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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1933-01-01 · X. Jahrgang Nr. 6 · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
X (1933-1934)
Issue
X. Jahrgang Nr. 6
Date
1933-01-01
Page
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Gemeinde Zeitung für öle ifraelitifiüen Gemeinden Wttettemveegs (illioiilt: ,mf*UrfCi4i »rdcUgtl» idfctU* 5 XM. fcofbitttU* 2.S0 X* •urltiittrliA 25 XM flinittaauur 25 9t«4wfmi« 9ofH4)«f.*raiö: 3825» •(Mdat BMMtM umümL cm i. a. 18. 3) t r l a <j: Israelitische 3)etIaa*anftaU G. ol d. H. Btrnfpt. 3333» ft Stuttgart ft Jtafnaenftr. 13 © ct r t f I l e i I u n fl: Gtadttaddtaer Dr. Rteger, Stuttgart. X 1) c 1 0 e 1 » v 11«: 6ii «»«(poülq» 9bn9anilli)äli 30 Netchepsmüug Umschlags«!« ub& Darrrrgsplätz, Mach Tarif. ya»tli«aUMg«» «& kleine ^MMge» die Klet»»«il« 20 NeichMsmuilg, . 9tefUu*»)ctU 1.50 JUt x. 3o§r0on0 6tntt0art, 16.3nni 1933?tr.6 Anttl. 3$ekoH*ttniaduuiQ£H. Israelitisches Genieindevorsteheramt Stuttgart. Ein offenes Wort zur Judenfrage. # i Ihre» Austritt aus «Icr israelitischen Religionsgemeinschaft haben erklärt: Herr Heinrich Laub. Techniker, hier. Ilirschstralle 26. Frau Edith Schniid geh. Simon. Lehrers Frau. RlingenstraRe »1, Gablenberg. Frau Gertrud Dörner geb. Frank. Direktors u. I). Ehefrau, Degerloch. LeonorenstraHe n. Zeitfragen. Neuorientierung. Das Ziel des zu Ende geheuden IS. Jahrhunderts war für die deutschen Juden die Erlösung aus dem Ghetto, die Aufgabe des Jahrhunderts der Emanzipation nur der Nachweis, dal! die* Juden der errungenen Freiheit würdig gewesen. Der Nachweis ist erbracht worden. Auf jedem Gebiete vaterländischer. wirtschaftlicher und w issenschuftlicher Betätigung habe» die Juden ehrliche Miturbcit geleistet. Aber der Enderfolg ist nicht die Anerkennung der Gleichberechtigung gewesen, sondern deren Aufhebung und eine Gesetzgebung, die fast alle Errungenschaften der Emanzipation in wenigen lagen beseitigt hat. Es ist also nicht auffällig, dal! die deutsche Judcnbcit. die in der Synthese* zwischen Judentum und Deutschtum und in der Symbiose des jüdischen und christliche» Deutschen den Sinn und das Ziel des Lebens begriffen hatte, den /usammcnhruch ihrer Daseinsideologie erlitten hat. Es ist andererseits coli zu verstehen, dul! die Juden, die ihr Judesein stets nur völkisch aufgefaRt. welche* die Fremdbürtigkeit der Jude» v.ou jeher bekannt hüben, die Entwicklung der letzten Wochen als eine* schmerzliche Be stätigung ihrer Bedenken und Besorgnisse betrachten. Mit scheinbar voller Berechtigung weisen sie darauf hin. dal! sie alles das vorausgesc-heu und vorausgesugt. was die deutschen Juden als eine unerwartete Katastrophe bezeichnen. Aber ist es denn nicht tatsächlich so. dal! der Enuinziputionskainpf mit einem grotesken Eiasko geendet, dal! die Juden, die an ihr deutsches Heimat recht geglaubt hüben, die sich mit allen Fibern und fasern als Deutsche gefühlt, als beschämte Phantasten dastehend' Das wäre allerdings der Beweis, dal! der Emuiiziputionskampf ein Streit um Phantome, eine Spiegelfechterei gewesen, wenn heute die Juden unter der Wucht der erfahrenen Enttäuschung ihr Deutschtum als einen Irrtum preisgäben. Das wäre zugleich die Ucchtfertigiiiig aller Judenfeind liehen Entschliessungen des Staates. Gottlob, es ist nur ein winziger Bruchteil der deutschen Juden, der diesen Standpunkt vertritt, der so gedankenlos, du l Überzeugung eines ganze n Jahrhunderts preisgibt. Stände die deutsche Judenheit auf diesem Standpunkte, so würde sie ihr Schicksal vollauf verdienen. Aber die deutschen Juden fassen ihr Schicksal nicht als einen Beweis ihres Irrtums auf. Die jetzige Lage ist weder ein Beweis für die Richtigkeit der jiidiscfi-välkischen Gedankenwelt noch eine Rechtfertigung des hemmungslosen Judenhasses, sondern sie ist religiös gesehen eine Schickung, in der sich das deutsche Judentum bewähren mul!. Sie fordert keine E IIIgriippieruug und keine Neuorientierung, sondern die Heimkehr zu den besten Ueberlieferiinge» der Vorzeit. Die natürliche folge der Absperrung und der Ausschaltung von der. deutschen Mitwelt wird ein vertieftes Gemeinschaftsgefühl und ein gesteigertes religiöses ßowulftsein sein. Dus Schicksal der deutschen Juden ist weiter an Deutschland gekettet. Die Auswunderuiigsmoglichki.-iteu sind so beschränkt, dal! eine Abwanderung der Juden uns Deutschland nur für eine Minderzahl möglich erscheint. Vielleicht werden sich 5000. vielleicht gar 50 000 deutsche* Juden in Palästina ansiedeln, vielleicht werden ebenso viele in den europäischen Ländern eine* Die „Reichsvertretung der Jüdischen Landesverbände Deutschlands*' erklärt: Die deutsche Judenfrage verlangt ein klares Wort der deutschen Juden. Vor dem deutschen Judentum steht das Schicksal, zum Entrechteten in der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen, können die deutschen Juden als die Wenigen sich nicht verteidigen; aber es darf ihnen nicht verwehrt sein, ihre Haltung offen und aufrichtig kundzutun. Die deutschen Juden weisen es von sich, als die Anhänger oder Urheber irgendeines cSystems“ angeprangert zu werden, während sie in Wahrheit immer bewiesen haben und auch jetzt zu beweisen bereit sind, daß sie sich jeder staatlichen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würdef Arbeit und Freiheit läßt. Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre jahrhundertealte deutsche Kultur zu verweisen, auf ihre dauernde Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie, spricht von ihrer Arbeit, ihrem Willen und ihrer Treue, von ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Volke. Wir dürfen erwarteg, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechtes und 'mit Waffen der Vornehmheit geführt werde, daß ehrliche Klarheit über unseren Platz und unseren Weg in dem Raume des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache mit der Reichsvertretung der deutschen Juden, welche die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen und damit die Gesamtheit des deutschen Judentums umfaßt, vermag zum Ziele zu führen. Das Wohl Deutschlands erfordert es ebenso wie das der deutschen Juden. neue Heimat finden im Grunde mul! die Judenfrage in Deutschland gelöst werden. Dus deutsche Volk mul! wohl oder übel einen W eg finden, dus knappe eine Prozent seiner jüdischen Mitbürger, das ihm.bisher eine wertvolle Leistling geschenkt hat. zu ertragen und zu achten. Es ist selbstveistündlich, dal! die se kleine Anzahl Juden die geltende Staatsaiiffassung nicht um wandeln wird. Aber Deutschland wird diese halbe Million schaffender Menschen schliclflicfi doch als das anerkennen müssen, was sie sind, als eine mit ihm auf Gedeih und Verderb verwachsene Gemeinschaft, die. durch ein ehrwürdiges Sittengesetz und einealtgelieiligte Religion zusaiumengelialteii. Kulturarbeit leistet. Was auch immer aus Deutschland werden wird, seine Juden bleiben ein feil der deutschen Ge-' samtlu'it. Wirtschaft Mein* Umstellung. Im Ilerzpiiukt der bedeutsamen Eriedensrede des Reichskanzlers vom IT. Mai stellt das Wort: ..Es ist nicht weise, die w irtsihuftlichen l.ebeusmöglichkc-iten einem Volke zu entziehen, ohne Rücksicht darauf, dal! die davon abhängige Bevölkerung darauf uuge-w iesen ist. in diesem Gebiet weiterhin zu leben“ Dieses wohlerwogene Wort gilt für das deutsche Volk, aber ebenso auch für die deutschen Juden. Es sollte in nationalsozialistischen Kreisen uuehwirken und zur Nachprüfung der bisher geübten Behandlung der w irtschaftlichen Eeheiismüglichkcitcn der deutschen Juden führen. Eine Abuauderuiig aus Deutschland ist nur einem kleinsten Teile von ihnen möglich. Die Mehrzahl ..ist darauf angewiesen. in diesem Gebiete weiterhin zu leben". Es liegt also im Interesse der Deutschen und der Juden und es ist weise, ihnen die wirtschaftlichen l.chciismüglichkcitcn zu belassen. Das bedeutet aber, dal! die deutschen Juden sich einer entscheidenden w irtschaftlichen l mstcllung zuwenden »bissen. Lim* Neuorientierung ohne* ßc-rufsumschichtiing wäre* eine Spiegelfechterei. 'Nur ein zahleiiiniilüg kleiner feil jüngerer Juden wird Deutschland verlassen. Die Mehrzahl ist au Deutschland gebunden. Die* Abkehr von den akademischen Berufen wird für sie eine unumgängliche Notwendigkeit und die* Rückkehr zu den produktiven wird zwingend notwendig sein. Diese Abkehr gehört seit eiinem Jahrhundert zum Programm der deutsche» Judenheit. Dieim IV. Jahrhundert geschaffenen Vereine zier Pflege des Ackerbaus, der Gärtnerei und der I landwerke sollten die Juden vom Kleinhandel ablenken und zur produktiven Arbeit überleite», der sic* Jahrhunderte hindurch infolge* einer eineugeudeuGesetzgebung entfremdet waren. Die Begründung der Ahlcmcr Garten Bauschule war ein weiterer wesentlicher Schritt zur Verwirklichung dieser theoretisch erkannten Notwendigkeit. Diese* Notwendigkeit ist heute in Deutschland zwangsläufig geworden.' Die l'mschichtung. von der seit Jahrzehnten gesprochen worden ist. liegt nicht mehr im W ille» der Juden. Die* technischen, handwerklichen, klein gewerblichen, landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betätigungen sind damit für die heran wachsende Jugend in den Vordergrund gerückt. Die* jüdische Jugend mul! sich auf die* Berufe umstellen, in denen arbeitende Menschen benötigt werden. Sie wird dort miturbeitc-n müssen, wo Mitarbeit gesucht, wo sich eine* Lücke im W irlscfiaftsleben zeigt, die* geschlossen werden mul!. Diese w irtschaftliche l msu-lliing kann zum Heile und Segen der jüdischen Gesamtheit und ebenso ziiiii Vorteil der deutsche» V ol ksgemeiuschaft w ii keu. Heiiiikchrrr. Wenn wir von Reue erfüllten Heimkehrern iBualc I heschuwoh) hören, dann stehen vor unserem geistigen Auge* jüdische Menschen des Ostens, die mich allerlei Irrungen den Heimweg zu ihrem Gotte und ihrer Gemeinschaft gefunden liubcü. Ibis gegenwärtige deutsche Juden Schicksal hat aus nur zu vielen, die den Zusammenhang mit ihrer Rc-Iigionsgemeimle verloren, die* aus dem Verbände sie!, gelöst, in den sie. hiuciirgcboreu. solche Heimkehrer gemacht, die schamerfüllt durch die Verfehinung ringsum wieder ihres Zusammenhanges mit der jüdischen Gemeinschaft bewuflt geworden, den Heimweg ziiiii Judentum gleichsam wie* zur i^ten Mutter angetreten haben. Je lauter drauHen die Stirn-

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