etliche jüdische Inhalte verbrämten, zu behaupten. in einem Raum bewullter Bild-Erzeugung das bildlose Zerfallsprodukt als unser Monopol bewahren zu wollen. Aber es steht uns auch nicht an. uuf die Aktivität, die uns umgibt, reaktiv: mit einem jüdischen völkischen Bild zu antworten. Es steht uns nicht an, weil wir durch keinen völkischen Begriff zu umreiHen sind. — einst als Glaubensgemeinschaft volkgeworden, als Glau bensvolk seither dauernd, so daß unsere „nationale“ Bindung an Natur und Geschichte von unserer „religiösen“ Bindung an die Manifestation, die unsere Volkswerdung und unsere Volksbürgschaft ist. nicht abgetrennt werden kann. Zu dem Bild Israels gehört unwegdenkbur die Hand, davon drüben her die Tafeln uns reicht, unwegdenkbar die sichtbare Mujestus unseres unsichtbaren Königs. Jenes steht uns aber auch deshalb nicht un. weil wir zwar dem Blute nach, wenn auch nicht „rein“, so doch wesentlich selbständig, aber geistseelisch hundertfältig vermischt sind, eingemengt in das Leben, die Sprüchen, die Strukturen, die Geschicke der Völker. — eine Tatsache, das nicht der flüchtigen Oberfläche, sondern der geschichtlichen l iefe unserer Existenz, in besonderer Steigerung bei den deutschen Juden, deren Begegnung mit dein deutschen Volk eine elementar ernste schicksalhafte^ fruchtbare und tragische gewesen ist. Es wäre le ichtfertige Willkür, sich über dieses großartig und unheimlich Faktische hinwegzusetzen. Audi die von hier nach Palästina gehen, um in hebräischer Gemeinschaft hebräisch zu leben, tragen in ihrer Beschaffenheit deutsches Seelengut mit hinüber. Unser Biidungsziel kann keins der völkischen sein. Aber es wäre auch vergeblich, uns vorzunehmen. jenes allgemein gültige jüdische Menschenbild zu erneuen, das unseren abendländischen Ahneiigeschlechtern bis zur Emanzipation vorgeleuchtet hat: das Bild des zugleich wahrhaft frommen und wahrhaft gelehrten Mannes, der. in Israel naiv beheimutet. der „Weisung" in all ihrer Kasuistik,kundig ist und zugleich ihrer Verwirklichung iii Gottes- und Menschenliebe unbefangen-gelassen obliegt. Wohl hat dieses Bild sich noch in unsere Zeit hin in manchen nachgeborenen kindlich mächtigen Personen dargestellt: aber ein ßildungsziel läßt sich daraus nicht mehr holen: un jener unangefochtenen Naivität hing alles, und sie ist nicht wiederherzustellen. Dennoch sage ich. daß wir ein Bildungsziel hüben und es nur wahrzunehmen, es nur zu entdecken braudien. Diese Entdeckung kann nicht romantisch, sondern nur realistisch vollzogen werden, also vom heutigen Menschen und seiner Luge aus. Wir nehmen unser Bildungsziel wahr, wenn wir die gegenwärtige Weltsituation und uns in ihr wuhrnehinen. Die Situation kann etwa dahin ausgesprochen werden, daß die Geschichte der Erdbevölkerung wieder „labil“ geworden ist, und anscheinend labiler als je. Die „festen Verhältnisse", die vor zwei Jahrzehnten noch den einigermaßen gleichbleibenden Hintergrund all der wechselnde n Ereignisse, Entwicklungen. Konflikte und Krisen abguben, sind allsamt mit ins Gleiten geraten. Die „Sicherheit der Voraussetzungen“, das Werk der von der französischen Revolution emporgetragenen bürgerlichen Gesellschaft, ist entschwunden. Der Mensch ist exponiert. Die exponierteste Menschensippe aber sind die Juden. Die bürgerliche Gesellschaft hatteihnen um den Preis einer Selbstentäußerung. djc_zu Triumphen des individuellen Geistes, aber auch zu schweren typologischen Entartungen geführt hat. eine Sekuritüt verliehen, die sich nun als eitel erweist. Am Juden entladen sich die Spannungen der Gegenwart, die äußeren und 'inneren, am stärksten, sie drohen ihn zu zersprengen. Die Labilität geht ihm an den Kern des Wesens. Hier wird der Kumpf des Menschen exemplarisch uusgefochten. Was wird daraus werden. Hier, wenn irgendwo, entdecken wir unser Biidungsziel, das Bild, das wir verwirklichen sollen. Es ist der der Situation an dem exponiertesten Punkt gewachsene Mensch. Es ist der überwindende Jude. Ueberwinden aber können wir nur von einem' Unüberwindlichen her. das der Labilität nicht untertun ist. das von ihr nicht erfüllt werden kann, das ihr unbedingt überlegen bleibt. Einzig von den Urkräften-seines jüdischen Daseins, von der Urverbundenheit ..Israels” her. untereinander und mit dem Ursprung unteroinuuder. weil mit dem Ursprung, wird der Jude auf bebendem Bode» standhalten und sein bebendes Herz zur Buhe bringen. Daß der jetzt heran wachsende: Jade sich auf den Urbestand seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu aufbaue zu dem Menschen, der die Problematik der Gegenwart am exponiertesten Punkte bewältige, das ist das Ziel unseres Bildens, ihr jüdischen Erzieher auf deutscher Erde! Wir wollen ungespaltene. unbefangene, unabhängige Geschlechter erziehen. Wodurch sonst sollten sie es werden als durch die Wiedererweckung der Urkräfte in ihnen, durch die Wieclerkniipfunjj der Urverbundenheit'? Als dadurch. daß die Urkräfte ihnen normativ wurden und ihrem Leben eine selbständige Ordnung spenden, daß die- Urverbundenheit ihnen fundamental wird und ihrem Leben einen unerschütterlichen Halt schenkt, eine Gewißheit. clic| nicht zerstört werden kann? W ir wollen ein neues Israel erziehen, das ..mit Gottheit uncl mit Menschheit streitet und überwindet“. Man frage nicht, für welches I.und wir erziehenwollen. Für Palästina, wem es das Land sein darf. Mir irgendeine Fremde*, wem sie das Mmd sein muß. Für Deutschland, wem es das Land sein kann. Es ist e i ii Bild, e i n Ziel, eine Erziehung. Anieiden-yerlrelerC-mneii) beider einschlägigen Kundschaft eingeführt sucht die Jiiilisdililierale Zeitmul hei total ¥eriteH«HimiteHci Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist im ständigem Aufbau begriffen, erfreut sich wachsender Beliebtheit in jüd. Kreisen und gewährleistet ein aussichtsreiches Arbeitsfeld. Zuschriften erbeten an die Geschäftsstelle der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin SW 11.

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