Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 23 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
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$euitleioH. Ein Sabbath in Munkacs. Von Dr. Ernst Lebenhart. Es ist ein Zauber von besonderem Reiz, mit -dem das auf tiefer Religiosität und uralter Tradition fundierte jüdische Milieu Munkacs den jüdischen Besucher im tiefsten gefangen nimmt und festhält. So, wie noch heute der Sabbath in Munkucs gefeiert wird, ist er auch schon vor Jahrhunderten gefeiert worden! Durch die morgenfriiheu Straßen — alle Geschäfte sind geschlossen, es sind drei bis vier christliche Geschäfte, die offen haben, kein Jude kauft am Sabbath ein — eilen die Juden mit dem Pelzbarett (Streiml) auf dem Kopfe, in langwallendem Kaftan, weißen Strümpfen, schwarzen Schnallenschuhen, in den Tempel. Die Frauen in einfachem Rock und Jacke mit schwarzem Kopftuch. Munkacs hat eine Reihe von jüdischen Tempeln. Im Beth Hamid rasch verrichten ihre Andacht die Chassidim. Ein weiter, hoher, heller, schmuckloser Raum; eine Stirnwand lauter Regale voll von Büchern. In der Mitte das Vorbeterpult, auf erhöhtem Podium, zu dem rechts und links •Stufen führen, um dieses herum Bänke und Pulte. Hier verbringen die Gläubigen den Großteil des Tages mit Talmudstudium. Es ist ein fremdartiger Eindruck, mit dem die heutige Sabbathandacht auf den westländischen Juden wirkt! Den Tallis weit über Stirne und Schultern gezogen, so daß die schwarzen Tallisstrcifen die Augenbrauen decken und über Schultern und Brust laufen, den ganzen Körper wiegend, laut betend, den Tempel bis aufs letzte Plätzchen füllend, so verrichten sie hier ihre Morgenandacht, unbekümmert um das, was um sie herum vorgeht. Und so merkt es niemand und fühlt sich niemand dadurch gestört, daß beispielsweise hinter dem betenden Vater sein kleines Söhnchen steht und Jo-Jo spielt. Im großen Tempel gegenüber halten die Orthodoxen ihre Andacht. Beinahe ein jeder hat ein Söhnchen vor sich, den kleinsten, wenn die anderen schon Barmizwah sind, den größten, wenn er noch klein ist, und-während des Gottesdienstes ibt es immer wieder einen Augenblick, da der ater mit seinem Sohne tändelt, ihm einen Klaps gibt oder ihn streichelt. Man ist hier vertrauter mit Gott! Welch lebendige Natürlichkeit, welcher Gegensatz zu den erstarrten Formen und Formeln des Westens! Voll Andacht lauschen alle dem ergreifenden Gesänge des Chores, in dem auch Knaben mitwirken, deren verklärte Gesichter die Inbrunst widerspiegeln, mit der sie - 257 - das Gebet beseelt. Als selbstverständlich wird während des Gottesdienstes die Mitteilung des Sthammes aufgenommen, der durch einen Faustschlag in das Vorbeterpult sich Ruhe zu verschaffen weiß und während der Sabbathandacht verkündet, daß Hering in Milch den Hechscher brauche; es handelt sich darum, daß Hering in Milch, der eben in Munkacs verkauft wird, erst in einer besonderen Sitzung von Rabbinern und Neemonim, das sind von in ritualen Fragen verläßliche Gläubige, daraufhin untersucht werden muß, ob er koscher ist, worauf dann, falls er als solcher befunden wird, der Hechscher ausgegeben wird, eine mit Siegel versehene Bestätigung, daß diese Speise koscher ist. Nicht weit vom Haupttempel ist das Beth Hamidrasch des Wunderrabbi von Munkacs. Ein schlichter, einfacher Raum. Um den Rebben, der selbst leint, eine Schar Chassidim. Er genießt bei seinen Gläubigen eine besondere Verehrung. Allgemein bei ihnen ist die Vorstellung, der Rebbe sei ein besonderer Mensch und müsse ein besonderer Mensch sein, kraft des besonderen Lebens, das er führe! Sein Leben ist auf die Thora konzentriert. Von früh bis mittags, dann wieder bis Mincha und dann wieder bis tief in die Nacht und so Tag für Tag lernt der Rebbe. Dazwischen gibt er tagsüber seinen Gläubigen Auskunft in Fragen des Rituals und erteilt auf Wunsch Rat den Richtern des Beth Din. des jüdischen Gerichtes. Geht er aus, so geht der Gabbc mit Kommt ihnen in dem Bereich von vier Ellen eine Frau entgegen, so wird sie aus dem Wege gewiesen, damit der Rebbe nicht abgelenkt werde. „Gut Schabbes“ ist der Gruß, den man beim Verlassen des Tempels sich gegenseitig entbietet. „Gut Schabbes“ ist der Gruß, den einem vor jeder Haustür die Kinder, deren es in Munkacs eine Unmenge gibt, zurufen. Nachmittags treffe ich außerhalb der Stadt eine Schar Jungen. Sie gehen in den Cheder, wie sie mir auf meine Frage mitteilen. Am Samstag allerdings hüben sie nur eine Stunde Cheder, während sie sonst bis zehn Stunden täglich im Cheder zubringen. Ich will ihnen eine Freude machen und biete jedem eine Krone an. Sie danken für meine Freundlichkeit, lehnen aber ab, das Geld anzunehmen. denn es ist Schabbes, und da nehmen sie kein Geld, auch wenn sie, wie sie freimütig erklären, es gerne nehmen möchten; wir einigen uns dahin, daß der älteste von ihnen nach Habdala mit meiner Karte, die ich ihm ausfolge, beim Portier des Hotels, in dem ich logiere, sich für alle das Geld abhole. Es ist inzwischen spät nachmittags geworden, man geht zum Abendgebet. Von allen Seiten strömen Gläubige in den Tempel, der unbeleuch¬ PAUIBRENNER STUTTGART Nikolausstraße Nr. 15-19 - Fernsprecher 40657 Rohbauarbeiten Schreiner- und Glaserarbelten tet ist. Soweit die Tempel sie nicht fassen, verrichten die Betenden auf dem Hofe des Tempels und auf der Straße vor dem Tempel ihre Andacht. Breit liegt im unbeleuchteten Vorraum des Chassidentempels der Schatten des im Fenster eingelegten Mögen Dovids auf den Fliesen der Vorhalle, in die von der Straße Licht hereinfällt. Indes hier die Jugend sportgerecht ihre Boxmatches austrägt, wird im Neoenraume, im des Sabbaths wegen unbeleuchteten Tempel der Sabbathabendgottesdienst abgehalten. Der unbeleuchtete, im Dunkel liegende Gebetraum ist erfüllt von den Stimmen der Lautbetenden. Dann wird das erste Licht angezündet. Ueber einen langen, im Tempel stehenden Tisch wird ein weißes Tischtuch gebreitet, klein und groß drängt sich heran, über Wein und Licht und Gewürze wird die Brodle gemacht, selbst die kleinsten Jungen beherrschen sic und antworten im Chor, und während sie in der Brodle für das Licht danken und die Gabe zu sehen, rücken sie ihre Fingernägel dem Lichte näher und betrachten diese, denn so, wie man eine Brodic über Brot nur dann machen kann, wenn man es ißt, so nur dann übers Licht, wenn man sieht, daß man sieht! Und dann drängen sich alle heran, netzen ihre Finger in dem ausgegossenen Weine, in dem das Licht gelöscht wird, und streichen die Schläfen und greifen sich in die Taschen! Sie streichen die Schläfen, daß Gott auch in der nächsten Woche sie sehend lasse, und greifen in die Taschen, daß Gott auch in der nächsten Woche ihnen gibt PäP nosse: Geschäft, und Hazluche: Glück. Und dann verlassen sie den Tempel. Und ihre Gesichter sprechen von Glauben und Zuversicht, von Glück und Zufriedenheit. Und da werden auch schon die ersten Läden geöffnet und Auslagen erleuchtet, das Korso füllt sich. An allen Straßenecken stehen Gruppen plaudernder Juden; der Alltag beginnt! Zur Geschichte des Chanukka- und des Weihnachtsfestes. Der jüdische Kalender ist ein Mondkalender. Darum sind die Neumondstage und Vollmondtage für die jüdischen Festfeiern gewählt wor- Qöppmqen Rosa Gobiirsch Schloßplatz / Telefon Nr. 3289 X CHR. JOOS x Inh.: W. 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