Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 3
- Date
- 1933-01-01
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Fürsorgeamt hat in den Monaten Januar, Februar, März 1935 unter Mitwirkung der angeschlossenen Wohltätigkeitsvereine für unten genannte Zwecke folgende Beträge zur Verteilung gebracht: Laufende Unterstützungen . . RM. 8 415.— Einmalige Unterstützungen . . . RM. 3 920.— Winterfursorge.RM. 1195— Gesundheitsfürsorge ...... RM. 4*0.— Jugendfürsorge.RM. *21.— Der Sprechstundenbesuch umfaßte im 1. Vierteljahr 1012 Beratungen; im Außendienst wurden 23t Besuche bei Familien und Behörden gemacht. Spenden im März: Frau J. Ottenheimer; Herr Dr. med. denk Manfr. Pick; Frau Berta Rosenfeld, Purimspende; sowie ein Legat der Frau Emma Höchstädter. Sachspende: Herr Berth. Gideon (Fett). Jüdische Zentralstelle -für 35ecufs= Beratung und AeBeitsnackweis. Stuttgart, Hoapitalstr. 3* — Telephon 228 98. Sprechstunden: Mittwoch von 5—7 Uhr. Wir suchen kaufmännische Stellen für weibliche Lehrlinge und Anfängerinnen, zum Teil mit Handelsschulbildung, und bitten um möglichst baldige Meldung solcher offener Posten. Lichtstrahlen in trüber Zeit. Von Pater A. J. Arend. Die Frühsonne gießt eine Welle von Licht durch die weiten Bahnhofshallen. Was noch vor wenigen Stunden düster-grau, verstaubt erschien, dem verleiht sie im Augenblick Glanz und Farbe. Ihr Begleiter, der frische Morgenwind, drängt im Nu eile stickige Nachtluft aus dem Wagen und mit ihr alle Sorgen hinweg vom Herzen, aas dem Frohsinn seine Tore geöffnet hat. Die Morgenstille wird unterbrochen. Eine fröhliche Kinderschar wogt plaudernd und lachend heran und besetzt schnell die noch freien Plätze unseres Wagens. Die mitgebrachten Eßvorräte werden verstaut oder auch schon in Angriff genommen. Süßigkeiten werden verteilt und die fleißigen Plaudermäulcben kommen nicht zur Ruhe. Ein Mädchen in der Gnippe macht eine Ausnahme. Es entnimmt seinem Täschchen ein kleines, grünes Heft, schlägt eine der letzten Seiten auf, und leise bewegt es die Lippen. Und je weiter es liest, desto sprechender wird der Ausdruck des lieblichen Gesichtchens. Eine heilige Weihe wt darüber gegossen! Die Augen der Neunjährigen nehmen den Ausdruck an, den man sonst nur bei Müttern bemerkt, deren Gedanken sich liebecoll sorgend den Kindern zuwenden. Unauffällig führt unsere Kleine das Büchlein an die Lippen, ehe sie es wieder in das Täschchen zurücklegt. Eine Minute vergeht kaum und das Kind ist von den Kameradinnen nicht mehr zu unterscheiden: so froh nimmt es an der allgemeinen Freude teil. Neben mir sitzt ein Herr, der schon bejahrt. Ihm ist ebenso wie mir das kleine Mädchen aufgefallen. Ernst und still hat er es beobachtet. Daß ihm audi der Wechsel im Gesichtsausdruck des Kindes nicht entgangen war. zeigte das Leuchten in seinen eigenen Augen, das beredte Zucken seiner Mundwinkel. Ich erkenne: Hier hat eine Wechselwirkung stattgefunden, die dem Beteiligten nicht zu Bewußtsein gekommen ist. Mein Nachbar blickt noch nach dem Kinde und dann fragend auf mich hin. Ich nicke stumm grüßend. Da fragt er mich: „Was hat das Kind gelesen?" „Ein hebräisches Gebet für die Reise." Wieder eine kurze Pause. Der Fremde wendet sich an das Mädchen und läßt sielt das Büchlein gelten. Er schaut hinein und fragt mich dann: „Können Sie das Gebet übersetzen? Ith bitte Sie sehr darum.“ Du gebe ich ihm leise die deutsche L'ebersetzung: „Ewiger! Unser Gott und der Qott unserer Väter, leite gnädig unsere Schritte im Frieden und zum Glücke In Frohsinn laß uns unser Ziel erreichen und dann wohlbehalten nach Hause zurückkehren. — Bewahre uns unterwegs vor Feinden und Verbrechern, bewahre uns vor Unglück. das oft so plötzlich kommt. — Segne unser Vorhaben. Laß uns Gnade und Erbarmen finden vor deinen Attpen und bei den Menschen, die uns begegnen. — Erhöre die Stimme unseres Flehens, denn du bist der Gott, der Gebet und Flehen erhört. '— Gepriesen seist du. Ewiger, der das Gebet erhört.“ Mein Nachbar hatte aufmerksam zugehört: „Ein schönes, inhaltsreiches Gebet und in so sinniger Form!" Und bevor er das Heftchen zurückgab. schrieb er sich die Buchhandlung auf. von der es zu beziehen war. * ln der Universitätsklinik zu Köln liegt ein jüdisches Mädchen von etwa vier Juhnen. Die Schwester kommt und bringt für alle Kinder das Frühstück. Butterbrot mit Fleisch. „Ich danke. Schwester.“ sagt die Kleine, „ich möchte kein Fleisch essen." Die Schwester wundert sich. „Ihr habt doch keinen Freitug. Kind, und wenn man krank ist, ißt man alles, was man bekommt.“ „Ich darf aber nicht Butter und Fleisch zusammen essen.“ „Wie willst du es denn haben?" „Bloß Butterbrot“, sagte das Kind, und es bekam gerne, was und wie es das wollte. * In Düsseldorf begegnete ich zwei kleinen Mädchen von 7—8 Jahren. Eins trug zwei Brote, das andere nichts. „Gib doch dem Kinde auch ein Brot zu tragen. Hast ja so schwer“, sagte ich. „Nein, die darf keins tragen, sie ist Jüdin und heute ist Samstag“, sagte die katholische Kleine. „Da hast du recht, du darfst keins tragen.“ Und die großen Augen des Mädchens sagten mir, wie dankbar sie war, daß ich ihre Religionsvorschrift verstand und bestätigte. am su l'tauwoh — auch dies ist zum Guten“: diesen altjüdische Spruch bei Schicksalsschlägen wird auch jetzt seine Wahrheit erweisen. Millionen, die noch vor kurzem die Frage nach Judentum und Juden für geringfügig hielten, sehen sich heut zu ernstem Studium dieser Dinge veranlaßt. Das kann juns nur lieb sein: sie werden im- Judentum jdie Menschheitsreligion, ln dem Juden derj Menschenbruder, im deutschen Juden deiT — wenn auch andersgläubigen, so doch gläubigen — Volksgenossen entdecken. Zu diesem Gewinn der zweite: Unzählige jüdischer Abstammung zu den unvergänglichen Menschheits- und Ewigkeitswerten der jüdischen Religion zurückgeführt und da furch unsere Gemeinschaft fester * - geschmiedet zu sehen —: ist das alles, inmitten der Schicksalsschläge, nicht des Segens genug? George Goetz. „Lichtstrahlen aus dem Judentum“ nenne ich das. Man muß nur die Augen offen halten, daun sieht man an der dunklen Wolke auch den silbernen Kaiid. (Aus den ..Abwehrblättern 4V3.) Gibt es eine jüdische Rasse? Wir leben »m Zeitalter der Schlagwörter. Das Schlagwort steht an der Stelle forschender und fragender Kritik, es ersetzt Wissenschaft und Erkenntnis. Besonders bedenklich wird daß Schlagwort. sobald es sich in scheinbare gelehrte Volkstümlichkeit kleidet. Zu diesen Schlagwörtern gehört die Annahme einer einheitlich jüdischen Rasse. Allerdings haben spruchberechtigte Rassenforscher wie Felix von Luschan längst auf den Komplex der Irrtümer hingewiesen, die sich hinter diesem Schlagworte verbergen. Aber das Schlagwort war widerstandsfähiger als alle Wissenschaft. Darum ist ein Aufsatz über die Frage, ob cs eine jüdische Rasse gibt, der in» letzten Heft der Zeitung „Der Morgen“ von Prof. Brutzkus veröffentlicht wird, von höchster Zeitgemäßheit. Es muß ja jedem Forscher auf dem Gebiete der Frage der Abstammung der Juden schon aufgefallen sein, daß in der Judenheit neben den Aschkenasim. d. h. den Juden der nordeuropäischen Länder, die rundköpßg fbrachykephal) mit einem Schädelindex von 81—83 und 15—25 % blonden Typen, die schlanken Sephardim. d. h. die Juden der Mittelmeerländer stehen, die mittel- bis langköpfig sind, eine gerade dünne Nase haben und nur einen kleinen blonden Einschlag besitzen, zu denen die ausgesprochen langköpfigen Jemeniten (arabische Juden), die knrzköpfigen. kaukasischen Bergjuden (Kopfindex 85—86), die Negerjuden oder Fallaschas in Abessinien und Westindien, die rein mongolischenchinesilüec von Tflö&eCn spricht, denkt cm i ) MOBEL-MAY Holzstraße3-9 Könlgstraßa 1