Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 5
- Date
- 1933-01-01
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Eine ähnliche Zusammenfassung ist audi in Württemberg sowohl für die Hilfstätigkeit nach innen als gegenüber diesem Zentralausschuß notwendig. ln einer großen Versammlung aller jüdischen Wohlfahrtsvereine und -Organisationen, die in Stuttgart ihren Sitz haben, ist der Israel. Oberrat einstimmig gebeten worden, die erforderlichen Schritte zu unternehmen. Mit diesem Vorgehen haben sich dann auch die Vertreter der Wohlfahrtsvereine usw. einer Reihe weiterer Gemeinden sowie die Vorsteherämter selbst einverstanden erklärt, und wir sind sicher, daß dasselbe auch dem Willen aller übrigen württembergischen israelitischen Religionsgeincinden und Organisationen entspricht. Demgemäß ist in Anlehnung an den Zentralausschuß die , Jüdische Nothilfe in Württemberg und unter Ausbau des beim Württembcrgischen Landesverband für Israel. Wohlfahrtspflege bereits bestehenden jüdischen Arbeitsnachweises die- Arbeitsvermittlung, Berufsberatung und Auskunftstelle der Jüdischen Nothilfe in Württemberg ins Leben gerufen worden, bei der fachlich vorgebildete und erfahrene Kräfte zur Beratung in allen mit der gegenwärtigen Notzeit zusammenhängenden Fragen für Stadt und Land zur Verfügung stehen. Sprechstunden: Montag, Mittwoch und Freitag 3—5 Uhr im Stuttgarter Gemeindehaus, Hospitalstraße 36. II. Stock. Alle Fragen finanzieller Hilfe werden im Büro des israel. r ürsorgeamts Stuttgart und des Landesverbands für Israel. Wohlfahrtspflege (LJWr), Stuttgart, Hospitalstraße 36, Erdgeschoß bearbeitet. Sprechstunden: Jeden Vormittag 10—12 Uhr, und Mittwoch 3—5 Uhr. S t u 11 g a r t, 24. Mai 1933. Israel. Oberrat Dr. Hirsch Zur Frage der jüd. Schule. So ernst die Frage ist, wie den durch die gegenwärtigen Verhältnisse aus ihrer Betätigung gerissenen jüdischen Menschen Arbeit und Brot geschaffen werden kann, mindestens ebenso ernst und dringlich ist das Schulproblem. Durch die Gesetzgebung gegen die Ueberfremdung und Ueberfüllung der intellektuellen Berufe und die prozentuale Einschränkung der Anzahl der jüdischen Schüler ist die bisher unter den deutschen Juden übliche Ausbildungsform der Jugend. unmöglich geworden. Sie bestand im wesentlichen darin, den Kindern bis zu ihrem Eintritt in den Beruf eine Mittelschulbildung zuteil werden zu lassen. Fortan wird nur eine kleine Anzahl von ihnen diese höhere Ausbildung erhalten dürfen. Nach den vorläufigen Erklärungen. wird nur die allgemeine Volksschule den jüdischen Kindern fortan zugängig sein. Allerdings hat Professor Krieck in seiner Zeitschrift „Volk.im Werden“ das Entstehen eines eignen jüdischen Schulwerkes empfohlen. „Die uden sollen als nationale Minderheit ihre Kul-* Es gibt wohl keine jüdische Lehre, die so viel Zorn und so viel Spott auf Israel gelastet hat, wie die der Auserwählung. Man zürnte Israel, das sich in den Königsnimbus der Auserwählung gekleidet und sich ein Kindschaftsrecht am Herzen Gottes angemaßt, und man spottet zugleich über den Bettlerstolz Israels, das so oft geächtet' und entrechtet, verhöhnt und verfehmt war. Es war wahrlich kein Alltagsglück, seines Gottes Prophet zu sein. Vielleicht wäre es weiser gewesen, auf die Prophetenehre der Auserwählung zu verzichten. Propheten hat man ja noch immer gekreuzigt, und ein Prophet galt niemals etwas im Vaterlande. Schon der Prophet Jesaja hatte das Schicksalsleid des Prophetenvolkes im Gleichnis vom leidenden Gottesknechte geschildert: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit; er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scheerer (Jesaja 53, 3 und 7)." Israel hätte sich leicht von dem Fluche lösen können, der leidende Göttesknecht zu sein. Aber das angeblich so materielle Israel blieb seiner Sendung getreu. Es trug die Last der Erwählung . mit dem Adel innerer Würde. Gehaßt, gehetzt, gehöhnt zog es über die Erde, auserwählt zu einem leidvollen Schicksal ohnegleichen. Alljährlich aber feiert es in innerer Sammlung den Tag, an dem es zum Träger der Offenbarung erkoren worden ist, den Schicksalstag seiner Erwählung, das Fest der Gesetzgebung am Sinai. ~ Dann tritt Israel noch einmal' in Geist und Gedanturautonomie aufbaucn und mit eigenen Schulen auch eigene Wissenschaft und Hochschule betreiben.“ Es fehlen aber für die Entstehung einer eigenen Hochschule die zahlenmäßigen Voraussetzungen: Eine halbe Million Menschen kann keinen eigenen Hochschulbetrieb unterhalten. Die Schaffung jüdischer Schulbetriebe war bereits das Ideal der Mendelssohn’schen Aufklärerzeit gewesen. In diesen jüdischen Schulen sollte die Jugend zur tätigen Teilnahme an der deutschen Kultur herangebildet werden. Nach und nach schwand mit der Abnahme der Landgemeinden dieses jüdische Volksschulwesen, das der deutschen Kultur große Dienste geleistet hat. Es hatte der jüdischen Jugend aber den besonderen Vorteil gebracht, ihr neben der deutschen Bildung eine gründliche jüdische Bildung zu vermitteln. Die als Ersatz in den Gemeinden für die Volksschulen geschaffenen Religionsschulen sind begreiflicherweise nicht imstande gewesen, diese Lücke auszufüllen. Vielleicht darf also die Judenheit die Notwendigkeit der Rückkehr zur jüdischen Volksschule nicht nur als einen, politischen Rückschritt bedauern, sondern als eine Fügung betrachten, die sich für sie segensreich auswirken kann. Vor allem aber sind es innere Gründe, die den deutschen Juden die Begründung eigener Volksschulen notwendig erscheinen lassen. Schon jetzt mehren sich die Anzeichen, daß die jüdischen Schüler in den allgemeinen Schulen ernste Hemmungen zu erwarten haben. Bisher war der deutsche Humanismus das geistige Rückgrat des deutken an den Sinai heran und hört die Worte der Berufung: „Wohl ist die ganze Erde mein — ihr aber sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein (2. Mose 19, 5,6)." Alljährlich hört es an diesem Tage noch einmal das Zehnwort der Offenbarung und dabei geht eine innere Wandlung in ihm vor: es hebt das gebeugte Haupt, es reckt den gekrümmten Nacken, sein müdes Blut beginnt jugendlich zu kreisen, es spürt die Kräfte, die in dem Riesen der Sage durch die Berührung der Mutter Erde geströmt, und hört die Stimme seines Gottes: „Und doch bist du mein erstgeborener Sohn, Israel (2. Mose 4, 22)", und doch hast du am Sinai gestanden und doch hat dich Gott zum Träger seines Wortes erwählt, und -dochist die verachtete hebräische Sprache die Sprache der Offenbarung, in der Gott geredet, in der Jesus gebetet, in der die Evangelisten ihre Sendung gekündet. Man kann Israel die Menschenrechte aberkennen, man mag ihm den Prophetenmantel von den Schultern reißen, man mag seine Kinder für unwert halten, die Schule mit ihren Mitmenschen zu teilen, und doch ist Israel der Prophet der Wahrheit und der Knecht Gottes. Es ist keine Anmaßung, wenn es sich einer Welt zum Trotze durch die Offenbarung für auserwählt betrachtet. Das ist vielmehr die geschichtliche Wahrheit, die Israel sich alljährlich am Offenbarungsfeste des Zehngebotes von neuem ins Bewußtsein ruft. Die Wahrheit der Weltgeschichte kann kein Menschenwort und kein Machtwille töten, daß Israel am Sinai zum Volke der Offenbarung erwählt worden ist, zum Propheten der Gotteserkenntnis. sehen Schulwesens und Duldsamkeit gegen politische und religiöse Minderheiten seine selbstverständliche Voraussetzung. Es hat fast den Anschein, als ob diese Voraussetzung im neuen Deutschland nicht mehr gelten soll. Der Humanismus soll durch die Rassentheorie und ihre Folgerungen ersetzt werden. Es bedarf.nur des Hinweises darauf, was diese Wandlung" für die jüdischen Kinder bedeuten wird. Abzulehnen ist ein Schulwesen, das nur auf die Palästinaauswanderung vorbereiten soITT Diese Auswanderung wird auch in der Zukunft nur für eine verschwindend kleine Anzahl die Losung sein. Das Schulwesen muß für die in Deutsdiland verbleibende Jugend bestimmt sein. Es ist selbstverständlich, daß solche Schulen nur in den Großgemeinden bestehen können. Für die Kinder der Landgemeinden werden hier Internate eingerichtetwerden müssen. Schon im Hinblick auf die Landjugend wird die Einrichtung eines landwirtschaftlichen und gärtnerischen Unterrichtes geboten sein. Wird die Reichsregierung das Entstehen eigener jüdischer Schulen nicht billigen, dann wird es sich darum handeln, ein System von Kursen aufzubauen, dessen Aufgabe neben dem Unterricht in der jüdischen Religion und in der hebräischen Sprache die Erlernung von Fremdsprachen und die Pflege eines vorbildlichen, Werkunterrichtes sein wird. ln jedem Fall wird eine Umstellung zum Judentum selbst geboten sein. Die jüdischen Eltern haben den Religionsunterricht bisher häufig als V}ee xwt Tflö&eln speicht, denkt cm MÖBEL i MAY Holzstraß« 3-9 Könlflsftraße 1