Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 1
- Date
- 1933-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4904101-5442805-5443288--3840-4907662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und die frühlingssichere Herrenkleidung von Glass & Wels, Stuttgart nur Mittnachfbau ... .! feren Sinn des Liedes enträtseln wollte. Das Seltsamste an diesem Sdirifttum ist. daß es ausnahmslos von christlichen Theologen stammt. Der erste Christ, der Uber das Lied geschrieben, war der Altdorfer Jurist Wagenseil, der 1699 in seiner „Belehrung von der Jüdisdi-teutschen Red- und Schreibart“ offen gesteht, daß er es nicht verstanden habe. Er habe viele Juden in Deutschland, Frankreich. Italien und Holland befragt. aber „hat sich nie keiner gefunden, der mir den geringsten Bescheid hätte zu geben wissen“. Er selbst glaubt, daß das Lied keinen geheimnisvollen Sinn habe, sondern ein einfaches Trinklied sei. Dennoch fragte er den gelehrten christlichen Kabbalisten Knorr von Rosenroth an. der in dem Liede die ganze jüdische Geschichte wiederfinden wollte. Noch weiter in dieser geschichtlichen Ausdeutung ging Probst Hermann von der Hardt, der das Lied als Rätselsang auffaßte und eine ganze Fülle von Gedanken aus ihm heraushören wollte. Das Zicklein ist Israel, die beiden Pfenniglein sind Mose und Aharon. der Vater ist der Weltengott. Und nun findet von der Hardt die Assyrer, die Babylonier, die Perser, Alexander den Großen, die Römer, die Sarazenen. Gottfried von Bouillon, die Türken und schließlich gar den Messias, der in Kanaan sein irdisches Reich dereinst errichten wird, in dem Liede. Der getaufte Jude Philipp Nieodemus Leberecht hat dieses Werk 1731 aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen, wofür ihm der gelehrte Pfarrer Bodenschatz 1748 besonders dankte. Der gründlichste Bearbeiter des Pessadiliedes war allerdings Christian Andreas Teuber. Sein Werk „Chad-Gadja. Das ist Wahrscheinliche Muthmafiung von dem alten und dunckeln jüdischen Oster-Liede Ein Zicklein“ erschien in Leipzig 1732. In gelehrten Auseinandersetzungen prüfte er die bisherigen Aeußerungen über das Lied und kam zu dem Schlüsse: Es kann kein „albernes Spiel“ sein, da es den Namen Gottes enthält, den die Juden nicht „zu ihrer Kurtzweil unnützlich“ führen. Es sei so lustig abgefaßt, um die müde gewordenen Ostergäste durch die lebhaften Rhythmen aufzumuntern. Von den erfahrenen Deutungen träfe den Sinn am besten die eines polnischen Rabbiners: „Das Zickelein saget nur soviel, daß in der Welt eines über dem anderen und keine Creatur sey, die nicht ihren Meister habe“. Nach seiner eigenen Meinung hielt Teuber das Lied nicht für ein Geheimnis, sondern für ein erbauliches Loblied Gottes, das seine Hoheit und oberste Gewalt über alle Wesen ausdrücken soll. „Gott sey über alles: der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende, womit die Osterfeier sich erbaulich endiget.“ Der Zürcher Pfarrer Ulrich hat später in seiner Schweizer Judenchronik Teubers Abhandlung berichtigt und ergänzt. Seitdem hat die christliche Theologie sich nicht mehr mit dem Liede befaßt. Dafür haben die größten jüdischen Gelehrten wie Leopold Zunz und Moritz Steinschneider die Geschichte des Liedes untersucht, und der Amerikaner Dr. George Alexander Kohut zwei Abhandlungen in englischer Sprache über die Geschichte des Liedes verfaßt. Die Debatte über das Lied beweist jedenfalls, daß es Nachdenklichkeit verdient und nicht nur als ein Scherzlied, sondern als eine Hymne auf die göttliche Allmacht aufeefafit werden soll. Erst so gibt das Lied der Sederfeier den würdigen Abschluß. Sederabend. Aus Heines „Rabbi von Bacherach“. Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei, von den platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette und stellt.auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln, worin symbolische Speisen ent- DerHdggada zum Grufe! Und wieder gl&nzt des Weiß der Sedertafel, Senkt Troß und Hoffnung in die bangen Herzen — Der Blick ruht auf dem kargen Brot der Flucht Und fdiwingi fleh mit dem Feterflhein der Kerzen Hinaus ins Land zu allen fllllen Beiern .. . Die Nacht der Wunder ifl aufs neu erflanden, Umhegt ein altes glüubiges Gefchlecht .. . Still laufihen wir der Botfahafl diefer Stunde Und wißen, daß des Menßhen Lebensrecht Nicht in den Siemen nur gefihrieben fleht. Nun klingt die traute Kinderfrage wieder - Und Greijenhände fegnen flamm den Tifih, Die alten Lieder walten auf und nieder. Die Zukunft ruft uns alle, dich und mich: Ich grüße dich, du altes Buch der Freiheit1 HANS STERNHEIM holten, nämlich ein Ei. Lattich. Meerrettichwurzeln, ein Lammknochen und eine braune Mischung von Rosinen. Zimmet und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem abenteuerlichen Buche, das die Agude heißt, und dessen Inhalt eine seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren. Wundergeschichten aus Aegypten, kuriosen Erzählungen. Streitfragen, Gebeten und Festliedern. Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingcschoben, und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von den symbolischen Gerichten gekostet, sowie alsdann auch Stückchen von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weines getrunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charukter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton. womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend. daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen. Im großen Saale* seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten. Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeier des Paschafestes. Im Saale war alles mehr als gewöhnlich blank: über den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfransen bis auf die Erde hingen: traulich schimmerten die Teilerchen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen, weingefüllten Becher, woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit: die Männer saßeVi in ihren Sdiwarzmänteln und schwarzen Platthüten und weißen llalsbergen; die Frauen in ihren-wunderlich glitzernden Kleidern von lombardischen Stoßen, trugen um .Haupt und Hals ihr Gold- und Perlengeschmeide, und die silberne Sabbathlampe goß ihr festlichstes Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Auf den purpurnen Sammetkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels und angelehnt, i wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las und sang die Agade. und der bunte Chor stimmte ein oder antwortete bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trugebenfalls sein schwarzes Festkleid, seine edelgeformten, etwas strengen Züge waren milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen Borte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf einem ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß. trug als Wirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigentümlich rührender Art ist: das Bewußtsein des tiefen Elends, der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig nach den Augen ihres Mannes: dann und wann schaute sie auch nach der vor ihf liegenden Agade, dem hübscheh. in Gold und Samt gebundenen Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten W'einflecken aus den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalten Bilder, die sie schon als kleines Mädchen, am Pascha-Abend, so gerne betrachtete, und die allerlei biblische1 Geschichten darstellten, als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mitzri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie'lhm die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er Gott sei Dank versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen, wie sie offenen Maules, mit ihren Schafen. Kühen und Ochsen, vor dem Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich, wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glanze* der Sonne! Der zweite Becher war schon eiugeschenkt. die Gesichter und Stimmen wurden immer heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhielt. las er folgende Worte aus der Agude: ..Siehe! das ist die Kost, die unsere Väter in Aegypten genossen! Jeglicher, den es hungert. KOSCHER FOR PESSACH Unentbehrlich heute wie vor 30 Jahren! nos bj? UP3 TOMOR Mandelmilch-Pflanzenmargarine enthält keine tierischen Fette. Sie ist fleischig wie milchig verwendbar und unter Fleisch ein köstlicherBrotaufstrich. Mit PALMIN koscher werden die Speisen auch für den empfindlichen Magen bekömmlich. Es ist beim Kochen und Braten von großer Ausgiebigkeit! TOMOR ->V2 PALMIN KOSCHER 108 TPK 8-111