Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 22 (16.2.1933)
- Date
- 1933-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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I s r. Waisen - lind Erziehungsanstalt „W ilhelmspflege“: Frau Bella Adler, Werastr.; Moses Adler, Edel Bugen; Frau Emilie Appel, Crailsheim;Dienstagßridge-Kranz Heilbronn; Frau M. Feigenbaum, EBIingen, anl. Fahrzeit; Aus der Fellheimer-Fröhlirh'schen Familienstiftung; Salomon Frank, Edel- Hngen; Frau Walter Goldschmidt, EBIingen, anl. Jahrzeit; Lehrer Grünfeld, Baden-Baden, Sammlung bei Hochzeit Wertheimer-Krämer, Düsseldorf; Senatspräsident a. D. v. Ganzert; Rechtsanwalt Dr. Heinz Hayum, Tübingen; Julius Kahn, Berlin; Vermächtnis Hermann Kramer; Wilhelm l.evi, Hermannstr.; Gehr. Marx, anl. Verlobung von Frl. Florenee Marx; Ferdinand und Susanne Mayer, Cannstatt, anl. Goldener Hochzeit; Frau Leopold Moses, EBIingen, anl. Jahrzeit; Vermächtnis Frau Ottilie Neu; Max Osterberg, aus Kalendersammlung; Vermächtnis Josef Ostertag; D. Regensteiner, Nürnberg, aus der Osterbergschen Kalendersammlung; Arthur Rothschild, anl. der Vermählung seiner Tochter Leni; Frl. Frieda Sanier, statt Blumenspende zum <0. Geburtstag der sei. Frau Binswanger: Frau Oberpostrat SchloBberger; H. Schwarz, Konstanz, anl. Jahrzeit; Frl. Selma Weil; Frau Dina Wollt. EB¬ Iingen, anl. Jahrzeit. Warum sind j und bleiben wir Juden? Aas einem von Dr. Ludwig Holländer in der Synagoge Prinzregentcnstraftc, Berlin, gehaltenen Religiösen Vortrag. I. Die Frage: „Warum sind und bleiben I w ir Juden?" gehört für den jüdischen Menschen unserer Zeit zu den wichtigsten Fragen seines inneren und äußeren Daseins. Erst in der Neuzeit ist das Problem für die großen Müssen der Judenheit wirklich zu einer drängenden lebenswichtigen Entscheidung geworden. Mit der Emanzipation begann eine geistige Entwicklung, die dieses Problem in den Vordergrund rückte. Durch die neugewonnenen Erkenntnisse auf alle» Gebieten der Naturwissenschaft verändert sich allmählich das Weltbild. Die Welträtsel wurden angeblich gelöst. Allein in Kruft und Stoß sah man die Ursache für das, was die Welt bewegt. Die rationalistische Einstellung des 19. Jahrhunderts drängte das Gefühl für Bindungen außerhalb der Materie*, für das Irrationale zurück. Dadurch wurde auch das Religiöse zu einem anscheinend überwundenen Begriff. Im Gegensatz zum äußerlichen und unverbindlichen Bekenntnis zur herrschenden Religion wurde die Zugehörigkeit zum Judentum als eine besonders unbequeme Last empfunden. Der Standpunkt. Judentum sei ein Unglück, wurde in jener Zeit immer häufiger vertreten, wie man überhaupt der Auffassung war. daß Religion überhaupt Rückständigkeit; bedeute. Diejenigen, die Juden blieben, tateii es v ielfach, um den Pflichten einer sogenannten Pietät zu genügen. II. Für die Menschen dieser Zeit, in der wir leiben und wirken, gilt die Frage, warum sind wir überhaupt noch religiös, warum folgen wir nicht mehr dem Wege, den der Materialismus gewiesen hat? N ir sehen, wie die Auffassung, die Welt sei eine reine Formwelt, unfruchtbar in sich selbst wieder schließt. Wir sind ärmer geworden trotz aller iechnik. aber wir sehen doch immer mehr, daß das Verhängnis der jetzigen Zeit auch seine (>uude hat. Für den inneren Reichtum des Menschen wirkt sich als Gnade aus. daß heute äußeres Glück nur sehr schwer erreicht werden kann. Wir sehen jetzt überall diejenigen Menschen, die wissen, daß die Gnade göttlicher ft eisheit, göttlicher Gerechtigkeit und einer von Gott getragenen Freude in ihnen wohnt, weit stärker werden in ihrer Ueberzeugung. Dazu hat die Betrachtung des Ablaufes des Gesamt- und Einzelschick- »als, die Versenkung in Philosophie und Kunst wesentlich beigetragen. Mit der Wertung der Innerlichkeit kommt die religiöse Steigerung, ‘summt das Bewußtsein, daß der Mensch seine Abhängigkeit von einem höheren Wesen trotz aller scheinbaren Widersprüche nicht leugnen kann, kommt die Bereitschaft zum inneren Eric- >h-n durch echte Religiosität. III. Warum aber sind wir gerade Juden? Hier gilt ‘ zunächst das VN esen der jüdischen Gemeinschaft zu betrachten. Jeder Mensch ist ein Glied ui der Kette der Entwicklung, die von seinen Minen bis zu ihm reicht. Der jüdische Mensch hat zur Grundlage seines Lebens eine lange Geschichte, die Gesmidite der großen Gemeinschaft, die Erlebnisse und Schicksale* der großen Reihe, deren vorläufiges Endglied er ist. Diese Entwidc- ■ hing, die sich auswirkt in einer unbewußten Erneuerung, der sogenannten Mneine, die in der Menschenseele das Schicksal der Ahnen immer wieder erstehen läßt, wurde getragen von der jüdischen Religion, und sic* wurde weitergeführt bis zu dem heutigen Tage durch das Leben der Jüdischen Gemeinschaft. Dazu kommt die Er- - 241 - kenntnis. daß der jüdische Stamm, wie jeder Stamm, gewisse Eigentümlichkeiten dadurch entwickelt hat, daß er eine besondere Erlebnisgemeinschaft. eine Schicksalsgemeinschuft bildet, die. befruchtet von religiöser Erkenntnis, in der Welt besondere Wege gehen mußte und gegangen ist. Es war der Weg einer Gemeinschaft, die sich immer nur außerordentlich schwer behaupten konnte, die aus äußerer Not und Sorge immer den Weg nach innen und zur Innerlichkeit suchen und finden mußte, weil sie allein Freude* am Leben und Befriedigung im Leben geben konnte. Die Erscheinung der jüdischen Gemeinschaft wird gebildet also durch Geschichte, Leiclensgeineiusdiaft und Schicksalsgemeinschaft. vor allem aber durch die Religion, weil sie in W irklichkeit in allen ihren Ausstrahlungen, in allen ihren Lehren, in allen ihren Zeremoniulgesctzen die Menschen aus der Not zum inneren Frieden leitet. Bei allen Verschiedenheiten der Auffassungen galt doch immer der Satz, daß dem Religiösen der Primat, der Vorzug vor dem Schicksalhaften zuteil wurde. Lösen wir uns von diesen Voraussetzungen, die das Judentum bedingen, so sterben wir innerlich ab, wie ein Bannt, der seine Wurzeln verloren hat. Wir sind Juden, nicht nur auf Grund der Erkenntnis, daß der Wurzelboden eines Menschen die notwendige Grundlage* für seine Existenz bildet, nicht nur durch den Zufall des Geborenwerdens, sondern durch die Tatsache einer lebenswichtigen Verwurzelung im Jüdischen, in der jüdischen Vergangenheit. Wir wissen, daß der Jude deshalb nicht etwa innerlich seiner nichtjüdischen Umgebung irgendwie fremd gegenüberstehen muß. Ein Volk ist so vielgestaltig, daß es die verschiedensten Teile in sich aufzunehmen vermag, lind darum wissen wir, daß es falsch ist. etwa aus der Tatsache unseres Sonderschicksuls irgendwelche politischen Folgerungen in bezug auf die Wertigkeit der Juden im Staate zu ziehen. Mannigfaltigkeit ist das Wesen eines modernen Staates und je vielfältiger die einzelnen Stämme und Gemeinschaften in ihrer Art gestaltet sind, desto besser ist das Material, das sie für den. Staat abgeben. Wir bleiben Juden, weil unsere Lehre nicht beherrscht ist von toten Dogmen, wir wissen, daß beispielsweise in einer Zeit, die beherrscht wird von äußerem Elend, die wunderbare soziale Gein VULCAff ul f *• * ■ - _~.-it.-o - n. Zi ' . STUTTGAh . _ _ 'ecisrsir tau:, : w 4t) la. Reiten-Reparaturen - flrsau* acnjeli---er:r »tilcn setzgebung des Judentums, die wir in keiner Religion in der Weise ausgebildet finden, den Ausgleich herbeiführt. Die großen Gedanken der Freiheit des Menschen, die wunderbare Anerkennung des wahrhaft Menschlichen in Gottes Ebenbilde sind unserer Thora heiliges Vermächtnis. Alle die vielen Ideale, um deren Wert heute gerungen wird, sind der jüdischen Lehre in einer bestimmten Richtung innewohnend, und zwar nach einer Richtung, von der wir w issen, daß sic* sich schließlich durchsetzen wird. Das kann an der Gestaltung des jüdisch sozialen, des Menschheits- und des Friedensideals im Einzelnen erwiesen werden. Das ist das Entscheidende, daß wir. jeder ans seiner Ueberzeugung. uns im Streben nach dem Reinen und Edlen w iederfinden auf dem religiösen Boden des Judentums. Leber die Verbindlichkeit des Zeremonie!Igesetzes herrschen bei uns die verschiedensten Auffassungen. Welche recht hat. wissen wir nicht, über gemeinsam ist allen das Streben nach Wahrheit. Recht und Frieden. Und so sind wir verbunden durch das religiöse Gut des Judentums, das wir uns erhalten wollen. So wissen wir denn auch, daß der Dichter recht hat. der es aussprach: „Im Denken und VV ü li - neu sind alle Feinde durch die Taufe der Tränen nur' eine Gemeinde.“ Die Taufe der Tränen haben wir in Jahrtausenden empfangen. Wir sind eine Gemeinde von Menschen, deren Ideal erst die Wahrheit, dann das Recht, und endlich der Frieden ist. Weil wir Wahrheit. Recht und Frieden als höchstes Gut ansehen, darum ringen wir. und durum sind und bleiben wir Juden. Wöhltun beginnt daheim. Zugleich ein Mahnruf an unsere Gemeinde. Es gibt kaum ein Wort, das für die Lebensauffassung des Engländers so bezeichnend ist wie das auch in Deutschland heimisch gewordene Sprichwort: „W o h 11 u n beginnt d u h c* i in“. Aus ihm spricht der hochentwickelte Familiensinn des Engländers, der in der Familie die ideale Lebensgemeinschaft und die Sicherung der besten Volkstruditioiien sieht und darum die Ehrenpflichten gegenüber der Familie willig auf sich nimmt, und zugleich der nüchterne gesunde Wirklichkeitssinii, der die nächste Pflicht als die dringlichste empfindet. Man hat die Engländer wegen ihres praktischen Wirklichkeitssinnes boshaft die luden des Nordens genannt. Es ist sicher keine Schande für beide, daß Engländer und Juden gerade in der Betonung und Betätigung des Familiensinnes übereinstimmen. Vielleicht bedeutete die Familie für die Juden noch mehr als für die Engländer. Die Sicherung, welche den übrigen Volksgenossen der Staat darbot, fanden sie in der Familie. Darum ist das Loblied der Familie nirgends lauter erklungen als in Israel. Den Familiengenosscn zu schützen und zu stützen, war eine fast als selbstverständlich empfundene Ehrenpflicht. Kein Opfer galt als zu schwer, wenn es für die Erhaltung der Familie, für ihr Wohlsein und ihre Ehre gefordert wurde. Mit einer leisen, aber bezeichnenden Nuance enthält auch das jüdische Schrifttum einen Merksatz. der an das englische „Wohltun beginnt daheim“ erinnert. Jose ben Jochanan aus Jerusalem pflegte zu sagen — und sein Sprichwort wurde in den Spruchschatz der Väter aufgenommen —: „Behandle die Armen als deine Hausgenossen!“ Dagegen stimmt das jüdische Religionsgesetz mit der englischen Auffassung sogar völlig überein: „Die Armen deines Wohnortes haben ein Vorrecht vor den fremden.“ Allerdings wird in diesem Satze der Kreis der Familie zu dem der Bürger der Stadt und der Gcmeindegenosscn erweitert. Dabei war in dem jüdischen Satze das Wort „Vorrecht“ buchstäblich gemein. Galt ja nach jüdischem Rechte Wohltun als gesetzliche Verpflichtung. Die menschliche Wohltat bedeutete den Ausgleich der göttlichen Gerechtigkeit. Deshalb gehörten in Israel die Forderungen des Wohltuns nicht in das Sittengesetz, sondern in das bürgerliche Recht. Der Arme hatte ein förmliches Anrecht auf die Wohltat, die nicht in das freie Belieben gestellt, sondern bürgerliche Pflicht war. Für diese Auffassung bezeichnend ist die Erzählung, welche die Alten von Kora. dem reichsten Manne in Israel, zu berichten wissen. Der reiche Kora fragte Mose spöttelnd: „In deiner Thora steht geschrieben: Beraube nicht die Armen! W ie kann ich den Armen berauben, der nichts besitzt?“ „Du irrst.“ antwortete Mose*, „was du dem Armen geben sollst, das ist sein Recht: gibst du es ihm nicht, so beraubst du den Armen." Erst im Lichte dieser Erzählung tritt der , Doppelsatz: ,.Wohltun beginnt daheim“ und „Die Armen deiner Stadt haben ein Vorrecht vor den fremden" in die rechte Beleuchtung. In Zeiten gesunden wirtschaftlichen Wohlstandes mag dieser'Doppelsatz bedeutungslos erscheinen. Dann fehlt es nicht an Mitteln, die heimische und die fremde Not zu lindern, und begrenzende Einschränkungen des Wohltuns haben keine Geltung. Anders ist es in Notzeiten. Da gilt es. mit den Mitteln der freien Wohlfahrt hausziihalten. Da darf. ja. soll man die Gaben nicht wahllos spende». Da ist das Hemd näher als der Rock. Da treten die beiden Worte in ihr volles Recht Erst wenn die Armen daheim mit aller Notdurft versorgt wird, darf fremden Armen die Gabe gereicht werden. Solches Denken und Handeln mag im ersten Augenblick engherzig erscheinen, ist aber ein praktisches Gebot. Ein Beispiel aus der unmittelbaren Nähe mag es erklären. Im letzten Winter sind in Stuttgart von auswärtigen Sammlern Beträge gesammelt worden, die ausreichend gewesen wären, alle Bedürfnisse der örtlichen Armut überreich zu decken. Gewiß kann gegen keine dieser Sammlungen der Vorwurf erhoben werden, daß sie überflüssig oder gar ungerecht fertigt gewesen. Es muß offen gestanden werden, daß jede dieser Sammlungen sachlich gerechtfertigt und sittlich geboten war. Sie waren nur insoweit zu beanstanden, als sie die gleichzeitige : Sammlung für die Winter nothilfe am Orte, also die Sammlung der lebensnotwendigen Mit- * tel für die Ortsarmen. ernstlich beeinträchtigt haben. Viele Zeichner, die hochherzig für die auswärtigen Sammlungen gespendet, hatten dann für die Ortsarmut nichts mehr übrig. Andere hüben Beträge für die örtliche Not gezeichnet, die, gemessen an ihren Spenden für die ortsfremden Sammlungen, zwerghaft klein gewesen f JdkfiMf 9Chm9rt§*pim0t. mkmt Hfl/««, än midti i<r»yf, i g«gn Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, fthmma, HexensdraS, Orlppe, Erfctltung. TSKtaSsS. la Unart»» n « PI- » PI «. IJ» R*. » »St»